„Wir wollen faire Arbeitsbedingungen“
Viele Verlage bieten Volontariate an. Aber nicht alle garantieren eine gute Ausbildung (Foto: Drobot Dean/Fotolia).

„Wir wollen faire Arbeitsbedingungen“

Wie findet man ein gutes Verlagsvolontariat? Die Jungen Verlagsmenschen haben dafür ein Gütesiegel entwickelt. Sie machen sich für den Nachwuchs in der Branche stark.

Interview: Stefanie Schweizer

Bevor Selina Reimer (Foto: Falko Bürschinger) in der Werbeabteilung bei Kiepenheuer & Witsch anfing, war sie unter anderem im Frankfurter Eichborn Verlag tätig, der allerdings Insolvenz anmelden musste. Das war eine der Erfahrungen, die sie dazu brachte, bei den Jungen Verlagsmenschen aktiv zu werden. Seit rund dreieinhalb Jahren engagiert sich die studierte Germanistin jetzt schon in dem Verein der Buch- und Medienbranche für die Rechte des Nachwuchses.

WILA Arbeitsmarkt: Was sind die Jungen Verlagsmenschen und welche Position nehmen Sie dort ein?
Selina Reimer: Der Verein Junge Verlagsmenschen ist mit inzwischen über 800 Mitgliedern in 15 Städtegruppen aktiv. Wir bieten Young Professionals, Berufsanfängern und Studenten eine unabhängige Plattform, um sich auszutauschen, weiterzubilden und zu organisieren.

Seit einem Jahr bin ich als Schatzmeisterin im Vorstand, kümmere mich um die Finanzen und die Mitgliederverwaltung. Weiterhin bin ich verantwortlich für die Arbeitsgruppe Nachwuchsrechte, steuere die Zusammenarbeit mit ver.di und eins unserer derzeit wichtigsten Projekte: das Gütesiegel für Volontariate, das wir im März auf der Leipziger Buchmesse offiziell präsentiert haben.

"Wir wollen den Nachwuchs der Buchbranche vernetzen."

Welche Ziele verfolgen die Jungen Verlagsmenschen?
Wir wollen den Nachwuchs der Buchbranche vernetzen, um gemeinsam zu diskutieren, zu gestalten und die Branche zu verändern. Faire Arbeitsbedingungen, angemessene Gehälter und aktive Nachwuchsförderung gehören mittlerweile zu unseren festen Zielen.

Welche Probleme bringt das System „Volo“ mit sich?
Das Grundproblem beim Volontariat ist, dass es kein geschützter Begriff ist – jeder Verlag versteht darunter etwas anderes. Es gibt keine verlässlichen Standards, keine festen Orientierungspunkte, Ziele oder Inhalte.

Da es zudem auch keine tarifvertraglichen Regelungen für Volontariate in der Buchbranche gibt, stehen natürlich Tür und Tor offen, den eigentlichen Ausbildungscharakter des Volontariats zu unterwandern, indem man Volontäre zum Beispiel für Elternzeitvertretungen und somit als günstige Arbeitskräfte nutzt.

"Für viele ist die Arbeit in einem Verlag der Traumjob."

Warum gilt für Volontariate eigentlich nicht das Berufsbildungsgesetz, kurz BBiG?
Das hängt damit zusammen, dass es sich beim Volontariat um eine gewachsene Struktur handelt. Definiert man es als Ausbildungsverhältnis, müsste es inhaltlich streng genommen unter das BBiG fallen, findet aber derzeit dort keine Entsprechung. Für viele ist die Arbeit in einem Verlag der Traumjob, sodass sie manchmal zahlreiche, inakzeptable Bedingungen hinnehmen.

Die erfahrenen Mitarbeiter, die die Volontäre betreuen, führen häufig an: „Da mussten wir auch durch, als wir von der Uni kamen. Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ Dass es aber für die Strukturen in der Branche langfristig besser wäre, eine fundierte und verlässliche Volontariatsausbildung anzubieten, ist nicht überall präsent.

Braucht es tatsächlich immer ein Volontariat, um in der Verlagswelt Fuß zu fassen?
Das ist definitiv nicht der einzige Weg zum Verlagsjob. Ich selbst habe auch nie ein Volontariat gemacht. Aber ich hatte Glück, dass meine direkte Kollegin während meines Praktikums in der Abteilung in den Mutterschutz ging.

Als Studienabgänger hat man es ohne Volontariat sicherlich schwer, in die Branche hineinzukommen, da meist viele Bewerber auf wenige Stellen kommen und die Verlagspraxis ja auch irgendwo gesammelt werden muss. Daher bewerben sich dann doch viele auf ein Volontariat, auch wenn sie insgeheim wissen, dass die Ausbildung häufig nicht im Fokus steht.

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Inwiefern sind die Bewerbenden für die Verbesserung der Konditionen mitverantwortlich?
Verantwortlich ist ein starkes Wort – ich würde sie eher Opfer des Systems nennen. Da das Konkurrenzumfeld so stark ist, trauen sich viele einfach nicht, während ihres Volontariats Dinge einzufordern.

Zudem ist das auch eine Frage der Informationspolitik: Wenn ich nicht weiß, was ich verlangen kann, wie soll ich es dann einfordern? Wir stellen aber in Gesprächen immer wieder fest, dass es ein Umdenken innerhalb des Nachwuchses gibt. Viele suchen bei uns Rat, da sie ihre Arbeitsbedingungen durchaus kritisch reflektieren und gerne eine Verbesserung erreichen würden.

Welche Erwartungen stellen Sie an die Politik?
Im journalistischen Bereich gibt es bereits einen Tarifvertrag für Volontariate inklusive detailliertem Ausbildungsplan. Das wäre natürlich für Buchverlage gleichfalls erstrebenswert. Zudem wäre es aus meiner Sicht wichtig, die Lücke im Mindestlohngesetz in Bezug auf die Volontariate zu schließen.

"Wir wollen ein Bedürfnis bei der gesamten Branche wecken, das zu einem Umdecken führen kann."

Sie sprachen bereits kurz Gütesiegel für Volontariate. Wie kam es zu dieser Idee?
In der AG Nachwuchsrechte haben wir zunächst begonnen, mit zwei Umfragen zur Situation des Nachwuchses Zahlen und Fakten zu ermitteln. Dann haben wir eine Kampagne entwickelt, mit der wir unter dem Hashtag #andiearbeit auf die Missstände aufmerksam gemacht haben. Zudem haben wir eine beratende Kooperation mit ver.di vereinbart. So konnten wir Öffentlichkeit für das Thema generieren, hatten aber damit noch keinen Hebel, um an die Verlage direkt heranzutreten.

Aus diesem Bedürfnis heraus entstand die Idee, einen positiven Kommunikationsansatz zu wählen: Lasst uns doch die Verlage prämieren, die bereits ein gutes Volontariat bieten und so ein Bedürfnis bei der gesamten Branche wecken, das dann zu einem Umdenken führen kann.


Für welche konkreten Probleme soll das Gütesiegel Lösungen bieten?
Wir haben feste Kriterien entwickelt, die wir auch mit ver.di diskutiert haben, um eine gute Ausbildung im Rahmen des Volontariats zu ermöglichen: Von einem festen Ausbildungsplan, einem angemessenen Gehalt, dem Umgang mit Überstunden, über die Möglichkeit, eigenverantwortlich Projekte durchzuführen bis hin zum Betreuer, mit dem Feedbackgespräche geführt werden. Wir sind überzeugt, dass Volontariate, die unseren Kriterien entsprechen, erfolgreiche und solide ausgebildete Nachwuchskräfte hervorbringen.

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Welchen Mehrwert haben Verlage, sich der Prüfung für das Gütesiegel zu unterziehen?
Bereits bei der Einführung des Gütesiegels im Rahmen der Leipziger Buchmesse war zu spüren, dass die Aufmerksamkeit für das Thema in der Branche groß ist. Wer mit unserem Gütesiegel ausgezeichnet wird, erhält große Aufmerksamkeit und wird somit nicht nur für den Nachwuchs als Arbeitgeber interessant. Die Verlage erhalten von uns Logodateien, sodass sie die Gütesiegelprämierung auf ihren Websites und in den Stellenanzeigen zeigen können.

Nach welchen Faktoren werden Verlage für eine Auszeichnung geprüft?
Wir haben unseren Fragebogen in drei Bereiche gegliedert: Rahmenbedingungen, Ausbildungsinhalte sowie Organisation und Betreuung. Diese unterteilen sich wiederum in fakultative und obligatorische Kriterien.

Manche Faktoren sind für uns nicht verhandelbar, wie der Ausbildungsplan, das angemessene Gehalt oder das Angebot von internen und/oder externen Fortbildungen. Andere, wie die Hospitanz in anderen Abteilungen oder die Einrichtung eines Volontärsstammtischs, sind von uns als Anregungen an die Verlage gedacht, was zusätzlich für die Volontäre getan werden könnte. Den gesamten Fragebogen kann man auf unserer Website einsehen.

"Wir prüfen jeden Verlag individuell und können so auch auf kleinere Verlage eingehen."

Inwiefern berücksichtigt das Gütesiegel die Wirtschaftsstärke von kleinen Verlagen?
Uns ist wichtig, dass auch kleineren Verlagen das Gütesiegel offen steht. Beim Gehalt legen wir keine Unsummen als Maßstab an, sondern gehen vom gesetzlichen Mindestlohn als untere Grenze aus – das sollte sich auch ein kleinerer Verlag leisten können.

Auch bei weiteren Kriterien hatten wir stets die kleineren Verlage im Blick. Beispielsweise können Fortbildungen auch intern durchgeführt werden und der Betreuungsschlüssel von 3:1 kann abteilungsübergreifend angelegt sein. Zudem prüfen wir jeden Verlag stets individuell und können so auch auf die speziellen Bedürfnisse kleinerer Verlage eingehen.

Wie wird gewährleistet, dass ein Verlag die Angaben nicht „aufhübscht“?
Wir befragen nicht nur die Personalabteilung, sondern zusätzlich mindestens drei ehemalige oder aktuell beschäftigte Volontäre. So haben wir einen Eindruck von beiden Seiten und können die Angaben miteinander abgleichen. Bei drei Volontären erhalten wir ein dezidierteres Bild der realen Arbeitsbedingungen.

Das ist zwar recht aufwendig, aber bislang haben wir den Eindruck, dass wir so ein objektives Gesamtbild erhalten. Zum Glück haben wir mit der AG Nachwuchsrechte ein starkes und motiviertes Team, sodass wir die Aufgaben immer auf mehrere Schultern verteilen können.

Wurden bereits Verlage ausgezeichnet?
Wir haben schon ein paar Verlage geprüft und sind mit einigen größeren wie kleineren Häusern noch mitten im Prozess. Die ersten Siegel werden wir auf der Frankfurter Buchmesse offiziell vergeben. Schön ist auch zu sehen, dass nach ersten Gesprächen mit Personalabteilungen bereits einige dazu übergegangen sind, interne Veränderungen anzustoßen, da sie gemerkt haben, dass zum Gütesiegel noch einzelne Aspekte fehlen, die sie aber bereit sind umzusetzen.

Genau das ist es ja, was wir versuchen zu erreichen: dass eine merkliche Verbesserung der Ausbildungsbedingungen einsetzt. Es ist großartig, dass dies bereits so schnell spürbar ist. Und wir sind sehr zuversichtlich, dass das Projekt mit der Vergabe der ersten Siegel im Oktober erst so richtig Fahrt aufnimmt!

Verdienst im Volontariat

  • „Das Volontariat ist selbstverständlich bezahlt“ heißt es in einer Stellenausschreibung. Allerdings ist die angemessene Entlohnung nicht so selbstverständlich, wie diese Aussage es glauben machen möchte. „Ein Volontariat, das nicht vergütet wird, ist grundsätzlich abzulehnen“, empfiehlt das Portal Buchkarriere.
  • Laut einer Umfrage des Vereins Junge Verlagsmenschen zur Arbeitssituation des Branchennachwuchses 2016/17 verdienten die 868 befragten Volontierenden durchschnittlich 1.327 Euro brutto im Monat. Zusätzlich erhielten mehr als 50 Prozent der Befragten Sonderleistungen in Form von Mitarbeiterrabatten.
  • Bewerbende sollten nach Möglichkeit eine faire Bezahlung einfordern, die zu ihrer Lebenssituation passt, schreibt die Buchkarriere-Redaktion in der Rubrik „Alles zum Thema Volo“: „Je nachdem, in welcher Stadt, mit welchem Arbeitsaufwand und welcher Verantwortung gearbeitet wird, sollte die Vergütung anpasst werden. Beispielsweise kann ein Volontariat mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 50 Stunden, eigenen Projekten und Budgets in München mit 1000 Euro nicht mehr als angemessen bezeichnet werden.“ Wichtig außerdem: Der Lehr- und Lerncharakter sollte im Vordergrund stehen. Inwiefern das der Fall ist, lässt sich auch durch entsprechende Nachfragen im Vorstellungsgespräch prüfen.

 

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