Mit Germanistik in die Wirtschaft
Als Germanist in die Wirtschaft? Na sicher doch, sagt Reiner Pogarell. Foto: Clipdealer

Mit Germanistik in die Wirtschaft

Taxi fahren müssen Philolog/innen schon lange nicht mehr. Stattdessen gelten sie als Fachkräfte mit wertvollen Kompetenzen. Die Arbeitsgebiete beschreibt Reiner Pogarell.

Eine persönliche Vorbemerkung 

Pogarell-GermanistikMitte der 1980er Jahre beendete ich meine Hochschulschulzeit mit einer germanistischen Promotion und der Gewissheit, dass ich meine berufliche Zukunft außerhalb der Universität suchen sollte. Ganz so schwer ist mir dieser Gedanke nicht gefallen, weil ich ein Produkt des damals recht neuen zweiten Bildungswegs war.

"Wer aber weder als Taxifahrerin noch als Pförtner auf wehrloses Publikum einreden wollte, blieb arbeitslos."

Hinter mir lagen bereits eine Lehre und eine Berufstätigkeit als Großhandelskaufmann. Vor der freien Wirtschaft fürchtete ich mich nicht so richtig. Im Gegenteil, ich hatte in meiner Studien-, Assistenz- und Promotionszeit zahlreiche Fertigkeiten erlernt, die ich gerne bereits während meiner Großhandelskaufmannszeit beherrscht hätte. Somit bot ich diese Qualifikation der Wirtschaft an und schaffte es mit etwas Glück und ein bisschen mehr Mühe, bis heute davon zu leben.

Um 1985 herum war das keine Selbstverständlichkeit. Wer in diesen Jahren einen germanistischen Abschluss machte und zum Beispiel einen Magister- oder Doktortitel erwarb, hatte im besten und seltensten Fall eine Universitätskarriere vor sich. Auch beliebt und begehrt, aber deutlich schlechter bezahlt war eine Verlagstätigkeit.

Im Normalfall jedoch stand nach einer längeren und quälenden Zeit der Arbeitslosigkeit ein Job in der Personenbeförderungsbranche oder im Nachteingangsüberwachungsbereich in Aussicht. Wer aber weder als Taxifahrerin noch als Pförtner auf wehrloses Publikum einreden wollte, blieb arbeitslos. Mitunter lange, gelegentlich dauerhaft.

Gute 30 Jahre später hat sich die Germanistenberufswelt fundamental verändert.

Fanden sich vor 25 Jahren irgendwo in der Wirtschaftswelt zwei Absolventen der sprachlichen oder literarischen Studiengänge, glich das der Zufallsbegegnung zweier Grönländer in Afrika. Heute treffe ich Germanisten und Germanistinnen, Romanisten und Romanistinnen, Sinologen und Sinologinnen überall in der Wirtschaft.

Es gibt keine große Begrüßung mehr, lediglich ein kurzes Geplauder über Studienort, Abschlussarbeit und Interessenschwerpunkte. Wir als „Geisterwissenschaftler“ verhöhnten Menschen sind dort angekommen, wo Autos, Strom, Schuhe, Lippenstifte, Flugzeuge, Computerprogramme und Konservendosen geplant, entwickelt, hergestellt und verkauft werden. Im richtigen Leben eben.

Magisterarbeit über Goethe und sein Verhältnis zum dänischen Humanismus - und danach in die Strategie-Abteilung eines Konzerns? 

Was können Germanist/innen?

Interessant ist die Vielfalt der Arbeitsgebiete. Germanisten und Germanistinnen finden sich innerhalb der meisten einigermaßen großen Unternehmen in fast allen Abteilungen. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind ganz bestimmt größer, als sie in diesem Artikel dargestellt werden können. Sie arbeiten in den Abteilungen

- Personal/Personalentwicklung,

- Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Presse,

- interne Kommunikation, 

- Kundenkommunikation, Kundenbetreuung,

- Verkauf, Vertrieb,

- internationale Beziehungen, Strategie,

- Produktentwicklung,

- Arbeitssicherheit,

- Einkauf und Logistik.

Das ist auch ganz natürlich, denn nach einem erfolgreich absolvierten Germanistikstudium verfügen die Absolventen über Qualifikationen, die jedes Unternehmen gebrauchen kann.

Das ist manchem Master oder Magister, der seine Abschlussarbeit über das Thema „Goethe und sein Verhältnis zum dänischen Humanismus“ geschrieben hat, nicht so klar. Wer gar seinen Studienschwerpunkt in der altnordischen Etymologie oder der frühen jiddischen Lyrik gewählt hatte, wird vielleicht grübeln und sich die Frage stellen: „Was um Gottes Willen soll man damit in der Wirtschaft anfangen?“

Dass diese Frage oft falsch beantwortet wird, ist sicherlich die Hauptursache für den mangelnden Mut vieler gutwilliger Philologen, sich außerhalb der Welt von Lehre, Forschung und Buchproduktion überhaupt nur umzusehen.

  • Germanistik-Job-WirtschaftDer Artikel ist im WILA Arbeitsmarkt für Bildung, Kultur und Sozialwesen erschienen. Jede Woche werden dort mehrere hundert Stellen speziell für Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen aufgelistet und nach Tätigkeitsgebieten sortiert. So kommen unsere Abonnent/innen auf spannende Jobs und neue berufliche Ideen.

Dabei ist eine andere Antwort doch sehr naheliegend. Jedes Unternehmen besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen. Es gibt einen technischen Teil, der, getragen von der Kreativität der Ingenieure und Ingenieurinnen, wahrscheinlich das Rückgrat unseres Wohlstandes bildet. Daher ist diesem Teil mit Hochachtung zu begegnen; dort gibt es Fertigkeiten, die wir Geisteswissenschaftler nicht besitzen, die wir auch nicht erwerben können.

"Erfolgreiche Unternehmen haben ständig mit neuen Fragestellungen zu tun, sie sind dankbar für Menschen, die sich darin verbeißen, die schließlich irgendwelche Ergebnisse präsentieren."

Wir können kein Auto, keine Umspannstation, keine Schuhsohlstanzmaschine konstruieren. Keine Chance. Aber der andere Teil der meisten Unternehmen besteht aus Geisteswissenschaft. Er besteht aus dem, was wir können. Nehmen wir aus der obigen Aufzählung vielleicht das härteste Beispiel. Die Abschlussarbeit über die jiddische Lyrik des 15. Jahrhunderts.

Welche Fertigkeiten beweist die erfolgreiche Fertigstellung einer – sagen wir – Masterarbeit  zu diesem Thema? 

Es sind sieben Fertigkeiten:

1) Die Fähigkeit, einen komplexen Sachverhalt sprachlich darzustellen! Es gibt überhaupt keinen Unternehmensbereich, in dem diese Qualifikation unwichtig wäre. Der großartige Ingenieur hat einen Bericht über einen ernstzunehmenden Qualitätsmangel geschrieben, der Vorstand nimmt diese Mängel aber nicht zur Kenntnis, weil er das hochtechnische und langatmige Schriftwerk entweder nicht lesen kann oder nicht lesen will.

Wir wissen, wie solche Texte gestaltet und geformt werden müssen, sodass die wichtigsten Sachverhalte schnell und nachvollziehbar wahrgenommen werden können. In jedem Unternehmen werden täglich unzählige Texte verfasst, die durch unsere Hilfe nicht nur besser, sondern überhaupt erst wahrgenommen werden.

2) Die Kraft und den Willen, sich auf neue, nicht alltägliche Fragestellungen einzulassen, diese umfassend zu klären und dabei entstehende Hindernisse zu überwinden. Google hilft bei solchen Problemen in keiner Weise weiter, es müssen andere, neue und alte, bekannte und unbekannte Wissensquellen erschlossen werden.

Vielleicht muss in einem ungeordneten Archiv in Jerusalem gewühlt werden, vielleicht gibt es in New York ein kleines Museum, vielleicht finden sich die entscheidenden Funde aber doch in Bielefeld, wer weiß. Kreative und erfolgreiche Unternehmen haben ständig mit neuen Fragestellungen zu tun, sie sind dankbar für Menschen, die sich darin verbeißen, die schließlich irgendwelche Ergebnisse präsentieren.

Die Unternehmen sind nicht einmal böse, wenn man mit diesen neuen Erkenntnissen nichts anfangen kann, denn sie sind es gewohnt, dass die überwältigende Mehrheit der neuen Ideen zu nichts führt. Eine Flopquote von 99,9 Prozent ist dann keineswegs tragisch, wenn die restlichen 0,1 Prozent die Marktführerschaft in einem bestimmten Segment bedeuten. Tragisch ist das eventuell für das Selbstwertgefühl der Forschenden, aber dazu später.

3) Die Fertigkeit, über Grenzen hinwegzuschauen. Wie kommt man denn auf so ein Thema? Lyrik ist schon schlimm. Jiddisch ist schon schlimm. Aber jiddische Lyrik? Um Gottes Willen. Wir kommen auf so etwas. Denn wir sind kreativ, sehen Chancen und Möglichkeiten, wo sie sonst kein Mensch sieht. Wir haben auch keine Angst vor fremden Kulturen und Sprachen, wir zucken nicht zusammen, wenn wir einen etwas absurden Gedanken und eine verwegene Idee hören, denn wir haben ja ein Studium hinter uns, in dem wir Seminare zum Thema „Der Diminutiv in der Geschichte der isländischen Sprache“ besuchen durften.

Nein, uns schreckt kein Thema, solange es nichts mit Technik oder Mathematik zu tun hat. Diese Fertigkeit ist ein Segen für jedes Unternehmen, denn alle Unternehmen brauchen dieses innovative Frischblut regelmäßig. Unternehmen gehen zugrunde, wenn sie immer wieder dieselben Wege gehen. Wir können wertvolle, unbezahlbare Impulse geben. (Ach nein, eigentlich sollen sie schon bezahlbar sein, denn sie sollen uns ja ernähren.)

4) Aber auch eine gewisse Neigung zur Erbsenzählerei. Wer die nicht hat, schafft wahrscheinlich das Studium nicht, was eine große Karriere bekanntermaßen zwar nicht ausschließt, aber auch nicht automatisch fördert. Das Studium jedenfalls verlangt eindeutige Angaben, zuverlässige Quellen, korrekte Zitate, klare Trennungen verschiedener Textebenen, exakte Zahlen, richtige Rechtschreibung trotz wackliger Reform, stringente Kennzeichnungen.

Zitate sind kursiv oder in Anführungszeichen, aber niemals mal kursiv und mal in Anführungszeichen zu setzen. Die Verben sind korrekt aufgelistet, daneben stehen die Adverbien. Im technischen Bereich ist diese Erbsenzählerei eine selbstverständliche Grundqualifikation, wir selbst müssen lernen, unsere Penibilität zu schätzen und zu pflegen. So verfassen wir aussagefähige Anweisungen, Beschreibungen, Verfahrensdokumentationen und Warnhinweise, aber auch korrekte Briefe, Prospekte, Mitteilungen.

5) Ein Gespür für Namen und Begriffe. Wer immer wieder stöbert, sucht, versucht, sich umschaut, sich neu orientiert, eine neue Quelle findet, eine andere Quelle verwirft, ein altes Buch aufschlägt, ein neues Medium anzapft, der findet neue Sichtweisen, neue Denkweisen, neue Namen, neue Begriffe, neue Formulierungen schon deshalb, weil er über einen vergleichsweise riesigen Wortschatz verfügt.

Es gibt zahlreiche bekannte Spitzenprodukte, deren Namen von Germanisten und Germanistinnen geprägt, begründet, gefördert oder durchgesetzt wurden. Vielleicht ist das die größte Befriedigung, die unserer Zunft zuteil werden kann: Wir sehen im Werbefernsehen ein landesweit oder gar international bekanntes Produkt und wissen um unseren Anteil daran.  

6) Ein Gespür für Tradition und Beharrlichkeit. Wer ein 500 Jahre altes Dokument in der Hand hält, weiß um dessen Wert, weiß, dass das Überdauern der Dinge ebenso wichtig wie Veränderung und Innovation sein kann. In den meisten Unternehmen wird Veränderung als Ritual zelebriert, und keineswegs jede Neuerung ist mit irgendwelchen Vorteilen für irgendwen verbunden. Ohne Not und Erfolg werden Produkte, Firmen, Slogans, Positionen, Funktionen, Verfahren umgetauft und umgedeutet. Die Riesenkampagne „Aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix“ ist ein Beispiel für so eine gigantische Geldverbrennung. Davor können wir warnen, denn wir wissen, dass Persil schließlich Persil bleibt. 

7) Auch der Verfasser der Jiddische-Lyrik-Abschlussarbeit musste sein Werk rechtfertigen, verteidigen, präsentieren. Es darf somit eine gewisse sprechsprachliche Gewandtheit vorausgesetzt werden.

Die besten Einstiegsabteilungen 

Germanisten und Germanistinnen in der Wirtschaft haben selten einen geraden Weg hinter sich. Allein der Weg von der Universität über vielleicht ein Verlagspraktikum in ein Wirtschaftsunternehmen ist ja schon ein kleiner Zickzackkurs.

Der wird sich sehr wahrscheinlich innerhalb der Wirtschaftswelt fortsetzen. Den geraden Karriereweg wie in der Schule oder Universität gibt es dort nicht. Dafür gibt es aber auch keine Grenzen nach oben, keine nach rechts und links. Jede Stelle im nichttechnischen Bereich ist erreichbar. Kein germanistischer Master wird technischer Direktor, kaufmännischer Direktor jedoch schon.

Wir wissen also nicht, wo die germanistischen Karrieren im Wirtschaftsleben enden, aber wir können sagen, wo sie in vielen Fällen anfangen. Das sind meistens die Abteilungen, in denen das Thema Sprache – unbestritten und auch für Ignoranten erkennbar – wichtig und präsent ist. Diese zum Beispiel:

Presse / Öffentlichkeitsarbeit

Hier werden Presseerklärungen verfasst, verschickt und vorgetragen, in denen das Unternehmen der Welt seine Politik erklärt. Hier können aber auch schöne dicke Bücher entstehen, in denen der Inhaber keinen so schlechten Eindruck macht. Vielleicht liegt in dieser Abteilung der Ursprung des wegweisenden Zeitschriftenartikels der Firmengründerin, in der sie die Zukunft der Firma und der Branche aufzeigt.

Marketing

Hier entstehen aufwändige Internetpräsentationen, Werbebroschüren und Unternehmensselbstdarstellungen, aber auch Fachartikel und die wunderbaren Hochglanzwälzer für die Aktionärsversammlung. Aber hier wird auch darüber nachgedacht, welche Zielgruppe auf welche Art und Weise angesprochen werden kann. Vielleicht werden hier die erfolgreichen Produktnamen festgelegt, mitreden darf die Abteilung bei solchen Entscheidungen auf jeden Fall.

Interne Kommunikation

Hier stellen unsere Studienkollegen und -kolleginnen die Unternehmenszeitschrift zusammen, die gedruckt oder im Intranet über die Vorgänge und Planungen im Betrieb informiert. Natürlich werden hier auch die Jubilare vorgestellt, aber diese durchaus informativen Magazine sind in aller Regel anspruchsvoller und besser als ihr Ruf.

Kundenkommunikation

Hier sollte das Germanistenherz vor Glück pulsieren, denn in der Kundenkommunikation können alle Fertigkeiten ausgespielt werden, die ein erfolgreiches Studium nun einmal vermittelt hat. Hier entstehen unzählige Briefe (individuelle und standardisierte), hier werden abertausende Gespräche geführt, hier wird darüber entschieden, ob sich ein Unternehmen kundenfreundlich oder kundenfeindlich präsentiert. Menschen mit einem sprachlichen, also auch literarischen Studienhintergrund, können hier am schnellsten ihre Qualitäten unter Beweis stellen. 

Technische Dokumentation

Wo entstehen die Millionen von Seiten mit Handbüchern, Gebrauchsanweisungen, Betriebsanleitungen, Warnhinweisen, technischen Merkblättern? Hier, in der Technischen Dokumentation. Ein Handbuch für eine Waschmaschine zu schreiben ist in etwa so anspruchsvoll wie eine Magisterarbeit zur Lyrik eines vergangenen Jahrhunderts, ein Handbuch für einen PKW ist vergleichbar mit einer grandiosen Habilschrift. Aber kein Mensch muss so einen Text alleine schreiben. 

Wie und wo bewerben? 

Die Grenzen zwischen den Abteilungen sind nicht klar definiert und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Zudem tragen sie zum Teil abenteuerliche Namen, zum Teil in verwegenem Englisch. Daher empfiehlt es sich, bei der Stellensuche weniger auf die Namen als auf die Qualifikationen zu achten. Was sollen die Bewerber können? Sprechen? Schreiben? Kommunizieren? Konzipieren? Suchen?

Finden sich solche Anforderungen in den Stellenanzeigen, dann sollten Sie sich bewerben. Auch dann, wenn dort weitere Qualifikationen gefordert werden, von denen Sie meinen, sie nicht zu besitzen. Nicht wenige Bestandteile einer Anzeige werden quasi automatisch und ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Anforderungen einfach eingefügt. „Flexibilität“, „Teamfähigkeit“ und „verhandlungssicheres Englisch“ werden gerne von den Personalabteilungen bzw. deren Personalmarketingabteilungen in jeder Offerte verwendet, auch wenn in Wirklichkeit ein echter Nerd gesucht und gebraucht wird. 

Passen die Qualifikationen, ist es auch nicht schlimm, wenn eigentlich Absolventen anderer Studiengänge gesucht werden. Viele Personaler wissen einfach nichts von uns. Sie werden aber offen für uns sein, wenn wir sie bereits in unserem Anschreiben von unseren Fertigkeiten überzeugen können.

Freie Wirtschaft versus Öffentlicher Dienst

Was erwarten Germanisten und Germanistinnen in einem Wirtschaftsunternehmen? Worauf müssen sie sich einstellen? Welche guten, welche schlechten Seiten gibt es? Es gibt wunderbar gute Seiten, es gibt sehr, sehr gewöhnungsbedürftige Seiten für diejenigen, die eine längere Weile im Öffentlichen Dienst verbracht haben. Ich möchte hier die Punkte ansprechen, die den Geisteswissenschaftlern erfahrungsgemäß die meisten Probleme bereiten.

Hierarchie

Natürlich gibt es auch in Schule und Universität Fürstentümer und absolutistische Herrscher. Aber immer gibt es irgendwelche Institutionen und Einrichtungen, die sich für Ausgleich und Gerechtigkeit einsetzen. Im Wirtschaftsunternehmen ist der Chef der Chef. Ist dort zum Beispiel ein Germanist der Meinung, seine juristisch ausgebildete Chefin sei strohdoof, dann hat der Germanist ein Problem.

Die Chefin hat auch dann kein Problem, wenn ihre unklugen Entscheidungen das Unternehmen viel Geld gekostet haben. Das kann schmerzen. Selbst wenn das Unternehmen über einen mächtigen Betriebsrat verfügt, wird sich dieser nur in Ausnahmefällen für die Befindlichkeiten eines – was? – Geisteswissenschaftlers einsetzen, wenn dieser nicht gerade körperlich misshandelt wird. 

Kompetenz an zweiter Stelle

Grausam weh kann es tun, wenn die Hierarchie in die eigenen Fertigkeiten eingreift. Ich weiß das, und ich habe mich in den vielen Jahren meiner Tätigkeit im Wirtschaftsleben nie wirklich daran gewöhnt. Unglücklicherweise sind nämlich nicht so wenige Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen und Juristen beiderlei Geschlechts der Meinung, sie verfügten über eine herausragende sprachliche und kommunikative Kompetenz. Und dann schreiben sie in den grandios guten Texten ihrer germanistischen Untergebenen herum, bis diese glücklich sind, dass ihr Name sowieso nicht darunter steht.

Es gibt kein Recht am Text

Was im Rahmen der Berufstätigkeit verfasst, geprägt, erschaffen wurde, gehört dem Unternehmen. Zwar greift auch im Universitätsleben gelegentlich die höhere Ebene schamlos auf die Produkte der unteren Ebene zurück, um sich damit zu schmücken, im Wirtschaftsleben dient ein gutes Arbeitsergebnis fast immer dem Ruhm der Leitungsebenen. Dass es dafür Geld gibt, versöhnt – teilweise. Vor allem aber ermöglicht gute Arbeit einen Wechsel der Leitungsebene, also einen beruflichen Aufstieg. Und schon sieht die Sache ganz anders aus.

Erfolgserlebnisse

Dafür gibt es immer wieder schöne Erfolgsmöglichkeiten, die außerhalb der Wirtschaft kaum zu erreichen sind. Es ist schön, einen eigenen Text auf einem Produkt zu lesen, das täglich millionenfach verkauft wird. Es ist wunderschön, im Fernsehen einen Slogan zu hören, der eigenhändig durch viele In­stanzen geboxt wurde. Es ist wunderbar, die weltweite Verbreitung einer eigenen Idee beobachten zu dürfen. Zumindest eine Weile ist es auch nett, zu einer Besprechung schnell einmal irgendwohin fliegen zu können. Es löst innerlichen Jubel aus zu sehen, wie ein großes Unternehmen seine Politik aufgrund eines germanistischen Gutachtens komplett ändert. In der Wirtschaft sind Änderungen möglich, auch wenn die Anregungen dazu von solchen Exoten wie Germanisten und Germanistinnen kommen. 

Ich kann nicht versprechen, dass alle männlichen und weiblichen Literaturwissenschaftler, Linguisten, Philologen, Skandinavisten, Niederlandisten in der Wirtschaft glücklich werden. Ich kann aber versprechen, dass es sich lohnt, ernsthaft über diese Option nachzudenken.

Weitere WILA-Angebote