„Das Interesse an empirischen  Befunden wächst“
Empirische Befunde sind auch für die Politik sehr wichtig: Ein wachsender Markt ist die wissenschaftliche Politikberatung (Foto: rh2010/Fotolia).

„Das Interesse an empirischen Befunden wächst“

In der empirischen Sozialforschung arbeiten Menschen aus Soziologie, Politikwissenschaft und Wirtschaftsgeographie zusammen. Unabdingbar sind statistische Vorkenntnisse.

Interview: Susanne Berg

Dr. Brigitte Schels (Foto: Anestis Aslanidis) ist Sozialwissenschaftlerin und seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Seit 2015 hat sie eine Juniorprofessur für Arbeitsmarktsoziologie an der FAU Erlangen-Nürnberg inne, die mit ihrer Tätigkeit beim IAB gekoppelt ist. Sie erforscht unter anderen die Situation junger Menschen, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind.

WILA Arbeitsmarkt: Wie sieht Ihre Tätigkeit am IAB konkret aus?
Brigitte Schels: Ich arbeite mit unterschiedlichen Datenquellen, führe statistische Analysen durch, verschriftliche diese in Publikationen und berate politische Akteure bei Fragen dazu. Es ist viel Arbeit vor dem Computer, wo wir mit Statistikprogrammen Datenauswertungen machen.

Die meisten Projekte bearbeiten wir im Team. Wir recherchieren, was in der Literatur bereits vorhanden ist und betten unsere Arbeit darin ein. Wir fahren zu wissenschaftlichen Konferenzen wie der Sektion „Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie oder des Forschungsnetzwerkes „Transition in Youth“, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler europaweit zusammenkommen, um Fragen des Übergangs von Jugendlichen ins Erwerbsleben zu diskutieren.

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Inwieweit finden solche Erkenntnisse in Medien und Politik Beachtung?
Gerade zum Thema benachteiligter, geringqualifizierter Jugendlicher, die ALG II beziehen, ist die Diskussion in den Medien oft vorurteilsbehaftet. Dass Jugendliche abhängig von ihrer sozialen Herkunft und Familie sind, bewahrheitet sich. Aber wir haben auch interessante Befunde, die nicht den Vermutungen entsprechen, beispielsweise, dass auch junge Menschen im ALG-II-Bezug eine hohe Ausbildungs- und Erwerbsorientierung haben: „Wir hartzen“ ist nicht die vorwiegende Einstellung.

"Politik ist viel kurzlebiger als die Wissenschaft."

Wir erleben schon, dass das in der Politik ankommt, müssen aber immer wieder in verschiedenen Befunden darauf hinweisen, dass beispielsweise junge Menschen im ALG-II-Bezug etwas anderes benötigen. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. So wurde die vorrangige Vermittlung junger Menschen in die sogenannten „Ein-Euro-Jobs“ wieder gestoppt. Andererseits erleben wir, dass Politik viel kurzlebiger als die Wissenschaft ist.

Was sind die Herausforderungen Ihrer Arbeit und was macht Ihnen besonders Spaß?
Dass meine Arbeit eine Wirkung in die Politik hinein zeigt, ist ein großer Knackpunkt, gerade am IAB. Deshalb muss ich meine wissenschaftlichen Erkenntnisse mit Artikeln sowohl in angesehenen wissenschaftlichen Fachzeitschriften als auch in Foren platzieren, die eine große Beachtung in der Fachöffentlichkeit haben. Auch dem allgemein interessierten Publikum muss ich meine Erkenntnisse mit den richtigen Medien und der richtigen Sprache nachvollziehbar vermitteln.

"Studierende für die wissenschaftliche Denkweise zu bergeistern, ist eine Herausforderung."

Eine weitere Herausforderung ist, Projekte so zu spezifizieren, dass sie gefördert werden. Als Professorin und Lehrende an der Uni ist es eine große Herausforderung, Studierende für die wissenschaftliche Denkweise zu begeistern.

Wissenschaftliche Ideen an die Studierenden heranzutragen und mit ihnen zu diskutieren macht mir großen Spaß. Vor allem wenn Themen, für die ich selbst brenne, auch die Studierenden interessieren: soziale Ungleichheit, Bildung oder wie Familie und Arbeitsmarkt zusammenhängen. Aber es macht mir auch großen Spaß zu forschen, hier Erkenntnisse voranzubringen und diesen Aha-Effekt zu haben, dass die Wirklichkeit viel differenzierter ist.

Arbeiten am IAB Personen mit unterschiedlichen Studienabschlüssen?
Ja, die Belegschaft ist sehr heterogen. Ich würde zwar sagen, dass die Volkswirte und Ökonomen die größte und die Soziologen die zweitgrößte Gruppe sind, aber wir haben auch Menschen aus der Politikwissenschaft, Psychologie, Mathematik und Wirtschaftsgeographie.

"Statistik ist ein Muss für den Job."

Diese unterschiedlichen Professionen und Eindrücke sind auch notwendig. Die Themen, an denen ich sitze, berühren Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie, aber auch Volkswirtschaftslehre. Man braucht allerdings ein statistisch gebildetes Vorwissen, um eine geeignete Mitarbeiterin zu sein.

Welche Trends sehen Sie in der empirischen Sozialforschung?
Ich sehe ein immer größeres, wachsendes Interesse an empirischen Befunden. Es gibt einen großen Markt an wissenschaftlicher Politikberatung. Politik ist zunehmend daran interessiert, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufzubauen. Man sieht das am IAB, das über die Jahre ein großes Institut geworden ist.

"Die Projekte orientieren sich an aktuellen Problemen und deren Weiterentwicklung."

Wir erleben viele Anfragen; andere Forschungseinrichtungen sicher auch. Die Projekte, die an uns oder durch Ausschreibungen an die Wissenschaft herangetragen werden, orientieren sich nicht am kurzfristigen Wahlkampf, sondern an aktuellen Problemen und deren Weiterentwicklung. Außerdem erleben wir ein immer größeres Interesse am Methodenmix, also die Offenheit für eine Kombination von quantitativer und qualitativer Sozialforschung.

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