Mein Tag als Musiktherapeutin
Durch Musik können traumatisierte Kinder lernen, sich auszudrücken, um dann im zweiten Schritt Worte für das Erlebte zu finden.

Mein Tag als Musiktherapeutin

Karin Böseler behandelt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Verhaltens- und Musiktherapeutin hilft ihnen, mit traumatischen Erfahrungen wie Gewalt oder auch sexuellem Missbrauch besser umgehen zu können.

Text: Sabine Hatzfeld

Seit 2012 betreibt Karin Böseler eine eigene Praxis in Bad Zwischenahn. Foto: privat

Karin Böseler hat den Master Musik- und Erziehungswissenschaften an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg studiert. Sie ist qualifizierte Musiktherapeutin (Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft – DMtG) sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin im Bereich Verhaltenstherapie. 

8:30 Uhr: Karin Böseler erstellt einen Therapieplan für den heutigen Tag. „Ich arbeite mit Patienten, die Bindungsstörungen haben und chronisch komplex traumatisiert sind, durch Gewalt- oder auch sexuelle Missbrauchserfahrung. Ich muss mich sehr gut vorbereiten und mir überlegen, welche Angebote ich mit einem Kind heute machen will“, erklärt die Therapeutin.

9 Uhr: Es klingelt. „Vormittags arbeite ich mit Vorschulkindern“, erklärt Böseler und drückt auf den Türöffner. Nach einem kurzen Begrüßungsritual greift Böseler nach der Gitarre und spielt ein Lied. Bei der vierjährigen Patientin bleibt die Pflegemutter in den nächsten 50 Behandlungsminuten dabei, denn traumatisierte Kinder benötigen die Sicherheit der Bezugsperson, fügt Böseler hinzu. Würde die Pflegemutter den Raum verlassen, käme sofort Unsicherheit auf.

Im Verlauf wendet sie eine Kinder-Erzählgeschichte um einen kleinen Bären an, der sein Zuhause verlässt, weil es ihm da nicht gutging. Bei der EMDR-Methode kann sie speziell bei dieser Patientin auch Trommeln unterstützend für die „Klopftherapie“ (Tappen) einsetzen.

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10 Uhr: Beim nächsten Patienten tauscht sich die Therapeutin mit der Mutter aus und lässt den Jungen zunächst ankommen und alleine im Gesprächsraum der Praxis, wo Spielsachen bereitliegen, mit Duplo-Steinen spielen. Irgendwann stoßen beide dazu und nehmen Kontakt auf. Später wechseln alle in das Musikzimmer.

„Die meisten Kleinkinder können nicht verbal mitteilen, was ihnen widerfahren ist, oft haben sie auch keine aktive Erinnerung an das Erlebte.“ Die Therapeutin wechselt deshalb auf die Ebene der Musik, um Emotionen sichtbar und hörbar werden zu lassen – mit Trommeln, Keyboard, Gitarren, Glockenspielen, Kalimbas und Sansulas, Metallophonen oder Klangschalen. „Über Musik haben Kinder einen leichteren Zugang zu ihren Gefühlen und können einen Ausdruck dafür finden, was in ihnen ist“, erklärt sie.

11 Uhr: Es ist wird laut, Trommelwirbel erfüllen das Zimmer. Böseler: „Wut, Trauer und Angst drücken sich auf einem Musikinstrument anders aus, als wenn ein Kind wütend Spielzeug durch die Gegend wirft.“ Die Therapeutin geht in den Musikdialog, antwortet mit ihrer Trommel. Die Kinder fühlen sich in diesem geschützten Raum nicht abgelehnt, wenn sie mal laut sind, sondern wahrgenommen und verstanden.

Erst später, in einem zweiten Schritt versucht sie über die Musik die Sprache anzuregen, Wörter zu finden für diese Töne, die Gefühle ausdrücken. In der Entspannungsecke des Zimmers kann sich das Kind später ausruhen, Böseler spielt zum Ende der Sitzung als Abschiedsritual noch symbolisch einen Abschlusston mit der Klangschale, den sie dem Kind schenkt.

13 Uhr: Den Nachmittag über kommen Jugendliche. Böseler greift dann öfters zur E-Gitarre oder rappt mit den Patientinnen und Patienten. „Es geht darum, eigene Ressourcen zu entdecken, wiederzufinden und ums Angenommenwerden“, so die Therapeutin. Musik sei erneut der Schlüssel, um etwa über traurige Klänge an die Emotionen zu kommen. Böseler erklärt: „Ein Kind zu fragen, wie es sich gerade fühlt, ist sinnlos.“

Manchmal muss sie improvisieren, wie neulich, als ein syrisches Flüchtlingskind in ihrer Praxis war. Hier behalf sich Böseler mit dem Computer, um Musik aus der Heimat zu spielen, vor allem syrische Kinderlieder, weil die Eltern durch die Flucht das Singen verlernt haben.

18 Uhr: Böseler trägt die Notizen in die digitalen Patientenakten ein, bevor um 19 Uhr die letzte Patientin für heute kommt – eine junge, depressive Erwachsene mit Angststörung. Auch die Reise für eine Fortbildung bereitet sie vor. Für den Erhalt ihrer Zertifizierung muss sie regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen.

Böseler besucht auch Kurse mit Inhalten der Musiktherapie oder Traumatherapie, nimmt an Supervisionen teil oder an Meetings im Rahmen ihrer Vorstandsarbeit der Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMtG) – etwa zuletzt anlässlich des aktuellen Health-Technology-Assessment-Berichts des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Und dann läutet es zum letzten Mal an diesem Tag an der Tür.

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