Soziale Arbeit auf dem Bauernhof
"Da prallen zwei Welten aufeinander", sagt Martin Nobelmann. Foto: Ulrich Wessollek

Soziale Arbeit auf dem Bauernhof

Mit Jugendlichen, behinderten oder alten Menschen in der Landwirtschaft arbeiten: Die Soziale Landwirtschaft vereint zwei völlig verschiedene Jobprofile.

Martin Nobelmann ist Koordinator für die berufsbegleitende Weiterbildung Soziale Landwirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Im Januar 2018 startet nach einer Testphase der erste richtige Weiterbildungsjahrgang. 

WILA Arbeitsmarkt: Wie kommt man auf die Idee, Soziale Arbeit und Landwirtschaft miteinander zu verbinden?

Martin Nobelmann: In der Ausbildung haben die beiden Berufsfelder überhaupt nichts miteinander zu tun. Wenn man Soziale Arbeit studiert, wird man über Landwirtschaft relativ wenig erfahren und umgekehrt wahrscheinlich noch viel weniger. Da prallen zwei Welten aufeinander.

Aber die Soziale Landwirtschaft oder auch Green Care ist immer mehr im Kommen. Die Idee ist vor allem in den Niederlanden und in Norwegen entwickelt worden. Dort stehen vor allem die Therapie und Pflege von Menschen im Grünen im Vordergrund.

Erst in den letzten zehn Jahren ist das Konzept verstärkt auch nach Deutschland gekommen, wobei hier auch die Beschäftigung von Menschen in der Landwirtschaft eine große Rolle spielt. Es gibt jetzt immer mehr Höfe, die in dem Bereich etwas anbieten wollen, aber auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die in dem Bereich mehr machen möchten. 

Was steckt dahinter?

In der Landwirtschaft findet ein Umbruch statt. Höfe werden immer größer, um erfolgreich wirtschaften zu können. Andere suchen sich eine Nische, indem sie sich auf ihrem Hof mit zusätzlichen Angeboten weitere wirtschaftliche Standbeine schaffen.

Und es gibt Sozialarbeiter, die sagen: Für die Klienten unserer Arbeit, für Behinderte, Kranke, Süchtige, ist gerade die Arbeit in der Landwirtschaft und mit Tieren gut für eine Rehabilitation. Deswegen haben beide Berufsfelder ein Interesse an Sozialer Landwirtschaft. 

Und in welchen Bereichen kann man damit später arbeiten?

Viele, die bei uns in der Testphase teilgenommen haben, sind auf der einen Seite aktive Landwirte, die so etwas auf ihrem Hof machen wollen und dabei fachliche Unterstützung brauchen. Die fragen sich: Was für Menschen kommen im Rahmen der Sozialen Landwirtschaft auf den Hof, wie kann ich damit umgehen, wie kann ich meinen Hof verändern?

Auf der anderen Seite haben wir Sozialarbeiter, die auf einem landwirtschaftlichen Betrieb Menschen betreuen oder sich in dem Bereich selbstständig machen wollen. Ein Beispiel ist die Therapie mit Tieren. Dafür braucht man zwar keine landwirtschaftliche Ausbildung, aber weil so etwas im ländlichen Raum stattfindet, ist es sinnvoll, einen engen Kontakt zur Landwirtschaft zu haben.

Auf welche Aufgaben bereiten Sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor?

In den beiden Einsteigermodulen zu Sozialer Arbeit und Landwirtschaft bekommt man erst einmal allgemein einen Überblick über die Berufsfelder. Der Landwirt, der behinderte Menschen auf seinem Hof einsetzen möchte, erfährt, welche Bedürfnisse sie haben, wie er sie ansprechen und was er erwarten kann.

Zum Beispiel: Wie muss ich reagieren, wenn ich im Stall etwas sage und mein Gegenüber versteht mich nicht oder macht immer wieder dieselben Fehler? Natürlich werden die Leute nicht in einem einzigen Modul zur Sozialpädagogin oder zum Sozialarbeiter. Aber unsere Weiterbildung kann sehr hilfreich sein, um sich zu orientieren. Vielleicht kommt man dann zu dem Schluss, dass man nicht mit behinderten Menschen, sondern lieber mit alten Menschen arbeiten möchte, zum Beispiel beim betreuten Wohnen.

Für wen kommt die Weiterbildung in Frage?

Die Weiterbildung richtet sich an Landwirte oder Sozialarbeiter, die sich entsprechend weiterbilden wollen. Die haben in der Regel schon eine Ausbildung. Die Einsteigermodule sind aber auch offen für andere, die an dem Thema interessiert sind, zum Beispiel Erzieher auf einem Bauernhof oder Bankberater, die Kredite in dem Bereich vergeben. Deswegen kann man jedes Modul einzeln buchen.

Und wie geht es nach der Fortbildung weiter?

Einige Absolventinnen, die schon Landwirtschaft studiert hatten, haben gemeinsam einen Hof übernommen. Eine andere Teilnehmerin mit Landwirtschaftsstudium studiert jetzt noch einmal Soziale Arbeit. Zwei Sozialarbeiter, die als Ehepaar dabei waren, suchen jetzt einen landwirtschaftlichen Betrieb, auf dem sie wohnen und gemeinsam mit dem Landwirt etwas aufbauen können – wobei das nicht einfach ist, so jemanden zu finden. Wieder andere gründen eine Lebensgemeinschaft mit anderen jungen Familien auf dem Land.

Entsteht da ein neuer Arbeitsmarkt?

Man konnte schon in den vergangenen zehn Jahren sehen, dass die Soziale Landwirtschaft wächst. In vielen europäischen Ländern gibt es schon Ansätze. In Österreich ist man beispielsweise schon sehr weit. In Tschechien steht man noch am Anfang, aber es gibt eine große Nachfrage. Wir sind jetzt gerade an einem europäischen Projekt beteiligt, um das Ausbildungscurriculum in Europa zu vereinheitlichen.

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