Mut zur Initiativbewerbung
Wer sich seine Arbeitgeber am liebsten selbst aussucht, sollte eine Initiativbewerbung ins Auge fassen. Erfolg hat die aber nur, wenn sie gut vorbereitet ist (Foto: contrastwerkstatt/Fotolia).

Mut zur Initiativbewerbung

Wer sich ohne Stellenausschreibung bewerben will, muss erst einmal gründlich zu passenden Arbeitgebern recherchieren – wird dafür aber im besten Fall mit exklusiven Infos belohnt.

Text: Annika Schneider

Man nehme eine massentaugliche Mail mit dem Betreff „Bewerbung" und der Kernbotschaft „Bei Ihnen würde ich gerne arbeiten!". An die hänge man einen Lebenslauf an und verschicke sie an alle Firmen, Unternehmen und Organisationen, die einem gerade so in den Sinn kommen. Wenn man dann nach zwei Wochen keine einzige Antwort bekommen hat, kann man darauf schimpfen, dass „Initiativbewerbungen ja eh nie funktionieren". Wer so vorgeht, hat allerdings auch fast alles falsch gemacht, was geht. Dabei bieten Bewerbungen ohne passende Stellenausschreibungen durchaus Chancen, bei einem Arbeitgeber zu landen. Ein bisschen oder sogar sehr viel Mühe muss man sich dafür aber schon geben.

Arbeitgeber gut auswählen

Die meisten von uns haben ihre Traumarbeitgeber wohl schon im Kopf, wenn sie mit der Jobsuche beginnen: das tolle Museum, die große Rundfunkanstalt, die peppige Jugendeinrichtung . Dabei muss ich mir klar machen: Wenn mir ein Unternehmen oder eine Organisation auf Anhieb einfällt, dann geht das auch vielen anderen so. Dementsprechend klein ist die Wahrscheinlichkeit, mit einer Initiativbewerbung Aufmerksamkeit zu erregen. Begehrte Arbeitgeber haben meist formalisierte Auswahlverfahren, wie beispielsweise Assessment Center. An diesen führt dann auch kein Schleichweg vorbei. Wer hier auf gut Glück einen Lebenslauf hinschickt, bekommt im Zweifelsfall nicht einmal eine Absage – die Mail wandert vom Posteingang ohne Umwege direkt in den Papierkorb.

Quellen für die Arbeitgeberrecherche

  • Websites, Social-Media-Kanäle und Netzwerkprofile von Arbeitgebern
  • Tagespresse, Branchenmedien und Fachzeitschriften
  • Tagungen, Konferenzen und Netzwerktreffen sowie deren Programme
  • Stellenanzeigen
  • informelle Gespräche mit Beschäftigten beim Wunscharbeitgeber oder aus dessen Umfeld
  • Jobmessen

Die Frage, bei welchen Arbeitgebern sich eine Initiativbewerbung lohnt, ist also eine wichtige. Es gilt, Unternehmen und Organisationen zu finden, die ein Interesse daran haben, sich mit meiner Bewerbung überhaupt auseinander zu setzen. Vielleicht ist dort ein bestimmter Bereich im Aufbau, für den ich Kompetenzen mitbringe. Vielleicht habe ich Experten- oder Nischenwissen, das aktuell in der Branche gesucht wird. Vielleicht habe ich ein erstes Netzwerk aufgebaut, das die Aktivitäten einer Organisation gut ergänzt.

Ein paar Beispiele:

1. Die Lokalzeitung bringt ein Interview mit dem lokalen Kulturreferenten. Demnach will er die Museen der Stadt in den nächsten Jahren digitaler und moderner machen. Eine Absolventin im Kulturmanagement, die gerade ihre Masterarbeit über Tablet-Führungen schreibt, schickt sofort eine Bewerbung.

2. Laut Internetseite plant ein Verband ein neues Projekt zum Globalen Lernen, mit dem vor allem Akteure der außerschulischen Bildung erreicht werden sollen. Nach mehreren Jahren Erfahrung in diesem Bereich kennt ein Lateinamerikanist nicht nur die praktische Jugendarbeit, sondern auch viele Einrichtungen in der Region.

3. Ein mittelständisches Unternehmen hat vor einem Jahr mehrere Stellenanzeigen für eine Zweigstelle in Frankreich veröffentlicht. Laut Internetseite läuft die Dependance gut und soll weiter wachsen. Eine Romanistin, die zwei Semester in Frankreich studiert hat, würde gerne die Kundenakquise in Frankreich unterstützen.

Je besser der Arbeitgeber zu meinen Qualifikationen passt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Bewerbung Beachtung findet. Außerdem hat ein Mittelständler mit 400 Beschäftigten tendenziell eher eine Stelle zu besetzen als ein Projektbüro mit zweieinhalb Mitarbeiterinnen. Deswegen lohnt es sich, erst einmal Zeit in die Recherche zu stecken. Hinweise finden sich an vielen Stellen – ich muss nur Augen und Ohren offen halten. Eine mögliche Quelle sind übrigens auch alte Stellenanzeigen; wenn ich noch ein paar Infodienst-Ausgaben herumliegen habe, kann ich mir die zunutze machen. Vermutlich stoße ich bei der Durchsicht auf Arbeitgeber, die ich vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Und ich sehe, wer in den vergangenen Monaten viele Stellen ausgeschrieben hat – in welchen Bereichen und bei welchen Unternehmen sich also gerade etwas tut.

Kontakt herstellen

Alte Stellenanzeigen sind auch äußerst wichtig für den nächsten Schritt: den richtigen Ansprechpartner oder die richtige Ansprechpartnerin finden. Gerade bei einer Initiativbewerbung wird die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren" schnell zum K.o.-Kriterium. Stattdessen sollte mein Anschreiben an eine ganz bestimmte Person adressiert sein – welche das ist, ist auch eine strategische Entscheidung. Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich schicke die Bewerbung an jemanden in der Personalabteilung, falls der Arbeitgeber groß genug ist, um eine solche zu haben – dann finden sich die Kontaktdaten oft in (nicht zu alten!) Stellenausschreibungen. Oder aber ich wähle die Kontaktperson nach Fachgebiet aus. Dann wende ich mich zum Beispiel an den zuständigen Projektleiter oder die passende Abteilungsleiterin. Je mehr ich vorab über das Unternehmen in Erfahrung bringe, desto fundierter kann ich mich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden. Wer trifft Entscheidungen über Neueinstellungen? Wer treibt ein neues Projekt voran und wer steht den geplanten Neuerungen eher skeptisch gegenüber? Wer kennt sich mit einem Gebiet am besten aus und hat gleichzeitig Einfluss? Wer ist selbst erst seit kurzem im Betrieb und vielleicht noch nicht in der Position, Bewerbungen zu unterstützen?

Es gibt einige Möglichkeiten, die passende Person zu finden – je persönlicher und direkter der Kontakt zustande kommt, desto besser. Eine klassische Anlaufstelle sind Jobmessen. Hier warten Ansprechpartner/innen ja explizit darauf, mit Bewerberinnen und Bewerbern ins Gespräch zu kommen. Dabei kann ich mehr über die thematischen Schwerpunkte eines Arbeitgebers erfahren und gleichzeitig Kontaktdaten für weitere Schritte erfragen. Aber auch bei anderen Veranstaltungen kann ich unmittelbar auf Arbeitgeber treffen: bei Konferenzen und Tagungen zum Beispiel, bei Branchenmessen und Netzwerktreffen, bei öffentlichen Firmenveranstaltungen und Tagen der offenen Tür. Im Gespräch mit Beschäftigten gilt es dann, Informationen zu sammeln und sich gleichzeitig zu präsentieren. „Guten Tag, haben Sie vielleicht eine Stelle für mich?", ist dabei die falsche Eröffnung. Besser ist es, über Inhalte und Themen zu reden – und dabei sowohl ehrliches Interesse als auch Fachkompetenz zu signalisieren.

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Das Gleiche gilt auch, wenn die erste Kontaktaufnahme per Telefon erfolgt. Ein spontaner Anruf beim Sekretariat à la „Ich suche eine Stelle, wer kann mir da helfen?" wirkt inkompetent. In den allermeisten Fällen wird man daraufhin abgewimmelt werden: „Tut mir leid, wir haben gerade nichts ausgeschrieben." Für einen Anruf sollte ich mir deswegen schon ein inhaltlich gehaltvolleres Anliegen zurechtlegen. Möglicherweise gibt es ein konkretes Projekt, auf das ich mich beziehen kann, oder ich greife einen jüngeren Tagungsbeitrag auf. Mit guter Vorarbeit lassen sich ganz unterschiedliche Aufhänger finden.

Wie auch immer der erste Kontakt abläuft: Er ist bei der Initiativbewerbung absolut zentral, und die Vorbereitung darf ruhig Zeit kosten. Noch bevor auch nur eine einzige Bewerbungszeile geschrieben ist, sollte ich auf die wichtigsten Fragen schon eine Antwort gefunden haben: An welchem Punkt steht der Wunscharbeitgeber, wie ist er aufgestellt und wo liegen seine Schwerpunkte? Wie passe ich da hinein? Mit welchen Kompetenzen und Erfahrungen kann ich Interesse wecken? Und wer ist dafür die richtige Anlaufstelle?

Strategisch bewerben

Wenn diese Punkte recherchiert sind, fällt der nächste Schritt, nämlich die eigentliche Bewerbung, um einiges leichter. Generell gilt: Jeder Einzelfall ist anders, und im Zweifelsfall übertrumpft der gesunde Menschenverstand jede Faustregel. Zwei Dinge sollte ich bei Initiativbewerbungen aber grundsätzlich beherzigen. Erstens hat das Gegenüber im Regelfall keine Zeit dafür eingeplant, irgendwelche Unterlagen zu studieren. Eine Initiativbewerbung sollte deswegen nicht überladen sein. Was genau hinein gehört, dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. Es spricht aber viel dafür, sich auf ein gut getextetes Anschreiben und einen Lebenslauf zu beschränken – eventuell mit wenigen, gut gewählten Anhängen, wie zum Beispiel Arbeitsproben. Das volle Programm mit Abitur- und Arbeitszeugnissen sollte ich erst dann einreichen, wenn ich im nächsten Schritt dazu aufgefordert werde.

Der zweite wichtige Punkt bei Initiativbewerbungen ist das Anschreiben. Bei einer normalen Stellenausschreibung rechnet der Arbeitgeber damit, Bewerbungen zu erhalten. Er weiß, was er will, und wird vielleicht als Erstes den Lebenslauf anschauen, um zu sehen, ob die geforderten Grundvoraussetzungen erfüllt sind. Bei einer Initiativbewerbung ist das anders. Das Anschreiben hat hier die Aufgabe, erst einmal Interesse zu wecken. Warum sollte sich der Adressat oder die Adressatin überhaupt die Mühe machen, weiterzulesen? Die Antwort auf diese Frage muss klar und deutlich schon in den ersten paar Sätzen stecken. Allgemeinplätze sind dafür nicht geeignet, ebenso wenig wie Standardtexte, die gleichzeitig an ein Dutzend Unternehmen verschickt werden. Die Ideallösung ist es, mit dem Anschreiben an einen schon erfolgten Kontakt anzuknüpfen: „Nach unserem inspirierenden Gespräch am Rande der Tagung XY ..." Im besten Fall hat die angeschriebene Person dann direkt wieder mein Gesicht vor Augen und erinnert sich an ein gutes Gespräch.

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Das Anschreiben muss außerdem darstellen, was die Bewerberin oder der Bewerber genau will. Eine Stelle – ja, klar. Aber es sollte nicht Aufgabe des Arbeitgebers sein, sich zu überlegen, in welcher Abteilung man denn jetzt bitteschön einen Germanisten einsetzen kann. Gerade als Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler ist es unsere Aufgabe darzustellen, wie wir das Unternehmen oder die Organisation mit unseren Fähigkeiten unterstützen können. Bei welchem Vorhaben wollen wir uns einbringen? Welches Themengebiet passt zu unserem eigenen Hintergrund? Für welche aktuelle Herausforderung haben wir Ideen und vielleicht sogar Lösungen? Warum passen gerade wir zu diesem Arbeitgeber? Wer die Vorrecherche ernst genommen hat, sollte ohne viel Mühe auf den Punkt bringen können, warum die Bewerbung ausgerechnet an dieses Unternehmen geht. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, ich hätte mich beliebig bei vielen verschiedenen Firmen beworben – nach dem Motto „Eine davon wird schon passen". Wichtig dabei: immer aus der Perspektive des Arbeitgebers argumentieren. Motive wie die eigene Selbstverwirklichung oder der Wunsch nach Abwechslung im Job haben für den Arbeitgeber wenig Relevanz.

Und dann ...?

Es juckt vielen vermutlich in den Fingern, das Anschreiben hoch motiviert mit einer „Abschlussdrohung" zu verzieren: Man werde sich in zwei Wochen melden, um noch einmal nachzuhaken. Oder man freue sich auf ein baldiges Vorstellungsgespräch. Von beiden Ankündigungen ist eher abzuraten. Ich will mein Gegenüber schließlich nicht unter Druck setzen. Eine Initiativbewerbung ist ein Angebot von Seiten des oder der Bewerbenden – mehr aber auch nicht. Die adressierte Person ist grundsätzlich zu nichts verpflichtet.

Gute Arbeitgeber schicken auch dann eine kurze Antwort, wenn sie kein Interesse haben – vorausgesetzt, sie bekommen nicht jede Woche Dutzende Initiativbewerbungen. Im besten Fall und wenn man bei vorherigen Begegnungen positiv in Erinnerung geblieben ist, springt vielleicht sogar noch ein Tipp dabei heraus, wo sich eine Bewerbung stattdessen lohnen könnte. Manchmal bieten Firmen auch an, die Unterlagen zu speichern, falls zu einem späteren Zeitpunkt eine Stelle ausgeschrieben wird. Dem sollte man unbedingt zustimmen – sonst ist der Arbeitgeber nämlich von Rechts wegen verpflichtet, die Daten zu löschen.

Wenn man hingegen gar nichts hört, ist die Versuchung groß, noch einmal nachzuhaken. Ob das Sinn macht, ist wiederum vom Einzelfall abhängig. Die Meinungen dazu gehen auseinander. Fest steht: Anrufen sollte nur, wer auch etwas zu sagen hat. „Sind meine Unterlagen angekommen?", reicht als Aufhänger für ein Gespräch nicht wirklich aus. „Ich habe gestern in der Zeitung gelesen, dass ihr Projekt die nächste Etappe geschafft hat", ist eher ein Grund für einen Anruf – der sich dann mit einer beiläufigen Frage nach dem aktuellen Stand der Bewerbung verknüpfen lässt. Ob und wie man sich einen solchen Anruf zumutet, ist aber auch Typsache. Manche sind geborene Smalltalker/innen, die ihr Gegenüber im Handumdrehen in ein fachliches Gespräch verwickeln. Andere tun sich eher schwer – bevor ich am Telefon kaum ein Wort herausbringe, sollte ich es lieber lassen. Selbstverständlich ist, dass man in der Zeit nach der Bewerbung gut erreichbar ist, täglich seine E-Mails liest und sich nicht für vier Wochen zum Backpacken nach Thailand verabschiedet.

Aktiv werden

Auch wenn ich bereits mehrere Initiativbewerbungen erfolglos verschickt habe: Einen Mehrwert haben sie in jedem Fall. Bei der Recherche lerne ich die Wunschbranche besser kennen, setze mich mit aktuellen Entwicklungen auseinander und sammele wertvolle Infos für die weitere Jobsuche. Zusätzlich bringe ich mich ins Gespräch und präsentiere mich – wer weiß, wer sich daran ein paar Monate später wieder erinnert, wenn irgendwo jemand gesucht wird. Und nicht zuletzt bringen Initiativbewerbungen mich raus aus dem passiven Teufelskreis der Bewerbungen, der da lautet: Stellenanzeigen scannen, Bewerbungen rausschicken, auf Antwort warten. Sich initiativ zu bewerben heißt auch: nicht mehr abwarten, sondern aktiv werden und selbst zu überlegen, wo ich mir eine berufliche Zukunft gut vorstellen könnte, was meine Stärken sind und welche Felder mich besonders interessieren.

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