„Höhere Gewalt mögen wir nicht“
Ohne Strom läuft nichts: Ob auf den Straßen oder in Krankenhäusern. Foto: © TIMDAVIDCOLLECTION / Fotolia

„Höhere Gewalt mögen wir nicht“

Ihr Fachwissen reichte Kathrin Stolzenburg nicht – die Geoökologin wollte in Krisenfällen helfen. Heute bewertet sie Infrastrukturrisiken.

Kathrin Stolzenburg hat Geoökologie studiert. Anschließend absolvierte sie ein Vertiefungsstudium im Bereich Umweltpolitik und -management. Heute ist sie Referentin im Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Sie arbeitet im Referat Risikomanagement KRITIS/Schutzkonzepte KRITIS und beschäftigt sich mit dem Schutz besonders wichtiger Infrastruktur in Katastrophenfällen. Mit ihr sprach Uwe Kerkow (Portraitfoto: BBK).

WILA Arbeitsmarkt: Sie sind Geoökologin. Wie sind Sie zu Ihrer heutigen Tätigkeit im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gekommen; wie sah Ihr persönlicher Weg aus?

Katharina-StolzenburgMein Weg hierher war gar nicht so direkt wie man vermuten könnte. Denn ich beschäftige mich nicht mit Veränderungen etwa der Bodenökologie durch radioaktiven Fallout oder chemische Kontamination von Umwelt oder Personen. Wir haben aber natürlich Kolleginnen und Kollegen hier, die das tun.

Ich persönlich arbeite zum Risikomanagement und Schutz Kritischer Infrastrukturen. Darunter fallen alle Organisationen und Einrichtungen, die für das staatliche Gemeinwesen wichtig sind und bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung entweder Versorgungsengpässe entstehen, die öffentliche Sicherheit gefährdet würde oder ähnlich dramatische Folgen eintreten. 

Mein Studiengang war extrem naturwissenschaftlich ausgelegt. Im Rahmen des Studiums war ich in Südafrika. Ich konnte zwar die Bodenformationen und die Sträucher benennen, wusste aber so gut wie nichts über die politischen und kulturellen Gegebenheiten in der Republik Südafrika. Damit hatten wir uns einfach nicht beschäftigt. Das fand ich für mich und meinen potenziellen Werdegang unbefriedigend.

Schließlich sind es ja die Menschen, die von einer Katastrophe betroffen sind. Und diese leben gemeinhin in politischen Systemen und nutzen technische Infrastrukturen. Über ein Vertiefungsstudium zu Umweltpolitik und -management sowie Arbeitspraktika und spätere Jobs wollte ich mein Wissen diesbezüglich aus- oder überhaupt erstmal aufbauen. 

Nach einem Praktikum beim ASA-Programm bin ich im Rahmen des Carlo Schmid-Programms ein halbes Jahr zur Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) der Vereinten Nationen nach Santiago de Chile gegangen. Dort habe ich ein kleines Projekt zum Digitalen Graben – also zu den riesigen Unterschieden zwischen den reichen Industrieländern und den ärmeren Entwicklungsländern bei der Ausstattung mit moderner Informationstechnologie – gemacht.

Im Rahmen dieses Projektes habe ich dann gemerkt, wie wichtig es ist, IT-Infrastruktur zu schützen, weil damit jede Menge bedeutsame Informationen unter die Leute gebracht werden und sie für das Funktionieren des Gemeinwesens wichtig sind. So begann ich mich für den Zusammenhang zwischen IT und Katastrophenschutz zu interessieren.

Und was machen Sie heute praktisch?

Heute arbeite ich weit weniger naturwissenschaftlich. Mein Job besteht hauptsächlich darin, weiterzufragen. Nehmen wir zum Beispiel die Stromversorgung. Es gibt gute Gesetze und die Betreiber sind verantwortungsbewusst und haben vorgesorgt. Trotzdem setzen wir hier an und fragen: Und was, wenn der Strom doch einmal ausfällt?

Naja, unangenehm ist, dass die Heizung ohne Strom nicht läuft und das Tiefkühlfach abtaut, aber zumindest Krankenhäuser verfügen doch über Notstromaggregate.

Stimmt. Aber was ist beispielweise mit der Frischwasserversorgung? Und was, wenn der Strom länger als 24 Stunden ausfällt? Dann ist der Treibstoff in den Krankenhäusern verbraucht. Und neuen zu beschaffen wird schwierig, denn Treibstoffpumpen werden ebenfalls elektrisch angetrieben.

Solche ‚Was aber wenn-Fragen‘ sind unser Metier. Höhere Gewalt mögen wir nicht. In einem Projekt Notstrom haben wir alle verfügbaren Informationen gesammelt, strukturiert und daraus unter dem Titel „Treibstoffversorgung bei Stromausfall“ entsprechende Empfehlungen für die verschiedenen Akteure im Bevölkerungsschutz abgeleitet.

Wie haben Sie konkret zum BBK gefunden und welche ‚grünen‘ Fachrichtungen haben heute eine Chance im Katastrophenschutz?

Das war eher zufällig. Als Geoökologin bin ich ja Generalistin, die im Studium mit allen zentralen naturwissenschaftlichen Disziplinen in Berührung gekommen ist. Schrittweise entfernt man sich immer weiter vom ursprünglich Erlernten. Am leichtesten werden wohl Geowissenschaftler den Einstieg beim Risikomanagement oder bei Fragen des Katastrophenschutzes finden.

Wenn Sie die naturwissenschaftlichen Teile des Geographiestudiums vergleichen, werden Sie eine ganze Reihe Übereinstimmungen finden. Die größten Unterschiede liegen in der Gewichtung der Lehrinhalte. Ähnliches gilt auch für die Geoökologie. Aber auch ganz allgemein gibt es im Bereich Risikomanagement weiterhin Nachfrage nach Naturwissenschaftlern.

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Was macht Ihre Arbeit besonders interessant?

Spannend ist erstens, dass wir hier unbeschriebene Blätter auf den Schreibtisch bekommen. Viele der Konzepte, mit denen wir uns beschäftigen, sind neu – zumindest in ihrer jetzigen Form – und müssen ausgearbeitet werden. Zweitens arbeiten wir im Haus aber auch in unseren Kooperationen mit vielen guten und kompetenten Leuten zusammen, die sowohl aus der Forschung als auch aus der Praxis kommen. Das ist toll.

Und was kann man besser machen?

Es wäre wichtig, den organisatorischen Rahmen zu verbessern. Für viele junge, dynamische Wissenschaftler gibt es nur befristete Stellen. Das beschränkt ihre Zukunftsperspektiven. Was KRITIS angeht, ist bisher nur der Schutz bestimmter Computer- und Kommunikationsinfrastruktur im IT-Sicherheitsgesetz verankert. Für alle anderen, über das gesetzliche Maß hinausgehenden Schutzmaßnahmen müssen wir netzwerken und überzeugen.

Dieser kooperative Ansatz funktioniert gut – aber nicht immer. Es gibt immer wieder Fälle, wo sinnvolle Maßnahmen an den Kosten scheitern. Wir können die KRITIS-Betreiber nicht zur Risikovorsorge zwingen, aber manchmal fänden wir Investitionspflichten schon sehr sinnvoll.

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