Citizen Science macht Arbeit
Citizen Science bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger in Forschungsprojekten wesentlich beteiligt werden. Beispielsweise erheben sie Daten oder führen eigene Messungen durch.

Citizen Science macht Arbeit

Wenn die Einbindung von Bürger/innen zunehmend in Forschungsprojekten gefragt ist, gewinnen entsprechende Kompetenzen auch an Bedeutung – nicht nur im MINT-Bereich, wie ein aktuelles Projekt der Uni Halle-Wittenberg zeigt.

Text: Krischan Ostenrath

Über Jahrhunderte haben Wissenschaftler/innen in ihrer Ausbildung und Praxis internalisiert, dass ihre Kernkompetenzen gefälligst in Lehre und Forschung zu liegen haben. Verbrämt als Forschungsideal oder kritisiert als „Arbeiten im Elfenbeinturm“ liegt der Schwerpunkt wissenschaftlicher Arbeiten bis zum heutigen Tage auf der forschenden Gewinnung oder der lehrenden Vermittlung akademischer Wissensbestände. Erste Abweichungen von diesem Wissenschafts­ideal dürften wohl in der Entstehung einer „Anwendungsforschung“ nachweisbar sein, also einer Forschung, deren Outcome wirtschaftlich und/oder industriell nutzbar ist.

Nun kommt seit einigen Jahren unter dem Schlagwort „Third Mission“ eine vielleicht ebenso weitreichende Grenzerweiterung des Wissenschaftsverständnis ins Spiel. Wissenschaft soll sich zunehmend mehr für die Zivilgesellschaft öffnen, mit ihr in den Dialog gehen und das nicht etwa nur im Sinne einer populärwissenschaftlichen Kommunikation ihrer Methoden und Ergebnisse. Nein, was als „Third Mission“ proklamiert wird, schließt sogar die Einbindung von Laienwissenschaftler/innen in die wissenschaftlichen Arbeiten selbst mit ein.

Klar, dass hierüber an dem einen oder anderen Lehrstuhl gestöhnt wird. Zunehmend mehr aber hat sich die universitäre und außeruniversitäre Forschung auch die völlig neuen Möglichkeiten erschlossen, die in der sogenannten Citizen Science liegen. Denn über die Einbindung von Bürger/innen in den Dokumentations- und Erhebungsprozess werden neue Datenbestände in bislang unbekannter Quantität und Qualität erschließbar. Ob im Zugang zu neuen genealogischen Erkenntnissen, der Dokumentation lokaler Biodiversitätsmuster oder der Sammlung mikroklimatischer Daten – es wird zunehmend mehr verstanden, dass der Rückgriff auf Know-how, Ressourcen und Engagement von Bürgerwissenschaftler/innen beinahe immer mehr Chancen als Risiken birgt.

Neue Jobs durch Citizen Science

Und dementsprechend sind in diesem Bereich auch neue Stellen entstanden beziehungsweise bestehende Stellen in ihren Aufgaben umgestaltet worden. Anfang des Jahres haben wir diesem Thema im WILA Arbeitsmarkt einen Hauptartikel gewidmet. Getrieben einerseits von einer durchaus selbstbewussten Zivilgesellschaft und andererseits von ausdrücklichen Schwerpunkten der Forschungsfinanzierung beschäftigen sich heute mehr Expert/innen denn je mit der Frage, wie Bürgerwissenschaftler/innen in wissenschaftliche Prozesse einbezogen werden.

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Allerdings gab es hier über lange Zeit eine Dominanz von MINT-Ansätzen. Vermutlich auch, weil in der öffentlichen (und selbst wissenschaftsinternen…) Wahrnehmung quantitative Forschungsergebnisse als wertvoller wahrgenommen werden, spielten ausdrücklich geistes- und sozialwissenschaftliche Ansätze im Bereich Citizen Science eine eher nachrangige Rolle. Dass das hingegen nicht in Stein gemeißelt sein muss, geschweige denn sollte, belegt nun der Arbeitsbericht einer umfangreichen Untersuchung des Instituts für Hochschulforschung (HoF) an der Universität Halle-Wittenberg. In einem mehr als hundert Seiten starken Papier dokumentieren die Forscherinnen und Forscher die innovatorischen und kreativen Potenziale einer Bürgerwissenschaft speziell in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Gefragte Kompetenzen

Besonders ergiebig für diejenigen, die sich aktuell oder künftig mit solchen innovativen Citizen-Science-Ansätzen beschäftigen dürfen, ist ein Papier mit zwanzig Thesen zu Social Citizen Science. Denn hier zeigt sich, dass entsprechende Kompetenzen nicht nur irgendwie innovativ, sondern strategisch äußerst interessant für die Ausrichtung, Akquise oder Ausgestaltung entsprechender Projekte sind.

Noch deutlicher: Wer in der Lage ist, konventionelle Forschungsvorhaben mit bürgerwissenschaftlichen Ansätzen anzureichern, kann sich einerseits völlig neue Finanzierungswege erschließen und andererseits aus der Masse der akademischen Mitbewerber/innen deutlich herausstechen. Das besagte Thesenpapier ist schon beinahe eine Art Blaupause für die Entwicklung solch innovativer Vorhaben und als solche eine hoch ergiebige Arbeitshilfe für Koordinator/innen von bürgerwissenschaftlichen Vorhaben. Durchaus nicht nur aus dem geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich.

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