Geisteswissenschaften als Karrierekiller?
Wenn die anderen die Karriereleiter nach oben klettern, kann man schon einmal ins Grübeln kommen: Das Studium der Geisteswissenschaften empfinden viele aber als enorme Bereicherung, von der sie persönlich profitieren.

Geisteswissenschaften als Karrierekiller?

Geisteswissenschaften sind beliebt, bieten aber keine Karrieregarantie. Die Folge sind ständige Nachfragen von Eltern und im Freundeskreis – vor allem, wenn die Jobsuche dauert.

Text: Andreas Pallenberg

Die Wahl unserer Studienfächer verläuft ja manchmal nach einem etwas seltsamen Muster: Wer sich mit Mathematik und den Naturwissenschaften bis zum Abitur gequält hat, wird selten ein Studium in diesen Fachrichtungen antreten und sich auch nicht spontan für Informatik oder Ingenieurwissenschaften entscheiden. Damit wären die erfolgversprechenden MINT-Fächer schon mal außen vor.

Wer auch nach dem Abi noch nicht weiß, ob und welche berufliche Karriere es werden soll, wird auch Jura oder Betriebswirtschaftslehre nicht zu den eigenen Traumfächern zählen; Business Administration oder andere Neuschöpfungen aus der Zauberkiste der Karriere-Booster vermutlich auch nicht. Damit fällt auch die klassische Grundlage für Behörden- oder Managementkarrieren flach. Bleibt noch die Medizinerlaufbahn. Aber davor steht der Numerus Clausus mit seinen Eins-komma-irgendwas. Jetzt wird es eng, zumindest mit der schnellen Karriere. Aber das heißt auch: Freie Bahn für ein Neigungsstudium!

Die „schönen“ Wissenschaften

Auf den Punkt bringt es Björn Remiszewski, Absolvent der Komparatistik, auf dem Blog Karista.de: „Die Frage, ob ich im Studium eher meinen persönlichen Interessen folgen oder auf eine finanziell vielversprechende Karriere hin studieren sollte, stellte sich für mich gar nicht. Ich hätte ein Jura-, Maschinenbau- oder Medizinstudium schlichtweg nicht gepackt, da bin ich mir sicher. Da fehlen mir irgendwelche grundlegenden Komponenten, von Interesse über Talent bis zu Fleiß.“ Aber auch wer das Zeug dazu hat, Karrierefächer zu studieren, hat vielleicht einfach keine Lust darauf.

Was bleibt, ist umso besser: Es sind die „schönen“ Wissenschaften, die sich mit Kunst, Kultur, Sprache und Philosophie beschäftigen. Auch „Orchideenfächer“ zählen dazu. Also eine schöne Auswahl an klassischen Studiengängen, die sich nicht als Berufsausbildungen verstehen, auch nicht als propädeutische Übungs- oder Vorbereitungsdienste für die raue Berufswelt.

Sie beschwören die Inhalte und lassen Tiefbohrungen in Spezialgebieten zu, deren Erkenntnisgewinn nicht unmittelbar und unbedingt zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt – und wahrscheinlich gerade deshalb so bereichernd ist. Somit ergibt sich ein attraktives und schillerndes Angebot an Fächern, das für viele Jungakademiker/innen keineswegs eine Negativauswahl darstellt, sondern genau jenes Studiengefühl ermöglicht, wovon sie bisher träumten – samt passender Inhalte und Methoden.

Studieren, was man will

Zu welchen schönen Wissenschaften man dann neigt, ist höchst individuell und keineswegs übertragbar: Man kennt jemanden, der schon Ähnliches studiert, die Medienwelt interessiert einen schon lange oder es soll „irgendwas mit Ökologie“ sein, weil einem das Thema wichtig ist. Es gärt eine Weile, aber schließlich ist es so weit: Die Wahl des Studienganges steht fest. The winner is: internationale Politik, Altamerikanistik oder ganz klassisch Germanistik und Geschichte. Wow, welch eine Wahl!

Dann folgt eine Szene, die viele wild entschlossene zukünftige Neigungswissenschaftler/innen so oder ähnlich erlebt haben müssen: Der inzwischen volljährige  Nachwuchs eröffnet seinen unterhaltspflichtigen Eltern, dass es ein tolles Studium sein wird, das ihn die nächsten vier, fünf Jahre, vielleicht auch noch länger, beschäftigen wird. Die Begeisterung bei der Elternschaft über den kühnen Plan bleibt begrenzt.

Es dürften eher ein paar Fragen aufkommen, die selbst dann im Raum stehen, wenn sie nicht gestellt werden. Und das sind Fragen zur beruflichen Zukunft, zur finanziellen Sicherheit, zur Familienplanung, zum Zweck des Studiums an sich und zu den Kosten; seltener zum möglichen Glück, zur Erfüllung und zur Lust auf diese Studienfächer. Das Mitgefühl bleibt also gedämpft, und der akademische Nachwuchs weiß gleichzeitig, dass an den Einwänden etwas dran ist. Aber das kommt ja erst später… Auf jeden Fall ist das kein Grund, hier und jetzt BWL zu studieren!

 

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Natürlich gibt es jede Menge Studierende, die schon recht früh wissen, warum sie politische Wissenschaften oder Soziologie studieren. Sie haben konkrete Berufspläne und bevorzugen die gewählten Studiengänge ungeachtet der möglichen Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Andere wollen sich noch nicht festlegen, tendieren aber in  bestimmte Richtungen und können sich eine entsprechende berufliche Zukunft vorstellen.

Wieder andere lassen sich allein von den Inhalten zu ihrem Neigungsstudium verleiten, ganz gemäß dem alten Studienberatungstipp: „Wenn Du noch nicht weißt, wo es hingeht, dann studiere, was dir Spaß macht!“ Aber eins steht fest: Wer schnell viel Geld verdienen will, muss etwas anderes studieren. Oder gar nicht.

Unsicherheiten aushalten

Geisteswissenschaftler/innen würden sich untereinander nie die Frage stellen: „Und was machst du später damit?“ Sie wissen, dass es dafür keine kurze und überzeugende Antwort gibt. Deshalb schonen sie sich und verdrängen gemeinsam. Diese Frage stellt nur der Rest der Welt. Zum Beispiel ehemalige Mitschüler/innen oder Freund/innen, die es geschafft haben, sich für eine Laufbahn zu entscheiden, die vordergründig keine Fragen aufwirft.

Das ist besonders nervig, wenn man schon weiß, dass die Fragenden an der Antwort gar nicht interessiert sind, sondern eher ihren Unmut über solche Unvernunft ausdrücken wollen. Da bleibt nur der sarkastisch vorgegebene Berufswunsch „Taxifahrer, was sonst?“, um den mitschwingenden Spott schon vorbeugend abzufedern. Aber diese ständige Defensive ist nicht gerade aufbauend. Beginnt der Tag mit dieser Gretchenfrage, ist die Laune schon mal im Keller. Schade, dass man erst später weiß, wie und was beruflich alles gelingen kann. Bis dahin muss man so manche Unsicherheit aushalten.

Raus aus der Defensive!

Eltern, Anverwandte und andere unvermeidbare Personen, die es angeblich gut meinen, sind da schon schwieriger. Immer liest man ein „Siehste, hab ich doch gesagt“ auf ihrer Stirn, wenn es mit dem Studium mal kriselt oder wenn es später mit den Bewerbungen nicht so recht klappen will. Sie zu beruhigen, sollte man sich nicht zur Hauptaufgabe machen.

Viel wichtiger als bei anderen zementierte Meinungen aufzubrechen, ist es, sich selbst immer wieder von der eigenen Studienfachwahl zu überzeugen. Auch wenn vieles nicht glatt läuft während des Studiums oder anschließend bei der persönlichen Berufsfelderschließung, so hat man doch in der Regel gute Gründe, sich genau für dieses Fach entschieden zu haben. Es gab Zweifel und Krisen. Aber gab und gibt es nicht auch viel Erbauliches und Schönes?

Im alltäglichen Stress vergisst man schon mal, dass bei der wissenschaftlichen Arbeit nebenbei viel wertvolles Wissen erschlossen wird. Damit entwickelt sich ein Bildungshorizont, der weit über den üblichen Kanon des Allgemeinwissens hinausgeht. Dieser Fundus an Fakten, Methoden und Einsichten erscheint im Alltag oft als unnützes Wissen, prägt und bereichert aber die eigene Wahrnehmung.

Damit ausgerüstet, wandelt man zum Beispiel geschickt durch den Wortschwall von Rap-Texten, weil man erkennen kann, ob es sich um Literatur handelt oder nicht. Bei Auslandsaufenthalten sind fremde Sprachen kein Hindernis, sondern aufregender Teil der Kulturen, in denen man sich bewegt. Wörter und Wendungen aufzusaugen, sie zu vergleichen und anzuwenden ist ein Genuss und öffnet den Blick für Fremdes, Unterschiede und Vielfalt. Ausgestattet mit analytischem Blick und mit taxonomischer Orientiertheit können spontane sinnliche Eindrücke ergänzt und intensiviert werden.

Es geht nicht immer nur um Karriere

Und wer sich mit Philologien beschäftigt, wird in der Literatur immer wieder und überall auf die gleichen, weil wesentlichen Themen des Lebens stoßen, die einen nicht unberührt lassen. Es erschließen sich Dinge, die einen betreffen und beschäftigen. Wer sich auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder die Schlüsselromane von James Joyce oder Marcel Proust wissenschaftlich einlässt, wird kaum verhindern können, dass sich krisenhafte Momente einstellen, und zwar nicht nur, weil der Stoff prüfungsrelevant ist, sondern auch, weil der Inhalt einen etwas angeht und irritiert.

Literatur zeigt sich dann in ihrer ganzen Magie, und das nicht in Form von Feierabendlektüre, sondern als Hauptbeschäftigung. Welch ein Luxus! Und wer mal mit begeisterten Kunsthistoriker/innen die Santa Maria Maggiore in Florenz besichtigt hat, weiß, wieviel mehr vor und hinter den Fassaden zu erkennen ist. Allein mit dem „Lonely Planet“ in der Hand gelingt das kaum. Kein Wunder, dass gerade die Kunstgeschichte unter den erbaulichen Studiengängen so beliebt ist – ein Fach, mit dem die „Nutzlosigkeit“ besonders angenehm zu ertragen ist.

Das muss und kann man zweifelnden Angehörigen nicht in extenso erklären. Sich selbst sollte man den persönlichen Gewinn durch die Studieninhalte aber immer wieder klar machen. Das wirkt schließlich auch nach außen. Dann muss man die Karrierefrage nicht mehr verlegen weglächeln,  sondern kann sie sehr persönlich beantworten, vielleicht mit dem Tenor: „Ich weiß noch nicht genau, was später beruflich daraus wird, aber ich weiß, dass es mir jetzt großen Spaß macht.“ Mit aufrichtig interessierten Gesprächspartner/innen kann sich dann auch ein anregender Diskurs entwickeln.     

„Schön für dich, aber…“

Ist das alles? Sollen die schönen Wissenschaften allein der persönlichen Bereicherung dienen? Sollen sie allein aus Lust und Freude Bestandteil der persönlichen Lebensentfaltung werden – was den Hedonismus-Vorwurf geradezu provoziert? Ist es allein das Sich-Wohlfühlen in einer l’Art pour l’Art- Attitude, das weltvergessen glücklich macht, vielleicht auch ein bisschen weltfremd?   

Gott sei Dank haben sich die Geisteswissenschaftler/innen die Frage nach ihrer Relevanz  schon immer selbst gestellt. Dabei haben sie  interessante Thesen aufgestellt. Zum Beispiel die Kompensationstheorie: „Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften.“ (Odo Marquard: Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften, Stuttgart 1986). Nach Marquards Worten erleichtern die Geisteswissenschaften es den Menschen, den gesellschaftlichen Fortschritt in seiner Versachlichung zu ertragen (!), indem sie zur Interpretation und Wertediskussion anhalten und auf Traditionen verweisen.

Fachleute im Querdenken

Damit hätten die Geisteswissenschaften einen Auftrag und einen gesamtgesellschaftlichen Zweck. Das Argument zieht und macht aus Geistes- und anderen kritischen Wissenschaftler/innen notwendige Expert/innen, die professionell mahnen, erklären und querdenken. Sie klopfen zum Beispiel den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt auf seine Risiken hin ab, überprüfen ihn auf seine Akzeptanz hin und messen ihn mit ethischen Maßstäben.

Und genau so werden akademische Allrounder und Generalist/innen sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch außerhalb der Erwerbsarbeit gerne eingesetzt. Ihre Kritik- und Analysefähigkeit sind ebenso gefragt wie ihre Eloquenz, ihre Argumentationsstärke und ihre Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Die Qualifikationsanforderungen bei Stellenofferten bieten dafür vielfältige Belege.     

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Aber die Geisteswissenschaftler/innen wären nicht von ihrer Zunft, wenn sich dazu nicht sofort Kritik aus den eigenen Reihen regte. Soweit komme es noch, schäumen die Kritiker/innen der Kompensationstheorie, und sehen sich zu Steigbügelhaltern des neoliberalen Fortschritts degradiert: Das allein könne nicht Sinn und Zweck der Geisteswissenschaften sein (zum Beispiel Herbert Schnädelbach, Kritik der Kompensationstheorie, in: Wozu Geisteswissenschaften? Kursbuch 91, Rotbuchverlag 1988).

Dieser inzwischen schon betagte Diskurs geht immer noch weiter und wurde auch von Annette Schavan  aufgegriffen. Die ehemalige Bundesbildungsministerin – selbst promovierte Pädagogin – mahnte 2007, am Ende des Jahres der Geisteswissenschaften: „Die Nützlichkeit der Geisteswissenschaften steht außer Frage. Sie reflektieren aber auch Kriterien und Maßstäbe zur Bewertung von Modernisierungsprozessen. Sie sind nicht schlichte Kommentatoren der Naturwissenschaften oder der Technik. Sie sind zwingend notwendige Partner im Dialog mit den Naturwissenschaften.“

Kritik erwünscht

Beim Kompensieren und Ermöglichen allein soll es nicht bleiben. Aktive kritische Einflussnahme ist angesagt. Wie wichtig dieser Einfluss der kritischen Wissenschaften immer noch ist, zeigt sich am zunehmenden Gegenwind, der sich gerade von wirtschaftsliberaler Seite gegenüber „überflüssigen Wissenschaften“ vernehmen lässt.

Also gibt es nicht nur ganz persönliche Motive, sich für ein Studienfach jenseits der üblichen Karrierewege zu entscheiden. Damit verwoben kann auch immer der Wunsch nach kritischer Einflussnahme auf eine von Naturwissenschaft und Technik bestimmte, gesellschaftliche Entwicklung sein. Kunstwissenschaftler/innen beispielsweise können über den Denkmalschutz Traditionen vor dem Verkauf aus wirtschaftlichen Erwägungen bewahren oder Ästhetik als dauerhaften „Wert an sich“ gegenüber kurzlebigen profanen Gewinnabsichten reklamieren.

Die moderne Stadtentwicklung lernt auf diesem Gebiet gerade. Diese und andere Beispiele zur Relevanz des gewählten Studienganges sollte man allen Kritiker/innen und sich selbst als dem größten Zweifler immer wieder vor Augen halten. Wie wäre es zum Beispiel mit einer „offenen Diskussion über den Geist des Managements“, wie Annette Schavan sie schon 2007 forderte?

Verlegenheit und Zauderei

Also, alles gut mit den schönen Wissenschaften? Ganz so einfach ist es nicht. Wer ein Neigungsfach studiert, sollte dazu auch eine echte Neigung verspüren oder diese im Laufe des Studiums entwickeln. Das gelingt nicht immer. Besonders ungemütlich kann es für Studierende werden, die ihr Fach zufällig oder mangels Alternativen gewählt haben. Das kommt vor und ist grundsätzlich auch kein Problem.

Bleibt aber die indifferente Haltung zum Studieninhalt länger bestehen, kann ein Studium zur Quälerei werden, egal wie bereichernd es von anderen empfunden wird. Was dann fehlt, ist die viel beschworene intrinsische Motivation, die es ermöglicht, sich auch zunächst aufwändige Methoden und Inhalte anzueignen, die für den späteren Studienerfolg und die damit verbundene Zufriedenheit Voraussetzung sind.

Muss man sich diese Werkzeuge dagegen mühsam erschließen, ohne das große Ganze als berauschendes Ziel zu erkennen, kann es zu Krisen und einem Studienabbruch kommen. Solche Klippen können das erforderliche Latinum, die Prüfungen in Statistik oder das Englisch-Zertifikat sein. Deshalb müssen Studienfachentscheidungen, die einer Verlegenheit entsprungen sind und erkennbar keine Freude machen, schnell und hart geprüft werden.

Voll dafür oder aktiv dagegen

Bleibt es dauerhaft bei einer Unzufriedenheit mit dem Stoff und den Methoden, sollte eine Frist gesetzt werden, bis zu der man sich entweder aktiv und guten Mutes für dieses Studium mit allen Klippen und Turbulenzen oder ebenso aktiv dagegen entscheidet. Aktiv beenden heißt: Es muss nach intensiven Recherchen eine konstruktive Alternative entwickelt werden, zum Beispiel ein Fachwechsel, eine Banklehre, ein Start-up oder ein Jahr Jobben im Ausland.

Richtig zäh kann es werden, wenn zur Verlegenheitsentscheidung bei der Studienfachwahl noch eine gewisse Zauderlichkeit kommt, die positive wie negative Entscheidungen immer wieder vertagen lässt und die es verhindert, sich den Realitäten sowie den eigenen Problemen zu stellen. Dann werden die schönsten Wissenschaften zur Tortur und machen krank. Nach Erhebungen der Barmer Ersatzkasse hat jede/r sechste Studierende psychische Probleme. Daran sind nicht nur gestiegene Anforderungen schuld, sondern auch unüberlegte oder falsche Studienfachentscheidungen.

Wer nach zahlreichen Versuchen auf verschiedenen Studiengebieten überall unzufrieden bleibt, und nur weiß, was alles nicht geht, sollte sich professionelle Hilfe im Rahmen der universitären Einrichtungen oder über den medizinischen Weg suchen. Ein Studienabbruch kann befreiend sein, und es gibt zahlreiche Ausbildungsofferten, die sich gezielt an Studienabbrecher/innen wenden.

Hauptsache studiert

Besser ist es natürlich, mit positivem Grundgefühl ein Studium auszuhalten und es auch abzuschließen. Der Arbeitsmarkt dankt es und weiß die Stringenz sowie die Durchhaltekraft bis zur Abschlussprüfung durchaus zu würdigen. Auch wenn es erst wie ein Schlag ins akademische Gesicht wirkt: Für  viele akademische Stellen ist es völlig egal, was man studiert hat. Hauptsache, man hat studiert und sich den komplexen Studienherausforderungen mit Erfolg gestellt.

Wer diese Kröte geschluckt hat und nicht mehr am eigenen Studienfach klebt, wird schnell erkennen, welche Chancen darin liegen. Als Archäolog/in sucht man dann nicht nur Jobs in einschlägigen Instituten, in Ausgrabungsunternehmen oder Museen, sondern überall da, wo man etwas leisten kann und die eigenen Kompetenzen geschätzt werden.      

Die Zweifel am Sinn der eigenen Studienfachwahl können einen während des gesamten  Studiums begleiten. Besonders in Krisensituationen „ploppen“ sie immer wieder auf. Die damit verbundene Verunsicherung lässt sich auf Dauer kaum verdrängen und kann sich wie Mehltau auf die eigentlich mit Freude studierten Inhalte legen. Dieser zunehmenden Entzauberung muss etwas Kraftvolles entgegengesetzt werden, um sich nicht zunehmend von diffusen Zukunftsängsten absorbieren zu lassen. Dazu gehört der frühzeitige und unverstellte Blick auf die Realitäten auf dem Arbeitsmarkt mit der Entwicklung von individuellen, mehrgleisigen Berufseinstiegsstrategien.

Dazu gehört aber auch, sich nicht die Lust am Studienfach nehmen zu lassen und die Zeit des Studiums selbstbewusst zu genießen, anstatt sie zu bereuen. Mit einem Bekenntnis zur eigenen Studienwahl gelingt es viel besser, die späteren Mühen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt als Konsequenz für ein schönes Studium zu akzeptieren, das weniger der Selbstoptimierung, dafür mehr der Selbstverwirklichung diente.

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