Arbeitsfeld Umweltpsychologie
Wie kann man Menschen überzeugen, sich für den Klima- oder Umweltschutz zu engagieren? Umweltpsycholog*innen können hier Rat geben.

Arbeitsfeld Umweltpsychologie

Alle sind für Umweltschutz. Aber das eigene Leben verändern? Zu kompliziert. Dass Veränderungen jedoch durchaus möglich und absolut notwendig sind, zeigen Fachleute der Umweltpsychologie.

Text: Michael Fehrenschild

Die Welt steckt voller Widersprüche. Sehr viele Menschen möchten heutzutage nachhaltig konsumieren, weniger C02 verbrauchen, kurz: ökologisch orientiert leben – und verhalten sich doch häufig völlig anders. Wer kennt das nicht? Ein Wanderurlaub im Sauerland wäre ziemlich ressourcenschonend. Bei einer Flugreise nach Peru, um die Geheimnisse der Inkas zu erkunden, passiert genau das Gegenteil. Aber für sehr viele durchaus umweltbewusste Mitbürger*innen ist der Andentrip trotzdem deutlich attraktiver. Dabei entsteht schnell eine klassische „kognitive Dissonanz“. 

Vom Campingplatz bis zur Verwaltung

Um solche Problemstellungen dreht sich eine verhältnismäßig junge wissenschaftliche Disziplin: Die Umweltpsychologie. Sie befasst sich, einfach formuliert, mit folgenden Fragen: Wie wirkt sich die Umwelt – dazu gehören neben Natur beispielsweise auch unsere Wohnformen – auf den Menschen aus und wie der Mensch auf die Umwelt? Und wie werden Verhaltensveränderungen erreicht, erst recht, wenn sie unbequemen Verzicht bedeuten?

In diesen Jobs geht es um weit mehr, als Hotelgäste aufzufordern, ihr Handtuch länger zu benutzen. Die Umweltpsychologie lehrt, dass deutliche individuelle sowie systemische Umorientierungen notwendig sind, wenn wir dem ökologischen Kollaps noch entgehen wollen. Aber wie kriegen wir das hin? Ohne professionelle Hilfe wohl kaum.  

Umweltpsycholog*innen versuchen diese komplexen Prozesse zu unterstützen und voranzutreiben. Immer geht es ihnen darum, nachhaltiges, umweltschonendes Verhalten der Bevölkerung zu fördern. Dabei arbeiten diese Expert*innen nicht in einem eng definierten Feld, da es nahezu überall viele verschiedene Anlässe für ihren Einsatz gibt. Die Umweltpsychologin Eva Junge erklärt diese Vielfalt: „Das ist ein sich ständig wandelnder und neue Aufgaben entdeckender Bereich. Es wäre daher schade, ihn eng zu umzäunen. Es kommt immer mehr in das allgemeine Bewusstsein, das Nachhaltigkeitsthemen in jedem Bereich unserer Gesellschaft deutlich mehr Raum einnehmen müssen.“

Deshalb ist es gar nicht so einfach, aufzuzählen, wo diese Fachleute überall arbeiten, so groß ist die Bandbreite. Eva Junge fährt fort: „Ich kenne Kolleg*innen, die von nachhaltigen Campingplätzen über Beratungsagenturen, Stadtverwaltungen, in der Politik, der Medien- und Bildungsarbeit bis hin zu Behörden und NGOs aktiv sind. Wer etwas kreativ an die Sache rangeht, kann in sehr vielen Bereichen aktiv werden.“

Um sich diese Vielfalt an Arbeitsmöglichkeiten und die nötige Flexibilität zu erhalten, sind viele Umweltpsycholog*innen allerdings Freiberufler*innen. Ihre Tätigkeiten finden hauptsächlich in Form von Bildungs- und Beratungsarbeit statt. Daher arbeiten sie auch oft mit Politik- und Sozialwissenschaftler*innen oder Umweltwissenschaftler*innen zusammen. Dieser themenübergreifende Beruf funktioniert ohnehin am besten für Menschen, die gerne in interdisziplinären Teams arbeiten. Da liegt eine Arbeitsteilung auf der Hand. 

Von Aufklärung bis Mediation

Während ein Klimaexperte etwa über die fatalen Folgen des Klimawandels spricht, würde eine Umweltpsychologin eher darüber informieren, wie man die Angst der Menschen vor den notwendigen Verhaltensveränderungen minimieren könnte. Die mittlerweile gesuchten Expert*innen sind dafür viel unterwegs, wie die Wissenschaftlerin erzählt:

„Ich gebe Workshops, auch mehrtägige Seminare. Am Anfang waren die Teilnehmer*innen meist Menschen, die selbst bereits im Umweltschutz oder für Klimagerechtigkeit aktiv sind, etwa in NGOs und Studiengruppen. Mittlerweile ist das aber institutionalisierter. Wir geben nun auch Blockseminare an Universitäten, aber auch für Organisationen wie Nabu oder Greenpeace und arbeiten zudem auch für Einrichtungen wie die Heinrich-Böll-Stiftung oder das Max-Planck-Institut.“ Es geht also darum, Organisationen, Menschen in Entscheidungspositionen und Multiplikator*innen zu erreichen und zu sensibilisieren. 

Auch eine Verbesserung des Kommunikationsverhaltens, etwa Medien gegenüber, wenn es um die Durchsetzung von Umweltpolitik geht, ist ein wichtiger Punkt. Darüber hinaus hat diese Tätigkeit sogar Aspekte von Mediation. Denn oft stehen sich heutzutage Meinungen unversöhnlich gegenüber. Wer an die Konflikte beispielsweise um den Braunkohleabbau im rheinischen Kohlerevier denkt, weiß, wie tief die Gegensätze zwischen Ökonomie und Ökologie sein können.

Dadurch wird aber auch klar, dass es sich um einen durchaus politischen Beruf handelt, der kontroverse Standpunkte auf den Plan rufen kann. Schließlich ist es nach wie vor so, dass nicht jede*r Entscheidungsträger*in die Einsicht verinnerlicht hat, dass der Klimawandel jetzt und hier wirklich bekämpft werden muss. Und: Es ist kein „neutraler“ Beruf. Umweltpsycholog*innen stehen bei aller natürlich vorhandenen individuellen Unterschiedlichkeit immer auf der Seite des Umweltschutzes und der Klimagerechtigkeit, arbeiten also nicht für Großkonzerne.

Grundvoraussetzung: Psychologiestudium

Wie wird man Umweltpsycholog*in? Alle Kolleg*innen von Eva Junge haben Psychologie studiert, wie sie erzählt. Viele setzten bereits beim Studium Schwerpunkte auf Themen wie Nachhaltigkeit. Darauf können natürlich Weiterbildungen folgen. So hat die gebürtige Hamburgerin nach ihrem Psychologiestudium in Jena Humanökologie in Schweden absolviert, ein Studiengang, den es allerdings in der Bundesrepublik so nicht gibt, der aber beispielsweise auch in Wien angeboten wird. Hier stehen Inhalte zu Kultur, Macht und Nachhaltigkeit im Mittelpunkt.

Denn Umweltpsycholog*innen schauen gerne über den Tellerrand und binden modernes Denken auch über Themen wie Ökofeminismus oder Neokolonialismus in ihre Arbeit ein. Noch vor einigen Jahren hätten sich dafür eher nur Umweltschutzgruppen, Linke und Grüne interessiert, aber inzwischen sei das anders , berichtet Eva Junge und ergänzt: „Wir halten heute auch Vorträge in der Kommunalpolitik, machen etwa Ganztagscoachings für Klimaschutzbeauftragte, die in der Stadtverwaltung arbeiten.“ 

Es gibt also nicht die „typische“ Stelle für diese Fachrichtung. Aber die Thematik hat Hochkonjunktur. Daher empfiehlt die Expertin: „Über den Weg einer Initiativbewerbung wird dem Thema Umweltpsychologie meistens viel Interesse entgegengebracht.“ Eins unterscheidet sich jedoch vollkommen von einigen anderen Berufen: Interessierte müssen sehr engagiert sein und nicht pünktlich Feierabend machen wollen.

Einstieg in die Umweltpsychologie
Wer Umweltpsycholog*in werden möchte, sollte ein Psychologie-Studium absolvieren. Die Universität Magdeburg bietet hier zum Beispiel den Schwerpunkt Umweltpsychologie und Mensch-Technik-Interaktion an. Aber auch an anderen deutschen Universitäten gibt es Möglichkeiten, sich als Teil des Psychologiestudiums mit Umweltpsychologie befassen – etwa in Kassel, Darmstadt und Koblenz. Ebenso kann das Studium der Nachhaltigkeitswissenschaft in Lüneburg für Interessierte in dem Bereich interessant sein. Um sich besser zu orientieren, empfiehlt sich der Kontakt zu Organisationen wie der Initiative Psychologie im Umweltschutz (IPU): www.ipu-ev.de, E-fect: www.e-fect.de oder dem Wandelwerk: www.wandel-werk.org. Sie stellen umfangreiche Informationen zur Verfügung.

Eva Junge sagt: „So wie wir unsere Arbeit verstehen, braucht es jede Menge Leidenschaft. Wir verbringen zahlreiche Stunden ehrenamtlich.“ Viele junge Akademiker*innen kommen auch aus der Klimaschutzbewegung. "Das ist das", wie Eva Junge berichtet „was uns alle eint“. Überhaupt gehören zu den angenehmen Seiten des Berufs das Kennenlernen von vielen Gleichgesinnten und der Austausch mit Initiativen, die sich für einen sozial-ökologischen Wandel einsetzen. 

Gesellschaft bewegen

Um sich über diesen Beruf schlau zu machen, sind Vereine wie Wandelwerk e.V. oder die Initiative Psychologie im Umweltschutz (IPU) e.V. hilfreich. In beiden sind zahlreiche Umweltpsycholog*innen, aber auch Studierende organisiert, und jede*r Interessent*in kann Infomaterialien und Handbücher zum Thema herunterladen. Eine Kehrseite des Engagements ist allerdings, dass viele Umweltpsycholog*innen nicht gerade zu den Großverdienenden gehören. So gibt die Website Fernstudium und Fernschulen im Vergleich ein Bruttojahresgehalt von 34.000 bis 50.000 Euro an. Nicht gerade üppig für Akademiker*innen.

Wer damit aber gut zurechtkommt, hat durchaus gute Aussichten. So sieht die 28-Jährige auch in Zukunft einen starken Bedarf für ihren Beruf: „So bitter das ist: Aber wenn alles immer mehr ins Wackeln gerät, gibt es in den nächsten Jahrzehnten für uns genug zu tun.“ Dabei hofft sie, dass der Beruf sich perspektivisch in einem schnellen Wandel befindet. Denn Psychologie als Wissenschaft schaut mehr auf das Individuum, weniger auf die Gesellschaft.

Eva Junge erläutert, warum sich das ändern sollte: „Ich glaube, dass man Psychologie gesamtgesellschaftlicher denken sollte. Es kann nicht nur um das individuelle Verhalten gehen, sondern Umweltpsychologie wird viel mehr in Politik, Gesellschaft, Lobbys und Medien gebraucht. Wir alle haben mittlerweile gemerkt, dass es nicht reicht, den Fokus auf die Veränderung individueller Lebensstile zu legen. Deswegen befinden wir uns in einem Wandlungsprozess hin zu mehr politischen Handlungen und der Psychologie kollektiver Aktionen.“

Angesichts der schleppenden politischen und ökologischen Veränderungen kommt bei manchen Umweltpsycholog*innen jedoch schon mal Frust auf. Eva Junge meint dazu: „Natürlich gibt es Wut, Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit und Trauer. Ich würde aber trotzdem sagen, dass wir uns sehr bemühen, uns die Freude am sozial-ökologischen Wandel zu erhalten und uns gegenseitig zu stärken.“

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