Job und Kind: Alleinerziehend aus der Sicht eines Vaters
Im Job läuft es, aber die Kindererziehung wird ihm nicht zugetraut? Alleinerziehende Väter müssen oft gegen Vorurteile kämpfen.

Job und Kind: Alleinerziehend aus der Sicht eines Vaters

Kochen, waschen, arbeiten und ein offenes Ohr haben: Der alleinerziehende Vater Paul ­Tigmeanu muss vieles im Blick haben, damit Karriere und Kind unter einen Hut passen.

Text: Stefanie Schweizer

Paul Tigmeanu ist seit 15 Jahren alleinerziehend. Gleichzeitig treibt der Teamleiter seine Karriere voran. Foto: privat

Eine Stunde sitzt Paul Tigmeanu morgens und abends im Auto, um zur Arbeit zu kommen. „Einerseits vergeudete Zeit, andererseits Zeit, um vor allem abends abzuschalten“, fasst der Teamleiter in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Automobilzulieferers zusammen. Themen wie Nachhaltigkeit und Upcycling machen die Arbeit des alleinerziehenden Vaters gerade besonders spannend. Seit über zehn Jahren ist Paul Tigmeanu in diesem männerdominierten Berufsfeld tätig – und seit nun 15 Jahren schon alleinerziehend.

Mittlerweile hat er neben seiner Tochter auch noch einen Sohn, der ihn am Wochenende besucht. „Meine Kollegen leben oft in traditionellen Familienstrukturen. Die Frauen sind zuhause, haben Kinder und Haushalt im Griff. Umso mehr Anerkennung habe ich über die Jahre von meinen Arbeitskolleg*innen erfahren“, so ­Tigmeanu, der sich jedoch vorstellen kann, dass alleinerziehende Mütter es diesbezüglich schwerer haben.

Klar kommunizieren

Von seinem Chef hat sich Paul Tigmeanu in seiner Rolle als alleinerziehender Vater immer unterstützt gefühlt: „Ich konnte immer kurzfristig Urlaub nehmen, wenn irgendwas mit meinem Kind war. Ich konnte öfters von zuhause arbeiten und hatte bei der Urlaubsplanung immer Vorrang.“

Um die Vereinbarkeit einer Vollzeitbeschäftigung und seiner Familie zu meistern, nahm er eine Nachmittagsbetreuung für seine Tochter ab der Kindergartenzeit bis zur 6. Klasse in Anspruch. Der alleinerziehende Vater sieht daher die staatliche Unterstützung für die Kinderbetreuung als wesentlichen Faktor dafür, dass es Alleinerziehenden oder Eltern allgemein gelingt, Karriere und Nachwuchs zu managen.

Doch letztlich sind es nicht nur Kitaplätze und die Nachmittagsbetreuung, die es Paul Tigmeanu zu Beginn erleichterten, Hauptbezugsperson und Hauptverdiener zu sein. Es waren eben auch die spontanen Hilfsangebote von Freundinnen und Freunden, die ebenfalls Kinder hatten und immer wieder einspringen konnten, wenn Not am Mann war.

Auf die Frage, welchen Vorurteilen er als alleinerziehender Vater im beruflichen Kontext begegnet ist, lächelt Paul Tigmeanu: „Da habe ich, um ehrlich zu sein, gar nicht drauf geachtet.“ Vielleicht gelingt dem Teamleiter das unter anderem deshalb, weil er sich selbst Kolleginnen und Kollegen gegenüber nicht als unterlegen betrachtet. 

In Bewerbungsgesprächen, die er hatte, seit er sich um seine Tochter kümmert, hat er stets angegeben, alleinerziehend zu sein. „Zu diesem Zeitpunkt war meine Tochter aber auch schon in der Nachmittagsbetreuung, sodass keine zeitliche Einschränkung dadurch entstand“, erklärt Tigmeanu. Damit Tochter und Karriere ausreichend Platz in seinem Leben haben, setzt Paul Tigmeanu Prioritäten und auf eine klare Kommunikation: „Sowohl mit dem oder der Vorgesetzten als auch mit dem eigenen Kind. Man sollte nicht mehr versprechen, als man halten kann.“

Erwartungen definieren

Die größte Herausforderung im Prozess, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, liegt für Paul Tigmeanu darin, alles auf dem Schirm zu haben: früh aufstehen, Brote schmieren, zusehen, dass das Kind rechtzeitig aus dem Haus kommt, arbeiten, anschließend einkaufen und eine ordentliche Mahlzeit zubereiten, ein bisschen Zeit für die eigenen Bedürfnisse einräumen „und dann tot ins Bett fallen“, fasst Tigmeanu seinen Tag zusammen. 

„Es ist anspruchsvoll, nach einem vollen Arbeitstag trotzdem vor Augen zu haben, was mein Kind gerade beschäftigt, wo es Unterstützung braucht. Je älter die Kinder werden und sich ihr Leben außerhalb der Familie abspielt, umso schwieriger wird es, Einfluss zu nehmen. Und dann ist da noch das ewige Waschen und Bügeln und Aufräumen.“

Paul Tigmeanu macht sich gerne klar, was er will: als Familienvater, Karrieremensch und Einzelperson. Rückblickend stellt er beispielsweise fest: „Ich hatte nie viel Zeit, das werfe ich mir heute noch manchmal vor. Ich habe zwar viel mit meiner Tochter unternommen, eine Zeit lang standen wir sogar beim Volkstheater zusammen auf der Bühne, was einfach toll war; doch es geht auch darum, präsent zu sein, aufmerksam zu sein, dem Kind das Gefühl zu geben, dass man voll und ganz da ist und zuhört.“ 

Dass manche Eltern, ob alleinerziehend oder nicht, in Situationen geraten, in denen sie psychologische Unterstützung benötigen, kann sich Paul Tigmeanu gut vorstellen. Von Unternehmen und Politik würde er sich an dieser Stelle mehr Input für Hilfesuchende wünschen.

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