Perspektiven für  Agrarwissenschaftler/innen
Absolvent/innen der Agrarwissenschaften sind wahre Allrounder: Sie können in vielen Bereich Fuß fassen. Wichtig ist, dass sie Praxiserfahrungen schon während des Studiums sammeln.

Perspektiven für Agrarwissenschaftler/innen

Fachkräfte der Agrarwissenschaft können in verschiedensten Bereichen eine Anstellung finden. Befähigt werden sie vor allem durch ihr breit gefächertes Wissen.

Text: Stefanie Schweizer

Laut Hochschulkompass beschäftigen sich die Agrarwissenschaften unter anderem mit der Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln. Ein naheliegendes Tätigkeitsfeld von Agrarwissenschaftlerinnen und Agrarwissenschaftlern stellt somit der landwirtschaftliche Zweig sowie die diesem vor- und nachgelagerte Bereiche dar. Allerdings können sie auch bei Banken oder Versicherungen angestellt sein, in NGOs oder Beratungsfirmen ihr Wissen über Nutzung und Pflege des Bodens sowie über ökonomische und ökologische Bedingungen des Produktionsprozesses einbringen.

Als Fachjournalisten und Fachjournalistinnen für Verlage und andere Medien schreiben sie über Themen wie Land- und Forstwirtschaft, Gärtnerei, Pferde oder landwirtschaftliche Technik. Darüber hinaus sind Agrarwissenschaftler/innen ebenfalls in der Industrie tätig, führen neue Produkte ein oder entwickeln Strategien zu deren Vermarktung.

„Denkbare Tätigkeitsfelder liegen in der Lebens-, Futtermittel- und Düngemittelindustrie. Auch im öffentlichen Dienst, im Vertrieb und im Handel ist eine Anstellung denkbar. Nur um einige Optionen zu nennen“, so Franziska Pach, Studienberaterin an der Georg-August-Universität in Göttingen. Franziska Pach ist Agrarwissenschaftlerin, obwohl sie selbst bis zum Beginn ihres Studiums keinen landwirtschaftlichen Hintergrund hatte: „Ich war auf der Suche nach einem vielfältigen Studiengang, welcher meine persönlichen Interessen widerspiegelte und mir gleichzeitig die besten Voraussetzungen für den späteren beruflichen Werdegang bot.“

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Grundlage für die breit gefächerten Einsatzmöglichkeiten von Agrarwissenschaftler/innen ist der Aufbau des Studiums: Zunächst werden in der Regel naturwissenschaftliche und agrarökonomische Grundlagen vermittelt, sodass Studierende sich anschließend in einem Schwerpunkt spezialisieren können. An der Universität Göttingen sind das beispielsweise die Bereiche Agribusiness, Nutzpflanzenwissenschaften, Nutztierwissenschaften, Ressourcenmanagement sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus.

„Das Studium ist interdisziplinär und sehr vielseitig. Neben Naturwissenschaften, Ökonomie, Ökologie und Technik werden auch sozialwissenschaftliche Aspekte vermittelt. Die Themen gehen weit über die Landwirtschaft hinaus und decken auch deren vor- sowie nachgelagerte Bereich ab“, erläutert Pach. Die große Vielfalt des Studiums kann jedoch Segen und Fluch zugleich sein.

So ist Franziska Pach durch ihre Beratungstätigkeit mit den Schwierigkeiten vertraut, die sich beim Berufseinstieg für Agrarwissenschaftler/innen ergeben: „Die Berufsperspektiven sind genauso vielfältig wie das Studium selbst. Es ist daher anfangs nicht immer einfach, sich das Berufsbild zu suchen, welches am besten zu einem persönlich passt.“

Ein weiteres Problem sei die stark forschungsorientierte Gewichtung des Studiums, die vor allem Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger zu spüren bekämen. „Es ist somit entscheidend, das erlernte Wissen auf die Praxis anzuwenden zu können.“ Neben fachlicher Kompetenz ist Kommunikationsfähigkeit entscheidend.

Unabhängig davon, ob Agrarwissenschaftler/innen als Berater/in, Produktmanager/in, Sachbearbeiter/in oder Politiker/in tätig sind, stehen sie immer im Austausch mit Kundschaft, Bürgerinnen und Bürgern oder dem Personal landwirtschaftlicher Betriebe. Aber auch für die eigene Karriere kann ein kommunikatives Wesen weiterhelfen. Auch Franziska Pach wertet Kommunikationsfähigkeit als wichtiges Element für eine erfolgreiche Karriere für Agrarwissenschaftler/innen: „Soziale Fähigkeiten wurden durch das Studium aktiv gefördert und sind im Hinblick auf das spätere Berufsleben besonders hervorzuheben.“

Arbeitsmarkt schwer greifbar

Einen Überblick über die genaue Anzahl der erwerbstätigen Agrarwissenschaftler/innen zu erhalten, ist aufgrund der fehlenden Abgrenzung des Bereichs schwierig. Im Jahr 2017 wurden vom Statistischen Bundesamt (Destatis) 532.000 Erwerbstätige im Wirtschaftszweig Land- und Forstwirtschaft, Fischerei registriert. Im darauffolgenden Jahr waren es 523.000 Personen. Gründe für den Rückgang kann das Destatis nicht anführen.

Es handle sich bei den Zahlen um Stichprobenerhebungen, für die jährlich ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland befragt und die Daten dann entsprechend auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet würden. Auch aussagekräftige sowie allgemeingültige Angaben bezüglich des Gehalts von Fachkräften der Agrarwissenschaft sind nicht möglich. Ob Geschäftsführerin, Sachbearbeiter, Fachredakteurin oder Berater – zu verschieden sind die Bereiche, Positionen und Aufgabenfelder, in denen die Experten und Expertinnen unterkommen können.

Dass dabei einige Arbeitsfelder beliebter scheinen als andere, deutet die Absolventenbefragung im Agrarbereich an, die der VDL-Bundesverband Berufsverband Agrar, Umwelt, Ernährung im Jahr 2018 durchführte. 27 Prozent der Befragten gaben an, im Bereich Beratung tätig zu sein, gefolgt von Forschung und Entwicklung sowie Projektmanagement mit je 20 Prozent.

Als Sachbearbeiter oder Sachbearbeiterin arbeiteten 15 Prozent der Absolvent/innen, dicht gefolgt vom Absatz/Vertrieb im Außendienst (14 Prozent). Weniger populär scheinen die Bereiche IT, Lieferantenmanagement, Marktforschung und PR für Agrarwissenschaftler/innen zu sein. Lediglich drei Prozent der Befragten gaben an, in diesen Feldern tätig zu sein.

Melanie Tögel-Gresser ist Ansprechpartnerin bei allen Fragen rund um Raps und Mais.Foto: BayWa AG

Die Produktmanagerin

Melanie Tögel-Gresser ist mit dem landwirtschaftlichen Ackerbau großgeworden. Ihre Eltern bewirtschaften einen Ackerbaubetrieb, sodass sich die Agrarwissenschaftlerin von klein auf mit der Materie verbunden fühlte. „Jedoch war ich zu Beginn dem Studiengang gegenüber eher skeptisch eingestellt“, erklärt sie. Allerdings habe es nicht lange gedauert, bis dieser sie überzeugte. Seit über fünf Jahren arbeitet Melanie Tögel-Gresser heute für die BayWa AG: „Zunächst in der Produktentwicklung, heute im Produktmanagement für die Kulturarten Mais und Raps.“

Der Berufseinstieg gelang ihr direkt nach dem Studium der Agrarwissenschaften. Eineinhalb Jahre arbeitete die Absolventin für einen kleinen familiengeführten Saatgutvertrieb in Schleswig-Holstein bevor sie zum BayWa Konzern wechselte, größter Agrarhändler in Deutschland und international einer der führenden Händler für landwirtschaftliche Rohstoffe. Als Produktmanagerin ist Tögel-Gresser erste Ansprechpartnerin für ihre Kolleg/innen bei allen Fragen rund um das Raps- und Maisportfolio des Unternehmens.

Dafür ist neben agrarwissenschaftlichem Fachwissen auch die Fähigkeit gefragt, zwischen verschiedenen Sprachebenen zu wechseln, je nachdem, ob sie mit Landwirtinnen und Landwirten oder mit Experten und Expertinnen spricht. Auch Organisationstalent sollten Agrarwissenschaftler/innen mitbringen, die an einer Tätigkeit im Produktmanagement interessiert sind. „Ich bin im Zuge meiner Arbeit auch viel in Kontakt mit den Abteilungen Marketing, Technik, eCommerce, Digitalisierung/Smart Farming, Logistik und eben den Versuchsstationen“, so Tögel-Gresser.

Von Saison zu Saison

„Aktuell unterstütze ich die Kollegen beim Rapsverkauf, bereite Versuchsergebnisse auf, bin in Kontakt mit den Züchtern bezüglich der Bestückung der Versuche und somit auch des Portfolios für die Rapssaison 2020,“ so Tögel-Gresser. Darüber hinaus fällt die Koordination der Sortenversuche in ihren Aufgabenbereich. Im Zuge der Versuche werden beispielsweise kleine Parzellen mit dem entsprechenden Saatgut an verschiedenen Standorten angebaut.

Die Anbauorte unterscheiden sich mitunter durch Luftdruck, Temperatur, Bodenbeschaffenheit, Niederschlagsrate und Sonnentage. Mithilfe dieser Versuche kann Melanie Tögel-Gresser dann beispielsweise die Kälteempfindlichkeit, den Blühzeitpunkt, die Lagerneigung und die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten für die jeweilige Nutzpflanze testen. Die Ergebnisse liefern der Agrarwissenschaftlerin Aussagen über die Eigenschaften der jeweiligen Sorten und deren Leistungsfähigkeit unter verschiedenen Umweltbedingungen.

Zwar steht momentan der Raps in Tögel-Gressers Arbeitsalltag im Vordergrund. Parallel dazu müssen allerdings auch die Maissaison strategisch und marketingtechnisch vorbereitet sowie Maisversuche bewertet werden. „In circa vier Monaten liegt mein Fokus komplett auf dem Maisverkauf.“ Wer mit Pflanzen arbeitet, muss sowohl die saisonalen Zyklen der Natur als auch ihre Unkalkulierbarkeit mit einberechnen. „Deshalb ist für die Arbeit als Produktmanagerin ein hohes Maß an Flexibilität notwendig“, so Tögel-Gresser. 

Ein Gespür für den Markt

Eine weitere Herausforderung stellt die langfristige Planung dar. Die Erstellung eines passenden Sortenportfolios nimmt eine gewisse Vorlaufzeit in Anspruch. Um heute entscheiden zu können, welches Saatgut sie in Zukunft anbieten will, braucht Melanie Tögel-Gresser ein gutes Gespür für den Markt und dessen mögliche Entwicklung:

„Ich muss schon heute die Bedürfnisse der Kollegen an neuen Sorten in circa zwei Jahren abschätzen können, damit uns dann ein passendes Sortenportfolio auch zur Verfügung steht.“ Für eine vorausschauende Einschätzung dieser Art ist sowohl agrar- als auch wirtschaftswissenschaftliches Wissen notwendig. Aber auch die jahrelange Berufserfahrung vermittelt ein Gespür für Markt und Natur. So ist Melanie Tögel-Gresser der Ansicht: „Praktische Kompetenz darf nicht unterschätzt werden. Auch Erfahrung im Vertrieb ist hilfreich.“

Sie selbst absolvierte bereits während des Studiums verschiedene Praktika. Zum einen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb und zum anderen auf einem Versuchsgut. Die Chancen für den Berufseinstieg schätzt Melanie Tögel-Gresser allgemein als gut ein: „Fachkräfte werden, wie auch in allen anderen Bereichen, gesucht. Das Marktumfeld, sowie gesellschaftliche und politische Entwicklung nehmen unterschiedlichen Einfluss auf den Arbeitsmarkt der verschiedenen Agrarsegmente. Doch Agrarwissenschaftler/innen sind vielseitig ausgebildet, sodass sie in ganz unterschiedlichen Bereichen einsteigen können.“

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