Deutsche Außenpolitik mitgestalten
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Deutsche Außenpolitik mitgestalten

Geisteswissenschaftler/innen sind für den höheren Auswärtigen Dienst gefragt. Wenn sie sich für eine Laufbahn als Diplomatin oder Diplomat entscheiden, wechseln sie alle drei bis vier Jahre ihren Dienstort und ihren Zuständigkeitsbereich.

Text: Janna Degener 

Petra Sigmund interessierte sich immer schon für Politik und insbesondere für außenpolitische Fragen. Sie hatte den Wunsch, die deutsche Außenpolitik mitzugestalten und wusste deshalb schon früh, dass sie im Auswärtigen Amt arbeiten wollte. Aus diesem Grund entschied sie sich in den 80er Jahren, als die chinesische Öffnungspolitik begann, Sinologie, Politologie und VWL zu studieren.

Während des Studiums verbrachte sie zwei Jahre in China und  auch einige Zeit in den USA und konnte direkt im Anschluss an das Studium in den höheren Dienst des Auswärtigen Amts einsteigen. Hier verbrachte sie Stationen in der Bonner Pressestelle, in der Brüsseler EU-Vertretung, im Berliner Türkei-Referat, in der Handelsförderstelle der deutschen Botschaft in Peking, in der Europaabteilung im Bundeskanzleramt, in der deutschen Botschaft in Paris und im Referat für Frankreich und die Beneluxländer im Auswärtigen Amt in Berlin, bevor sie die Leitung des Ostasien-Referats übernahm, in dem sie bis heute tätig ist.

"Wie gehen wir mit einer neuen Gesetzgebung in China oder mit einem Atomtest in Nordkorea um?"

Im Ostasien-Referat besteht ihre Aufgabe darin, die deutsche Außenpolitik gegenüber den Ländern, für die sie zuständig ist, praktisch und konkret mitzugestalten. Dabei arbeitet sie gemeinsam mit ihrem Team, unter der Führung des Außenministers und im Rahmen dessen, was im Koalitionsvertrag für die Regierung festgelegt ist, an unterschiedlichsten Fragestellungen. „Wenn es um die Bewältigung globaler Fragen von der Klimapolitik bis zur Terrorismusbekämpfung geht, arbeiten wir mit China zusammen. Aber das Land stellt uns auch vor große Herausforderungen, wenn es etwa um den Umgang mit individuellen Menschenrechten oder auch um Fragen des Marktzugangs für deutsche Unternehmen geht“, erklärt die Sinologin.

Petra Sigmund liest täglich die Berichte der Auslandsvertretungen und auch die deutsche und internationale Presse über die Länder, für die sie zuständig ist. Sie bereitet Gespräche mit Partnern in Asien vor, stimmt die Themen ab und schreibt Vorlagen und Stellungnahmen für die politische Ebene im Haus, für das Bundeskanzleramt oder das Bundespräsidialamt: Wie gehen wir mit einer neuen Gesetzgebung für NGOs in China oder mit einem Atomtest in Nordkorea um? Welche Vereinbarungen wollen wir schließen, wenn der japanische Ministerpräsident Deutschland besucht? Wie können wir Südkorea auf der Basis unserer eigenen Erfahrungen in Fragen der Wiedervereinigung beraten und begleiten?

Darüber hinaus zählt die Erstellung von politischen Analysen zu ihren Aufgaben: Wenn etwa Japan seinen Botschafter aus Südkorea abzieht, muss Petra Sigmund diese Entwicklung der politischen Ebene des Hauses erklären. Sie muss eine Einschätzung darüber abgehen, ob und wie die deutsche und die internationale Politik reagieren sollten, welche Einflussmöglichkeiten vorhanden sind und wie der Botschafterabzug unter dem Aspekt der Stabilität und Sicherheitslage in der Region zu bewerten ist.

Von Sankt Petersburg bis Istanbul

Anders als Petra Sigmund ist Michael Nowak nach seinem geistes- und sozialwissenschaftlichen Studium erst über einen Umweg im Auswärtigen Dienst gelandet. Nach seinem Studium der Romanistik, Slawistik und osteuropäischen Geschichte war er zunächst drei Jahre lang bei einer Unternehmensberatung tätig. Als das Auswärtige Amt dann nach den Anschlägen in New York 2001 im Rahmen des so genannten Anti-Terror-Pakets der Bundesregierung Stellen schuf, nutzte Michael Nowak die Chance, in die Politik zu wechseln. Die Arbeit gefiel ihm so gut, dass er sich auf die Beamtenlaufbahn im diplomatischen Dienst bewarb. 

Als Diplomat verbrachte er nach Einsätzen in Belgrad und der Berliner Zentrale jeweils drei Jahre im zentralasiatischen Taschkent und in Ankara. Seit 2013 ist er als Referent im Planungsstab für Russland, Eurasien, die Türkei sowie für die Stärkung der Osteuropakompetenz in Deutschland zuständig.

Hier ist es seine Aufgabe, Strategien zu entwickeln und Projekte durchzuführen, die der mittel- und längerfristigen Planung und Fortentwicklung deutscher Außenpolitik dienen. Michael Nowak verbringt wie Petra Sigmund viel Zeit mit dem Lesen und Auswerten von Berichten. Darüber hinaus steht er aber vor allem im Austausch mit Wissenschaftler/innen und anderen Expert/innen, um ihre Gedanken ins Auswärtige Amt und in die Bundesregierung zu tragen.

"Wir beschäftigen uns damit, wie die Bundesregierung reagieren soll"

Er nimmt an Besprechungen, Veranstaltungen, Seminaren und Konferenzen im In- und Ausland  teil; etwa zweimal pro Monat reist er zum Beispiel nach Moskau, Sankt Petersburg, Istanbul, Warschau, Paris oder London, um mit anderen Ministerien oder Wissenschaftler/innen zu sprechen. Er organisiert auch Workshops, lässt Analysen, Studien und Expertenempfehlungen erstellen und entwickelt daraus Vorschläge für den Außenminister und den Leitungsbereich sowie die Mitarbeiter/innen des Auswärtigen Amts, die wie Petra Sigmund im operativen Geschäft tätig sind und bei ihrer Arbeit den Fokus auf das Tagesgeschäft legen.

„Im Planungsstab beschäftigen wir uns zum einen konkret damit, wie die Bundesregierung auf bestimmte Entwicklungen reagieren soll, welche Optionen es gibt, welche Szenarien damit einhergehen, was wir empfehlen. Zum anderen suchen wir aber auch Antworten auf abstraktere Fragen: Wie gestaltet sich etwa unter den aktuellen Rahmenbedingungen das Verhältnis von offenen Gesellschaften und Demokratien zu autoritären Staaten?“, erklärt der studierte Literaturwissenschaftler.

Darüber hinaus setzt Michael Nowak auch eigene Projekte um. So hat er etwa gemeinsam mit seinen Kolleg/innen viel dafür getan, ein neues Zentrum für Osteuropaforschung ins Leben zu rufen, um – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – die Russland- und Osteuropakompetenz in Deutschland zu stärken. Noch diesen Sommer wird Michael Nowak seine Stelle wechseln – wohin, das weiß er jetzt noch nicht.

Wie die Beispiele von Petra Sigmund und Michael Nowak zeigen, ist eine Tätigkeit im höheren Auswärtigen Dienst eine vielfältige, internationale und verantwortungsvolle Berufsperspektive – und zwar nicht nur für Volljurist/innen und Wirtschaftswissenschaftler/innen, sondern gerade auch für Geisteswissenschaftler/innen. Wer sich für eine solche Tätigkeit und damit für eine Rotationslaufbahn entscheidet, arbeitet in Berlin, in Bonn oder weltweit an einer der rund 230 Auslandsvertretungen, also Botschaften und Generalkonsulaten, und wechselt etwa alle drei bis vier Jahre den Arbeitsplatz.

Das bedeutet, dass sich die Diplomat/innen immer wieder in völlig neue Themengebiete und Fragestellungen einarbeiten müssen. Gerade deshalb kann der Job beispielsweise für Regionalwissenschaftler/innen, Politolog/innen oder Akademiker/innen mit ungewöhnlichen Kultur- und Fremdsprachenkenntnissen interessant sein – vorausgesetzt, sie bringen Neugier für politische Zusammenhänge mit sowie die Fähigkeit, sich diese Zusammenhänge zu erschließen.

Michael Nowak beispielsweise profitiert zwar von seinen Kenntnissen der slawischen Literatur, weil seine russischen Gesprächspartner/innen sein vertieftes Wissen über die Kultur durchaus zu schätzen wissen. Auf seinem Posten in Zentralasien dagegen ging es für ihn vor allem darum, sich neues Wissen anzueignen. Und Petra Sigmund sagt: „Natürlich ist es manchmal nicht leicht, die Zelte abzubrechen, wenn man es gerade geschafft hat, auf einem Gebiet Expertin zu sein. Dennoch profitiert man von den Erfahrungen, die man im Laufe der Zeit sammelt.

Man weiß, wie ein Ministerium und eine Regierung arbeiten. Auf diesem Grundwissen baut man immer weiter auf. Und natürlich macht es große Freude, immer wieder in neue Themenbereiche einzutauchen.“ Auch wenn ungewöhnliche Regional- und Fremdsprachenkenntnisse beim Auswärtigen Amt sehr gefragt sind: Die Mitarbeiter/innen können nie sicher sein, dass sie tatsächlich an den Orten eingesetzt werden, an denen sie sich fachlich am besten einbringen könnten oder an denen sie vielleicht auch am liebsten arbeiten würden. Als Generalist/innen können sie stattdessen an jeden Ort der Welt versetzt werden, sodass eine Entscheidung für diese berufliche Laufbahn auch das Privatleben in unvergleichbarer Weise prägt.

Eine besondere Herausforderung ist das Rotationsprinzip für diejenigen, die ihre berufliche Tätigkeit mit einem Familienleben unter einen Hut bringen wollen – auch wenn das Auswärtige Amt bei der Postenplanung auf die fachlichen und örtlichen Wünsche der Mitarbeiter/innen Rücksicht nimmt, dabei auch die beruflichen Belange der Partner/in oder die schulischen Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt und vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten anbietet (siehe Interview).

Für Sarah Bernardy, stellvertretende Leiterin des Referats für bilaterale und EU-Beziehungen zum Nahen Osten in Berlin, ist das ein großes Thema, denn sie hat drei Kinder im Alter von zehn, acht und sechs Jahren: „Als ich mich nach dem Studium der Europäischen Studien für eine Tätigkeit im Auswärtigen Amt bewarb, war ich zu hundert Prozent von der Entscheidung überzeugt. Ich bin ein Typ, der gerne mit räumlichen Veränderungen umgeht und auch nicht davor zurückscheut, immer wieder soziale Kontakte aufzubauen. Wenn ich damals schon verheiratet gewesen wäre und Kinder gehabt hätte, hätte ich vielleicht noch einmal anders über die Konsequenzen nachgedacht, weil einfach mehr Personen ein Mitspracherecht gehabt hätten. Letztlich wäre ich aber sicherlich zu der gleichen Entscheidung gekommen“, sagt sie.

Denn auch wenn die Umzüge für ihre Familie immer wieder eine Belastung darstellen, habe der Spagat bisher gut geklappt: Nach der Ausbildung, die Akademiker/innen zum Berufseinstieg beim Akademischen Amt durchlaufen, hat Sarah Bernardy in der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts in Berlin gearbeitet. Ihr erstes Kind kam dann während ihrer Zeit in Damaskus auf die Welt, wo sie für Innenpolitik und Menschenrechte zuständig war. Nach der Elternzeit arbeitete sie in Berlin zu den Themen Ägypten und Jordanien und nach einer weiteren Elternzeit zum Thema Syrien. Schließlich ging die Familie mit den drei Kindern nach Abu Dhabi, und nun ist Sarah Bernardy seit eineinhalb Jahren wieder in Berlin tätig, diesmal im Nahost-Referat, wo sie sich um Fragen des Nahost-Friedensprozesses und um die bilateralen Beziehungen zu Ägypten, Jordanien, Israel und Palästina kümmert. 

„Die größte Herausforderung ist es tatsächlich, das Berufliche und das Private unter einen Hut zu bekommen, wenn man seinem Partner und  seinen Kindern ungefähr alle drei Jahre einen Wechsel zumuten muss, der nicht immer in angenehme Länder führt“, sagt Sarah Bernardy. Bisher habe ihr Mann glücklicherweise immer Arbeit gefunden, und auch die Kinder haben die Schulwechsel gut verkraftet: „In Bezug auf die Tätigkeit des Partners ist es wichtig, frühzeitig zu recherchieren, in welchen Regionen es berufliche Möglichkeiten gibt und wie die Bedingungen dafür sind, damit dies bei den Postenwünschen berücksichtigt werden kann.

Und in Bezug auf die Kinder ist es wichtig, viel zu kommunizieren und den Kontakt zu Freunden zu halten, die in ähnlichen Situationen leben. Auch wenn unsere Kinder auf eine städtische Grundschule gehen, hilft es ihnen zu wissen, dass sie nicht die einzigen sind, die immer mal wieder umziehen müssen. Schließlich hängt es aber natürlich auch immer ein bisschen vom Glück ab, welche Stolpersteine auftauchen und wie die Kinder darauf reagieren.“

Wer in einer nicht-heterosexuellen Beziehung lebt, könnte vor dem diplomatischen Dienst erst einmal zurückschrecken. Schließlich ist es in vielen Ländern der Welt immer noch problematisch oder sogar strafbar, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu leben. Dazu heißt es auf der Webseite des Auswärtigen Amtes: „Im Rahmen der Versetzungsplanung berät das Auswärtige Amt Beschäftigte über die Bedingungen an solchen Dienstorten und würde sie auf diese Auslandsposten nur versetzen, wenn sie sich dafür in Kenntnis der Umstände ausdrücklich bewerben und Fürsorgeaspekte nicht entgegenstehen.“

Auch schwule und lesbische Mitarbeiter/innen können sich also bewerben. Auch schwerbehinderte Menschen sind ausdrücklich dazu aufgefordert. „Uneingeschränkte gesundheitliche Einsetzbarkeit an allen Dienstorten wird von ihnen nicht gefordert. Vielmehr genügt je nach Art der Behinderung Einsetzbarkeit in gemäßigten Klimazonen oder an Dienstorten mit ausreichender ärztlicher Versorgung“, heißt es dazu. 

Eine Tätigkeit im höheren Auswärtigen Dienst ist kein Job wie jeder andere. Neben den besonderen Herausforderungen, die mit dem Rotationsprinzip einhergehen, betont Sarah Bernardy, dass das Auswärtige Amt ein sehr familienfreundlicher Arbeitgeber sei. Zudem genießt sie es, dass sie als Diplomatin die Möglichkeit hat, Dinge, über die man sonst nur in der Zeitung liest, mit Menschen vor Ort zu diskutieren und in Teams aktiv mitzugestalten. Petra Sigmund schätzt insbesondere, sich in Zeiten globaler Schwierigkeiten tagtäglich mit deutscher Außenpolitik beschäftigen zu können, weil Deutschland wirtschaftlich sehr vernetzt ist, viele Nachbarn hat, zu denen es gute Beziehungen pflegen muss, und weil Deutschland am Zusammenhalt und der Weiterentwicklung der EU größtes Interesse hat.

„Auch wenn man kein Politiker ist, hat man als Diplomat durchaus Verantwortung und politische Einflussmöglichkeiten. Denn man steht permanent in einem Dialog mit außenpolitischen Partnern, man berät politische Entscheidungsträger und legt ihnen argumentativ dar, auf welche Weise Ziele erreicht werden können“, berichtet sie. Auch Michael Nowak erlebt diese Verantwortung als willkommene, aber nicht zu unterschätzende Herausforderung – gerade aufgrund der Themenvielfalt, die er zu bearbeiten hat. „Im Unterschied zu Wissenschaftler/innen und anderen Expert/innen müssen wir die Phänomene nicht nur untersuchen, analysieren und durchdringen, sondern wir stehen auch in der Pflicht, Empfehlungen auszusprechen, die wir dann selbst umsetzen müssen“, sagt er.

Bewerbungsverfahren

Wer sich für eine Tätigkeit im höheren Auswärtigen Dienst entscheidet, reicht seine Bewerbung beim Auswärtigen Amt ein und hat dann die Möglichkeit, an einem online-basierten Prescreening-Verfahren teilzunehmen. Anschließend geht es im schriftlichen Auswahlverfahren darum, die Position der Bundesregierung zu einem außenpolitischen Thema schriftlich darzustellen.

Auch die Fremdsprachenkenntnisse sowie die juristischen, wirtschaftlichen, historischen und politischen Kenntnisse sowie das Allgemeinwissen werden überprüft, und die Bewerber/innen müssen zusätzlich einen psychologischen Eignungstest durchlaufen. Absolviert man diesen Teil des Assessment Centers erfolgreich, folgt ein mündliches Auswahlverfahren.

Neben einem Vorstellungsgespräch, einem Gespräch mit einer Psychologin oder einem Psychologen, einem Kurzvortrag und einem Rollenspiel durchlaufen die Bewerber/innen dort eine Gruppenübung. Auf der Webseite des Auswärtigen Amts finden Interessent/innen hilfreiche Informationen zum Berufsbild, dem 14-monatigen Vorbereitungsdienst und den Bewerbungsvoraussetzungen, darunter auch Literaturempfehlungen, die sie zur Vorbereitung auf das Auswahlverfahren nutzen können, sowie Beispielprüfungen: www.auswaertiges-amt.de

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