Neid positiv nutzen? Das geht!
Neid wird auch durch eine gewisse Ähnlichkeit hervorgerufen: Wenn der Kollege zur gleichen Zeit angefangen hat, aber bereits per Du ist mit dem Chef, kann das zu Vergleichen führen.

Neid positiv nutzen? Das geht!

Er piekst und tut oft ganz schön weh: der Neid. Dennoch hat das quälende Gefühl auch seine guten Seiten. Neid kann auch Ansporn sein, selbst weiterzukommen, sagt die Sozialpsychologin Prof. Dr. Katja Corcoran von der Uni Graz.

Interview: Gerti Keller 

Prof. Dr. Katja Corcoran ist Sozialpsychologin an der Karl-Franzens-Universität Graz. Foto: Thomas Corcoran

WILA Arbeitsmarkt: Wie entsteht Neid überhaupt? 
Prof. Dr. Katja Corcoran: Er ist immer eine Reaktion auf einen Vergleich mit einem anderen Menschen, der etwas hat oder kann, was man selber auch gerne hätte. Das Bewusstsein dieser Diskrepanz löst einen Schmerz aus, der Teil des Neidempfindens ist.

Ist Neid archaisch? Gibt es vielleicht sogar einen evolutionspsychologischen Sinn von Neid?
Ja, denn wir Menschen sind sehr soziale Wesen und leben in Gruppen. Innerhalb dieser spielt der Status eine wichtige Rolle. Vergleiche mit anderen sind für uns eine wichtige Informations- und Orientierungsquelle, um zu sehen, wo stehen wir und wo die anderen. Das ist auch notwendig, damit eine Gruppe gut zusammenarbeiten kann.

Aber wir messen uns nicht unbedingt an jedem. Eine gewisse Ähnlichkeit begünstigt Vergleiche. Der Kollege aus dem Team, der gerade mit satter Gehaltserhöhung befördert wurde, bietet dafür mehr Fläche, als das Portrait der erfolgreichsten Mitarbeiterin einer ganz anderen Branche.

"Es gibt den sogenannten gutartigen Neid."

Wenn Neid also ein ganz normales Gefühl ist, warum wird er dann so geächtet?
In der aktuellen Forschung unterscheiden wir zwei verschiedene Formen von Neid. Die eine, die wahrscheinlich eher das widerspiegelt, was man landläufig unter Neid versteht, ist der bösartige. Diesem haftet eine gewisse Aggressivität an. Man möchte dem anderen schaden und ihm etwas wegnehmen und so die Diskrepanz verringern. Das ist natürlich sozial nicht erwünscht.

Es gibt aber auch den sogenannten gutartigen Neid. Der tut zwar ebenfalls weh, motiviert mich aber zu dem beneideten Menschen aufzuschließen. Das passiert insbesondere, wenn ich dessen Erfolg als gerecht empfinde, sich derjenige das beispielsweise durch harte Arbeit verdient hat.

Ich denke in der Alltags- und Jobrealität entstehen oft gemischte Gefühle. Dass ich auf der einen Seite jemandem das gönne und mich vielleicht sogar für ihn oder sie freue, aber gleichzeitig denke: „Mensch, warum habe ich das noch nicht?“ Jeder kennt die zwiespältigen Gefühle die aufkommen, wenn die Arbeit eines Anderen Lorbeeren erntet, die eigene hingegen nicht.

Warum ist Neid so schambesetzt? Warum ist er so peinlich? 
Neid entsteht aus der Wahrnehmung, dass man im Vergleich schlechter dasteht. So gesehen ist es ein Eingeständnis von einem Mangel. Etwas, das einem wichtig ist, hat man nicht – oder zumindest noch nicht. Menschen streben ganz generell danach, von sich selber, aber auch gegenüber anderen, ein positives Bild zu haben. Somit fällt es ihnen oft schwerer über eigene Schwächen zu reden als über Stärken und Erfolge. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass wir prinzipiell dazu neigen zu prahlen. Gerade weil Erfolge Neid auslösen können, wird damit auch teilweise vorsichtig umgegangen.

"Der Erfolg eines anderen kann mir zudem aufzeigen, was noch möglich wäre."

Kann man das Gefühl gezielt für sich nutzen? 
Ja, als Triebfeder. Der Vergleichsprozess macht mir einen Mangel bewusst, der schmerzt. Und ich kann durchaus versuchen das für mich positiv umzuwandeln. Das kann Anstoß sein, über mich selbst nachzudenken und wahrzunehmen, wo ich eigentlich hinmöchte. Es kann mich dazu inspirieren, selbst auf ein Ziel hinzuarbeiten und mir die Motivation und Kraft geben, das auch zu schaffen.

Der Erfolg eines anderen kann mir zudem aufzeigen, was noch möglich wäre und auch, wie der konkrete Weg dorthin aussehen könnte. Dazu muss ich genau hinschauen, wie hat er oder sie das denn erreicht. Aber natürlich sind Vergleiche nicht die einzige Möglichkeit für einen Ansporn. Für Lernprozesse ist es sogar eher günstiger bewusst auf die eigene Weiterentwicklung zu schauen und einfach selber besser werden zu wollen – nicht unbedingt besser als der Andere.

"Leistung wird oft auf wenige Kennzahlen reduziert."

Lauern auch Gefahren dabei?
Man muss schon ein wenig aufpassen. Wir leben ja in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft in der viel an der Produktivität gemessen wird. Ich erlebe zum Beispiel „meine“ Welt der Wissenschaft und Forschung als hoch kompetitiv. Vergleiche sind allgegenwärtig und Leistung wird oft auf wenige Kennzahlen reduziert. Wenn die Anzahl der Publikationen oder die Höhe der eingeworbenen Drittmittel im Vordergrund stehen, dann reicht oft ein kurzer Blick in den Lebenslauf oder auf die Publikationsliste, um Neid auszulösen.

Dabei ist unser Leben viel komplexer. Aber wir können immer nur über einen Bruchteil aller Dinge nachdenken, die uns betreffen. So ein Vergleich rückt dann nur einen Aspekt vom Ganzen in den Vordergrund, was unter Umständen aber auch eine Gefahr ist. Denn das Neidobjekt kann schnell meine gesamte Aufmerksamkeit bekommen. Ich sehe dann vielleicht alles andere nicht mehr. Zum Beispiel die Kompetenzen, in denen ich besser dastehe und die mir vielleicht wichtiger sind.

Inwieweit ist „Neidkontrolle“ eine Führungsaufgabe?
Neid im Job hängt nicht nur mit dem Individuum zusammen, sondern kann auch durch die Organisationsstruktur beeinflusst werden. Natürlich ist bösartiger Neid schädlich für das Betriebsklima. Er begünstigt diese ganzen negativen Mechanismen, wie zum Beispiel, dass Informationen vorenthalten werden und es zu Sticheleien, Intrigen bis hin zu Mobbing kommen kann. Gutartiger, motivierender Neid kann dagegen durchaus eine Antriebsfeder im Arbeitsumfeld sein.

Eine Umgebung in der Gerechtigkeit und Transparenz vorherrschen, bereitet den Boden dafür. Es ist wichtig, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, warum jemand Anerkennung oder einen höheren Status bekommt. Der Weg zum Erfolg sollte als kontrollierbar, durchschaubar und erreichbar erlebt werden. Auch wenn die Tendenz, Neid zu empfinden, natürlich unterschiedlich stark in verschiedenen Menschen ausgeprägt ist, ist es daher gerade im beruflichen Kontext nicht nur eine Frage des Einzelnen. Es liegt auch in der Verantwortung der Führungskultur, ein Umfeld zu schaffen, welches die Gefahr für bösartigen Neid minimiert.

Wird die Menschheit den Neid vielleicht eines Tages überwunden haben? 
Ich glaube, das wird uns nicht gelingen. Auf der einen Seite bewegen wir uns in einem sozialen Gefüge, da die Gemeinschaft auch für Stärke und Kraft sorgt. Auf der anderen Seite sind Menschen zielorientiert und wollen sich weiterentwickeln – mehr erreichen.

So kommt es schnell zu den neidauslösenden Aufwärtsvergleichen. Aber man kann bewusst darauf reagieren. Das ist das Entscheidende. Wer sich mehr auf sich selbst besinnt, versucht von den anderen zu lernen und schaut, was gibt es für mich für Rollenvorbilder und wie kann ich das für mich übersetzen, handelt nicht destruktiv, sondern konstruktiv.

"Wenn eine Gesellschaft nach Werten strebt, die sehr konsumorientiert und umweltschädlich sind, dann wirkt sich das natürlich nicht günstig auf unsere Welt aus."

Ist Neid günstig oder doch eher ungünstig für die ganze Gesellschaft? 
Eigentlich mag ich solche Bewertungen gar nicht. Wir haben ja viele Emotionen, die sich negativ anfühlen und die trotzdem ihre Funktionalität haben. Für mich besitzt zumindest der gutartige Neid eher eine positive Funktionalität. Ich denke, man kann den gut nutzen. Es geht vielleicht eher um die Frage, welcher Art unsere Neidobjekte sind.

Wenn eine Gesellschaft nach Werten strebt, die sehr konsumorientiert und umweltschädlich sind, dann wirkt sich das natürlich nicht günstig auf unsere Welt aus. Wenn wir dagegen anfangen neidisch darauf zu sein, dass andere ein ausgewogenes Leben führen oder mit weniger auskommen, kann sich das durchaus positiv für uns alle entwickeln.

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