„Man braucht einen Riecher für förderpolitische Konjunkturen“
Theo Bühler / Copyright: Wila Bonn

„Man braucht einen Riecher für förderpolitische Konjunkturen“

Theo Bühler weiß, was eine gute Projektidee ausmacht - und wie man sie finanziert bekommt. Im Interview gibt der früherer Wila-Geschäftsführer praktische Tipps.

Im BIldungsbereich, in der Medien- und Kulturbranche, aber auch im Umweltschutz geht es häufig darum, Projekte zu entwickeln und dafür Fördermittel einzuwerben. Aber wie geht das? Theo Bühler, langjähriger Wila-Geschäftsführer, gibt Tipps aus über 30 Jahren Berufserfahrung. Im April bietet er dazu im WILA ein Seminar an. Mit ihm sprach Benjamin O'Daniel.

Sie haben in Ihrem Berufsleben bereits zahlreiche Projektideen entwickelt und dafür Finanzierungsträger wie Ministerien, Unternehmen oder Stiftungen gewonnen. Was zeichnet eine gute Idee aus?

Theo Bühler: Mein Eindruck ist, dass besonders Berufseinsteiger sich in ihren Projektideen verbeißen. Sie haben eine konkrete Idee, von der sie begeistert sind. Oder sie haben es mit ihrer Idee sehr eilig, zum Beispiel, weil sie in einer prekären Berufssituation feststecken. Und wenn es nicht klappt, geben sie die Schuld den anderen oder machen sich selbst nieder. Dabei liegt das Problem an einer ganz anderen Stelle: Sie haben nicht den Riecher dafür, ob es für diese Idee am Markt auch eine Nachfrage gibt. Die Idee steht meiner Meinung nach nicht am Anfang.

Was steht dann am Anfang?

Man sollte sich erst einmal grundsätzlich fragen: In welchen Bereichen kann ich Kompetenzen vorweisen und welche Inhalte interessieren mich? Im nächsten Schritt schaut man sich die konkrete Nachfrage in diesem Themenbereich an. Stiftungen haben Förderschwerpunkte und Ministerien legen regelmäßig Förderprogramme auf – um nur zwei Beispiele zu nennen. Wenn man auf dieser Basis Ideen entwickelt, gibt es einen konkreten Bedarf. Die Chancen sind deutlich höher, dass man sein Projekt auch finanziert bekommt. 

Wie finde ich heraus, wo es Fördermöglichkeiten gibt?

Es gibt unendlich viele Fördermöglichkeiten – und sie ändern sich ständig. Es gibt nicht die eine zentrale Quelle. Wichtig ist, einen Riecher für förderpolitische Konjunkturen zu entwickeln. In jedem Politikbereich erreichen neue Themen irgendwann eine gesellschaftliche Relevanz und daraus entstehen Förderschwerpunkte. Zum Beispiel Themen wie Familienfreundlichkeit in Unternehmen, Corporate Social Responsibilty oder Klimaschutz. Der Clou besteht darin, diese Konjunkturen möglichst früh zu erkennen und systematisch nach Projektmöglichkeiten zu suchen, wenn noch nicht alle auf den Zug aufgesprungen sind. Deswegen ist es auch wichtig, dass man sich in einem speziellen Bereich über Jahre hinweg Erfahrungen aufbaut.

Wie suche ich systematisch nach neuen Ideen?

In der Regel ist es nicht ein einziger Gedankenblitz. Je mehr Ideen, desto besser. Aus 100 gedanklichen Ansätzen sind am Ende zehn gut und drei herausragend. Man sollte seine Ideen also filtern, bewerten und mit einer Deadline versehen. Dann verfolgt man diese bestimmte Idee für einen bestimmten Zeitraum – und wenn es nicht klappt, legt man die Idee zur Seite und hat noch andere Optionen. Manche Ideen zünden auch erst ein oder zwei Jahre später, weil man seiner Zeit einfach voraus ist oder andere Ideen in der spezifischen Situation besser gepasst haben. Viele Ideen sind auch nicht völlig neu, sondern kombinieren verschiedene Ansätze und Methoden auf eine ungewöhnliche Art und werden dadurch interessant.

Nehmen wir an, ich habe meine Idee und auch ein oder zwei Projektfinanzierer im Blick. Was ist der nächste Schritt?

Auf jeden Fall sollten Sie nicht überfallartig vorgehen und ihren Ansprechpartner mit einem Papierwust überrollen. Vielleicht macht man sich erst einmal auf die Suche nach Verbindungen zu der jeweiligen Institution. Kennen Sie dort jemanden? Haben Sie man schon einmal für die Institution in einem anderen Zusammenhang gearbeitet? Dann kann man erst einmal vorfühlen und sich auf indirektem Wege informieren. Im ersten Telefonat sollten Sie das Ziel haben, eine Dialogsituation entstehen zu lassen.

Was meinen Sie mit einer Dialogsituation?

Zum Beispiel habe ich einmal bei einer großen Stiftung  mit einer Referatsleiterin gesprochen und ihr kurz und knapp drei Projektansätze vorgestellt. Zwei Ideen hat meine Gesprächspartnerin sofort verworfen, weil bereits jemand anderes daran gearbeitet hat. Zur dritten Idee hatte sie eine ganz eigene Meinung, war aber insgesamt nicht abgeneigt. So hat man in einem dreiminütigen Gespräch mehr herausgefunden als mit tagelanger Recherche. Mit ihrer Antwort konnte ich arbeiten und habe die Projektidee angepasst und daraus eine Skizze erstellt.

Was gehört in eine Ideenskizze?

Die Herausforderung ist, dass man die Idee komplett durchdacht haben sollte, obwohl man erst am Anfang steht. Die zentralen Elemente sind: Was ist das Problem? Wo gibt es bestimmte Engpässe? Was sollte getan werden? Genau dort setzt dann die Idee an, mit folgenden Zielen und in dieser oder jenen Konstellation. Welche Erfahrungen hat der Initiator bereits in diesem Bereich. Und natürlich der Rahmen: Welchen zeitlichen Umfang hat das Projekt und welches Budget ist dafür grob erforderlich.

Dann gebe ich die Skizze ab und niemand meldet sich.

Ja, das passiert manchmal. Dann müssen Sie dran bleiben! Referatsleiter oder andere Führungskräfte sind eben schwer zu erreichen und haben viele Projekte auf ihrem Tisch liegen. Vielleicht haben Sie zu Beginn einmal mit einem anderen Mitarbeiter gesprochen? Dann rufen Sie dort an und fragen höflich nach. Manchmal ist der Chef auch einfach im Urlaub oder es gibt ein riesiges Projekt, das seine ganze Aufmerksamkeit bis zu einem gewissen Tag fordert.

Reden wir übers Geld. Woher weiß ich, wie viel mein Projekt kosten wird?

Erst einmal sollten Sie schon bei der Projektskizze darauf achten, sich nicht aus dem Rennen zu schießen. Wenn eine Stiftung maximal fünfstellig fördert, darf ihr Projekt nicht sechsstellig kosten. Jedes Budget muss sorgfältig durchkalkuliert werden, mit einem entsprechenden Kosten- und Finanzierungsplan. Sonst fliegt einem das Projekt um die Ohren. Häufig erwartet der Auftraggeber auch eine Eigenbeteiligung, die von zehn bis fünfzig Prozent reichen kann.

Wie reduziere ich meinen Eigenanteil?

Jetzt sprechen wir wieder über die Projektidee. Wenn der potenzielle Finanzierungsträger eigene Ideen hat, sollte man diese Ideen möglichst einbauen. So wird die Idee immer mehr zu einem internen Projekt des Förderers. Je stärker das Projekt inhaltlich anwächst, desto höher muss auch die Fördersumme sein. Darauf muss man bei den Verhandlungen hinweisen. Meine Erfahrung ist, dass es am Ende nicht mehr um 3.000 Euro mehr oder weniger geht. Die inhaltlichen Fragen und Ziele stehen im Vordergrund. Jetzt haben alle ein Interesse daran, dass das Projekt ein Erfolg wird. Aber man sollte sein Projekt auch nicht unnötig finanziell aufblasen. Denn zum Schluss gucken immer noch einmal die Finanzexperten der jeweiligen Institution über den Antrag und kürzen die zu hoch angesetzten Stellen wieder ein. Am Ende der Verhandlungen haben sie einen ausgearbeiteten Projektplan in einer Endfassung, der dann bewilligt wird – mit den üblichen Nebenbestimmungen.

Nebenbestimmungen? Das hört sich nicht gut an.

Es sind klassische Nebenbestimmungen wie zum Beispiel: Bis wann müssen Mittelabrufe oder Zwischenberichte vorliegen? Wie viel Angebote muss man einholen? Welche öffentlichen Äußerungen müssen abgestimmt werden? Hierzu gibt es meistens eine Standardrichtlinie, viele Institutionen haben aber auch ihre eigenen Nebenbestimmungen.

Und was, wenn mir mein Projekt doch finanziell um die Ohren fliegt?

In der Regel gibt es die Möglichkeit, dass man innerhalb einer Kostenstelle 20 Prozent drüber liegen kann, wenn man dafür an einer anderen Stelle entsprechend einspart und der Gesamtetat sich nicht verändert. Falls das nicht funktioniert, müssen Sie nachverhandeln. Eine Nachbewilligung ist aber immer kritisch. Das ganze Prozedere geht noch einmal von vorne los. Und es wirft kein gutes Licht auf einen selbst. Man sollte möglichst zeigen, dass man alles daran gesetzt hat, dass der Gesamtetat nur leicht steigt – zum Beispiel, in dem man andere Kostenstellen schon zusammenstrichen hat, es aber eben nicht ganz reicht.

Jedes Projekt ist einmal zu Ende. Wie finde ich ein neues Projekt?

Meistens steht man in der zweiten Hälfte des Projektes doppelt unter Druck: Man muss das Projekt ordentlich abschließen und gleichzeitig nach einem Anschlussprojekt suchen. Aus bestehenden Projekten ergeben sich häufig neue Fragestellungen. Die Methoden sind auch auf angrenzende Arbeitsfelder übertragbar oder auf anderen politischen Ebenen wie EU, Bund oder Bundesland anwendbar. Es ist eine stetige Suche und Variation.

Habe ich denn als Einzelkämpfer eine Chance, große Projekte zu stemmen?

Man kann sich als Einzelkämpfer auch eine Dachorganisation oder Kooperationspartner suchen. Viele haben zwar die Sorge, dass ihre Idee geklaut wird. Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, sonst kommt man überhaupt nicht voran.

Vielen Dank!

Wila-Biku-LeserinDer Artikel ist im arbeitsmarkt Bildung, Kultur, Sozialwesen erschienen. Jede Woche bieten wir eine Übersicht von mehreren hunderten aktuellen Stellen für Geistes- und Sozialwissenschaftler. Außerdem berichten wir in ausführlichen Analysen über die beruflichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt und über berufliche Lebenswege von Akademikern.

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