Grüne Relikte aus  brauner Vergangenheit
Da viele Menschen hinter Forderungen für den Umweltschutz keinen Rechtsradikalismus vermuten, möchte die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) sie dafür sensibilisieren, genau hinzuschauen.

Grüne Relikte aus brauner Vergangenheit

Viele Naturschutzflächen in Deutschland sind Teil der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sich mit diesem Erbe auseinanderzusetzen, ist eine Herausforderung für Naturschützer/innen.

Text: Stefanie Wulff

Wo einst Truppenübungen durchgeführt wurden, wo Zwangsarbeiter schufteten und wo Bunker und Panzer für Krieg und Zerstörung standen, sind heute vielerorts einzigartige Biotope und Rückzugsräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten entstanden. Leicht ist man geneigt, hier ein idyllisches Bild von der Natur zu zeichnen, die alles mit ihrem Grün überzieht. Längst vorbei und vergessen, was einst böse und zerstörerisch war. Oder?

Natur- und Umweltschutz, Landschaftsplanung und Umweltbildung sind heute vielfach eng verbunden mit Fragen nach einem verantwortungsvollen Umgang mit Erinnerungskultur sowie mit der Frage, welche Rolle der Umweltschutz selbst zur Zeit des Nationalsozialismus spielte – und mit Herausforderungen durch rechtsextreme Bewegungen heute. Das Wissen um die komplexen Zusammenhänge und die Kompetenzen, damit angemessen umzugehen, sind deshalb unabdingbar für Fachkräfte, die in diesen Gebieten tätig sind.

Ehemaliger Westwall

Ein Beispiel für einen Ort, der Erinnerungskultur und Naturschutz miteinander verbindet, ist der ehemalige Westwall, der durch mehrere Bundesländer entlang der Grenze zu den westlichen Nachbarländern verläuft. 1936 ließ Adolf Hitler hier zahlreiche Bunker, Panzerhindernisse („Höckerlinien“) und Wassergräben als eine massive Verteidigungsanlage errichten. Ihre Überreste sind heute teilweise gesprengt und übererdet, teilweise in Wäldern und Gebüschen verborgen. Doch viele Relikte sind auch heute noch deutlich sichtbar.

Das über 630 Kilometer verteilte Gelände des ehemaligen Westwalls ist die größte bauliche Hinterlassenschaft der NS-Diktatur. Viele seiner Überreste liegen in Rheinland-Pfalz. Das Bundesland hat dieses Gelände mit seinen Ruinen vom Bund übernommen. Mit der Stiftung „Grüner Wall im Westen – Mahnmal ehemaliger Westwall“ möchte Rheinland-Pfalz heute zweierlei Ziele erreichen: Zum einen soll das Gelände Erinnerungsort und Zeitzeugnis für die Verbrechen der NS-Zeit sein.

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Zum anderen hat sich das Gelände zum einzigartigen Rückzugsraum für seltene Arten entwickelt und soll gemeinsam mit Naturschützer/innen zu einem Biotopverbund entwickelt werden. Die Ruinen wurden jahrzehntelang der Natur überlassen und sind heute Nischen unter anderem für Fledermäuse, Wildkatzen und seltene Moose.

„Doch handelt es sich hier nicht einfach um ein Biotop. Naturschutzarbeit am ehemaligen Westwall kann nicht ohne Bildungsarbeit zu diesem Symbol der nationalsozialistischen Ideologie stattfinden“, sagt Stefanie Lotz von der Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz (LZU). „Dazu gehört auch, die Rolle des Naturschutzes beim Bau des Westwalls in Nazi-Deutschland zu betrachten. Das Umweltministerium hat dazu das wissenschaftliche Gutachten ,Der Westwall in der Landschaft – Aktivitäten des Naturschutzes in der Zeit des Nationalsozialismus‘ herausgegeben.“

Naturschutz in der NS-Zeit

Für Fachkräfte, die sich beispielsweise am Westwall im Bereich Umwelt- und Naturschutz engagieren, ist es wichtig, auch die Rolle von Naturschutz und Landschaftsplanung während der NS-Zeit zu kennen und zu reflektieren. So halfen Landschaftsplaner/innen damals unter anderem mit, das Gelände zu planen, die militärischen Anlagen zu tarnen und gleichzeitig Biotope zu pflegen und zu entwickeln. Die NS-Ideologie propagierte Landschaft und Umwelt als einen lebendigen Organismus, der gesund sein müsse, damit auch die „deutsche Volksgemeinschaft“ „gesund“ und „willensstark“ bleiben könne.

„Nach meiner Überzeugung können wir uns als Naturschützerinnen und -schützer nicht für die Erhaltung des ehemaligen Westwalls und seine Entwicklung zu einem Biotopverbund engagieren, ohne uns mit der Geschichte des Bauwerks auseinanderzusetzen und uns zu den Aktivitäten von Vertreterinnen und Vertretern unserer Fachrichtung während der NS-Zeit zu positionieren“, schreibt die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken im Vorwort der oben erwähnten Studie.

„Sinn dieses Nachforschens ist zweierlei: zu wissen was geschah, um sich eine Meinung bilden zu können; in Verantwortung für dieses politische Erbe die Frage zu stellen, welche Lehren wir heute aus dieser Vergangenheit ziehen.“

Einsatz gegen Rechts

Nicht nur zur NS-Zeit, auch heute noch sind rechtsradikale Ideologien mit dem Thema Natur- und Umweltschutz enger verknüpft, als es viele wissen oder wahr haben möchten. Rechtsextreme Organisationen engagieren sich in diesem Bereich, richten sich beispielsweise gegen Gentechnik oder industrielle Landwirtschaft und publizieren Zeitschriften zum Thema. Die menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Ziele dahinter sind oft auf den ersten Blick nur schwer erkennbar. Deshalb engagieren sich das Umweltministerium und die Landeszentrale für Umweltaufklärung in Rheinland-Pfalz auch hier.

„Zentral für unseren Umgang mit dem ehemaligen Westwall in Rheinland-Pfalz ist die Verbindung von Naturschutz, Denkmalpflege und politischer Bildung. Wir verknüpfen unsere Naturschutz- und Erinnerungsarbeit am ehemaligen Westwall zudem mit der Prävention gegen Rechtsextremismus“, so Stefanie Lotz. Die LZU hat deshalb auch das Projekt „Initiative Naturschutz gegen Rechtsextremismus“ gestartet.

Peenemünde ist eine flächenmäßig große Gemeinde auf der Ostseeinsel Usedom. Bekanntheit erlangte sie in der Zeit des Nationalsozialismus durch die Heeresversuchsanstalt und dem Übungsplatz für die Luftwaffe (Foto: © Füllhaas/DBU Naturerbe).

 

Mit zahlreichen Handreichungen und Publikationen sensibilisiert die LZU die Öffentlichkeit und organisiert regelmäßig das Jugendcamp „Naturschutz gegen Rechtsextremismus – Neues denken am ehemaligen Westwall“. Zusammen mit dem Freiwilligen Ökologischen Jahr und in Kooperation mit der Naturschutzjugend NAJU und der BUNDJugend setzt sich das Jugendcamp mit dem Thema politische Bildung und Prävention gegen Rechtsextremismus auseinander.

Viele weitere Flächen, an denen der Naturschutz heute im Spannungsfeld der NS-Geschichte tätig ist, gehören heute zur Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Ihre gemeinnützige Tochter DBU Naturerbe hat in den vergangenen Jahren 71 Flächen des Nationalen Naturerbes mit rund 70.000 Hektar vom Bund übernommen.

„Dabei handelt es sich größtenteils um ehemalige Standort- oder Truppenübungsplätze“, sagt DBU Generalsekretär und Geschäftsführer der DBU Naturerbe Alexander Bonde. „Dass unsere Flächen heute nicht mehr militärisch genutzt, sondern dauerhaft für den Naturschutz gesichert und für nachfolgende Generationen als Orte der biologischen Vielfalt erhalten werden können, ist maßgeblich dem Friedensprozess der vergangenen Jahrzehnte zu verdanken.“

Naturerbeflächen als Erinnerungsorte

Gerade deshalb setzt sich die DBU auch mit dem geschichtlichen Erbe dieser Flächen auseinander. Zu den bekannteren Flächen mit Bezug zur NS-Zeit gehören die Roßlauer Elbauen, wo die Nazis Ende der 1930er Jahre eine militärische Anlage bauten, oder die heutige DBU-Naturerbefläche Beienroder Holz, wo die Wehrmacht eine Heeresmunitionsanstalt baute und Kampfstoffe lagerte.

Am bekanntesten ist sicher Peenemünde in Mecklenburg-Vorpommern. Hier bauten die Nationalsozialisten einen großen Rüstungskomplex, arbeiteten an der Entwicklung von neuen Massenvernichtungswaffen, rekrutierten viele Menschen, insbesondere aus Polen, zur Zwangsarbeit und errichteten zwei Konzentrationslager.

Und heute? „Aus der Verbindung von archäologischer Stätte, Ruinenlandschaft und Naturschutzgebiet ergibt sich ein hoher Denkmalwert, der neuartige und kreative Strategien im Umgang und der Vermittlung von Naturschutz und Denkmalschutz erfordert“, sagt Alexander Bonde. Heute erinnert unter anderem das Historisch-Technische Museum in Peenemünde an die Geschichte, bietet Bildungsprogramme an und betreibt Forschungsprojekte.

„Als Eigentümer haben wir die Verantwortung, die Bedeutung ganzheitlich zu betrachten. Viele der Naturerbeflächen haben eine komplexe Geschichte, die sachlich reflektiert werden muss“, sagt Bonde. Auf der einen Seite das Naturerbe mit seiner ökologischen Vielfalt und Schönheit schützen und weiterentwickeln – auf der anderen Seite an die Geschichte erinnern und sich kritisch damit auseinandersetzen. Dazu ist „ein interdisziplinärer Ansatz notwendig, der möglichst in integrativen Managementplänen mündet“, so Bonde.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

In den letzten Jahren haben verschiedene Tagungen und Symposien zum Thema stattgefunden – und es wird qualifizierten Fachleuten künftig sicher neue und zusätzliche Betätigungsfelder erschließen. „Es liegt an uns, sowohl die naturschutzfachliche als auch die historische Bedeutung zu erhalten“, sagt Bonde.

„Bevor wir Gebäude oder andere militärische Anlagen zurückbauen, müssen wir uns beispielweise fragen, was aus historischer Sicht als Mahnung der Vergangenheit erhalten bleiben sollte. Nur durch ein gemeinschaftliches und partnerschaftliches Engagement der unterschiedlichen Disziplinen ist ein Erhalt der Naturerbeflächen als Denkmäler des Friedens möglich.“

Alexander Bonde erklärt, wo es schon heute Einsatzgebiete auf Naturerbeflächen gibt: „Bislang setzen wir in der Umweltbildung stark auf die Zusammenarbeit etwa mit Naturschutzverbänden, dem Naturerbe Zentrum Rügen an der DBU-Naturerbefläche Prora, den vier von der DBU geförderten Portalen mit teils auch historischen Ausstellungen rund um die DBU-Naturerbefläche Wahner Heide bei Köln. Oder auch auf die Zusammenarbeit mit dem Historisch-Technischen Museum in Peenemünde, das regelmäßig historische Führungen anbietet.“

Dabei kommen Fachkräfte aus ganz unterschiedlichen Disziplinen zum Einsatz, so Alexander Bonde: „Fachkräfte, die sich mit der Vermittlung von Denkmalschutzaspekten auf Naturerbeflächen beschäftigen, können ihre wissenschaftlichen Wurzeln sowohl in der Architektur, in der Kunstgeschichte oder auch in der Garten- und Landschaftsplanung haben. Wichtig ist sicher, dass sie sich im Wissen um die Verantwortung für Deutschlands Geschichte politisch neutral mit der Frage auseinandersetzen, warum teils unliebsame Relikte des Dritten Reiches Schutzstatus erhalten.“

Zum Weiterlesen
  • Die Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz (LZU) hat verschiedene Pu­blikationen zum Thema herausgegeben. Sie richten sich an alle Interessierten, die in der Bildungsarbeit im Natur- und Umweltschutz sowie gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagiert sind. Die Broschüre „Naturschutz gegen Rechtsextremismus – Eine Argumentationshilfe“ wird besonders häufig nachgefragt und ist bereits in der 5. Auflage erschienen. Die Publikation „Die Natur des rechtsextremistischen Lebensstils. Eine kritische Analyse“ zeigt den rassistischen Hintergrund der rechtsextremistischen Lebenswelt und ihren Bezug zur Natur. Die Broschüre „Klartext gegen rechtextreme Ökosprüche“ macht 12- bis 20-Jährige in sieben Trainingseinheiten fit, rechtsextreme Sprüche zu enttarnen: www.umdenken.rlp.de
  • Die Landeszentrale für politische Bildung hat 2018 die Publikation „Der Westwall in Rheinland-Pfalz. Studien zur historisch-politischen Bildung“ als Band 1 einer auf drei Teile angelegten Reihe herausgegeben: www.politische-bildung-rlp.de
  • Das wissenschaftliche Gutachten „Der Westwall in der Landschaft. Aktivitäten des Naturschutzes in der Zeit des Nationalsozialismus und seine Akteure“ arbeitet auf, in welchem Maße der Naturschutz in dem nationalsozialistischen Regime involviert war: www.tinyurl.com/Ehemaliger-Westwall
  • Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hat 2018 das Symposion „Naturschutz im Spannungsfeld der Geschichte“ veranstaltet. Eine Tagungsdokumentation findet man hier: www.tinyurl.com/dbu-Symposium
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