Soziale Arbeit: Controlling statt Menschlichkeit?
Die Begegnung mit Menschen ist Kernelement der Sozialen Arbeit. Umso schlimmer, wenn dafür durch Fachkräftemangel und Sparmaßnahmen kaum noch Zeit bleibt (Foto: photocrew/Fotolia).

Soziale Arbeit: Controlling statt Menschlichkeit?

Soziale Berufe gehören zu den am schnellsten wachsenden Beschäftigungsbereichen. Trotzdem kommt es nur langsam zu Verbesserungen. Belastend sind vor allem die Arbeitsbedingungen.

Text: Christine Sommer-Guist

Was Menschen in der Sozialen Arbeit am meisten belastet, sind weniger spektakuläre Härtefälle wie Familiendramen und Kindesmisshandlungen, die in den Medien viel Beachtung finden. Es ist vor allem die mangelnde Anerkennung ihrer Leistung durch Gesellschaft und Arbeitgeber.

Hinzu kommen viele befristete Arbeitsverträge und eine mangelhafte Bezahlung. Die ist oft so schlecht, dass Menschen in Sozialen Berufen sich ebenso mit Existenzängsten auseinandersetzen müssen wie viele ihrer „Schützlinge". Zu diesem Schluss kommt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einer aktuellen Studie zu den Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit.

In Krisen richtig reagieren?
Geht nur mit Ressourcen!

Besonders gut fasst die Studie die Mehrfachbelastungen der Sozialen Berufe zusammen: „Hier geht es zum Beispiel um den Umgang mit Nähe und Distanz, der Anforderung, unter Bedingungen der Ungewissheit Entscheidungen zu treffen, das Verhältnis von Unterstützung und Eigenverantwortung und so weiter. Solche Anforderungen sind konstitutiv für die Soziale Arbeit und erfordern spezifische organisationale Rahmenbedingungen, die den Fachkräften einen angemessenen Umgang damit ermöglichen. Während es unvermeidbar ist, als Sozialarbeiter/in mit krisenhaften Situationen menschlichen Daseins konfrontiert zu werden, lassen sich die Bedingungen der Bearbeitung wie die Verfügbarkeit von Zeit- und Materialressourcen, das Vorhandensein von Reflexionsräumen, Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung oder die Anzahl der zu bearbeitenden Fälle steuern."

Leider funktioniert diese Steuerung nicht besonders gut. Überall scheint jeder und alles im Aufbruch zu sein. Von der „New Economy" über das „Web 2.0" zur „Industrie 4.0": Wandel und Modernisierung, wo man nur hinschaut. Nur in der Sozialen Arbeit scheint alles beim Alten zu bleiben.

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Die Berufe sind zwar vielfältig und wachsen mit der Gesellschaft und ihren Ansprüchen. Was aber seit Jahren und Jahrzehnten unverändert bleibt: Sie sind „weiblich" und auch aus diesem Grund überwiegend schlecht bezahlt. Das wiederum führt zu Personal- und Fachkräftemangel, was die Arbeitssituationen und Problematik weiter verschärft.

Der Staat und die großen Wohlfahrtsverbände als größte Arbeitgeber der Branche wissen das, aber Lösungen für das Problem sind nicht in Sicht. Diese bittere Wahrheit bringt der Spruch, der Anfang des Jahres in den Sozialen Medien viral ging, auf den Punkt: „In der Pflege fehlen 36.000 Stellen. Die Regierung verspricht 8.000. Mit anderen Worten: Es fehlen 36.000 Pfleger und 1 Mathematiker."

Das Gefühl: „Ich bin hier richtig"

Johannes M. arbeitet in einer Wohngruppe für Jugendliche. „Wenn ich einem Jugendlichen, der sich die Arme vom Handgelenk bis zur Schulter geritzt hat, dabei helfe, sich erst mir und dann Ärzten anzuvertrauen, wenn ich ihm einen Ausweg aus seinem Schmerz zeigen kann, dann weiß ich, dass ich genau hier, in diesem Beruf, richtig bin", erzählt er. „Das ist anstrengend. Und oft sind meine Tage sehr ermüdend und Erlebnisse aus Sicht anderer Berufe wahrscheinlich auch schockierend, aber ich habe schon an der Uni gelernt, damit umzugehen. Ich wusste, was Soziale Arbeit bedeutet und was sie leisten kann. Heute weiß ich zudem, wie wichtig sie ist, weil sie das Leben der Menschen verbessert, mit denen ich arbeite."

Der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena zufolge wird die Branche auch in Zukunft wichtig bleiben: „Die Soziale Arbeit gehört seit den 60er Jahren zu den wachstumsstärksten Beschäftigungsbereichen in der Bundesrepublik. Auch wenn im Rahmen der ‚Grenzen des Sozialstaats' für die Zukunft nicht mehr mit vergleichbaren Wachstumsquoten zu rechnen ist, ist die Soziale Arbeit auch künftig angesichts von sozialem Wandel, sozialen Problemen und dem daraus entstehenden gesellschaftlichen und sozialpolitischen Steuerungsbedarf ein sicheres und attraktives Berufsfeld. Insbesondere in Ostdeutschland befinden sich die sozialen Dienste nach wie vor in einem Aufbau- und Umstrukturierungsprozess."

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Soziale Arbeit ist also ein sicheres, zukunftsträchtiges Betätigungsfeld, das vor allem von öffentlichen, also staatlichen, und freien Trägern wie Kirchen und Vereinen bezahlt wird. Auch Johannes M. arbeitet für einen kirchlichen Träger, und über zu wenig Arbeit kann er sich in der Tat nicht beklagen. Überall in seinem Umfeld werden fähige Arbeitskräfte dringend gesucht – und nur schwer gefunden.

„Das liegt an den Bedingungen, unter denen wir arbeiten", ist sich Johannes M. sicher. „Wir sind oft unterbesetzt, fahren viele Nachtschichten, sammeln Überstunden. Das macht viele anfällig für Krankheiten, was für die Gesunden noch mehr Stress und Arbeit bedeutet."

Effizienz statt Fürsorge

Die DGB-Studie führt drei Punkte an, die für die Menschen in Sozialen Berufen besonders schwierig und belastend sind: der Abbau des Wohlfahrtsstaates, Controlling sowie die psychischen Belastungen der Sozialarbeitenden.

Der „Abbau des Wohlfahrtsstaates", von dem seit etwa 30 Jahren die Rede sei, führt laut DGB zu einer starken Verunsicherung bei den Menschen, die im sozialen Sektor arbeiten. In seiner Studie kommt der Gewerkschaftsbund zu dem Ergebnis, dass viele ihre Jobs in Gefahr sehen und sich in ihrer beruflichen Existenz bedroht fühlen.

Der Staat fordert als Geldgeber sozialer Projekte außerdem immer mehr Nachweise darüber, wie das Geld eingesetzt wurde und ob die bezahlten Maßnahmen wirkungsvoll waren. Controlling in der Sozialen Arbeit führt aber dazu, dass die Arbeit selbst, die Leistung der Menschen, kritisch – im Sinne von wenig effizient – gesehen wird. „Der damit verbundene Legitimationsdruck schafft ein Arbeitsklima der Kontrolle, das Sozialarbeiter/innen in der Auseinandersetzung mit den beruflichen Herausforderungen eher zusätzlich belastet als unterstützt", fasst der DGB zusammen. Diese Belastungen führen zu einem hohen Krankenstand bei den Sozialen Berufen: „Nicht zuletzt macht der hohe Anteil an Erkrankungen in den Sozialen Berufen, die auf psychische Belastungen zurückgeführt werden können, darauf aufmerksam, dass schon in der organisatorischen und strukturellen Rahmung Sozialer Arbeit Veränderungen notwendig sind", ist der DGB überzeugt.

Sozial Arbeitende erleben laut DGB zudem mehr als doppelt so oft Konflikte mit Klientinnen und Klienten, Patientinnen und Patienten sowie Kundinnen und Kunden wie andere Berufstätige. Das erleben die meisten aber nicht als als stark belastend. Im Schnitt geben lediglich 30 Prozent der Befragten an, dass sie unter den Streitigkeiten leiden – und liegen damit nur zehn Prozentpunkte über den Angaben der Befragten anderer Berufe. Der DGB interpretiert das als „größere Gelassenheit im Umgang mit Konflikten". Man könnte aber auch die gute Ausbildung für den professionellen Umgang mit Stresssituationen dafür verantwortlich zeichnen.

Als besonders positiv erlebt eine überwiegende Mehrheit der Befragten in Sozialen Berufen – im Schnitt mehr als 70 Prozent –, dass sie ihre Arbeit selbstständig planen und einteilen können. Diese Autonomie und Selbstbestimmung ist ein wichtiger Index für das DGB-Ziel „Gute Arbeit". Und weitaus mehr als 80 Prozent sehen in ihrer Arbeit einen Sinn, der sie ihre Arbeit als wichtig und gut bewerten lässt.

Wenn der Beruf krank macht

„Ich weiß, wie wichtig meine Arbeit ist und dass ich gebraucht werde, belastet mich nicht. Im Gegenteil – in absoluten Katastrophensituationen wachse ich oft über mich hinaus und bin so präsent, dass ich perfekt funktioniere und ebenso schnell wie effektiv Lösungen herbeiführe, egal, wie lange ich gebraucht werde", erzählt Johannes M. aus seinem Berufsalltag in der Jugendwohngruppe. „Wenn sich wieder alles entspannt, falle ich in eine Art ‚Koma'. Allerdings nur, wenn Zeit dafür ist. Und das ist sie meist nicht."

Kaum Zeit zum Regenerieren: Das ist nur einer der Gründe, warum Beschäftigte in den Sozialen Berufen überdurchschnittlich oft krank werden. Das bestätigt Prof. Dr. Thomas Heidenreich von der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Esslingen und warnt: „Viele Arbeitsplätze in Sozialer Arbeit und Pflege weisen ein Risikoprofil auf."

Das Mit-Leiden kann zum Burnout führen

Grund dafür sind seiner Meinung nach Belastungen durch langanhaltende Kontakte zu Klientinnen und Klienten, die zum Fehlen von schützender Distanz führen können, zu einem „Mit-Leiden".Das erhöht wiederum die Anforderungen an die eigene Persönlichkeit – Stärke zeigen und Vorbild sein – enorm. Zu diesen hohen Verausgabungen kämen die niedrige Entlohnung, schlechte Arbeitsbedingungen wie Unterbesetzung, Schichtdienste, fehlende Ausgleichsmöglichkeiten zu Stress und in der Folge Arbeitsüberforderung, die nicht selten zu Burnout, Depressionen und Angststörungen führen.

Und in der Tat: Sozialpädagog/innen, Sozialarbeiter/innen und Lehrer/innen gehören zu den Berufsgruppen, die am häufigsten die Diagnose Burnout erhalten. Professor Heidenreich rät allen Arbeitgebern dringend zu einem Gesundheitsmanagement – einem planvollen Vorgehen, das negative Belastungen verringern und die Potentiale und Ressourcen für die Beschäftigten stärken soll.

Auch Stressquellen müssten reduziert werden: Arbeitsabläufe umgestaltet, Handlungsspielräume für die Mitarbeiter/innen erweitert, Kommunikation und Feedback im Team verbessert sowie Möglichkeiten zu Weiterbildungen und Qualifikationen optimiert werden. Diese Strategien müssten Arbeitgeber verfolgen und gleichzeitig individuell auf alle Beschäftigten eingehen.

Das Team hilft sich selbst

Ob es daran liegt, dass Angestellte in Sozialen Berufen von ihren Arbeitgebern wenig Hilfe erwarten oder ob es schlichtweg ihre Expertise ist: Die Menschen in Sozialen Berufen helfen sich selbst offenbar am besten. Laut der Studie „Berufliches Belastungserleben in der Sozialarbeit", veröffentlicht in „Budrich Journals – Diskurs Kindheits- und Jugendforschung", ist soziale Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen besonders hilfreich; sie gilt sogar als „präventiver Faktor gegen Burnout".

Die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen aber noch mehr: Die sozial Arbeitenden bräuchten zudem Mentoren-Systeme, Unterstützung durch Vorgesetzte sowie von außenstehenden Fachleuten, um die Arbeit samt ihren internen wie externen Anforderungen bewältigen zu können und gesund zu bleiben. So eine Hilfe ist die Supervision. Sie werden ausgeführt von Menschen, die aus demselben Berufsfeld kommen, aber dennoch auf schwere Fälle oder eigene Problematiken einen Blick von außen haben. So können Supervisionen sehr viel dazu beitragen, dass Beschäftigte – und damit auch ihre Klientinnen und Klienten – Stress und Belastungen besser bewältigen.

Arbeitgeber sind dazu verpflichtet, ihre Beschäftigten zu schützen, indem sie ihnen ein sicheres Arbeitsumfeld bieten. Die Studentin Ester Alicia von der Universität Heidelberg schreibt in einer Arbeit zum Thema: „Durch das Arbeitsschutzgesetz sind Arbeitgeber in der Pflicht, die mit der Arbeit der Beschäftigten verbundenen Gefahren durch eine Beurteilung zu ermitteln und erforderliche Maßnahmen einzuleiten. Jeder Arbeitnehmer hat das Recht auf sichere Arbeitsbedingungen und eine sichere Arbeitsumgebung zum Schutz seiner Gesundheit. Dieses Gesetz ist unabhängig von der Größe des Unternehmens, es muss durch eine Gefährdungsbeurteilung nach §5 und §6 des Arbeitsschutzgesetzes durch den Arbeitgeber oder anderes Fachpersonal sichergestellt und schriftlich dokumentiert werden. Diese Bedingungen gelten nicht nur für Gefahrgüter und Schwerlasten im Industrie- oder Baugewerbe, sondern auch für psychische Belastungen in der Sozialen Arbeit."

Belastung als Teufelskreis

Vom Gesetz her ist also alles klar geregelt. In der Praxis gibt es aber noch sehr viel, was davon weit entfernt ist. Laut einer Studie der BKK-Diakonie wünschen sich Angestellte in der Pflege von ihren Arbeitgebern: mehr Zeit für Patientinnen und Patienten, mehr Wertschätzung und Anerkennung, bessere Aus- und Weiterbildung, mehr Personal und ein besseres Einkommen.

Die Wünsche von Beschäftigten in der Sozialen Arbeit sind vermutlich ähnlich. Die Arbeitgeber hingegen sind konfrontiert mit dem Problem, dass sie zu wenig Geld für ihre Angebote bekommen und somit die Budgets für ihre Angestellten nicht erhöhen können. Das führt zu einem Teufelskreis, in dem immer weniger und immer älter werdende Belegschaften zu viel Arbeit und das unter psychisch anspruchsvollen Bedingungen leisten müssen.

Der Fachkräftemangel erhöht den Stress für die Angestellten massiv, lässt sie krank werden, „ausbrennen". Das Wissen darum ist in der Gesellschaft angekommen, und immer weniger ihrer Mitglieder können sich vorstellen, einen sozialen Beruf zu ergreifen – was wiederum den Fachkräftemangel verschärft und die Belastung bei den Beschäftigten erhöht.

Die BKK-Diakonie ist sich sicher: In den Sozialen Berufen müssen Strukturen geschaffen und Unternehmenskulturen so verändert werden, dass eine kollegiale Beratung zum Standard wird, dass bei Bedarf externe Beratung durch Coaches und Supervision geleistet wird und die Führungskräfte so geschult werden, dass sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen können.

Dazu gehört: ein Bewusstsein für die Belastungen der Mitarbeitenden schaffen, Wertschätzung und Offenheit in der Führung, Möglichkeiten bieten, bei denen alle Belastungen und Probleme vertrauensvoll thematisiert werden können, ein gutes Team schaffen. Nur so haben Menschen, die sich beruflich verpflichten, anderen zu helfen, genug Kraft, das effektiv zu tun und dabei selbst nicht auf der Strecke zu bleiben.

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