Digital Humanities: „Sehr gute Berufschancen“
Die Digital Humanities bilden ein Bindeglied zwischen Informatik und Geisteswissenschaften. Sie beschäftigen sich inhaltlich mit geisteswissenschaftlichen Themen und greifen auf Werkzeuge aus der Informatik zurück,

Digital Humanities: „Sehr gute Berufschancen“

Die Kompetenzen der Digital Humanities sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt, weiß Christof Schöch. Trotzdem wüssten viele Arbeitgeber über die Disziplin noch zu wenig.

Interview: Annika Schneider

Prof. Dr. Christof Schöch, Foto: Stefan Büdenbender

Prof. Dr. Christof Schöch ist Vorsitzender des Verbands Digital Humanities im deutschsprachigen Raum. Er hat Romanistik, Anglistik und Psychologie studiert, bevor er sich auf digitale Geisteswissenschaften spezialisierte. Seit 2017 ist er Professor für Digital Humanities an der Universität Trier und Ko-Direktor des Trier Center for Digital Humanities.

WILA Arbeitsmarkt: Arbeitgeber können mit dem Begriff „Digital Humanities“, kurz DH, meist wenig anfangen. Wie gehe ich damit in meinen Bewerbungsunterlagen um?
Christof Schöch: Einerseits kann man in seinem Anschreiben erklären, was „Digital Humanities“ meint – ein Feld an der Schnittstelle von Informatik und Geisteswissenschaften. Absolventinnen und Absolventen dieser Studiengänge kennen sich nicht nur mit Kulturgut, Literatur, Geschichte oder Philosophie aus, sondern auch mit Informatik, Statistik, Programmieren und Datenbanken. Das lässt sich in den Bewerbungsunterlagen gut mit einem Transcript of Records dokumentieren, wo alle besuchten Veranstaltungen aufgelistet sind.

"Das Feld Digital Humanities boomt."

Die Digital Humanities sind in erster Linie eine wissenschaftliche Disziplin. Ist das Fach für Arbeitgeber außerhalb von Forschung und Lehre überhaupt interessant?
Die Absolventen unserer Studiengänge haben tolle Chancen, in der Forschung weiterzumachen. Das Feld boomt: Es werden Projekte gefördert, Zentren gegründet und Professuren eingerichtet. Aber auch Bibliotheken, Museen und Archive entwickeln sich immer mehr in Richtung Digitalisierung und Open Access weiter und brauchen DH-Spezialisten. Auch Medienunternehmen und Verlage stecken mitten im digitalen Wandel und brauchen Vermittler, die analog und digital, Print und Online gleichermaßen verstehen.

"Manche Studierende sind keine Vollblutinformatiker."

Wie unterscheiden sich die Jobchancen von DH-Studierenden von denen anderer Geisteswissenschaften?
Die Studiengänge in Deutschland sind alle unterschiedlich aufgestellt – man kann das nicht pauschal sagen. Manche Studierende machen einen geisteswissenschaftlichen Bachelor und setzen einen Master in Digital Humanities darauf, zum Beispiel bei uns in Trier. Sie sind dann keine Vollblutinformatiker, die hochkomplexe Systeme programmieren können, aber sie haben grundlegende Informatikkenntnisse und ein Verständnis für informatische Zusammenhänge.

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Das ist genug, um eine Vermittlerposition einzunehmen zwischen der Technik – zum Beispiel in einem Museum oder in einem Unternehmen –, und der inhaltlichen Seite, den Produkten oder den Kunden. Zusätzlich lernen sie eine ganze Reihe von Schlüsselkompetenzen, zum Beispiel Projektmanagement, Forschungsdatenmanagement, Metadatenmanagement und technische Kommunikation. Dazu kommen typisch geisteswissenschaftliche Kompetenzen: komplexe Probleme schnell zu durchdringen, mit konzeptioneller Unsicherheit umzugehen, Themen zu strukturieren und kommunizieren.

"Geisteswissenschaftler bringen eine andere Sensibilität und Erfahrung mit."

Bieten Digital Humanities die Chance, in Bereiche vorzustoßen, die für die Geisteswissenschaften bislang nicht offen waren, zum Beispiel in der IT?
Man sollte die digitalen Geisteswissenschaftler nicht mit grundständig ausgebildeten Informatikern verwechseln. Aber in Unternehmen rücken die Produktentwicklung und die kundenorientierte Seite immer stärker zusammen, und da können die Digital Humanities helfen. Es gibt viele Bereiche, wo Geisteswissenschaftler auch in der Informatik Impulse setzen können. Ein Beispiel ist die Frage von Ethik und Algorithmen – da bringen Geisteswissenschaftler eine andere Sensibilität und andere Erfahrungen mit, zum Beispiel aus der Literatur oder Philosophie.

Welche Berufsfelder bieten sich mit einem Abschluss in Digital Humanities an? 
In der Wissenschaft, in Bibliotheken, Museen, Archiven, Medienunternehmen, im Kulturbetrieb und bei Verlagen hat man sehr gute Chancen. Im Sinne der Brückenfunktion können digitale Geisteswissenschaftler aber auch tolle Produktmanager sein, die nicht nur die Produktionsseite, sondern auch die Anforderungen der Kundenseite gut verstehen, auch ästhetische Ansprüche oder Nutzungsszenarien.

Bei uns im Studiengang lernen sie das überwiegend im Bereich der Forschung: Wie verbindet man informatische Techniken mit geisteswissenschaftlichen Fragestellungen? Viele Unternehmen funktionieren ähnlich: Auf der einen Seite sind der Vertrieb und die Werbeabteilung, auf der anderen Seite die Produktion und die Ingenieure. An dieser Schnittstelle sind die DH-Leute richtig. Das gilt auch für die Unternehmenskommunikation: DH-Leute können kommunizieren und kennen sich mit Medien und Social Media aus, gleichzeitig können sie die Hintergründe und technischen Details von elektronischen Produkten verstehen und kommunizieren.

"Die Kombination aus geisteswissenschaftlichem Verständnis und technischen Kompetenzen ist zukunftsweisend."

Wie nahtlos ist der Weg von der Wissenschaft in die Berufspraxis? 
Es gibt noch keine Absolventenstudie dazu. Aber es gibt Leute, die während des Studiums schon eine Stelle finden und dann kaum Zeit haben, ihr Studium zu Ende zu bringen. Andere bekommen direkt nach ihrem Abschluss an der Uni eine Stelle. Wieder andere wollen erst ein Praktikum machen, auch, um sich zu orientieren.

Ich bin davon überzeugt, dass die Kombination aus geisteswissenschaftlichem Verständnis und technischen Kompetenzen zukunftsweisend und nützlich ist. Gleichzeitig ist es aber schon so, dass die Studiengänge, die ich kenne, sehr forschungsorientiert sind. Dieser Brückenschlag zum Arbeitsmarkt könnte sicherlich in den Studiengängen noch stärker angelegt sein – das sage ich auch selbstkritisch.

Aber der Bedarf auf dem Arbeitsmarkt ist da?
Ja. Es ist so, dass der DH-Begriff auf der Arbeitgeberseite noch gar nicht etabliert ist als ein Profil, nach dem man suchen könnte. Wenn man sich aber die Stellenanzeigen genauer anschaut, dann sieht man, dass eine Menge Stellenanzeigen Kompetenzen fordern, die wir vermitteln. Die Studierenden könnten selbstbewusster sein, als sie es vielleicht sind. Andererseits würde ich selbstkritisch sagen: Wir müssen noch viel an der Kommunikation in Richtung Arbeitgeber arbeiten.

"Ein gewisses Interesse an  Automatisierung und Standardisierung gehört schon dazu."

Was muss man mitbringen, um in den Bereich Digital Humanities zu passen?
Für die Studierenden sind die Digital Humanities eine Chance, persönliche Interessen im Bereich kulturelles Erbe, Literatur, Musik, Archäologie, Philosophie oder Geschichte im Studium weiter zu verfolgen und gleichzeitig informatische Kompetenzen zu erwerben. Das inhaltliche Erkenntnisinteresse ist schon wichtig, denn wir arbeiten an einer Schnittstelle zu den Geisteswissenschaften – sonst jonglieren wir mit Methoden oder Daten ohne echte Fragestellung. Andererseits muss man eine Neugier für die technischen Aspekte mitbringen. Niemand muss Statistikexperte sein oder schon programmieren können. Aber ein gewisses Interesse an computerisierten Abläufen, Automatisierung und Standardisierung gehört schon dazu.

Ist es zu spät, in den Bereich zu wechseln, wenn ich meinen geisteswissenschaftlichen Bachelor oder Master bereits in der Tasche habe?
Ich bin selbst erst nach der Promotion so richtig in den Bereich eingestiegen. Das ganze Feld institutionalisiert sich zunehmend, aber es gibt immer noch sehr, sehr viele Quereinsteiger, die in diesem Bereich arbeiten. Die meisten Projekte und Teams sind interdisziplinär: Da bringt jeder sein spezifisches Profil mit, und das ergänzt sich.

"Digitale Humanities werden zum Mainstream."

Wie wird sich das derzeitige Nischenfach weiterentwickeln?
Wenn man sieht, wie sich das Fach in den letzten Jahren entwickelt hat, sieht man ein Spannungsfeld. Zum einen institutionalisieren sich die Digital Humanities als Disziplin: Es gibt Professuren, Zeitschriften, Verbände, Studiengänge und Lehrbücher. Andererseits sieht man eine Art Mainstreaming und Ausdifferenzierung der Digital Humanities. Das heißt, die digitalen Kompetenzen und der Umgang mit digitalen Aspekten in der Forschung werden immer allgegenwärtiger.

Wir werden sicherlich auch bei den Stellenprofilen und Stellenanzeigen eine größere Spezialisierung sehen. Man wird in absehbarer Zeit nicht mehr digitale Geisteswissenschaftler suchen, sondern eben einen digitalen Historiker, eine digitale Musikwissenschaftlerin oder eine digitale Editionsphilologin. Wenn man das aber zu Ende denkt, würde das Mainstreaming so weit führen, dass digitale Methoden in den ursprünglichen Fächern normal werden. Und das fände ich eigentlich die allerbeste Lösung.

"Es gibt auch fachübergreifende Fragestellungen."

Dann wären die Digital Humanities nur ein Brückenfach hin zu einer Transformation der Geisteswissenschaften?
Das kann durchaus sein, aber ich glaube auch, dass die DH als Fach sicherlich weiterbestehen werden, weil es eben quer zu all diesen einzelnen Fächern auch gemeinsame Fragestellungen gibt. Was passiert überhaupt mit einer geisteswissenschaftlichen Fragestellung, wenn man sie mit digitalen Daten bearbeitet? Was ist Datenmodellierung in den Geisteswissenschaften? Was ist eine sinnvolle Forschungsagenda für die digitalen Geisteswissenschaften? Diese Fragen werden weiterhin fachübergreifend diskutiert werden müssen.

Unsere Gesellschaft wird immer digitaler und komplexer. Welche Rolle können die Digital Humanities da spielen?
Die DH sind eine Chance für die Geisteswissenschaften, zum einen auf der inhaltlichen Ebene innovativ zu sein – was wir sehr häufig sind –, sich aber auch auf der technischen Ebene nicht von aktuellen Entwicklungen abzukoppeln. Stattdessen sollten wir die Veränderungen mitgestalten und die eigenen Bedürfnisse und Perspektiven einbringen.

Und was begeistert Sie persönlich an dem Fach?
Es ist ein Bereich, in dem es ganz, ganz viele spannende Dinge zu tun gibt, weil vieles zum ersten Mal ausprobiert wird. Man kann sich also an allen Ecken und Enden als Pionier fühlen. Bei uns sind auch viele grundlegende Fragestellungen noch zu klären und zu entdecken – das macht einfach Riesenspaß.

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