Islamwissenschaft? Sehr gefragt!
Nicht nur in der rechten Szene in Deutschland gibt es gewaltbereite Extremisten. Islamwissenschaftler/innen können mit ihrem Wissen polizeiliche Ermittlungen unterstützen, aber auch in der Präventionsarbeit einen wichtigen Beitrag leisten.

Islamwissenschaft? Sehr gefragt!

Die Islamwissenschaft hat eine erstaunliche Karriere gemacht: Fristete die Fachrichtung lange Zeit ein Nischendasein, bringt sie heute gefragte Expertinnen und Experten hervor – sogar für den Staatsschutz.

Text: Michael Fehrenschild 

Dr. Michael Kiefer leitet an der Uni Osnabrück drei Forschungsprojekte, die sich mit Radikalisierung und Prävention befassen. Foto: privat

WILA Arbeitsmarkt: Ist Islamwissenschaft ein wichtiges Fach geworden?
Dr. Michael Kiefer: Unbedingt. Als ich 1992 mit dem Studium anfing, bekam man damit noch keinen Job. Es war ein richtiges Orchideenfach. Mit Nine Eleven änderte sich das dramatisch. Und heute sind wir fast schon eine polizeiliche Hilfswissenschaft. In jedem Landeskriminalamt, im Bundeskriminalamt und in allen Sicherheitsbehörden arbeiten Islamwissenschaftler in relativ großer Zahl. Dazu kommt der Präventionsbereich, wo auch viele unterkommen. Also hat das Fach, wenn man so will, vom Islamismus profitiert. Aus einer eher aussichtslosen Orientierung ist ein Beruf geworden, in dem man gutes Geld verdienen kann.

Hat der Islamismus Ihren Beruf verändert?
Ja, massiv. Ich bin seit Jahren Spezialist für Radikalisierungsprozesse. Mich beschäftigen Fragen wie: Welche Rolle hat der Islam wirklich für junge Menschen? Oder instrumentalisieren sie ihn? In den letzten Jahren habe ich mir ganz viele Social-Media-, Whats-App- und andere Chat-Verläufe angeschaut, aber auch Telegramme und Biografien von Straftätern. Da ist nicht mehr viel Islamwissenschaft dabei. Das sind alles Methoden von Politik- und Sozialwissenschaftlern.

Spielt der Einsatz gegen Islamismus für Sie eine Rolle?
In gewisser Hinsicht schon, wer will schon eine totalitäre Islamistische Ideologie? Andererseits ist nicht alles Islamismus, was von den Medien so transportiert wird. Was ist normale Religionsausübung und wo beginnt Islamismus?

Ein Beispiel: Ein 18-jähriger frommer Berufsschüler, der jeden Tag acht Stunden im Kolleg ist, möchte dort beten und fragt nach einem Gebetsraum. Diese Anliegen wurden oft skandalisiert in dem Sinne, dass dies eine schleichende Islamisierung schulischer Lebenswelten sei. Das ist natürlich kritisch. Für mich wird Religionsausübung immer erst schwierig, wenn sie meine eigenen Freiheitsrechte negiert oder nicht akzeptiert, dass andere Menschen vielleicht gar nicht gläubig sind. 

In welchen beruflichen Feldern sehen Sie Möglichkeiten, sich gegen Islamismus zu engagieren?
Beispielsweise direkt in der islamischen Theologie. Vor zehn Jahren gab es das gar nicht als Fach. Jetzt haben wir in Deutschland an sechs Standorten Institute dafür. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Verwissenschaftlichung und Reflexion des Islams. Ein weiterer wichtiger Berufszweig für Muslime – auch gegen fundamentalistische Eindeutigkeitsangebote – sind die islamischen Religionslehrer, die seit 2012 ausgebildet werden.

Man möchte mündige reflektierte Muslime heranbilden, die differenziert auf die Dinge schauen. Viele Islamwissenschaftler finden auch das Arbeiten für den Staat in Ministerien oder Polizei attraktiv. Auch weil der öffentliche Dienst hohe Sicherheit bietet. Da kann man sich einfach als junger Absolvent bewerben. Dort macht man Übersetzungen, Einschätzungen und diskutiert mit Kollegen, ob etwas verfassungsfeindlich ist. Zudem gibt es die Beratungsstellen, die sich mit Radikalisierung befassen. Da ist es aber dringend erforderlich, dass man sich weiterqualifiziert und eine Beratungsausbildung macht.

Was muss man die Präventionsarbeit mitbringen?
Die Frage ist: Was willst du machen? Die Prävention ist dreigliedrig. Wir haben die universelle, die keine Zielgruppenspezifik aufweist. Da geht es um politische Bildung und Sensibilisierung. Dann gibt es die sekundäre, bei der man auf gefährdete Gruppen und belastete Sozialräume schaut. Dort sind Sozialarbeiterfähigkeiten stärker gefragt. In der tertiären Prävention geht es um Leute, die bereits radikalisiert sind. Hier arbeiten nur Psychologen und Sozialarbeiter.

Was erwarten Sie von der Zukunft?
Wir haben es immer mit Wellen zu tun. Mehr als 12.000 junge Anhänger aus Europa reisten zum sogenannten Islamischen Staat aus. Wenn man mir das vor zehn Jahren gesagt hätte, hätte ich betont, das kann nicht sein. Aber dann ist der IS schnell implodiert. Und wie es immer so läuft: In den letzten Jahren hatten wir ganz viel Projekte zum Islamismus, jetzt werden es schon weniger… und wenn der Islamismus wieder en vogue ist, wird das wieder mehr.

Wie kamen Sie zur Islamwissenschaft?
Nach dem Abitur stand ich vor der Frage, ob ich im technischen Bereich bleibe. Denn ich war bereits Industriemechaniker. Aber dann dachte ich: Ich mach, was ich will. Das war dann der Magister in Politik- und Orientwissenschaften sowie in Philosophie. Besonders fesselte mich die osmanische Kultur.

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