Digitalisierung: Jobfresser oder Innovator?
In den meisten Berufsfeldern sind digitale Tools schon heute eine große Hilfe. Trotzdem kommt die Künstliche Intelligenz noch schnell an ihre Grenzen (Foto: Gorodenkoff/Fotolia).

Digitalisierung: Jobfresser oder Innovator?

Fallen durch neue Technologien Millionen Jobs weg? Nein, sagt der Ökonom Steffen Lange, und warnt vor Panikmache: Grüne Fachkräfte seien für den Wandel der Arbeitswelt gut aufgestellt.

Interview: Herbert Klemisch

Steffen Lange (Foto: privat) ist Ökonom am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und beschäftigt sich dort mit dem Zusammenhang zwischen Digitalisierung, Wachstum und Ökologie. Gemeinsam mit Tilman Santarius hat er das Buch "Smarte grüne Welt?" geschrieben.

WILA Arbeitsmarkt: Eine häufig zitierte US-Studie prognostiziert, dass 47 Prozent der Jobs durch Computer und Roboter ersetzt werden können. Für Deutschland wird mit 42 Prozent gerechnet. Sind Ihrer Meinung nach tatsächlich Millionen von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung gefährdet?
Steffen Lange: Hier handelt es sich teilweise um Panikmache. Die Szenarien von Frey und Osborne und ihre Übertragung auf Deutschland sagen zu Recht, dass viele Arbeitsplätze rationalisiert werden können. Ihre Aussagen wurden im öffentlichen Diskurs aber häufig überinterpretiert. Die Studie sagt nur aus, dass in 20 Jahren über 40 Prozent der derzeitigen Arbeitsplätze nicht mehr existieren könnten. Das sagt aber nichts darüber aus, wie viele Stellen anderweitig bis dahin entstanden sind.

"Diesmal betrifft die Rationalisierung andere Gruppen, auch kognitive Jobs."

Richtig scheint: Es werden viele Arbeitsplätze durch Rationalisierung wegfallen, und sie betrifft diesmal andere Gruppen als in früheren Phasen der Rationalisierung, das heißt, auch kognitive Jobs. Ein gutes Beispiel ist hier der Banken- und Versicherungssektor. Hier sind vor allem Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter mit einem hohen Anteil von Routinetätigkeiten betroffen.

Sie sprechen in Ihrem Buch von der „Rückkehr der Diener“. Lässt sich schon absehen, wer die Gewinner und wer die Verlierer der Digitalisierung sein werden?
Die „Rückkehr der Diener“ ergibt sich aus der Analyse, wer gewinnt und wer verliert. Dabei sind zwei zentrale Tendenzen zu beachten. Erstens wird der Besitz von Geldkapital als Eigentum wichtiger als der Besitz von Arbeit. Die Bedeutung des Lohneinkommens ist daher rückläufig. Digitalisierung, wie sie derzeit stattfindet, wird diesen Trend verstärken. Viele Jobs werden von Algorithmen übernommen, und ein größerer Teil des Kuchens landet bei den Besitzerinnen und Besitzern der entsprechenden Unternehmen.

"Menschen, die ihren Job verlieren, sind gezwungen, schlecht bezahlte Tätigkeiten zu übernehmen."

Zweitens werden vor allem hochqualifizierte Arbeitskräfte stärker nachgefragt, während Mittel- und Geringqualifizierte  öfter ihren Job verlieren. Dadurch gehen die Löhne ebenfalls auseinander. Insgesamt steigt damit die Einkommensungleichheit. Menschen, die ihren Job verlieren und kein Kapitaleinkommen haben, sind gezwungen, schlecht bezahlte Tätigkeiten zu übernehmen – daraus ergeben sich zunehmend prekär bezahlte Dienstleisterinnen und Dienstleister.

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Insbesondere in den USA bieten bereits heute Menschen, die ihren Job verloren haben, ihre Arbeitskraft für einfache Dienste an, und die Gutverdienenden benutzen diese Gruppen als Diener zum Putzen, Packet- und Essenausliefern, Wäsche abholen und gewaschen wieder bringen. Diese Entwicklung ist aus gesellschaftlicher Sicht sicher nicht wünschenswert, und insbesondere die Politik sollte hier gegensteuern.

Noch mal nachgefragt: Wo fallen Jobs weg und wo entstehen nach Ihren Erkenntnissen Beschäftigung und neue Berufe?
In Deutschland entstehen neue Jobs für Ingenieurwissenschaftlerinnen und IT-Spezialisten vor allem im Exportsektor. Wo Jobs wegfallen, ist von Branche zu Branche sehr unterschiedlich. Generell gilt die Faustregel, je höher die Qualifikation, desto weniger gefährdet sind die Beschäftigten.

"Die Digitalisierung ist eine flächendeckende Entwicklung in allen Branchen."

Neue spezielle Berufe und Jobs mit Digitalisierungsexperten entstehen nach meiner Beobachtung nicht. Vielmehr handelt es sich um eine flächendeckende Entwicklung, die in allen Branchen Einzug hält. So ist der KFZ-Mechaniker mittlerweile kein „Schrauber“ mehr, sondern muss ein gehöriges Maß an Softwarekompetenz mitbringen.

Welchen Tipp würden sie jungen Akademikerinnen und Akademikern im Umweltbereich mit auf den Weg geben, um einen smarten grünen Job zu finden?
Hierzu möchte ich drei Hinweise geben: Erstens haben die meisten Naturwissenschaftler und Ingenieure schon im Studium eine relativ hohe Affinität zu Formen der Digitalisierung und werden von daher keine Probleme haben, einen adäquaten Job zu finden.

"Digitalisierungsaffine aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften haben große Chancen, in Start-ups unterzukommen."

Zweitens setzt sich aus den USA und Großbritannien kommend ein Trend zu MOOCs als Fortbildungsform durch. Dabei handelt es sich um online angebotene Vorlesungen oder Kurse, die größtenteils mit Zertifikaten abgeschlossen werden und die Berufszugänge erleichtern können.

Drittens hat die Zielgruppe von Digitalisierungsaffinen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften große Chancen in Start-ups unterzukommen. Vor allem Start-ups mit solidarischer und gemeinwohlorientierter Ausrichtung, aber auch NGOs suchen IT-Leute. Dort werden vielleicht nicht die Einstiegsgehälter von VW gezahlt, aber dafür kann man hier daran arbeiten, die Welt ein Stückchen gerechter zu machen.

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