Patchwork-Jobs in Grün und Lila
Flexible Arbeit - aber oft am Existenzminimum: Patchwork-Jobs haben ihre Vor- und Nachteile. Foto: Fabian Stürtz / Wila Bonn

Patchwork-Jobs in Grün und Lila

Wenn die Teilzeitstelle nicht reicht, muss oft ein Zweitjob her. Mehrere Arbeitgeber gleichzeitig zu haben, kann anstrengend sein. Andere wählen das Patchwork-Modell aber auch ganz bewusst, um sich ihren Wunschberuf zu basteln.

Von Annika Schneider

Eigentlich ist der Berufseinstieg für Lotta Schäfer optimal gelaufen. Schon kurz nach ihrem Masterabschluss in Politikwissenschaft fand sie im vergangenen September eine Anstellung. Arbeitgeber ist die Organisation einer Partei in einer deutschen Großstadt.

Nicht so optimal ist allerdings der Arbeitsumfang: Die Organisation leistet sich für die Koordination ihrer Arbeit lediglich eine knappe halbe Stelle mit 15 Stunden. Das Gehalt reichte bei Lotta Schäfer, die eigentlich anders heißt, kaum für das Nötigste. Eine zweite Teilzeitstelle musste her. Noch einmal hatte die 26-Jährige Glück.

„Irgendwann hast du einen Knoten im Kopf“

Eine Kollegin gab ihr den Tipp, dass ein Kreisverband der gleichen Partei gerade eine Geschäftsführerin für weitere 17 Wochenstunden suchte. Lotta Schäfer bekam die Stelle und arbeitet jetzt an vier Tagen pro Woche für zwei Arbeitgeber – eine organisatorische Meisterleistung. Denn beide Jobs beinhalten Abend- und Wochenendtermine, zum Beispiel für Ausschuss- oder Kreistagssitzungen.

Um den Überblick zu behalten, führt Lotta Schäfer ihren Kalender jetzt in Grün und Lila: eine Farbe für jede Arbeitsstelle. Sie arbeitet in zwei Büros mit zwei verschiedenen Computersystemen und ist dank Diensthandy und Tablet trotzdem immer auch für den jeweils anderen Job erreichbar. „Irgendwann hast du einen Knoten im Kopf“, erzählt sie von den ersten Monaten. „Und das Organisieren frisst unglaublich viel Freizeit.“

„Jeden Monat fehlen 120 Euro“ 

Mit der Mehrfachbeschäftigung sind für sie noch mehr Nachteile verbunden. Bei der Wohnungssuche, die gerade ansteht, sind die Vermieter erst einmal irritiert, wenn Lotta Schäfer gleich zwei Arbeitsverträge vorlegt. Zusätzlich fällt der zweite Job in die Steuerklasse VI, sodass der Staat erst einmal viel Geld einbehält. „Mir fehlen jeden Monat 120 Euro“, berichtet Lotta Schäfer.

Nach der Frage, ob ihre Doppelanstellung auch Vorteile hat, muss sie lange überlegen. „Ich habe durch beide Jobs extrem viele Leute kennengelernt und Kontakte geknüpft“, sagt sie schließlich. Das könnte die nächste Bewerbungsphase erleichtern. Als dauerhafte Lösung sieht sie ihre Situation trotzdem nicht. Schon nach den Bundestagswahlen im September läuft eine der beiden Stellen aus: „Für mich ist ganz klar, dass ich mich nach Vertragsende für Vollzeitstellen bewerbe.“

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Doch nicht immer ist die Kombination von mehreren Arbeitsverhältnissen eine Notlösung. Die Autorin Beate Westphal wirbt sogar ausdrücklich dafür, und zwar mit den Schlagworten „Kreativität, Freiheit, Selbstverwirklichung“.

„Zwei oder mehr Berufe auf einmal auszuüben, ist nicht immer eine doppelte Belastung. Es kann auch die Chance bieten, mehrere Talente zu nutzen. Leben Sie Ihre Vielfalt!“, schreibt sie in ihrem „Job-Patchwork-Buch“.

Mit mehreren Jobs könne man verschiedene Facetten der eigenen Persönlichkeit leben, argumentiert die Berlinerin. Sie selbst bietet nicht nur Seminare rund um die Jobsuche an, sondern hat auch eine Keksbäckerei gegründet. In ihrem Buch nennt sie weitere Beispiele für produktive Mehrfachbeschäftigung.

Gabi, 36, arbeitet bei einer Stiftung und gleichzeitig als selbstständige Mediatorin. Oskar, 24, ist nicht nur als IT-Administrator bei einem Energieversorger, sondern auch als semi-professioneller Ebay-Händler tätig. Steffi, 32, arbeitet als Radiomoderatorin und produziert Hörbücher.

Ein Job zur Absicherung, ein weiterer Job zum Austoben 

Das Konzept eignet sich vor allem für Menschen, die sich in ihrem Beruf nicht ausgefüllt fühlen. Vielleicht liebäugeln sie schon länger damit, aus einem Hobby oder einer Leidenschaft einen Beruf zu machen.

Der Patchwork-Job soll beides möglich machen, vor allem wenn einer der Komponenten eine noch unerprobte Selbstständigkeit ist. Dann sichert eine der beiden Anstellungen die Sozialversicherung und das regelmäßige Einkommen. Der andere Job bietet Platz zum „Austoben“ und das, was heute unter dem Stichwort „Selbstverwirklichung“ subsumiert wird. 

Einige Nachteile liegen dabei auf der Hand. Wer das Modell erprobt, landet unter Umständen schnell an dem Punkt, an dem auch Lotta Schäfer ist: Die Organisation der Mehrfachbeschäftigung kostet Zeit.

Egal, ob es sich bei dem neuen Zweitjob um eine weitere Anstellung oder eine Selbstständigkeit handelt: Wer sich etablieren will, muss flexibel sein, zum Beispiel, was die Wunschtermine der Auftraggeber angeht. Wenn dann zweieinhalb Tage pro Woche per se für den anderen Job geblockt sind, kann die Termin-Jonglage schwierig werden.

Dabei besteht auch immer die Gefahr der Selbstausbeutung. Wenn in beiden Jobs in Spitzenzeiten zusätzliches Engagement gefragt ist, summieren sich die Überstunden. In manchen Fällen scheint es ratsam, das Hobby tatsächlich als Hobby zu behalten – und es nicht mit dem Beruf zu verquicken. 

Denn ein weiterer Nachteil ist das Risiko, keine der beiden Stellen „richtig“ machen zu können. Wer neben der 20-Stunden-Stelle noch 30 Stunden am Aufbau der eigenen Selbstständigkeit werkelt, läuft Gefahr, in keiner der beiden Bereiche erfolgreich zu sein. Beschäftigte, die wegen eines Zweitjobs in Teilzeit gehen, sind im Büro seltener präsent und werden bei frei werdenden Leitungsposten vielleicht gar nicht mehr berücksichtigt.

Was der oder die Patchwork-Jobber/in an den „freien“ Tagen umsetzt, bekommen die Kolleg/innen und die Chefin vielleicht gar nicht mit. Auch für eine Selbstständigkeit kann unter Umständen gelten: ganz oder gar nicht. Nicht jedes Projekt lässt sich nebenher auf die Beine stellen. Wenn es sich bei einer der Festanstellungen außerdem noch um ein befristetes Arbeitsverhältnis handelt, wird das eigene Arbeitsleben schnell zur Dauerbaustelle, das sich aus immer neuen Komponenten zusammensetzt und dementsprechend viel Energie kostet.

„Nicht der Typ für Routine“

Trotzdem lohnt es sich für die, die über eine Selbstständigkeit nachdenken, das Patchwork-Modell zumindest in Erwägung zu ziehen. Einer, der damit sehr zufrieden ist, ist Jürgen Wissmann. Der studierte Agrarwissenschaftler arbeitet mit einer halben Stelle beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Bonn.

Im Rahmen eines Projekts entwickelt er Ideen für Outdoor-Unterricht und setzt sie mit Schulklassen und Studierenden um. Parallel dazu ist der 51-Jährige schon seit Jahren selbstständig. Als Landschaftsplaner und Vegetationskundler schreibt er Umweltgutachten und Fachberichte, macht Kartierungen.

Die halbe Stelle hat ihm nun ein festes Zusatzeinkommen verschafft – für ihn ist die Kombination ideal. „Ich bin nicht der Typ für Routine“, sagt Jürgen Wissmann. Er schätzt die Abwechslung, die die pädagogische Arbeit auf der einen und die planerischen Aufgaben auf der anderen Seite mit sich bringen.

An einem Tag arbeitet er an einem Unterrichtskonzept für einen Leistungskurs, am nächsten erstellt er Karten mit Geodaten. Trotzdem: „Es ist nicht einfach, alles unter einen Hut zu kriegen“, sagt auch der Landschaftsplaner. Die wichtigste Eigenschaft sei ein gutes Zeitmanagement. „Das erfordert Disziplin, weil man sich selber den Druck machen muss.“ Er habe damit zum Glück kein Problem: „Ich bin ein Mensch, der sich am Riemen reißen kann“, sagt Jürgen Wissmann lächelnd.

Dass das nicht immer ausreicht, hat er im April 2010 gelernt. Auf einmal kamen keine neuen Aufträge mehr, es drohten Einkommensverluste. Die schwierige Phase endete zum Glück wenige Monate später. Anscheinend hatte sich herumgesprochen, dass Jürgen Wissmann ein Auftragsloch hatte: „Ab August habe ich dann ganz viele Anfragen auf einmal bekommen.“ Umso mehr schätzt der Agrarwissenschaftler, dass er mit seiner Teilzeitstelle jetzt ein verlässliches Einkommen hat.

Als übermäßigen Stress empfindet er die Doppelbelastung auch deswegen nicht, weil er sich die Arbeitszeit in seiner festen Anstellung selbst einteilen kann. Umso besser lässt sie sich mit seiner Selbstständigkeit vereinen. Wichtig sei es, sich bei Aufträgen immer auf das Wesentliche zu konzentrieren und dabei den Stundenlohn im Blick zu haben, rät Wissmann. Schließlich müsse der Beruf immer auch Geld einbringen, da dürfe man sich nicht in Details verzetteln. Auch er habe lernen müssen, dass es nicht immer 180 Prozent sein müssten: „100 reichen auch.“

Jürgen Wissmann ist in seinem Patchwork-Job vor allem glücklich, weil er so die Möglichkeit hat, bei festem Einkommen eigene Themen zu setzen und sich seine Aufgaben selbst auszusuchen. „Ich habe mich an das selbstbestimmte Arbeiten gewöhnt, das geht schnell“, erzählt er. „Man kann diese Freiheit nicht mit Geld aufwiegen.“

Wobei er auch betont, dass seine gut laufende Selbstständigkeit das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit ist. Bei Lotta Schäfer ist die Mehrfachbeschäftigung hingegen aus der Not geboren. Dabei könnte auch sie sich ein besseres Patchwork-Berufsleben vorstellen: In ihrer Freizeit hat sie eine eigene Sendung im Bürgerradio und findet das auch als möglichen Beruf spannend. Jetzt geht es für sie aber erst einmal darum, die Miete in ihrer neuen WG zahlen zu können. Seit einigen Wochen denkt Lotta Schäfer darüber nach, noch einen dritten Job anzunehmen.

  • Zum Weiterlesen:
  • In „Das Job-Patchwork-Buch“ (Campus, 2014) begleitet Beate Westphal ihre Leser/innen auf einer so genannten Heldenreise, um ihre eigenen Talente und Perspektiven zu finden – mit vielen Reflexionsübungen und Fragebögen zum Ausfüllen. 
  • In der „Beschäftigungsstatistik Mehrfachbeschäftigung“ vom Januar 2016 fasst die Agentur für Arbeit Zahlen rund um Zweitjobs zusammen. Der Bericht ist online zu finden unter www.tinyurl.com/Mehrfachbeschaeftigung

 

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