Kopf oder Zahl: Welches Jobangebot ist das richtige?
Die Qual der Wahl: Eine Entscheidung treffen zu müssen, lähmt manche Menschen so sehr, dass es zum Problem wird. Verschiedene Methoden können in solchen Situationen helfen.

Kopf oder Zahl: Welches Jobangebot ist das richtige?

Auch im Berufsleben gibt es so manche Abzweigung: Hat man die Wahl zwischen verschiedenen Karriereoptionen, fällt es machen schwer überhaupt eine Entscheidung zu treffen.

Text: Andreas Pallenberg 

Das mit der Bewerbungsoffensive hat gut geklappt. Ein gutes Dutzend Stellenangebote wurde angeschrieben, es gab drei Vorstellungsgespräche und zum Schluss sogar eine Zusage. Eigentlich ein Grund zur Freude. Aber jetzt macht sich merkwürdige Unsicherheit breit. Alte und neue Bedenken tauchen auf. Will ich das? Schaffe ich das? Was will ich überhaupt?

Die Courage, die man im Bewerbungsverfahren so souverän vorführen konnte, zerlegt sich plötzlich wie von selbst. Was tun? Zusagen oder absagen? Andere stehen vor ähnlichen Problemen, wenn sie in Zeiten von Quasi-Vollbeschäftigung unerwartet, aber nicht unüblich, auf einmal zwei Angebote haben, zwischen denen sie sich entscheiden müssen. Was dann? Beide Stellen haben etwas für sich, die eine ist inhaltlich vielleicht interessanter, die andere bietet mehr Sicherheit. Beides wäre irgendwie schön … aber beides geht nicht. Auch hier muss eine Entscheidung her.

„Ein Problem auf hohem Niveau, das andere gerne hätten ….“, möchte man meinen. Aber so einfach ist es nicht. Solche Entscheidungen haben schließlich eine gehörige Tragweite für die gesamte zukünftige Lebensgestaltung. Sie betreffen oft die Zukunft einer ganzen Familie, die vielleicht die bisherige Heimat verlassen muss. Solche, die Existenz betreffenden Entscheidungen trifft man in der Regel nur selten im Laufe des Lebens. Kein Wunder, dass man dann alles richtig machen möchte und nichts dem Zufall überlassen will. Ein Schelm, wer hier eine Münze werfen wollte.  

Die Qual der Wahl

Aber wie macht man das mit dem Entscheiden? Mit dem Kopf und seinen Argumenten oder mit dem Bauch und seinen Gefühlen? Aus Erfahrungen kennt man beide „Systeme“ meistens ganz gut. Sie liegen dabei anatomisch gar nicht so weit auseinander, wie man vermuten möchte. Die Argumente stammen aus dem Großhirn, die Gefühle vorwiegend aus dem benachbarten limbischen System.

Bei aller Nähe zueinander ringen diese Areale schon mal heftig miteinander und können ihren Menschen ordentlich verwirren. Unter Entscheidungsdruck sind sie als wichtige Instanzen gefragt und liefern dabei ihre „Sicht der Dinge“. Manche sehen sich selbst gerne als Vernunftmenschen. Und andere bezeichnen sich ebenso voreilig als Gefühlsmenschen. Aber diese Einteilung trifft nie ganz zu. Selbst abgebrühte Analytiker/innen sind keine Automaten, und die gefühligsten Spontis sind keine Emotionsbündel. Immer sind beide Systeme beteiligt.  

Und was ist mit der Seele? Sie ist nicht unbeteiligt und kann bei Entscheidungsschwäche richtig leiden, ohne sich unmittelbar regen zu können. Der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort stellte schon zur Zeit der Aufklärung und der französischen Revolution fest: Unentschlossenheit ist für die Seele, was die Folter für den Körper ist.  

Vom Bauch ...

Fest steht, dass das Bauchgefühl sehr euphorisch, aber auch trügerisch sein kann. Oft drängt es sich als erste Regung in den Vordergrund und meldet sich gerne noch mal als letzte Instanz vor der endgültigen Entscheidung. Dieses System lässt Ahnungen und Wünsche entstehen, es lässt Hormone strömen und ist mitunter ganz schön mächtig. Leider entzieht es sich gerne der  Beschreibung und lässt sich nur schlecht kommunizieren.

Es ist einfach da, oder es arbeitet subversiv aus dem Verborgenen. So unberechenbar wie das Bauchgefühl ist, so hilfreich ist es im Alltag. Es sorgt dafür, dass wir in trivialen Situationen nicht lange grübeln müssen, sondern spontan entscheiden können. Vor die Wahl gestellt, welches von 25 verschiedenen Haarshampoos wir kaufen wollen, machen wir meistens (!) kurzen Prozess. Eine kaum reproduzierbare Mischung aus persönlicher Erfahrung, Werbungs-Impulsen und Kauflust produziert solche Entscheidungen im Sekundentakt. Stimmt dann auch noch die Duftprobe, ist der Fall erledigt, und das Shampoo liegt im Einkaufswagen.

Ein feiner Mechanismus, der uns hilft, den Alltag zu bewältigen, weil nicht jede Wahl zur Qual wird. Auch bei komplexeren Entscheidungsanforderungen verfügen wir mit zunehmender Lebenserfahrung über reichlich Spontanentscheidungskompetenz, die uns per „Intuition“ durch den Alltag lenkt. Wer es versteht, diese Quelle aktiv und konstruktiv in Entscheidungsprozesse einzubinden, ist eindeutig im Vorteil. Aber ist der Bauch immer der bessere Berater?    

... bis zum Kopf

Der Kopfmensch in uns baut derweil auf die Macht des Faktischen und lässt sich lieber von operationalisierbaren Analysen leiten. Da kennen wir uns meistens ganz gut aus, und da gibt es kaum Grauzonen. Tatsächlich stellen rationale, möglichst messbare Inputs immer eine solide Grundlage dar, wenn es um Entscheidungen von größerer Tragweite geht.

Damit meinen wir nicht nur Fakten und Zahlen, sondern auch handfeste Chancen und Risiken, benennbares Pro und Contra. Bei diesem System wünschen wir uns den Sieg nach Punkten für die eine oder die andere Seite. Das „errechnete“ Ergebnis soll Sicherheit vermitteln und uns bei späteren Zweifeln beruhigen. Wir sehnen uns nach Objektivierbarkeit …. als wenn das so einfach wäre.  

Der Fluch der richtigen Entscheidung

Oft genug vollzieht sich nämlich ein innerer Kampf, wenn Kopf und Bauch nicht in Einklang kommen wollen. Selbst wenn die Faktenlage für die eine mutige Entscheidung spricht, … man kommt irgendwie nicht weiter. Geradezu penetrant meldet sich die Alternative aus dem Bauch und wirft sich förmlich in den Weg.

Umgekehrt können sich die verdammten Fakten aber geradezu wie Spaßbremsen aufspielen und eine „sich gut anfühlende“ Bauchentscheidung streng zurückpfeifen. Was sich dramatisch anhört und manchmal auch ebensolche Wirkungen hat, ist aber nichts Besonderes.

Für Maja Storch, Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin und Buchautorin („Das Geheimnis kluger Entscheidungen“) ist nicht die Divergenz der Systeme das Problem, sondern der Umgang damit. Man müsse die beiden Systeme nutzen und annehmen, um nicht in Zerrissenheit zu geraten, und auch wissen, „dass man sich völlig im Bereich der Normalität bewegt, wenn man Unterschiede wahrnimmt zwischen diesen beiden Bewertungen“. Wer dies akzeptieren kann, durchlebt einen spannenden Entscheidungsprozess und vergrößert die Chancen für eine kluge Entscheidung.

Egal, ob wir uns für oder gegen einen neuen Berufsweg entscheiden oder ob wir die Wahl zwischen zwei Stellenangeboten haben – ab einer gewissen Tragweite der Konsequenzen streben wir nach der perfekten Entscheidung. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen, holen uns fremde Meinungen ein, recherchieren uns wund und bleiben dennoch im Ungewissen. 

Dabei kann sich der unangenehme Effekt einstellen, dass mit zunehmenden Erkenntnissen über die möglichen Entscheidungsfolgen die Unsicherheit wächst. Das immer verzweifelter werdende Bemühen um die perfekte, die einzig richtige Entscheidung lähmt eher als dass es beflügelt. 

Alles oder nichts

Hinzu kommt, dass eine Entscheidung für etwas meistens auch eine Entscheidung gegen etwas anderes bedeutet. Wer sich für die Übernahme des elterlichen Betriebes entscheidet, kann kaum noch gleichzeitig promovieren, und wer jetzt in die Familienplanung einsteigen will, wird die berufliche Karriere zumindest eine Zeit lang aussetzen müssen. Wer morgen beruflich durchstarten will, kann sich die einjährige Weltreise bis auf Weiteres abschminken. Und das erinnert an kindliche Erlebnisse, bei denen Entscheidungen als unerträglich wahrgenommen wurden. 

Dreijährige, von ihren Eltern vor die Wahl gestellt, sich im Supermarkt zwischen Schokolade und Kaugummi entscheiden zu müssen, wollen penetrant „beides“, weil es für sie völlig abwegig ist, sich dabei entscheiden zu müssen. Engagierte Eltern fordern dann in einem Anflug wohlmeinender  Pädagogik gnadenlosen Vollzug bei der Entscheidung und drohen schon mal mit „Sonst gibt’s gar nichts“. 

Nichts anderes passiert bei ausgeprägter Entscheidungsschwäche bei erwachsenen Menschen. Sie sehen bei jeder Entscheidung den Verzicht auf etwas anderes und verpassen am Ende schmollend jede Chance, weil sie sich nicht entscheiden können. Dann ist jede Entscheidung besser als keine.  

Laut Maja Storch kann ein komplexer Entscheidungsprozess immer nur der Versuch sein, eine kluge Entscheidung zu treffen. Ob die Wahl sich irgendwann mal als richtig oder falsch erweisen wird, bleibt offen. Niemand kann alle Konsequenzen und Entwicklungen voraussehen, die sich mit der einen oder anderen Entscheidung ergeben können. Diese Unsicherheit muss ertragen werden.  

Der dritte Weg

Ist es wirklich immer ein striktes „entweder … oder“? Lässt sich nicht ein Weg finden, bei dem die eine Entscheidung sogar eine Tür für die andere offen hält? Ist es zum Beispiel möglich, zunächst eine Stelle in der Provinz anzunehmen mit der Option, nach fünf Jahren mit entsprechender Berufserfahrung in die Wunschheimat zurückzukommen? 

Oder kann man nicht trotz Bedenken die sich bietende Chance wahrnehmen, um dann in der Probezeit für sich kritisch zu prüfen, ob die Sache guttut oder nicht? Und natürlich ist der berufliche Quereinstieg in die Finanzwirtschaft für einen Geografen oder eine Literaturwissenschaftlerin eine harte Zäsur. Aber muss man denn die mit dem Studium verbundenen Leidenschaften tatsächlich an der Garderobe abgeben? Gibt es irgendwo akzeptable Kompromisse, Möglichkeiten, dritte Wege? 

Fest steht: Ein Arbeitsvertrag ist weder eine Ehe noch ein Gelübde auf Lebenszeit. Karrierewichtige  Entscheidungen sind nie absolut, auf ewig und unveränderbar. Wenngleich Entscheidungen oft von erheblicher Tragweite sind, lassen sich die Geschicke immer wieder neu sortieren und bewerten. 

Ein paar Tools …

Vielen hilft schon ein großes Blatt Papier mit ein paar bunten Stiften, um das kreative Chaos aus dem Kopf auf eine zweidimensionale Landkarte zu projizieren. Solche Mind-Maps sind Sortierwerkzeuge, mit denen man sich prozesshaft (man braucht viel Papier!) einen Überblick über die Lage verschafft. Mit oft erstaunlichen Ergebnissen. Schon das Sortieren verlangt Zuordnung, erschließt Zusammenhänge und bietet Struktur. Einmal erstellt, strahlt die Gedankenlandschaft zurück ins Gehirn und kann jetzt auch dort besser bearbeitet werden. 

Ein nächster Schritt ist schon etwas strenger und lässt sich als klassische Pro und Contra-Liste gestalten. „Sowas brauche ich nicht“, mögen manche einwenden mit dem Hinweis, dass sie diese längst vor Augen hätten. Tatsächlich existieren solche Listen mit dem Für und Wider, mit Plädoyers für die eine und die andere Alternative längst im Kopf. Aber leider kann man sie nicht einfach ausdrucken. Also aufschreiben …  

Was sich einfach anhört, hat es aber in sich: Die Verschriftlichung erfordert eine Präzisierung der Argumente und führt meistens zu der Einsicht, dass die Liste im Kopf noch längst nicht so fertig war, wie man glaubte. Die einzelnen Pros und Kontras müssen zumindest thesenhaft formuliert werden und führen schon deshalb oft zu größerer Schärfe und neuen Erkenntnissen. Besonders die emotionalen Anteile sträuben sich gegen die Verschlagwortung und erfordern besondere Aufmerksamkeit. 

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Manchmal passiert sogar etwas höchst Merkwürdiges: Man erwischt sich beim Pfuschen. Da wird ein Argument ausgewalzt in mehrere Unterpunkte, und schon hat man auf der Liste drei Pluspunkte statt nur einem. Das sind untrügliche Hinweise für Präferenzen, die sich aus Richtung „Bauch“ melden. Eine etwas aufwendigere Methoden sind die Sechs Hüte, sie vermittelt über Rollenspielelemente einen kreativen Zugang zu Entscheidungsprozessen. 

Die besten Tools befinden sich aber in unserem sozialen Umfeld. Wer sich lieber mit seinen Mitmenschen über die Qual der Wahl austauscht, kann nicht viel falsch machen. Das können die besten und nächsten Freundinnen und Bekannten sein, mit denen man sich zu einem Coaching-Spaziergang verabredet. Mitunter ertragreicher können aber die bewusst gewählten Begegnungen mit Nicht-Gleichgesinnten sein, zum Beispiel überzeugten Pragmatiker/innen oder besonders empathischen Personen. Ihre vielleicht abweichenden Sichtweisen schärfen den Blick für eine allseits gut abgefederte Entscheidung.

Weniger ein Werkzeug, aber vielleicht ein hilfreicher Gedanke bei anhaltendem Zaudern: Wie war das bei meiner letzten wichtigen Entscheidung, wie ging es mir anschließend, als es kein Hin und Her mehr gab? War es nicht  eine Erlösung aus der Grübelei und ein Freisetzen von unendlich viel Energie, die endlich für den neuen Weg genutzt werden konnte? Warum soll das jetzt anders sein? 

… und ein bisschen Taktik

Die Zeit tickt. Der freundliche Arbeitgeber will zeitnah Gewissheit und braucht eine verbindliche Antwort, ob die Auserwählten tatsächlich in seine Dienste treten oder nicht. Er weiß, dass es Rückzieher geben kann, dass er vielleicht nicht der einzige im Rennen ist. Aber eins ist sicher: Irgendwann will er die Unterschrift.

Manche melden sich per Telefon und unterbreiten auf diesem Wege die frohe Botschaft. Gleichzeitig wünschen sie, die notwendigen Formalien schnell zu erledigen. Ist man dann selbst noch nicht entschieden, sei es wegen lukrativer Alternativen oder wegen grundsätzlicher Bedenken, behält man diese Zweifel auf jeden Fall bei sich. Man zeigt sich vielmehr sehr erfreut, bedankt sich für das Vertrauen und sieht der Vertragsunterzeichnung gut gelaunt entgegen. 

Wird man schriftlich benachrichtigt, sollte man sich ebenfalls zeitnah melden und das Interesse bestätigen. Innerhalb einer Woche sollte die Rückmeldung erfolgen, um Argwohn auf der anderen Seite zu vermeiden. Rein rechtlich ist aber bis zur Unterschrift alles offen. Braucht man ernsthaft noch Zeit, kann man diesen Termin eventuell auch noch hinauszögern aus vorgeschobenen terminlichen Erwägungen. 

Wer dagegen ehrlich seine noch zu klärenden Bedenken anführt, muss damit rechnen, dass der Arbeitgeber Zweifel bekommt und sich verstärkt um die Mitbewerber/innen kümmert. Bei aller Taktik und Aufschieberei – ein oder zwei Tag mehr Grübelei bringen selten bessere Entscheidungen. Oft ist sogar der erste Gedanke der beste. 

Und spätestens dann, wenn es keine neuen Gesichtspunkte mehr gibt und sich die Argumente mitsamt den verschiedenen Gehirn­arealen im Kreis drehen, muss Schluss sein mit der Zauderei. Dann wird keiner mehr gefragt, dann wird vielleicht noch einmal drüber geschlafen, und dann wird entschieden. Bei weiterer Entscheidungsverzögerung drohe man sich selbst mit der Münze. Kopf oder Zahl? Wer das nicht zulässt und sich trotzdem nicht entscheiden will, bleibt, wo er ist und lässt andere für sich entscheiden. Schade eigentlich, bei so viel Glück.

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