Unterstützung für Arbeiterkinder
Wer aus einer nichtakademischen Familie kommt und ein Studium beginnt, hat oft mit zusätzlichen Hürden zu kämpfen – umso mehr, wenn auf den Master eine Promotion folgen soll.

Unterstützung für Arbeiterkinder

Fehlende Netzwerke und mangelnde finanzielle Unterstützung sind nicht die einzige Herausforderung für „Arbeiterkinder“. Auch mangelndes Wissen zur Hochschulkultur könne ein Problem sein, sagt Ann-Kristin Kolwes.

Interview: Andreas Pallenberg

Ann-Kristin Kolwes, Foto: Monika Nonnenmacher

Ann-Kristin Kolwes hat Geschichte und Psychologie studiert. Inzwischen ist die 32-Jährige Koordinatorin für das Projekt „Erste Generation Promotion Mentoring+“ an der Universität zu Köln, das Promovierende und Promotionsinteressierte mit nichtakademischen Familienhintergrund unterstützt.

WILA Arbeitsmarkt: Fehlt es in Deutschland immer noch an Bildungsgerechtigkeit?
Ann-Kristin-Kolwes: Bildungs(un)gerechtigkeit ist auch im deutschen Hochschulsystem ein wichtiges Thema. Wie eng der Bildungstrichter für Personen mit einem nichtakademischen Familienhintergrund ist, zeigt der letzte Bericht des Hochschulbildungsreports. Durchschnittlich promoviert nur eines von 100 Kindern mit einem solchen Hintergrund. Bei Kindern aus akademischen Elternhäusern sind es hingegen 10 von 100. Wenn wir dieses Gefälle abbauen wollen, brauchen wir spezielle Angebote für diese Zielgruppe.

Welche Klippen haben Promovierende nichtakademischer Herkunft zu bewältigen?
Ein großes Problem stellt die Zugänglichkeit von Informationen dar. Viel Wissen über Prozesse und Dinge, die es zu berücksichtigen gilt, zirkuliert innerhalb von wissenschaftlichen Netzwerken, zu denen man den Zugang benötigt. Studierende mit nichtakademischem Familienhintergrund sind aber oft deutlich weniger vernetzt.

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Ein weiteres Problem stellen gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften die Finanzierung der Promotion und der Übergang vom Studium in die Promotion dar. Die Zeit zwischen dem Masterabschluss und dem Beginn der Promotion dauert oft mehrere Monate bis zu einem Jahr und länger. Ohne Rücklagen oder Unterstützung, zum Beispiel durch das Elternhaus, muss diese Phase von den Promotionsinteressierten selbst finanziert werden. Hinzu kommen während der Promotion Tagungsteilnahmen und mögliche Forschungsaufenthalte im In- und Ausland, die meist aus eigener Tasche finanziert werden müssen.

"Der wissenschaftliche Habitus ist heute noch fester Bestandteil unserer Hochschulkultur."

Der traditionellen akademischen Welt wird nachgesagt, sie habe ihre Sprache und ihren Dünkel und bleibe gerne unter sich. Ist dies immer noch ein Teil des Problems?
Der wissenschaftliche Habitus, wie ihn Pier­re Bordieu in „Die feinen Unterschiede“ beschrieben hat, existiert heute noch immer und ist fester Bestandteil unserer Hochschulkultur. Studierende und Promovierende der ersten Generation fallen dadurch meist auf und fühlen sich selbst unwohl, weil ihnen die spezifischen Codes fremd sind und es viel Arbeit und Anstrengung bedarf, sich diese anzueignen.

Sind die Universitäten, ihre Lehrkräfte, ihre Organisation und ihre Betreuung darauf hinreichend eingestellt? 
Die Thematik spielt langsam eine immer größere Rolle an den Universitäten. Dies ist sicherlich vor allem auf das langjährige Engagement von Arbeiterkind.de zurückzuführen. An der Universität zu Köln ist Bildungsgerechtigkeit ein wichtiges Thema, doch auch hier ist durchaus noch Luft nach oben.

Für Promovierende und Promotionsinteressierte wäre es etwa toll, wenn es Übergangsstipendien gäbe, mit denen die Zwischenphase finanziert werden kann. Um nachhaltig etwas zu verbessern, brauchen wir jedoch eine grundsätzliche Veränderung der Wissenschafts- und Hochschulkultur.

"Dadurch, dass die Tandempartner den gleichen Hintergrund haben, fällt es leichter über Unsicherheiten und Probleme zu sprechen."

Sie begleiten Ihre Mentees ein Jahr lang mit promovierten Mentorinnen und Mentoren. Wie lautet Ihr Fazit nach dem ersten Durchgang?
Die positiven Rückmeldungen sowohl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer als auch der Mentorinnen und Mentoren zeigen mir, dass wir mit diesem Konzept den richtigen Zugang gewählt haben. Die Tatsache, dass das Tandem den gleichen sozialen Hintergrund hat, erleichtert es, über Unsicherheiten und Probleme zu sprechen, aber auch die vermeintlich „dummen Fragen“ zu stellen, was sich viele in anderen Kontexten nicht trauen.

Mentoring an sich ist hierfür bereits eine sehr gute Methode, da zwischen Mentee und Mentorin oder Mentor kein Abhängigkeitsverhältnis besteht. Die geteilten Erfahrungen aufgrund der Herkunft verstärken diesen Effekt.

Gibt es solche Angebote auch woanders? 
An der Universität zu Köln haben wir tatsächlich das einzige institutionalisierte Angebot dieser Art in Deutschland. Promovierende an anderen Universitäten haben die Möglichkeit, sich an den gemeinnützigen Verein Erste Generation Promotion zu wenden.

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