Ausgedient mit 60 Jahren?
Ältere haben durch ihre Erfahrung einen anderen Blick auf manche Dinge und treffen daher zum Teil auch andere Entscheidungen als Jüngere.

Ausgedient mit 60 Jahren?

Wenn Ältere ihren Job verlieren, finden sie meist auch keine neue Stelle mehr, trotz reichlich Berufs- und Lebenserfahrung. Der Verlust wiegt schwer, finanziell aber auch psychisch. Eine Leserin berichtet.

Text: Gerti Keller 

Anne Müller (Name von der Redaktion geändert) leitete bis vor Kurzem an einer Hochschule die Stabsstelle Kommunikation und Marketing. Dann kam die neue Universitätsleitung, die sie „auf dem Kieker“ gehabt habe, nach einer Weile wurde ihr ein Auflösungsvertrag angeboten. „Rauskatapultiert aus einem Job mit Vollspeed, mit großem Team und vielen spannenden Projekten. Ich war gerade 60 Jahre alt geworden“, erzählt sie und ergänzt: „Ich mache mir trotz bester Qualifikation und einer beeindruckenden Vita keine Illusionen. Ich werde keinen Job mehr finden.“

Laut aktuellem Bericht der Arbeitsagentur zur Situation von Älteren ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ab 55 bis zur Rente in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wer im Job drin ist, hat somit gute Chancen, es zu bleiben. Doch kommt das Beinah-Vollbeschäftigungswunder bei der Gruppe der älteren Arbeitslosen nicht an.

Auch die Arbeitsagentur bestätigt: „Ältere haben …deutlich geringere Chancen, ihre einmal eingetretene Arbeitslosigkeit durch Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung wieder zu beenden.“ Rund zwei Drittel finden innerhalb der ersten zwei Jahre nach Jobverlust keine Anstellung mehr – und danach wird es noch schwerer. So geht jede Menge Potenzial verloren, wie auch Anne Müller unterstreicht, die lange Jahre auf der anderen Seite des Schreibtischs saß und etliche Leute eingestellt hat: „Meine Stärke ist das Teambuilding. Das kann man viel besser mit mehr Lebens- und Berufserfahrung.“

Außerdem betont sie: „Nur jung zu sein, heißt doch nicht, dass jemand automatisch flexibel ist und bereit zu lernen. Dazu muss man sich den Lebenslauf genau ansehen.“ Auch in der 35-jährigen Laufbahn der studierten Germanistin gab es immer wieder Brüche. So machte sie nach einem Start im Verlagswesen eine Weiterbildung als PR-Managerin. „Ich habe immer nach vorne geschaut.“ Doch damit schien bei ihr jetzt Schluss zu sein.

Den Verlust verkraften

„Ich hatte nicht nur meine Stelle verloren, das war gleichzeitig das Ende meines Berufslebens“, resümiert Müller. Und das muss erst einmal verarbeitet werden. Wen ein solches Los trifft, der fällt oft in ein tiefes Loch. Ein Jobverlust, vor allem ein unfreiwilliger, kann durchaus ähnliche Auswirkungen haben wie ein Trauerfall. Plötzlich sind die tägliche Struktur und vertraute Kolleg/innen ebenso weg wie die finanzielle Sicherheit. Viele Betroffene rutschen in Hartz IV, nachdem sie ihr Angespartes aufgebraucht haben.

Danach geht es nahtlos in die Altersarmut über – und das bis zum Lebensende. Anne Müller hat immerhin im letzten Punkt Glück. Dank ihres Mannes ist sie finanziell abgesichert. Vor den psychischen Problemen bewahrt sie dies nicht. „Es ging mir ganz schlecht. Es war demütigend, frus­trierend und nagte am Selbstbewusstsein, und manchmal konnte ich nur noch heulen.“ Also versuchte sie nach einer Weile, sich ­psychologische Hilfe zu holen, doch freie Termine gab es erst Monate später. Und jetzt?

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„Ich bin derzeit arbeitslos gemeldet. Ich muss mich bewerben, tue das auch ordentlich. Aber ich rechne mir keine Chance mehr aus. Und dabei gibt es so spannende Stellen“, sagt sie mit Bedauern. Immerhin ist sie inzwischen wieder guter Dinge und versucht, die Mußestunden zu genießen. Sie hat Zeit zu lesen, unterrichtet Yoga und diskutiert mit ihrem Mann über das Tagesgeschehen. Das Paar ist inzwischen außerdem nach Berlin gezogen, wo sie und ihr Mann im Ruhestand sowieso hinwollten. Auch das hat geholfen: „Mein früherer Wohnort war klein. Da wäre ich praktisch jeden Tag an meinem alten Arbeitsplatz vorbeigekommen.“

Dennoch, es braucht Zeit, sich von so einem Schlag zu erholen. Und es gibt Momente, in denen sie immer noch damit hadert. „Das Ende meines ganzen Berufslebens ist nun mit einem unglaublichen Wertmutstropfen belastet. Doch mit dem Gedanken und der Bitterkeit sollte man nicht alt werden. Hierbei helfen mir auch meine Freunde. Man muss sich immer wieder klarmachen, was man vorher alles Tolles geschafft hat.“

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