Einsatz in der Seenotrettung
Allzu oft wird den Seenotretter/innen die Einfahrt in Häfen verweigert. Stattdessen wird ihnen kriminelle Schlepperei vorgeworfen.

Einsatz in der Seenotrettung

Von der Öffentlichkeitsarbeit bis zur Vorbereitung der Schiffe – der Soziologe Axel Steier packt überall an, um Geflüchtete auf hoher See zu retten. Angst vor Strafen hat der Vorsitzende des Vereins Mission Lifeline nicht.

Interview: Janna Degener

Axel Steier hat in Dresden seinen Bachelor in Soziologie gemacht. Foto: Markus Weinberg.

Um Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten, gründete Axel Steier 2016 gemeinsam mit seinem Freund Sascha Pietsch den Verein Mission Lifeline. Heute ist der Seenotretter im Vorstand beschäftigt, zahlt sich dafür aber nur den Mindestlohn aus.

WILA Arbeitsmarkt: Wie kamen Sie dazu, sich im Bereich der Seenotrettung zu engagieren?
Axel Steier: Ich habe einen Fernsehbericht gesehen, wo 10.000 Leute an einer Registrierungsstelle warteten, während es kalt wurde. Ich habe auch gelesen, dass schon über siebzig Menschen auf der Flucht gestorben waren, während sie zu Fuß durch Griechenland liefen. Das war für mich der Auslöser, eine Facebook-Veranstaltung zu organisieren und darüber Leute zu suchen, die mit Bussen Hilfsgüter runterfahren. Das verselbstständigte sich, wir haben das ganz oft gemacht. So hatte ich dann auf den griechischen Inseln Begegnungen mit Schlauchbooten, die in Seenot geraten waren. Und da ich wusste, dass die EU die Hilfe hier immer mehr kriminalisiert, kam die Idee auf, in diesem Bereich aktiv zu werden.

So kam es zu der Gründung der Nichtregierungsorganisation Mission Lifeline und der Anschaffung eines eigenen Rettungsschiffs. Wie sieht Ihr beruflicher Alltag als Vorsitzender des Vereins aus?
Früher war ich selbstständig. Ich hatte ein Einzelhandelsgeschäft, das ich im Dezember verkauft habe. Jetzt bin ich mehr oder weniger hauptamtlich im Verein aktiv. Das bedeutet, dass ich mehr oder weniger Tag und Nacht dafür arbeite. Ich kümmere mich um die Personalverwaltung, führe Personalgespräche und mache bei den Vorbereitungen der Schiffe mit. Ich koordiniere auch die Öffentlichkeitsarbeit und bediene die Presse.

"Mir geht es nicht ums Geld."

Unter welchen Arbeitsbedingungen sind Sie tätig?
Wir haben es im Bereich des Mindestlohns angesiedelt. Wir können uns das als Vorstand frei auswählen und könnten auch das Doppelte nehmen – ohne dass es jemanden stören würde. Aber mir geht es nicht darum, Geld zu verdienen. Es ist mir egal, wie viel ich damit verdiene. Denn ich muss zuhause nur die Miete bezahlen. Um den Rest kümmert sich meine Frau.

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Das Tätigkeitsfeld ist politisch brisant, auch gegen Sie persönlich wurde schon juristisch ermittelt. Was motiviert Sie, nach wie vor in dem Bereich aktiv zu sein?
Sicherlich liegt das auch an dem oppositionellen Charakter des Ganzen. Ich hatte schon mit dem DDR-Staat meine Probleme. Der Nationalismus in Deutschland passt mir auch nicht. Und das staatliche Handeln in dem Zusammenhang ist desaströs. Wenn man mich dafür verfolgt, spornt mich das erst recht an. Denn das ist für mich eigentlich der Beweis, dass ich das Richtige tue.

"Ich mache immer das, was ich will."

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrer Tätigkeit in der Seenotrettung und Ihrem Soziologiestudium?
Gewissermaßen schon. Denn ich mache immer das, was ich will. Im Soziologiestudium war das auch so, da habe ich in Methoden und Statistik keine Glanzleistungen gebracht, weil das einfach nie so ganz meins war. Stattdessen habe ich mich eher für die Geschichte der Soziologie interessiert. Ich habe immer interessensgeleitet studiert, entsprechend lang hat mein Studium auch gedauert.

Profitieren Sie denn heute noch von dem, was Sie im Studium gelernt haben?
Ja, mein Durchhaltevermögen ist mit dem Studium gestiegen. Irgendwann musste ich meine Arbeiten schreiben und abliefern. Das sind Erfahrungen, die mir geholfen haben, mich selbst zu strukturieren. Das hilft mir dabei, am Ball zu bleiben und mich auch durch schwierige Situationen durchzukämpfen, mich zu zwingen, auch Sachen zu machen, die etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen.

"Bei bestimmten Sachen muss man lange dranbleiben."

Was sind das zum Beispiel für schwierige Situationen, die Sie bei Mission Lifeline bewältigen müssen?
Wir haben zum Beispiel fünfzehn Monate lang Geld gesammelt, bevor wir das erste Schiff kaufen konnten. Das ist ein langer Zeitraum. Ich weiß nicht, ob das Studium mir da geholfen hat. Man muss auch abwarten können, bei bestimmten Sachen lange dranbleiben. Es gehört dazu, diszipliniert zu sein. Das Soziologiestudium hilft mir aber auch bei der Öffentlichkeitsarbeit. Denn es ist einfacher, Argumente zu finden, wenn man gesellschaftliche Zusammenhänge versteht.

Bei der Medienarbeit muss man aber auch den richtigen Ton treffen. Besonders schwierig finde ich die Personalgeschichten. Wenn etwas nicht läuft, muss man es wieder hinkriegen. Es kommt ja immer mal wieder vor, dass bestimmte Anforderungen nicht erfüllt werden. Dann gilt es, das durch Gespräche zu verbessern oder die Leute mehr einzubinden in bestimmte Prozesse, wenn sie unzufrieden sind. Das kommt immer mal wieder vor, denn wir haben jetzt relativ viele Angestellte. Da braucht es Führung.

"Man muss wissen, worüber gerade gesprochen wird."

Worauf kommt es bei der Medienarbeit konkret an?
Man muss sich zum Beispiel überlegen, was ein guter Aufhänger sein kann, um in die Zeitung zu kommen. Man muss Fernsehen gucken und die Zeitung lesen, die politischen Diskussionen verfolgen, um zu wissen, worüber gerade gesprochen wird und wie man da ansetzen kann. Und dann darf man natürlich kein dummes Zeug reden.

Wie viele Mitarbeiter/innen haben Sie jetzt?
Wir haben zwei Vollzeitstellen und circa acht Teilzeitstellen.

"Ich bin bisher der einzige Sozialwissenschaftler."

Welche Kompetenzen müssen Ihre Mitarbeiter/innen mitbringen? 
Der Mitbegründer der Organisation war Tischler. Wir haben auch andere Leute mit Berufsabschluss und eine Künstlerin. Eine Designerin kümmert sich um das Design von Printprodukten wie Flyern und Ähnlichem. BWLer machen das Fundraising, dafür müssen sie mit Statistiken umgehen und Spendentrends auswerten können.

Es gibt auch eine kleine Stelle für die Websitegestaltung. Und dann haben wir technische Berater, die einfach Ahnung haben, wenn die Kolleginnen und Kollegen vom Schiff anrufen und Fragen haben. Auch eine hauptamtliche Psychologin mit psychotherapeutischer Ausbildung haben wir, aber in diesem Bereich müssen wir noch aufsatteln. Ansonsten bin ich bisher der einzige Sozialwissenschaftler hier.

"Soziologen gibt es ja sowieso genug."

Warum sind nur wenige Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen im Team? Brauchen Sie sie nicht oder bewerben sich Leute mit solchen Studienhintergründen gar nicht bei Ihnen? 
Bis jetzt haben sich noch nicht so viele beworben. Allerdings schreiben wir meist auch nur die technischen Stellen aus, einmal haben wir auch eine Grafikerin gesucht. An Soziologen gibt es ja sowieso ein Überangebot, da muss man nicht lange suchen.

"Man braucht Praxiserfahrung."

Wie gehen Bewerberinnen und Bewerber am besten vor, wenn sie Interesse haben, im Bereich der Seenotrettung zu arbeiten?
Wenn sich jemand für uns interessiert, geht er auf die Website und schreibt uns eine E-Mail. Ich stelle es mir aber schwierig vor, direkt vom Studium einzusteigen. Man braucht Erfahrung in dem Bereich, um zum Beispiel in der Lage zu sein, mit Spendern adäquat zu kommunizieren. Auf jeden Fall sollte man erstmal schauen, ob einem die Arbeit gefällt. Das kann man auf dem Schiff tun. Und wenn es sich dann anbietet, weil zum Beispiel ein anderer Mitarbeiter weggeht, denken wir darüber nach, die Person einzustellen.

Wie lange dauert so ein Einsatz auf dem Schiff?
Mindestens zwei und höchstens vier Wochen.

"Nur wer spezielle Fähigkeiten mitbringt, kann mit aufs Schiff."

Muss man persönlich sehr stark sein, um die Erlebnisse dort auszuhalten?
Eigentlich reicht die Selbstheilungskraft des Menschen aus, um auch schwere und augenscheinlich traumatische Ereignisse ohne psychologische Hilfe zu verarbeiten. Es ist trotzdem gar nicht so einfach, an Bord zu kommen. Im Idealfall bringen die Leute eine medizinische und eine sprachliche Kompetenz mit. Wer zum Beispiel Französisch oder Arabisch spricht, hat gute Chancen mitzukommen. Wer keine speziellen Fähigkeiten mitbringt, kann normalerweise nicht mitfahren.

Sind auch Ihre Mitarbeiter/innen regelmäßig auf dem Boot unterwegs?
Nein, auf dem Boot sind nur Ehrenamtliche unterwegs. Die Mitarbeiter können das in ihrer Freizeit machen, müssen dafür aber Urlaub nehmen.

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