„Mir hat der Austausch gutgetan“
Im Bewerbungscafé werden Erfolge und Misserfolge geteilt. Durch den Austausch fühlen sich Teilnehmer/innen nicht allein in der anstrengenden Bewerbungsphase (Foto: contrastwerkstatt/Fotolia).

„Mir hat der Austausch gutgetan“

In Kiel treffen sich jeden Monat Jobsuchende, um sich gegenseitig zu ermutigen und Tipps zu geben. Hier feiern die Teilnehmer/innen nicht nur gemeinsam Zusagen, sondern sprechen auch regelmäßig über Absagen.

Text: Tanja Rahder

Ich habe Romanische Philologie, Germanistik und Pädagogik studiert (Foto: privat). Das Kieler Bewerbungscafé habe ich 2015 in einem Inserat im WILA Arbeitsmarkt entdeckt. Als Teilnehmerin war ich damals sehr angetan von dem vielfältigen Austausch und dem Input in den Treffen. Bis heute habe ich daraus mitgenommen, wie wichtig es ist, bei Bewerbungen im Kontakt zu bleiben, auch wenn es auf den ersten Blick schwerfällt.

Dazu gehört, beim Unternehmen anrufen, zum Beispiel zu fragen, wie der Stand der Bewerbung ist und dabei optimalerweise schon eine nette „Telefon-Beziehung“ aufzubauen. Wann kann ich mich wieder melden? Oder, wenn sich im telefonischen Kontakt eine Absage abzeichnet, die Frage: Gibt es ähnliche Ausschreibungen in unmittelbarer Nähe oder macht es Sinn, trotz Absage am Ball zu bleiben? Das geht dann schon in Richtung Netzwerkarbeit.

Gutes Feedback zur Bewerbung

Seit Mai 2018 leite ich das Bewerbungscafé in Vertretung, da die Initiatorin in Elternzeit ist. Die Treffen sind bisher in kleinem und gemütlichem Rahmen von drei bis fünf Personen abgelaufen. Sie finden in der Regel jeden zweiten Donnerstag im Monat von 18 bis 21 Uhr in den Räumen des Career Centers der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel statt.

Geworben wird regelmäßig auf Xing und Facebook. Interessierte können sich per Mail auf eine Verteilerliste setzen lassen. Sie werden dann monatlich zu jedem Treffen eingeladen und gebeten, aktuelle Bewerbungsunterlagen zu den Treffen mitzubringen.

Um die Sichtung dieser Unterlagen in Papierform oder auf dem Laptop gruppieren sich die meisten Themen. Viel diskutierte Fragen sind: Wie ansprechend wirkt die gesamte Bewerbung? Wie kurz und doch aussagekräftig und treffend sollte ein Anschreiben sein? Wie lang darf ein Lebenslauf sein?

  • Infodienst-Trainee-StellenDer Artikel ist im Infodienst WILA Arbeitsmarkt erschienen. Jede Woche werden dort mehrere hundert Stellen speziell für Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen - zusammengestellt.
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Viel Aufmerksamkeit und Rückmeldungen gibt es regelmäßig zu Bewerbungsfotos. Dazu Diskussionsstoff: Muss ein Foto wirklich sein, oder kann man es unter Umständen weglassen? Außerdem: Wie gestalte ich internationale Bewerbungen? Welche Hilfen bietet mir das Internet (zum Beispiel Gestaltungsvorlagen bei Xing)? Letztlich geht es um Selbstvermarktung: Wie präsentiere ich mich und wie verhalte ich mich in bestimmten Prozessen?

Die Zeit erscheint bei der Brisanz der Themen oft kurzweilig und sehr ergiebig. Es wird deutlich, dass das Thema Bewerbung ein individuelles, breit gefächertes und nicht wirklich endendes ist. Die Situation „Ich weiß gar nicht richtig, wie ich mich (zum Beispiel im Bewerbungsgespräch) verhalten soll“, drehe ich gerne um in die Frage: Wie möchtest du denn wirken? Persönliche Ideale können verblüffende aber auch einfache Prozessbegleitungen sein. Hier lassen sich außerdem wunderbare Elemente aus meinen Weiterbildungen in Coaching, Beratung und Supervision einbringen.

Frustration teilen

Insbesondere der kleine Rahmen erlaubt einen sehr intensiven Austausch und mitunter auch eine sehr vertraute Atmosphäre. Gern motiviere ich die Teilnehmenden dazu, ihre Frustration über (unvermeidliche) Absagen zu äußern. Denn sie sind de facto unangenehm und demotivierend, gehört aber zu Bewerbungsprozessen dazu. Es kann für einige eine Herausforderung sein, Positives in Absagen zu sehen.

In gemeinsamer Bearbeitung fällt das leichter: „Die Beschäftigung damit in Geselligkeit ist viel angenehmer als allein am Schreibtisch darüber nachzudenken oder die Gefühle dazu unter den Teppich zu kehren“, sagt dazu ein Teilnehmer.  Der Austausch von Frustrationserlebnissen verbindet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mindestens genauso wie die Mitteilung von Erfolgen. Dazu gehören positive Veränderungsprozesse in der schriftlichen Bewerbungsart, aber auch des persönlichen Auftretens, bei denen sie voneinander lernen können. Seit Bestehen des Bewerbungscafés sind auch schon einige Jobzusagen gefeiert worden.

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Es besteht im Bewerbungscafé auch die Möglichkeit, interessante Vorträge zu halten oder zu hören. So gab es beispielsweise einen Bericht über eine erfolgreiche Bewerbung inklusive der angewandten Strategien dorthin. Themenwünsche sind willkommen und bringen Leben in die Treffen, denn sie werden aufgegriffen und spontan (auch mit Hilfe von Internet-Recherchen) bearbeitet. Bezüglich des Alters gibt es übrigens keine Einschränkungen: Anfängerinnen und Anfänger profitieren von der Sicht der Erfahrenen und von Alterprobtem, die Erfahrenen wiederum von der Sicht der Neulingen und von neuen Perspektiven.

Bei Bedarf kann ich aus meiner gut 20-jährigen Berufs- und Beratungserfahrung berichten. Auch von der anderen Seite: Für verschiedene Unternehmen habe ich mehrere Jahre Bewerbungen gesichtet und bei Einstellungsprozessen mitentschieden. Offen und interessiert bin ich konträren Erfahrungen und Diskussionen gegenüber, denn es ist immer schön, etwas dazuzulernen.

Besonders freut mich, wenn unser Gesprächsstoff dazu beiträgt, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an gewissen Normlinien entlang ihren eigenen persönlichen Bewerbungsstil entwickeln und damit zufrieden sind. Mein persönliches Fazit: Ein tolles Ehrenamt, in dem mit relativ geringem Aufwand großer Nutzen und viel Freude entstehen kann.

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