History Marketing – zwischen Nostalgie und Verantwortung
Früher war alles besser? Traditionsreiche Unternehmen setzen ihre Firmengeschichte oft gezielt ein, um das Vertrauen von potentiellen Kundinnen und Kunden zu gewinnen (Foto: Clipdealer).

History Marketing – zwischen Nostalgie und Verantwortung

Unternehmen entdecken den Wert ihrer Firmengeschichte. Das eröffnet Historiker/innen und Archivar/innen interessante Einstiegsmöglichkeiten in die freie Wirtschaft.

Interview: Jürgen Gauert

Inzwischen hat eine ganze Reihe von großen Unternehmen Abteilungen für History Marketing. Die dort eingestellten Historikerinnen und Historiker erforschen nicht nur die Firmengeschichte, sondern organisieren auch Ausstellungen und verfassen Werbematerial.

Was man für diese Tätigkeit können muss, weiß Prof. Dr. Christiane Gundermann (Foto: privat). Sie hat Geschichte und Ethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert. Von 2008 bis 2013 koordinierte sie den Masterstudiengang Public History an der Freien Universität Berlin. Nach ihrer Promotion übernahm sie 2014 eine Junior-Professur für Public History an der Universität zu Köln und ist dort verantwortlich für den Kölner Masterstudiengang Public History.

WILA Arbeitsmarkt: Gibt es einen Unterschied zwischen History Marketing und Public History?
Christine Gundermann: Als Public History bezeichnen wir eine Studienrichtung, die aus den USA stammt und dort in den späten 1970er-Jahren entwickelt wurde. Da machten sich Menschen im grassroots movement auf den Weg, die ihre eigene Geschichte in der gängigen Geschichtsschreibung nicht repräsentiert sahen, und forschten selber nach. Unter anderem hat dort zum Beispiel die amerikanische Frauenbewegung ihre eigene Geschichte aufgearbeitet.

"Public History dient als Brücke zwischen Universität und zukünftigen Tätigkeitsfeldern jenseits von Schule und Universität."

Heute dient die Public History als Erforschung von unterschiedlichen Formen der öffentlichen Geschichtsvermittlung und ihrer Auswirkungen, aber auch als Brücke zwischen Universität und zukünftigen Tätigkeitsfeldern jenseits von Schule und Universität. History Marketing ist dabei von Anfang an ein sekundäres Berufsfeld gewesen.

Ist es möglich, nach dem Studium von Public History ins History Marketing einzusteigen?
Dem steht nichts im Wege. Ein Feld, das mit dem History Marketing sehr eng verbunden ist, ist die Unternehmensgeschichte, was aber auch immer ein wenig beargwöhnt wurde. Geschichte als Auftragsarbeit geht auch immer von der Frage aus, wie man als Historikerin oder Historiker mit schwierigen und belastenden Kapiteln der Firmengeschichte umgeht.

"Um eine Aufgabe im History Marketing systematisch betreuen zu können, braucht man ökonomisches Verständnis."

Und History Marketing unterscheidet sich relativ klar von der Public History, weil man dazu auch ganz bestimmte Theorien über Wirtschaftsgeschichte kennen muss. Es braucht auch ökonomisches Verständnis, um eine Aufgabe im History Marketing systematisch betreuen zu können, und das bedeutet fast immer, dass dort Beschäftigte über die Geschichtswissenschaft hinaus denken müssen.

Was braucht man noch für den beruflichen Einstieg ins History Marketing?
Ich glaube, dass Historikerinnen und Historiker, die sich nicht auf eine akademische oder schulische Laufbahn vorbereiten wollen, dafür gut geeignet sind, weil sie das können, was andere nicht können. Sie können forschen. Sie können sich sehr gut in Thesen und Fragen eindenken, um so überhaupt Geschichte professionell zu schreiben.

Aber um daraus ein ökonomisches Produkt zu machen, brauchen sie ein wenig Back-up, und das erhalten sie, wenn sie sich die Arbeit von Geschichtsagenturen ansehen. Die sind in allen Public-History-Studiengängen ganz wichtige Partner, die etwa bei uns als Dozentinnen und Dozenten Praxis-Seminare leiten und als Diskussionspartner zur Verfügung stehen. Durch diesen Austausch von Praxis und Forschung entstehen die notwendigen Voraussetzungen für einen Einstieg in History Marketing.

  • Infodienst-Trainee-StellenDer Artikel ist im Infodienst WILA Arbeitsmarkt erschienen. Jede Woche werden dort mehrere hundert Stellen speziell für Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen - zusammengestellt.
  • Die Abonnentinnen und Abonnenten erhalten so einen Überblick über den aktuellen Stellenmarkt, bleiben bei der Jobsuche am Ball - und kommen auch auf Jobs, nach denen sie gar nicht gesucht hätten.
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In Köln können Master-Studierende ein halbes Jahr ein Praktikum machen, was unglaublich wertvoll ist, um das erst einmal auszutesten und sich in anderen Feldern zu bewegen. Jenseits dieser Praxiserfahrungen muss die Forschung erkunden, wie solch eine Arbeit im History Marketing eigentlich funktioniert, auf welchen Prämissen sie beruht und wie solche Geschichtsproduktionen gesellschaftliche Rezeptionen verändern.

Von unserer Seite ist die Public History nicht nur ein Studienfeld, das es ermöglicht, in bestimmte Arbeitsfelder einzusteigen, seien es Geschichtsagenturen, Museen, Firmenarchive oder Gedenkstätten. Sie schließt auch ethische Fragen an diese Arbeit ein.

Welche Probleme gibt es im History Marketing bei der Aufarbeitung von brisanten Epochen in der Firmengeschichte?
In den 80er Jahren war die brisante Epoche sicherlich der Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus. Nachdem dieser dann in vielen Fällen von den Firmen aktiv angegangen und aufgearbeitet wurde, geht es heute vielleicht darum, wie die ersten sogenannten Gastarbeiter eingesetzt wurden, eventuell geht es um Geschichten, wie Umweltschutz betrieben oder wie mit Gewerkschaften umgegangen wurde.

"Firmen initiieren keine eigene Geschichtsschreibung, die zur Grundlage für juristische Prozesse werden könnte."

Eventuell geht es aber auch um ethisch-moralische Vorstellungen, die sich im Laufe der letzten 50 Jahren in unserer Gesellschaft geändert haben, das könnte zum Beispiel bei Pharmazieunternehmen ganz spannend sein. So ändert sich immer wieder das, was im History Marketing unter brisanten Fragen verstanden wird, wobei aber auch die juristischen Fragen zunächst einmal geklärt werden müssen. Firmen werden keine eigene Geschichtsschreibung initiieren, von der sie befürchten müssen, diese könne zur Grundlage für juristische Prozesse werden.

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