Rente heißt nicht gleich Ruhestand
Von einander lernen: Junge und ältere Mitarbeiter*innen können von ihren unterschiedlichen Erfahrungen profitieren – wichtig ist, dass es auf Augenhöhe geschieht.

Rente heißt nicht gleich Ruhestand

Viele Akademiker*innen wollen weiterhin arbeiten oder einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Diese Entscheidungen beeinflussen auch die jüngeren Arbeitnehmer*innen.

Text: Christine Sommer-Guist

Ab wann ist man eigentlich alt? Privat gilt wohl: „Immer so alt, wie man sich fühlt“. Aber im Arbeitsleben ist das Thema ein wichtiges, das nicht auf die leichte Schulter genommen werden kann. Denn es betrifft die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von älteren Menschen oder auch ihren Anspruch auf Rente zum Beispiel – und gleichzeitig auch das Leben der jungen Arbeitenden. Denn sie sind es, die die Rentenkassen (nach)füllen, um immer längere Ruhestände zu finanzieren und die manchmal auch mit älteren Kolleg*innen zusammen arbeiten müssen, die Innovationen im Wege stehen.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) definiert ältere Mitarbeitende als „Mitarbeiter, die in der zweiten Hälfte des Berufslebens stehen, das Rentenalter noch nicht erreicht haben sowie gesund und leistungsfähig sind.“ Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) sieht eine fließende Grenze zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr, ab der Arbeitnehmer*innen als ältere Beschäftigte bezeichnet werden.

Unternehmen wiederum zählen Beschäftigte ab dem 55. Lebensjahr zur Gruppe der „Älteren“. Diese werden von vielen Unternehmen durchaus geschätzt. Nicht nur aufgrund des Fachkräftemangels, der in immer mehr Branchen spürbar wird, sondern vor allem wegen ihrer Erfahrung, Ruhe und Besonnenheit. Es gibt sogar Unternehmen, die gezielt bei Ausschreibungen ältere Bewerber*innen ansprechen, weil sie zur Diversität beitragen und für die Unternehmenskultur eine Bereicherung sind.

Der richtige Zeitpunkt?

Fragt man ältere Menschen, wann für sie der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Arbeitswelt zu verlassen, bekommt man so viele Antworten, wie es Berufe und Persönlichkeiten gibt. So werden Dachdecker*innen, Kranken- und Altenpfleger*innen schneller den Ruhestand herbeisehnen, weil sie den körperlichen und psychischen Anforderungen ihres Berufes nicht mehr gewachsen sind. Akademiker*innen dagegen – Lehrende an Universitäten oder Kunstschaffende beispielsweise – fühlen sich wahrscheinlich aufgrund ihrer gewachsenen ­Lebenserfahrung und Expertise immer qualifizierter für ihre Aufgaben und Arbeiten.

„Menschen haben unterschiedliche Präferenzen“, bestätigt der Heidelberger Altersforscher Andreas Kruse. „Manche wollen weiterarbeiten, um mögliche finanzielle Probleme im Alter zu vermeiden. Andere sehen in der Fortführung ihrer Berufstätigkeit eine Möglichkeit zur Verwirklichung von Kompetenz, aber auch einen Beitrag des Alters zum Humanvermögen. Ich persönlich stelle mir vor, bis zu meinem 66. Geburtstag zu arbeiten, also bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter. Danach möchte ich etwas anderes für die Gesellschaft tun. Ich könnte mir vorstellen, Telefonseelsorge zu betreiben und Kindern oder Jugendlichen Musikunterricht zu geben, deren Eltern sich den Musikunterricht für ihre Kinder nicht leisten können.“

Noch arbeitet Andreas Kruse, Jahrgang 1954, an der Universität Heidelberg. Er gilt als renommierter Altersforscher und Experte für das Leben Johann Sebastian Bachs. Seine Pläne, sich nach der Arbeit dem Ehrenamt und der Musik zu widmen, sind typisch für eine Generation, die mit einem langen Ruhestand rechnet, den es sinnvoll zu gestalten gilt.

„Die meisten Senioren sind heute in einer Verfassung, von der frühere Generationen höchstens träumten“, schreibt Alexander Hagelüken in der Süddeutschen Zeitung 2019. „An der Schwelle zu 70 bezeichnen drei von vier Senioren ihre Gesundheit als gut bis ausgezeichnet. 64- bis 85-Jährige fühlen sich im Schnitt acht Jahre jünger, als ihr Pass meldet. Fast jeder Zweite ist ehrenamtlich tätig.“

Soziale Faktoren entscheidend

Im Schnitt gehen die Menschen in Deutschland heute mit 65 Jahren in Rente. Ab dem Geburtsjahrgang 1964 liegt die Regelaltersgrenze bei 67 Jahren. Dabei können alle mit 63 vorzeitig in Rente gehen, müssen dann aber mit einem Abschlag von bis zu 14,4 Prozent rechnen und dürfen nur begrenzt dazuverdienen, um diesen Verlust wettzumachen.

Vor allem jene Menschen im Frühruhestand arbeiten aus dem Grund weiter, dass sie mit ihrer Rente nicht auskommen und daher dazuverdienen müssen. Generell betrachtet sieht es dagegen anders aus: „Am häufigsten bleiben nicht jene Bürger mit den geringsten Ersparnissen im Ruhestand berufstätig, sondern jene mit den höchsten, 250 000 Euro und mehr“, hat Hagelücken für die Süddeutsche recherchiert und schreibt. „Schon vor zehn Jahren begründete nur jeder dritte Rentner zwischen 60 und 85 seine späte Berufstätigkeit mit finanziellen Motiven (wobei sie meist nicht in Not sind, sondern sich einfach mehr leisten wollen). 50 bis 70 Prozent der Befragten nannten ganz andere Motive: Mit Menschen in Kontakt bleiben, eine Aufgabe haben – und Spaß.“

Die Psychologin und Gerontologin Ursula Staudinger bestätigt diesen seit Jahren anhaltenden Trend und gibt den Älteren recht. Sie hält wenig davon, Menschen ab 60 aufs Altenteil zu setzen. „Viele Studien zeigen, dass es ungesund ist, ohne eine Tätigkeit zu leben, die wie die Berufstätigkeit einen Verbindlichkeitsgrad hat, eine Person außerhalb ihrer Familie sichtbar macht und mit regelmäßiger körperlicher und geistiger Aktivität verbunden ist.“ 

Sie fordert die Politik zu sozialen Innovationen auf: „Wenn wir es schaffen, Menschen in der zweiten Lebenshälfte gesundheitlich fit und geistig agil zu halten, haben die den großen Vorteil, auf eine reichhaltige Erfahrung zurückgreifen zu können. Mit einer solchen Basis können wir im Wettbewerb mit jüngeren Gesellschaften gut mithalten“, erklärt sie im Interview mit RP online im Februar 2019. Der Beitrag älterer Menschen für die Wirtschaft und Arbeitswelt spielt angesichts des demografischen Wandels in Deutschland eine immer wichtigere Rolle.

Erwerbstätig im Rentenalter

Immer mehr Rentner*innen in Deutschland sind erwerbstätig. So gab es 2019 rund 45 Prozent mehr berufstätige Rentenempfänger*innen als 2010. Darin sieht die Bundesregierung aktuell kein Indiz für Altersarmut, sondern verweist auf eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, die als Hauptgründe für eine Erwerbsarbeit nach Erreichen der Regelaltersgrenze immaterielle Aspekte wie Spaß an der Arbeit, den Kontakt zu anderen Menschen oder das Gefühl, gebraucht zu werden, anführt. 

Unabhängig davon, ob das längere Arbeiten freiwillig oder notgedrungen geschieht, es bietet unserer alternden Gesellschaft den Vorteil, dass es die Wirtschaft wettbewerbsfähig hält und die Rentenkassen entlastet. Und so fordern Wirtschaftsvertreter*innen und Politiker*innen seit vielen Jahren eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Andreas Kruse sagt dazu: „Entscheidend ist, dass Rahmenbedingungen für eine längere Arbeit geschaffen werden. Zu nennen sind hier angemessene Bildungsbedingungen über die gesamte Zeit der Berufstätigkeit, weiterhin gute präventive und medizinische Bedingungen. Zudem müssen ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit haben, über ihr Arbeitszeitvolumen und über die auszuübenden Tätigkeiten mitzubestimmen. 

Einfach die Lebensarbeitszeit zu verlängern, ohne dabei auf die Stärken, aber auch die Schwächen des Menschen zu achten, ist zu pauschal gedacht und damit keine wirkliche Lösung.“ So viele Pläne und Vorteile es auch gibt, ältere Menschen der Arbeitswelt zu erhalten, um Rentenkassen, junge Menschen zu entlasten und Fachwissen zu erhalten – ihr längeres Verweilen in der Arbeitswelt kann bisweilen auch zu Problemen führen.

Konflikte am Arbeitsplatz

Wenn immer mehr Menschen später in Rente gehen, werden auch die Belegschaften in deutschen Unternehmen immer älter. Das bedeutet für manche Vorgesetzten, dass sie Mitarbeitende führen müssen, die wesentlich älter sind als sie selbst. Vielleicht sind diese nicht mehr so offen für Innovationen, die der Betrieb nötig hätte, – oder sie werden von jüngeren Kolleg*innen pauschal so eingeschätzt. Altersstereotype lassen grüßen. 

Konflikte am Arbeitsplatz sind vorprogrammiert, wenn jüngere Menschen neue Wege gehen wollen und sich von Älteren ausgebremst fühlen. Das betrifft Fachkräfte, und mehr noch junge Führungskräfte, die einen eigenen Gestaltungsspielraum suchen. Wie eine Studie der Stiftung Familienunternehmen belegt, bringen junge Unternehmensnachfolger*innen ein unternehmerisches Selbstbewusstsein mit, das auf einer guten Ausbildung fußt: 91 Prozent haben studiert, mehr als die Hälfte war im Ausland. Sie wollen die Familienunternehmen nicht nur übernehmen, sondern auch neue Ideen umsetzen und eigene Akzente setzen. 

Mehr als drei Viertel wollen neue Prozesse etablieren, die Organisationsstrukturen modernisieren und neue Geschäftsfelder erschließen. Dass es so mancher älteren Führungskraft schwer fällt, ihnen Platz zu machen und vertraute Wege zu verlassen, ist nachvollziehbar. Aber vielleicht lässt sich der Erfahrungsschatz der Älteren ja auch weiterhin nutzen. Oder diese finden andere Aufgaben, mit denen sie ihre Lebenszeit sinnvoll und sinngebend gestalten.

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