Impostor-Phänomen: Du bist besser, als du denkst
Zuerst war man noch ganz überzeugt von der Präsentation, doch dann kommen die Zweifel: Ist das überhaupt gut genug? Sieht denn nicht jeder andere, dass ich nichts drauf habe? Das Imposter-Phänomen kann Betroffene regelrecht lähmen und ihnen ihren Arbeitsalltag sehr erschweren.

Impostor-Phänomen: Du bist besser, als du denkst

Wer am Impostor-Phänomen leidet, hadert trotz Lob im Beruf oft mit den eigenen Leistungen. Die Betroffenen sehen nur ihre Unfähigkeit und befürchten, dass der große Bluff auffliegt.

Text: Andreas Pallenberg

Es gibt erfolgreiche Leute, die ihre Karriere ziemlich geräuschlos gestalten und ebenso unauffällig von einer zur nächsten Stufe gelangen. Sie sind als Leistungsträger anerkannt, geachtet unter Kolleg/innen und erledigen ihren Job absolut zufriedenstellend. So der äußere Eindruck. Innerlich aber brodelt es bei ihnen.

Sie stehen ständig unter Strom und leisten deutlich mehr als nötig. Sie sind die ersten, die morgens kommen und immer noch am Arbeitsplatz, wenn andere längst Feierabend haben. Sie nehmen sich sogar noch Arbeit mit nach Hause und ins Wochenende, sie bilden sich ständig weiter und sind getrieben von einem Wahn, der lautet: Ich bin nicht gut genug!

Was sie plagt, ist besonders vor dem Hintergrund ihrer tatsächlichen Leistung befremdlich. Sie glauben bei allen Erfolgen stets, den Anforderungen nicht zu genügen und hecheln einem Zustand hinterher, den sie nie erreichen können. Aber es ist nicht allein der damit verbundene Perfektionismus, der sie plagt, es ist der Alptraum, als Betrüger oder Hochstaplerin, also als sogenannter „Impostor“, enttarnt zu werden.

Alles Zufall

Geradezu absurd erscheinen die Mechanismen, die bei dieser regelmäßigen Demontage des Selbstwertgefühls zur Anwendung kommen. Mit ihren Erfolgen, die die vermeintlichen Hochstapler/innen ja durchaus konstatieren, wären sie eigentlich bestens in der Lage, systematisch ein solides Fundament an Selbstvertrauen und Kompetenzgefühl aufzubauen. Bei den Betroffenen aber funktioniert das nicht. Sie sehen Erfolge grundsätzlich nicht als Bestätigung ihrer Arbeit an, auch wenn sie noch so deutlich dafür gelobt und gefeiert werden.

Gute Leistungen sind für sie eher das Resultat günstiger Umstände, Produkte guter Beziehungen oder sogar Irrtümer. Von dem Gedanken geradezu besessen, inkompetente Generaldilettant/innen zu sein, bestehen sie unbeirrt auf ihrer Unfähigkeit. Alle gegenteiligen Indizien werden bagatellisiert, abgewertet und auf keinen Fall angenommen. Kritik dagegen fürchten sie ständig; deshalb sind sie mehr als hundertprozentig, immer ein Stück voraus und wollen über jeden Zweifel erhaben sein.

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Dabei treten die Betroffenen keineswegs wie laute, sich selbst inszenierende Karrierist/innen auf. Ganz im Gegenteil. Sie vertuschen sogar ihren ständigen Mehreinsatz. Ihre Überstunden reden sie klein, und die Wochenendarbeit wird unterschlagen. Niemand soll einen Eindruck davon bekommen, welche Mühe hinter den Arbeitsergebnissen steckt. Am liebsten arbeiten sie viel und zusätzlich im Hintergrund. Sie sind und bleiben getrieben von der Angst, dass ihr vermeintliches Unvermögen irgendwann auffliegt.

Bei so viel Einsatz bleibt es nicht aus, dass die Betroffenen immer besser werden, höher steigen und tatsächlich Karriere machen. Aber das hilft wenig, im Gegenteil. Bei ihnen steigt das Leid. Denn je höher sie aufsteigen, desto größer wird die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Leistung und eigener Wertschätzung. Und die Angst, dass der große Bluff auffliegt, wird immer stärker. Wie in einer schicksalhaften Spirale verstärkt sich das Problem und kann zu Burn-out und anderen körperlichen und seelischen Krankheiten führen.

Ein Frauenproblem?

Die Professorinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beobachteten dieses Phänomen zum ersten Mal 1978 im Rahmen einer Studie und tauften es „Impostor-Phänomen“. Sie wollten untersuchen, warum Frauen häufig an Selbstzweifeln gegenüber ihrer Leistungsfähigkeit litten und sich vor der Enttarnung als Hochstaplerinnen fürchteten. Tatsächlich zeigte sich das Phänomen nach zahlreichen weiteren Studien aber nicht als frauentypisch, sondern war unabhängig von Geschlecht, Alter und Beruf weit verbreitet. So kommen verschiedene Studien zu ähnlichen Ergebnissen und zeigen, dass circa 50 Prozent der erfolgreichen Führungskräfte Impostor-Gedanken und -konzepte in sich tragen.

In der Zeitschrift „reportpsychologie“ (05/2019) beschreibt Dr. Sonja Rohrmann, Professorin für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Frankfurt, einen weiteren Zusammenhang: „Besonders betroffen sind vor allem Personen mit höherem Bildungsniveau, qualifizierten Abschlüssen und insbesondere Personen im Hochschulwissenschaftssystem, deren Arbeitskontext durch eine Vielfalt von Rollen, Rollenerwartungen und -widersprüchen charakterisiert ist.“

 

Alles läuft scheinbar rund im Beruf, man bekommt Anerkennung sowohl von Vorgesetzten als auch Kolleg/innen. Wäre da bloß nicht dieser nagende Selbstzweifel ... Foto: © nd3000/Fotolia

 

Was treibt erwachsene, gebildete und berufserfahrene Menschen in solch einen Wahn? Tatsächlich ist die aktuelle Forschung bei den Ursachen noch nicht weit gekommen. So ist das Phänomen auch noch nicht als Krankheit anerkannt. Die Autorin des Buchs „Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann? Über die Angst, nicht gut genug zu sein.“

Sabine Magnet spricht in einem Interview mit der Wirtschaftswoche (Januar 2018) von einer „Facette menschlicher Erfahrung“. Auch Pauline Clance, eine der Namensschöpferinnen, spricht inzwischen von einer „Erfahrung“ und nicht mehr von einem „Phänomen“ oder „Syndrom“, das für Krankheiten typisch wäre.

Ich gehöre nicht dazu

Ursachen dafür können in der Kindheit liegen, und zwar in Erfahrungen mit Erfolgen und (Nicht-)Anerkennung. Diese können im Einzelfall so dramatisch gewesen sein, dass man kaum noch von einer Facette sprechen kann, sondern von einer Störung, die sich neben anderen Symptomen durch das Impostor-Phänomen ausdrückt. Wahrscheinlich ist auch, dass manche Menschen von Natur aus dafür disponiert sind, solche Fehlwahrnehmungen zu entwickeln.

Bei ihnen genügen dann entsprechende Situationen, um das Impostor-Phänomen auszulösen. Sabine Magnet spricht in diesem Zusammenhang von „Situationen, in denen wir noch nie waren oder wenn wir plötzlich zu einer Minderheit gehören – als einzige Frau in der Führungsriege, als einziger schwarzer Professor, als einziges Arbeiterkind im Hauptseminar. Das kann zu dem Gefühl führen, man gehöre nicht dazu und stapele eigentlich nur hoch – und die anderen würden es irgendwann herausfinden.“

So kann es auch frischen Absolvent/innen gehen, die tatsächlich über „gute Kontakte“ oder verwandtschaftliche Beziehungen zum guten Job gekommen sind. Sie fühlen sich immer beobachtet, unter Bewährungsdruck und Klüngel-Vorwurf. Sie wollen ihre Protegés nicht enttäuschen und arbeiten bis zum Umfallen.

Ihre Befürchtungen hätten den Tenor: Ich bin hier nur geduldet, weil meine Familie mich hier reingehievt hat, eigentlich kann ich nichts und habe ständig den Druck, dass das herauskommt und dass ich als völlig inkompetent entlarvt werde. Dann würde ich versinken. Deshalb kann ich nicht zur Ruhe kommen, ich muss mich wappnen, mich schützen, um nicht in die Kritik zu geraten.

Die meisten Betroffenen machen das Problem mit sich allein aus. Kein Wunder, denn mit ihren Ängsten stoßen sie in der Regel nicht auf große Anteilnahme oder Verständnis, sondern eher auf Erstaunen, wenn nicht sogar auf argwöhnische Distanz. Versuchen sie, ihre Nöte darzulegen, erleben sie Reaktionen wie „Stöhnen auf hohem Niveau“, oder werden als Streber/innen und Leistungsjunkies abgehakt, die täglich zeigen wollen, wie viel man schaffen kann.

Damit macht man sich keine Freundinnen und Freunde. Und tatsächlich fällt es schwer zu glauben, dass diese Leute ein großes Problem haben, das sie vermutlich schon lange mit sich rumschleppen. Das Verständnis für jemanden, der sich immer wie ein „Klassenprimus“ zeigt und trotzdem stets mit der eigenen Leistung hadert, dürfte ohne weitere Hintergrundinformationen nicht sehr ausgeprägt sein.

Bin ich gefährdet?

Um herauszufinden, ob man selbst gefährdet im Sinne des Impostor-Phänomens ist, kann man sich an folgenden Leitfragen orientieren:

  • Arbeite ich immer mehr als vorgesehen?
  • Verheimliche ich meine Mehrarbeit?
  • Arbeite ich am liebsten alleine?
  • Strebe ich nach lückenloser Kompetenz?
  • Habe ich Angst davor, mich zu blamieren?
  • Bin ich mir gegenüber selbst der größte Kritiker oder die größte Kritikerin?
  • Bewerte ich Fehler oder Misserfolge als persönliche Katastrophe?
  • Glaube ich oft, dass die Kolleg/innen besser sind als ich?
  • Ist es mir unangenehm, gelobt zu werden?
  • Glaube ich oft, dass ich Erfolge nicht verdient habe?
  • Glaube ich, dass mein Erfolg eher aus Glück, Zufall oder Begünstigung entsteht?
  • Befürchte ich, dass meine Inkompetenz eines Tages auffliegt?
  • Habe ich dieses Problem noch nie offen angesprochen?

Wer sich nur bei wenigen einzelnen Fragen „ertappt“ fühlt, sollte sich nicht ernsthaft beunruhigen. Zweifel an der eigenen Arbeitsleistung sind schließlich weit verbreitet und treten sporadisch immer wieder auf. Wer jedoch bei fast allen Fragen innerlich still nickend beipflichten muss, sollte sich mehr mit dem Problem beschäftigen als mit der „lückenlosen Kompetenz“.

Und was kann man tun?

Es gibt ein paar Empfehlungen, um die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Arbeitsleistung und wahrgenommener Leistung zu mindern:

  • Ansprüche korrigieren: Niemand ist perfekt. Alle haben Zweifel. Der Mut zur Lücke ist überlebenswichtig. Verzeihen Sie sich Fehler und begegnen Sie ihnen mit konstruktiver Gelassenheit. 
  • Erfolge registrieren: Entwickeln Sie eine Liste der bisherigen großen und kleinen Erfolge, auch wenn Sie glauben, diese nicht selbst herbeigeführt zu haben. Sollte sich dabei manches wiederholen, kann das kein Zufall sein. 
  • Gefühle und Ängste von Fakten trennen: Lassen Sie sich nicht von Gefühlen und Ängsten leiten. Isolieren Sie diese, indem Sie sie konkret formulieren und aufschreiben. Was bleibt, sind die Fakten und die Erfolge (siehe 2.), auf die Sie bauen können. 
  • Loben und loben lassen: Empfangen Sie Lob mit offenem Herzen. Weichen Sie nicht verschüchtert aus, sondern nehmen Sie es als verdiente Anerkennung für die eigene gute Leistung an. 
  • Kritik akzeptieren und wegstecken: Genauso wie Lob gehört Kritik zum Arbeitsalltag. Sie ist fast immer inhaltlich und sollte nie persönlich genommen oder gar als Katastrophe betrachtet werden. 
  • Darüber reden: Stehen Sie zu Ihren Problemen und suchen Sie Gespräche mit vertrauten Personen möglichst außerhalb der Arbeitszusammenhänge. Darüber lässt sich vieles relativieren. Der nächste empfehlenswerte Schritt ist, Mentoring- oder Coaching-Angebote wahrzunehmen. Reicht das nicht, scheuen Sie sich nicht, professionelle psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Natürlich ist Erfolg nicht nur das Resultat der eigenen Fähigkeiten und Qualifikationen. Es spielen auch Glück und Zufälle, Beziehungen, Networking und Empfehlungen eine Rolle. Den Erfolg aber nur auf diese Umstände zu schieben, ist nicht nur destruktiv, sondern in vielerlei Hinsicht auch falsch, denn auch Kontakte und Referenzen fallen nicht einfach vom Himmel.

Und die Fähigkeit zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, ist selten ein Zufallsprodukt, sondern eher das Ergebnis guter Recherchen. Und zum Schluss noch die gute Nachricht: Älter werden hilft. Laut Sabine Magnet stellt sich bei den meisten Betroffenen irgendwann die Erkenntnis ein, dass alles, was man bis dato geschafft hat, kein Zufall sein kann.

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