Traumberuf: Geschichte schreiben
Als Student ein Praktikum in einem Unternehmensarchiv, später Stipendiat und heute selbstständig: Norman Lippert. Foto: Miriam Merkel

Traumberuf: Geschichte schreiben

Norman Lippert bietet mit seiner Histofaktur historische Dienstleistungen an – nachdem er sich schon als Student ein wertvolles Netzwerk aufgebaut hat.

Wenn man Norman Lippert fragt, welche Jobs er schon gemacht hat, antwortet er: „Die Frage lautet besser, was habe ich nicht gemacht?“ Seit 2011 arbeitet der 32-Jährige als selbstständiger Historiker für Unternehmen, Verbände und andere Organisationen. Sein Weg bis dahin sieht aus wie eine Patchworkdecke: Systemgastronomie, ein Job im Baumarkt, eine Tätigkeit an einer Tankstelle, bei einem Sanitärdienst und, und, und. „Ich brauchte damals einfach das Geld“, erklärt er.

Einen Plan, wohin es beruflich für ihn hingehen soll, hatte er jedoch schon früh. „Ich wollte ganz klassisch irgendetwas mit Medien machen“, erinnert er sich. Dann aber, schon zu Beginn seines Studiums, wurde „irgendetwas mit Geschichte“ daraus. 2004 schrieb sich Lippert für ein Studium der Geschichte und der Anglistik an der Universität Greifswald ein.

Als Historiker in die freie Wirtschaft? Das klang für ihn spannend.

Schon kurze Zeit nach Studienbeginn, im dritten Semester, nahm der junge Historiker an einer internationalen Fachtagung in Greifswald teil: „Wahre Geschichte - Geschichte als Ware. Die Verantwortung des Historikers gegenüber Wissenschaft und Gesellschaft“.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer befassten sich in diesem Rahmen auch mit der Frage, ob ein Historiker, der im Auftrag eines Wirtschaftsunternehmens forscht, wirklich unabhängig und frei arbeiten kann oder ob er im Sinne des Auftraggebers handeln muss. „Eben nach dem Motto: Wessen Brot ich ess´, dessen Lied ich sing‘“, ergänzt Lippert.

Und während seine Kommilitonen den Gedanken, für ein Wirtschaftsunternehmen tätig zu werden, und überhaupt außerhalb der Universität zu forschen, schnell kategorisch ablehnten, fand Norman Lippert diese Vorstellung faszinierend. „Ich informierte mich weiter, wie man als Historiker in der freien Wirtschaft beruflich Fuß fassen kann.“

  • BIKU-Jobs-HistorikerDer Artikel ist Teil der Serie "Gründen als Alternative". WILA Arbeismarkt stellt jede Woche berufliche Perspektiven für Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen vor. Außerdem werden wöchentlich rund 400 Jobs zusammengestellt - darunter viele Jobperlen, wie Referentenstellen oder Kulturjobs, nach denen man vielleicht gar nicht gesucht hätte. 

Erst einmal aber wollte er sein Studium zu Ende bringen. Es folgte ein Semester an der Universidad de Asturias im spanischen Oviedo, ehe er an die Georg-August-Universität in Göttingen wechselte, um dort seinen Master in Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu machen.

Eine Entscheidung, die er ganz bewusst traf. Denn noch immer strebte er danach, in der Wirtschaft tätig zu werden. In Göttingen konnte er die Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben, die er für diese Arbeit brauchen würde: Kommunikation, historische Vermittlungsarbeit, die Befähigung, wirtschaftliche Prozesse zu erkennen und einzuordnen sowie Marketingkompetenzen. „Ich habe sehr gründlich geschaut, welche Fähigkeiten ich brauchen würde, um mein Ziel zu erreichen.“

Doch auch über sein eigentliches Studium hinaus wollte der junge Historiker aktiv werden. Schon in Greifswald hatte er sich für die Gründung einer Austauschplattform für Erasmus-Studenten eingesetzt. „An der neuen Uni wollte ich mich dann auch wieder engagieren“, sagt er.

An der Universität in Göttingen begann er, beim Market Team mitzuwirken, einem Verein, der Studierende dabei unterstützt, die eigenen beruflichen Interessen mithilfe von Networking und Einblicken in die Praxis zu verfolgen. „Letztlich setzt sich der Verein so für die Berufsausbildung von Studierenden ein.“ Auch für Norman Lippert bot diese Tätigkeit eine gute Chance, die eigenen Skills auf spielerische Weise zu stärken, wie er heute sagt. „Ich konnte immer schon gut kommunizieren, aber da auch das Projektmanagement für meine angestrebte Tätigkeit ganz elementar ist, konnte ich dies wunderbar beim Market Team weiter ausbauen.“

Praktikum im Archiv von VW - und später Stipendiat

Neben seinem Studium und dem studentischen Engagement begann Lippert, Praxisluft zu schnuppern. 2008 machte er ein erstes Praktikum im Archiv des Volkswagen-Konzerns in Wolfsburg. Vier Monate lang lernte er die Arbeit dort kennen, durfte mitmachen und sich ausprobieren. „Ich konnte erleben, wie Geschichte dort weiterentwickelt wird“, sagt er.

Lippert war begeistert, aber er wollte noch weitere Einblicke erlangen. Und so schloss er ein Praktikum bei einer Agentur für historisches Marketing an. Die Erfahrungen zeigten dem damaligen Studenten eines: Genau das würde er auch in seiner weiteren beruflichen Laufbahn machen wollen. „Ich war mir sicher, dass das für mich das Richtige sein würde.“ Geradlinig und engagiert verfolgte Lippert seinen Weg. „Ich habe genetzwerkt, Konferenzen besucht und so versucht, schon zu Studienzeiten wichtige Kontakte zu knüpfen“, erinnert er sich.

2011 schloss er sein Studium ab. Er bewarb sich auf einige Stellen als Volontär in Museen und anderen Einrichtungen. „Aber es hat nicht funktioniert.“ Im Anschluss an ein Assessment-Center-Training bei einer Unternehmensberatung mit dem Schwerpunkt Automobilindustrie erhielt er ein Jobangebot als Berater.

Doch gleichzeitig erinnerte man sich bei Volkswagen an den jungen Akademiker, der seine Masterarbeit zum Thema „Verkehrspolitik im Güter-Fernverkehr“ geschrieben hatte. „Volkswagen kam kurz nach dem Training auf mich zu und wollte, dass ich das Thema dort im Archiv erforsche.“ Er erhielt den Ivan-Hirst-Preis der Volkswagen AG, ein Stipendium, um zum Thema „Entwicklung des Transportgewerbes und die Auswirkungen auf den Werkstransport 1950-1989“ zu forschen. Für den jungen Mann ein Traum. „Damals hatte ich ohnehin noch einen studentischen Lebensstandard und kam mit einem überschaubaren Budget gut über die Runden.“ Für den Geisteswissenschaftler eine hervorragende Möglichkeit, um sich auf die spätere Selbstständigkeit vorzubereiten.

Chroniken, Festschriften, Archive aufbauen   

Nach der Zeit bei VW wagte Lippert den Sprung in die Selbstständigkeit. Heute macht er das, was er immer schon machen wollte: Er schreibt Geschichte. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen, Institutionen und Verbände. Für sie recherchiert er in Archiven, bereitet Geschichte für verschiedene Zwecke auf, übernimmt die Konzeption von Publikationen, das Korrektorat, das Lektorat und das Fachlektorat. Darüber hinaus baut er Archive auf und inventarisiert geeignete Unterlagen.

Für seine Kunden zeigt Lippert auf, welche Herausforderungen das Unternehmen in der Vergangenheit meistern konnte, wie die Firma Werbung betrieben hat und welche Produkte früher produziert wurden. Außerdem bereitet Norman Lippert Vorträge vor und übernimmt die Moderation von Tagungen und Veranstaltungen.

Und er schreibt. Aus seiner Feder kommen Festschriften und Jubiläumsbücher, Broschüren und Chroniken, Artikel für Kunden- und Mitarbeitermagazine sowie wissenschaftliche Aufsätze und Forschungsarbeiten. Für das Göttinger Faktor-Magazin veröffentlicht er zudem Aufsätze zur Stadtgeschichte. „Ich habe dort zum Beispiel über Turmuhren und über die Göttinger Tuchgeschichte berichtet“, erzählt er.

„Meine Aufträge sind Projekte. Und die sind immer irgendwann vorbei.“

Die Projekte, die er im Laufe der Zeit betreut hat, sind ganz unterschiedlich. So arbeitete er an der Markenchronik der Gerolsteiner Brunnen GmbH mit, realisierte Festschriften der Volkswagen AG und vieles mehr. Aktuell baut er das Archiv für ein bundesweit agierendes Einzelhandelsunternehmen aus Niedersachsen auf. Dass er durch sein Studium auch gut Englisch spricht, ist bei seiner Arbeit ein klarer Vorteil, sagt er. Denn immer wieder müssen auch englischsprachige Dokumente eingesehen und zur Recherche herangezogen werden. 

Doch auch, wenn es bei ihm heute sehr gut läuft, musste er vieles erst lernen, wie er sagt. „Ich habe gelernt, dass Eigenmarketing sehr, sehr wichtig ist.“ Und obwohl er sich aktuell keine andere Tätigkeit vorstellen kann: Bei dem richtigen Angebot würde er auch wieder in eine Festanstellung gehen. „Meine Aufträge sind Projekte. Und die sind immer irgendwann vorbei“, erzählt er. „Immer wieder erlebe ich, dass Projekte an feste Stellen gebunden sind. Und solange ich das machen darf, was ich liebe, bin ich flexibel, ob ich das Projekt fest oder frei betreue.“

Doch damit er sich für eine Festanstellung entscheidet, muss es passen, betont er. „Ich hatte immer wieder Anfragen für Teilzeitstellen. Aber wenn ich parallel noch selbstständig arbeite, weil es sich nur um eine 50-Prozent-Stelle handelt, ist eine Festanstellung eher hinderlich.“ Und er fügt hinzu: „Wenn die Konditionen stimmen und ich die Möglichkeit für eine Festanstellung bekommen würde, wüsste ich auch nicht, wie ich mich entscheiden würde. Und auch, wenn viele Selbstständige die Rückkehr in eine Festanstellung als Abstieg sehen, betrachte ich das anders. Es könnte auch eine gute Chance sein.“

Weitere Informationen über Norman Lippert und seine Arbeit gibt es im Internet unter www.histofaktur.de.

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