Mit Regionalwissenschaften  in die Wirtschaft
Ob Indologie, Japanologie oder Anglistik: Das kulturelle und sprachliche Fachwissen der Regionalwissenschaften ist für viele Unternehmen wertvoll.

Mit Regionalwissenschaften in die Wirtschaft

Auslandsaufenthalte hält Leslie Tramontini für unverzichtbar. Nur dort würden Studierende landeskundliches Wissen, Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen sammeln.

Interview: Janna Degener

Dr. Leslie Tramontini war unter anderem längere Zeit in Kuwait, dem Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Iran und dem Libanon. Foto: Martin Klehr

Dr. Leslie Tramontini koordiniert das Alumni-Netzwerk des Centrums für Nah- und Mittelost-Studien an der Universität Marburg. Sie hat Islamwissenschaft, Arabistik, Sinologie und Philosophie studiert. Immer wieder hat sie längere Zeit im Ausland verbracht.

WILA Arbeitsmarkt: Welche Kompetenzen zeichnen Regionalwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus?
Leslie Tramontini: Das Plus, das Geistes- oder Regionalwissenschaftler mitbringen, ist die Fähigkeit zu abstrahieren und Gelerntes auf andere Bereiche anzuwenden – also Transferleistungen zu erbringen, die gerade im Bereich der freien Wirtschaft oft gerne aufgenommen werden.

Ein Regionalwissenschaftler hat idealerweise eine Fachdisziplin im Hintergrund, ist aber auch mit der Sprache, der Kultur, den Soft Skills, dem landeskundlichen Wissen einer Region vertraut. Er bringt also einerseits politikwissenschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche, soziologische, literaturwissenschaftliche, religionswissenschaftliche oder andere methodische und theoretische Grundkenntnisse mit, beherrscht andererseits aber auch eine Fremdsprache und kennt sich aus in der Region, vor allem auch aus interkultureller Perspektive. Und das unterscheidet ihn von anderen Experten.

"Man sollte über den Tellerrand schauen und sich Nischen suchen, die einem eventuell sogar ein Alleinstellungsmerkmal verleihen."

Ich habe fünf Jahre lang im Orientinstitut in Beirut gearbeitet, war sehr gut vernetzt und fand es immer wieder wahnsinnig arrogant, wenn deutsche Doktoranden zu mir kamen und zum Beispiel über außenpolitische Belange der Hisbollah forschen wollten – ohne ein Wort Arabisch zu können. Im besten Falle sollten Regionalwissenschaftler strategisch an ihr Studium herangehen und den Ablauf planen, mit Praktika und Auslandaufenthalten. Aber man kann auch zufällig reinrutschen in bestimmte Gegebenheiten und lernt dann einfach in der Praxis durch „Learning by Doing“ dazu.

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Wichtig ist es, sich bereits frühzeitig während des Studiums zu diversifizieren, über den eigenen Tellerrand zu schauen, sich breit aufzustellen – sei es bezüglich Studieninhalten, Praktika oder Auslandserfahrungen – und sich neben der eigentlichen Spezialisierung ein zweites Standbein aufzubauen, sich Nischen zu suchen, die einem eventuell sogar ein Alleinstellungsmerkmal verleihen. Zu erkennen, was man will und wohin man will, ist essentiell, und ebenso zu wissen, was man nicht will. Ich rate allen Studierenden von Geistes- und Regionalwissenschaften: Lassen Sie sich Zeit, probieren Sie sich aus, lassen Sie sich auf Ihre Region oder Ihr Thema ein. Und seien Sie mit Herzblut dabei!

Sind Auslandsaufenthalte ein Muss?
Aus meiner Sicht definitiv. Was würden Deutsche davon halten, wenn ein Nicht-Europäer nach Deutschland kommt und sagt, ich möchte meine Doktorarbeit über Frau Merkels Außenpolitik schreiben, aber ich kann kein Deutsch und kenne mich hier gar nicht aus? Vielleicht bin ich da recht rigoros, aber für mich ist das ein Minimum, in der jeweiligen Gesellschaft zumindest eine längere Zeit einmal gelebt zu haben, sich dem „ausgesetzt“ zu haben, sich auf das Land eingelassen zu haben.

Ist es verbreitet, dass Studierende der Regionalwissenschaften in der Wirtschaft landen?
Das ist schwierig, so pauschal zu beantworten. In unserem konkreten Fall der Nahoststudien liegen mir keine konkreten Zahlen dazu vor, doch an unserem Zentrum gibt es gerade unter den Promovierten schon einige Absolventen, die in die Wirtschaft gegangen sind – allerdings eben oft die, die BWL oder VWL schon als Nebenfach hatten. Die meisten unserer Absolventen sind allerdings momentan eher in der Migrations- und Integrationsarbeit oder in der Politik oder Politikberatung aktiv. Wenn man während dem Studium schon betriebswirtschaftliche Kenntnisse erworben hat, erleichtert das mit Sicherheit vieles.

"Der Arbeitsmarkt erwartet Internationalität, interkulturelle Skills und Mobilität."

Man kann den Einstieg aber auch vereinfachen, indem man sich bereits während des Studiums vernetzt, Kontakte knüpft und festigt, sei es durch Praktika, den Besuch von Konferenzen und Tagungen, oder durch ein wie auch immer geartetes Ehrenamt im gesellschaftlichen Bereich. Da die bei uns angesiedelten Studiengänge kein eindeutiges Berufsbild vorsehen, legen wir Wert darauf, den Kontakt zwischen im Berufsleben stehenden Alumni und noch eingeschriebenen Studierenden herzustellen. Unsere Absolventen strömen auf einen sehr spezifischen und dabei weit diversifizierten Arbeitsmarkt, auf dem Internationalität, interkulturelle Skills und Mobilität erwartet werden.

"Wer auf kulturelle Fragen Antworten hat, kann sich sicher bewegen in der Region." 

Was brauchen Absolventinnen und Absolventen noch für einen Job in der Wirtschaft?
Neben dem Fachwissen und den Regional- und Sprachkenntnissen vor allem auch soziale, interkulturelle Kompetenzen. Denn es geht auch immer um kulturelle Fragen: Wie gehe ich mit den Menschen um? Zum Beispiel: Wem gebe ich die Hand und wem nicht? Was nehme ich von wem an? Wer auf solche Fragen die Antwort parat hat, kann sich sicher bewegen in der Region.

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