Gegen das Unrecht: Provenienzforschung
Jedes Kunstwerk hat seine eigene Geschichte. Diese zu entschlüsseln ist Aufgabe der Provenienzforschung (Foto: Nejron Photo/Fotolia).

Gegen das Unrecht: Provenienzforschung

Spätestens seit dem „Fall Gurlitt“ wollen immer mehr Museen und Archive wissen, ob Kulturgüter unrechtmäßig in ihren Besitz gelangt sind – und schaffen Stellen in der Provenienzforschung.

Seit den spektakulären Kunstfunden in Schwabing und Salzburg im Jahr 2012, dem so genannten „Fall Gurlitt", ist die Provenienzforschung in die Öffentlichkeit gerückt. Damals beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft rund 1.500 Kunstwerke aus der Sammlung Cornelius Gurlitts, weil der Verdacht bestand, dass einige der Werke NS-Raubkunst sind oder als „entartete Kunst" konfisziert wurden. 2014 wurde bekannt, dass Gurlitt das Kunstmuseum Bern testamentarisch zum Universalerben eingesetzt hatte. Drei Jahre später eröffnete die Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt", um Teile der Sammlung und Ergebnisse zu ihrer Herkunft vorzustellen.

150.000 Interessierte in Bonn

Die Doppelschau in der Bundeskunsthalle Bonn und im Kunstmuseum Bern präsentierte ab November 2017 einen Ausschnitt aus der Sammlung, darunter vor allem Werke der von den Nazis verfemten Moderne mit herausragenden Werken des Expressionismus und der Dresdner Secession. Auch wurde der Werdegang von Cornelius Gurlitts Vater, Hildebrand Gurlitt, kritisch betrachtet und sein Weg von einem Verfechter der Moderne hin zu einem der einflussreichsten Kunsthändler im Dritten Reich nachgezeichnet. 150.000 Menschen sahen die Ausstellung allein in Bonn. Das Thema Provenienzforschung ist aber nicht nur in der Öffentlichkeit angekommen. Es steht inzwischen auch bei vielen Kulturinstitutionen auf der Tagesordnung.

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Die Provenienzforschung umfasst vielfältige Aufgabenbereiche zur Erforschung der Herkunft von Kunst und anderen Kulturgütern. Ihr Ausgangspunkt ist die Washingtoner Erklärung von 1998, die auch Deutschland unterzeichnet hat. Demnach sind kulturgutbewahrende Einrichtungen, das heißt Museen, Bibliotheken und Archive, angehalten, Kunst, die während der NS-Zeit insbesondere aus jüdischem Besitz beschlagnahmt wurde, als Raubkunst zu identifizieren und zu restituieren oder mit den rechtmäßigen Eigentümerinnen und Eigentümern eine andere faire und gerechte Lösung zu finden. Dies kann zum Beispiel in Gestalt einer Dauerleihgabe oder eines Tauschs funktionieren.

Da auch auf dem Kunstmarkt immer wieder Raubkunst auftaucht, sind einige Auktionshäuser wie Christie's oder Sotheby's dazu übergegangen, eigene Abteilungen für die Provenienzforschung einzurichten. Als Verpflichtung kann die Erklärung nicht gelesen werden, sie zeigt aber, wie ernst die Provenienzforschung seither genommen wird. Im Laufe der letzten 20 Jahre sind viele Stellen und Projekte dazu entstanden, die zum Teil auch (Unrechts-)Kontexte der DDR oder des Kolonialismus bearbeiten.

Detektivarbeit am Objekt

Die Arbeit besteht aus vielen unterschiedlichen Ebenen und unterscheidet sich auch je nach Art der Kulturgüter. Hinweise auf die Herkunftsgeschichte finden sich am physischen Kunstwerk selbst, das oft Aufschluss über frühere Besitzverhältnisse liefern kann, aber auch in Archiven und Datenbanken. Die Suche nach Stempeln, Aufklebern oder anderen Hinweisen erfordert beispielsweise die Zusammenarbeit mit dem Restaurierungsteam, die ergänzt wird durch Quellenarbeit, also zum Beispiel die Sichtung der Inventar- und Zugangsbücher. Für die sich dann anbahnende Restitution braucht man wiederum die Hilfe eines Justiziars.

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Doch wie kann man am besten in dieses komplexe Feld einsteigen, das sich interdisziplinär zwischen Geschichte, Materialwissenschaft, Kultur- und Kunstgeschichte verorten lässt? Dr. Nikola Doll war eine der Kuratorinnen der Berner Gurlitt-Ausstellung und ist Leiterin der Provenienzforschung am Kunstmuseum Bern. Sie betont die Wichtigkeit der ersten speziell auf die Provenienzforschung ausgerichteten Studiengänge, zum Beispiel in Bonn.

„Die Stiftungsprofessuren an der Universität Bonn tragen dem interdisziplinären Anspruch der Provenienzforschung Rechnung", sagt sie. „Die Professur an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät ist dem Kunst- und Kulturgüterschutz gewidmet, die zweite am Kunsthistorischen Institut soll Kunst der Moderne und Sammlungsforschung lehren. Eine Juniorprofessur und eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle decken im engeren Sinne ‚Provenienzforschung' ab. An der Universität Bonn wird somit ein fächerübergreifendes Spektrum abgedeckt." Auch am Lehrstuhl der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy an der Technischen Universität Berlin entwickele sich ein Schwerpunkt zur Erforschung „der Translokationen von Kunst- und Kulturgütern unter historischen und unter kulturanthropologischen Gesichtspunkten".

Eng verzahnt mit Geschichte und Kunstgeschichte

Einen etwas anderen Blick auf die Provenienzforschung hat Dr. habil. Susanne Müller-Bechtel, die Kunsthistorikerin und Koordinatorin im Masterstudiengang „Sammlungen – Provenienz – Kulturelles Erbe" an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ist. Der Studiengang verbindet nach eigenen Angaben „die Provenienzforschung mit Sammlungsgeschichte/-theorie sowie mit Fragen zu Kulturgut und Kulturellem Erbe".

Müller-Bechtel stellt aus universitärer Sicht eine direkte Frage: „Wie konnten wir jahrelang Studierende fürs Museum ausbilden, ohne die Provenienzforschung explizit zu berücksichtigen?" Sie findet, dass die Themen Provenienz und Geschichte des Sammelns als Grundlage der Kunstgeschichte immer Teil der Ausbildung sein sollten. Einen rein auf Provenienzforschung spezialisierten Studiengang erachtet sie als wenig zielführend, da Geschichte und Kunstgeschichte in Verbindung mit Provenienzforschung beziehungsweise als Teil dieser in einem ausgewogenen Verhältnis stehen sollten.

„Zugangsvoraussetzung für den Masterstudiengang in Würzburg ist ein abgeschlossenes Bachelorstudium in zwei einschlägigen Fächern, das heißt jeweils 40 ECTS in zwei der Fächer, die den Studiengang gemeinsam gestalten: Kunstgeschichte, Geschichte, Museologie oder in einem verwandten Fach aus den Altertumswissenschaften oder den Ethnografien." Deshalb könne man in diesem Falle nicht von einem Quereinstieg sprechen, sondern vielmehr von einer Spezialisierung, Ergänzung und interdisziplinären Auffächerung. „Die Studierenden müssen historisch-quellenkundliche, kunsthistorische und/oder museumswissenschaftliche Vorkenntnisse mitbringen. Mit diesen Kenntnissen sollen sie sich weiterqualifizieren."

Bislang meist Quereinstieg

Betrachtet man die letzten 20 Jahre seit der Washingtoner Erklärung, ist allerdings eher ein Quereinstieg ins Feld der Provenienzforschung die Regel, da es bis vor kurzem gar keine spezifischen Studiengänge dazu gab. Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Provenienzforschung interdisziplinär gestaltet und noch relativ jung ist.

„Methodisch und fachlich ist die Provenienzforschung mit den Disziplinen Kunstgeschichte und Geschichte eng verbunden", sagt Nikola Doll. „Abhängig vom konkreten Arbeitsfeld – Museum, Restaurierung, Kunsthandel, Rechtsprechung und Strafverfolgung oder Politik – können juristische oder materialtechnische Kenntnisse von Vorteil sein."

Gerade diese Vielfältigkeit lässt die Provenienzforschung als Arbeitsfeld zugänglich und interessant erscheinen, da man aus vielen Bereichen nützliche Expertise mitbringen kann. Nikola Doll empfiehlt ein Praktikum schon während des Studiums, um anschließend ein Volontariat in einem Museum zu erhalten.

Wichtigste Aufgabe: Zusammenhänge hinterfragen

Dr. Monika Löscher ist Provenienzforscherin am Kunsthistorischen Museum Wien. In Österreich gibt es bislang keine auf Provenienzforschung spezialisierten Lehrstühle, und ein Quereinstieg ist die einzige Möglichkeit: „In diesem Sinne sind wir alle, die in der Provenienzforschung arbeiten, ,Quereinsteiger', entweder aus dem Bereich Geschichte oder Kunstgeschichte." Sie selbst hat Geschichte und Romanistik studiert, bevor sie zur Provenienzforschung kam.

Doch welche Kenntnisse, Qualifikationen und welches Vorwissen sollte man für eine Tätigkeit in der Provenienzforschung mitbringen? „Die Fähigkeit, selbstständig zu forschen, historische Zusammenhänge im Einzelfall zu erkennen und prüfend zu hinterfragen, eine Aufmerksamkeit für Nuancen, geistige Beweglichkeit und Ausdauer, Fremdsprachenkenntnisse", sind laut Nikola Doll für die Provenienzforschung nötig. Außerdem: „Eine solide wissenschaftliche Ausbildung, Kenntnisse der Fachgeschichte und methodische Kenntnisse der Kunstgeschichte oder beispielsweise der Ethnologie sowie Erfahrung im Umgang mit Primärquellen."

Auch an Monika Löschers Aufgabenbereich lässt sich ablesen, wie verschieden und reichhaltig die eigene Vorbildung und wie stark die Bereitschaft zur Weiterbildung sein sollte, um in der Provenienzforschung zu arbeiten. Die Expertin ist am Kunsthistorischen Museum Wien zuständig für die „systematische Durchsicht aller Erwerbungen in allen Sammlungen des Kunsthistorischen Museums", worunter die Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Antikensammlung, Bibliothek, Gemäldegalerie, Hofjagd- und Rüstkammer, Kunstkammer inklusive Schatzkammern, Münzkabinett, Sammlung alter Musikinstrumente, Wagenburg und Monturdepot fallen. Zum Teil beschäftigt sie sich auch mit der Hausgeschichte und dem Hintergrund der Bergungen.

Schwerpunkte: Gemälde, Kunstgewerbe, materielle Kultur

Auch Susanne Müller-Bechtel beschreibt die vielseitigen Interessen, Qualifikationen und Talente, die Menschen mitbringen sollten, um in der Provenienzforschung erfolgreich zu arbeiten: „Sie brauchen Fachkenntnisse zu ihrem Bereich. Es macht einen Unterschied, ob es sich um Gemälde, Kunstgewerbe oder Ethnografica, materielle Kultur, handelt. Nicht unbedingt wegen der Objekte selbst, sondern weil die Objektbiographien unterschiedlich verlaufen können, weil diese mit verschiedenen Unrechtskontexten verbunden sein können. Hier ist auch das allgemeine museologische Wissen zu Objekten und Objektbiographien generell zu nennen."

Auch sei es, so Susanne Müller-Bechtel, unerlässlich, „historisches Wissen und Verständnis für historische Vorgänge mitzubringen, um Objekte den entsprechenden Kontexten zuordnen zu können". Ein weiterer Punkt sei die Bereitschaft, mit Archivalien zu arbeiten, wofür einerseits Sprachkenntnisse nützlich sind und andererseits auch die Fähigkeit, historische Schriften lesen und transkribieren zu können. Außerdem sei es nützlich, wenn man sich schnell in neue Kontexte einarbeiten könne und diplomatisches Geschick mitbringe, da eine produktive Kommunikation untereinander und zwischen den verschiedenen Parteien nötig sei.

„Austausch das A und O"

Auf die Frage, wie viel Zeit sie für die eigene Weiterbildung verwendet, antwortet Nikola Doll vom Kunstmuseum Bern: „So viel Zeit wie möglich. Gerade in den letzten zehn Jahren sind viele Publikationen zu relevanten Themen erschienen. Auf die Grundlagenwerke zu NS-Raubkunst folgten Studien zu Sammlern und Sammlungen, zum Kunstmarkt oder einzelnen Kunsthandlungen. Rezente Forschungen behandeln neue Fragestellungen und erschließen andere Quellen oder kommen zu anderen Wertungen. Für die Erforschung eines einzelnen Werks können sich also mitunter wichtige Hinweise ergeben."

Außerdem betont sie die Vernetzung und den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, „ob informell, auf Tagungen oder bei Treffen des Arbeitskreises für Provenienzforschung". Zwar hat das Kunstmuseum Bern eine eigenständige Abteilung für Provenienzforschung eingerichtet, doch der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Abteilungen ist für Nikola Doll unabdingbar: „Die Provenienzforschung betrifft beispielsweise die Belange der Sammlungsleiter oder bedarf der Kenntnisse der Restauratoren. Bei der Darstellung einzelner Provenienzen oder sammlungshistorischer Erkenntnisse sind mitunter kuratorische Erfahrungen und die Zusammenarbeit mit Kunstvermittlern gefragt. Seit Beginn des Jahres arbeiten wir gemeinsam mit den Restauratoren an einem Werkkonvolut aus dem ‚Kunstfund Gurlitt'. Die materialtechnischen Analysen der Restauratoren helfen uns, Provenienzmerkmale am Werk zu identifizieren und ergänzen die historische Quellenrecherche.

 Auch Monika Löscher besucht innerhalb der Kommission für Provenienzforschung monatliche Treffen und nimmt an regelmäßigen Treffen des Arbeitskreises für Provenienzforschung teil. Und auch für Susanne Müller-Bechtel ist der Austausch maßgeblich: „Austausch ist das A und O, dafür gründete sich auch der Arbeitskreis Provenienzforschung. Im Zusammenhang mit dem Würzburger Studiengang wächst das Netzwerk stetig an: Referentinnen und Referenten in der Ringvorlesung, Dozentinnen und Dozenten für Lehraufträge, die in der Praxis tätig sind. Mit jedem Kontakt lernt man Neues kennen."

Weit verbreitet: Befristung oder Freiberuflichkeit

Der Verdienst im Bereich der Provenienzforschung ist meistens nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes (TVöD) oder dem Tarifvertrag der Länder (TV-L) geregelt. Bei Monika Löscher vom Kunsthistorischen Museum Wien ist die Bezahlung nach dem Kollektivvertrag des Kunsthistorischen Museums gestaltet, ihre Verträge sind auf drei Jahre befristet. Oft arbeiten Provenienzforscherinnen und -forscher freiberuflich oder an Museen mit befristeten, projektgebundenen Verträgen. Im Kunsthandel wiederum finden sich oftmals unbefristete Stellen, zum Beispiel bei Auktionshäusern.

Die Stellenausschreibungen wiederum lassen sich zum einen im Bereich 3 des WILA Arbeitsmarkt finden – oder aber über die einschlägigen Stellenportale, zum Beispiel beim Verband deutscher Kunsthistoriker, über die Webseite arthist.net oder auf den Websites des deutschen, österreichischen oder Schweizer Museumsbundes.

Herkunft einer Herero-Kopfhaut

Da sich die Provenienzforschung weiterentwickelt und mittlerweile auch viele andere Unrechtskontexte neben der Zeit des NS-Regimes bearbeitet werden, kann man davon ausgehen, dass künftig mehr Lehrstühle mit Spezialisierungen und auch mehr Stellen geschaffen werden, um „beispielsweise Objekte aus den Kolonien in ethnografischen Sammlungen, darunter auch menschliche Überreste" adäquat behandeln zu können, so Susanne Müller-Bechtel. Gerade für diese Aufgaben sollte man Feingespür und Ausdauer mitbringen, da der Weg zur rechtmäßigen Rückgabe oder einer anderen fairen Lösung lang sein kann.

Dies bezeugt zum Beispiel die 2016 erschienene Monografie „Haut, Haar und Knochen. Koloniale Spuren in naturkundlichen Sammlungen der Universität Jena" von der Ethnologin Larissa Förster und Dr. Holger Stoecker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. In dem Buch geht es um die Geschichte einer anderthalbjährigen Provenienzforschung zu der „Kopfhaut eines Herero", deren Herkunft trotz intensiver Studien nicht geklärt werden konnte.

Aktuelle Stellen

Trotz der neuen Arbeitsstellen, unter anderem eben im Bereich der „Human Remains", warnt Susanne Müller-Bechtel, dass viele der Stellen befristet und an Drittmittel gebunden seien: „Im Moment boomt der Markt, aber es bleibt ein unsicheres Feld." Das lässt sich auch den ausgeschriebenen Stellen ablesen. Das Linden-Museum Stuttgart beispielsweise suchte vor kurzem für ein auf drei Jahre beschränktes Forschungsprojekt eine oder einen Provenienzforscher/in.

Erwartet wurde ein abgeschlossenes Studium im Bereich der Geschichte oder Ethnologie. Außerdem wurden praktische Erfahrungen in der Archivarbeit und der Provenienzrecherche, im Umgang mit Museumsobjekten sowie Sütterlin- und Englischkenntnisse gefordert. Man braucht also viel Vorwissen, Können und Erfahrung – was erneut zeigt, dass kein Weg an Praktika und einem Volontariat vorbeiführt. Vergütet wird die Stelle nach der Entgeltgruppe 13-TVL (Tarifvertrag der Länder), was auf Stufe 1 einem Bruttolohn von etwa 3672 Euro entspricht, der je nach Berufserfahrung von Stufe zu Stufe gestaffelt ist.

Weit unter diesem liegt das Gehalt bei einer derzeit ausgeschriebenen Stelle des Bundesamts für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen. Ein/e Sachbearbeiter/in in der Provenienzforschung soll hier auf der Stufe von E-9b (TVöD) beschäftigt werden, was in etwa 2711 Euro brutto entspricht. Auch hier sind die Anforderungen relativ hoch: Man solle einen Bachelor- oder FH-Abschluss, vorzugsweise im Bereich Kultur- oder Informations-/Dokumentationswissenschaften oder Kunstgeschichte vorweisen können.

Gewünscht sind außerdem Kenntnisse der Gesetze von 1933 bis 1945 und Wissen über vorhandene Archivbestände aus der NS-Zeit beziehungsweise der Nachkriegsbestände zur Wiedergutmachung. Ergänzend wird Basiswissen im Bereich der Kunstgeschichte und der Wissenschaft an sich gefordert. Zu den zu leistenden Aufgaben zählen die Provenienzermittlungen zu bundeseigenen Kulturgütern aus dem ehemaligen Reichsbesitz, die Aktualisierung und Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in der Online-Provenienzdatenbank des Bundes sowie die Pflege der Datenbank LostArt. Ein Gespür für digitale Datenbanken sollte man also zusätzlich mitbringen.

Erhitzte Debatten: der Fall Savoy

Wie drastisch Debatten um die Provenienzforschung mitunter ablaufen, zeigte vor kurzem der Fall von Bénédicte Savoy. Die Kunsthistorikerin trat 2017 öffentlichkeitswirksam aus der Expertenkommission des Berliner Humboldt-Forums aus, das in naher Zukunft die ethnologischen und asiatischen Sammlungen der Staatlichen Museen in Berlin zeigen soll. Savoy begründete ihren Rücktritt mit einer zu geringen Verbindung von Sammlung und Wissenschaft sowie mangelhafter Provenienzforschung. „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl", sagte sie 2017 dem Tagesspiegel – und meinte damit, dass 300 Jahre Raubkunst, unrechtmäßiger Besitz aus den Kolonien und vieles mehr im Humboldt-Forum unreflektiert unter einer Decke begraben würden.

Die drei Gründungsintendanten des Projekts, darunter der renommierte Kunst- und Bildhistoriker Horst Bredekamp, wiesen die Vorwürfe zurück und bezeichneten die Provenienzforschung als „DNA" des Humboldt Forums. Der Konflikt macht deutlich, wie umstritten die Provenienzforschung nach wie vor ist. „Bénédicte Savoy hat den wunden Punkt jahrelanger Planungen getroffen", sagt Nikola Doll.

Das Feld der Provenienzforschung liegt also im Trend. Trotzdem sollte man den Einstieg nicht unterschätzen, da viel Vorwissen, Können und Expertise in Bereichen gefordert werden, die zum Teil – wie eben digitale Datenbanken – nicht direkt etwas mit Geschichte oder Kunstgeschichte zu tun haben. Die Anstellungsverhältnisse spiegeln die prekäre Situation vieler Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wider. Wer sich jedoch damit zufrieden gibt, alle paar Jahre den Standort und die Institution zu wechseln, oder das vielleicht sogar will, sollte nicht vor einem Praktikum oder später vor einem Volontariat oder einer Bewerbung auf eine Stelle zurückschrecken. Die Aufgaben sind vielschichtig und dienen einem mehr als sinnvollen Zweck: der Aufarbeitung von Unrecht bis hin zur Restitution als einer zumindest teilweisen Art von Wiedergutmachung.

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