Musiktherapie: „Musik braucht keine Worte“
Gerade jetzt in der Corona-Pandemie werden Fachkräfte in der kreativen Nische der Therapieformen gebraucht.

Musiktherapie: „Musik braucht keine Worte“

Suchtkranke zu erreichen, kann mithilfe der Musiktherapie gelingen. Diesen Weg geht auch Christian Galle-Hellwig bei seiner Arbeit in einer forensischen Psychiatrie.

Interview: Stefanie Schweizer

Christian Galle-Hellwig hat Musik studiert und anschließend ein Aufbaustudium der Musiktherapie absolviert. Foto: privat

WILA Arbeitsmarkt: Wie sieht ein normaler Arbeitstag in der Musiktherapie aus?
Christian Galle-Hellwig: Es finden Einzel- und Gruppenmusiktherapiestunden statt. Die sind meist gefolgt von Dokumentationszeiten im Intranet der Einrichtung kbo-Isar-Amper-Klinik der Forensik Taufkirchen (Vils). So können andere Berufsgruppen des interdisziplinären Teams sehen, was in der Musiktherapie abgelaufen ist. Unter Corona hat sich die Gruppengröße in der Musiktherapie gemäß den Räumlichkeiten verkleinert, ebenso die Teams. Es gibt genaue Anweisungen seitens unserer Einrichtung.

Inwiefern wird die Musik in der Suchttherapie eingesetzt?
Der Bereich der Musiktherapie-Behandlung ist eher ein etwas vernachlässigter. Das ist zwar kaum zu glauben bei den hohen Fallzahlen in Bezug auf dieses Erkrankungsgebiet, aber leider Fakt. Ich arbeite in einer forensischen Psychiatrie für Frauen, die für eine Straftat im Zuge einer Suchterkrankung verurteilt wurden und sich jetzt im sogenannten Maßregelvollzug befinden.

Die Musiktherapie ist hierbei ein sogenannter non-verbaler Therapieansatz, der als Ergänzung zu anderen meist verbalen Therapieformen eingesetzt wird. Dieser kann durch das Erleben der Musik einen Zugang zu anderen oft unbewussten Bereichen erzielen. 


 
 „Wir haben die Musik als etwas Drittes zwischen dem Therapeuten und dem Klienten.“
 

 

Welche Möglichkeiten bietet diese Form der Therapie?
Die Musiktherapie hat den Vorteil, dass sie aufgrund ihres Mediums an meist positiv besetzten ‚emotionalen Gebieten‘ andockt und einen Zugang zu den Menschen herstellen kann, der meist indirekter und angstfreier erlebt wird als konkrete Worte, die auf die Problembereiche zusteuern. Wir haben die Musik als etwas Drittes zwischen dem Therapeuten und dem Klienten.

In diesem interpersonellen, musikalisch improvisatorischen Raum können sich Affekte und Emotionen ausdrücken oder sogar Bahn brechen, für die es noch keine Worte, kein Bewusstsein gibt. Es können aber auch Ängste auftauchen, weil die Musik und das eigene Musikmachen als etwas Bedrohliches im Sinne von ‚Das muss ich aber können‘ gesehen wird.

Hier geht es dann zunächst einmal darum, Vertrauen aufzubauen, damit die Menschen erleben können, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun haben muss. Der Fokus in der Musiktherapie ist, die eigene Melodie oder den Rhythmus zu entwickeln. Ein weiterer in Einzelfällen kritischer Aspekt ist, dass sich die betroffene Person ‚mit Musik wegbeamt‘. Oder sie weckt Assoziationen zum früheren Suchtalltag, wo Musik und Drogenkonsum häufig eng verbunden waren. Hier geht es dann darum, einen anderen Umgang mit diesem Medium zu erarbeiten, was die Parallele zum Umgang mit Drogen darstellt.


 
 „Musik braucht keine Worte.“
 

 

Inwiefern kann Musiktherapie als ein interkultureller und damit sprachübergreifender Therapieansatz verstanden werden?

Wie es so schön heißt: Musik braucht keine Worte. So ist eine musikalische Verständigung ein direkter Weg zum Menschen, der bereits vorsprachlich beginnt: im Mutterleib. Das Ohr ist das erste fertig ausgebildete Organ des Fötus, und dieses beginnt bereits sehr früh mit seiner auditiven ‚Arbeit‘, die in uns allen stark verankert ist. 


 
 „Durch das Spüren und genaue Hinhören, können wir herausfinden, was möglicherweise in unserem Gegenüber abläuft.“
 

 

Welche Fähigkeiten sollten Nachwuchskräfte mitbringen, die eine Tätigkeit als Musiktherapeut*innen anstreben?
Eine Grundvoraussetzung für die Ausbildung ist es, ein oder zwei Instrumente spielen zu können, im Sinne einer guten musikalischen Basis – dafür ist kein Musikstudium nötig. Durch die Fähigkeit, ein oder mehrere Instrumente spielen zu können, ergibt sich meistens auch eine Wahrnehmung für musikalische Zusammenhänge, was man auch als ein ‚gutes Gehör‘ bezeichnen könnte. Durch das Spüren und genaue Hinhören auf das, was die Klienten improvisieren, können wir herausfinden, was möglicherweise in unserem Gegenüber abläuft.

Wo finden Musiktherapeut*innen Arbeit?
Meist im klinischen Bereich wie in der Psychiatrie oder in psychosomatischen Kliniken, aber auch in der Kinder- und Jugendarbeit, der Onkologie oder der Geriatrie. Einigen gelingt auch die Arbeit in einer eigenen musiktherapeutischen Praxis. Dies ist aber oftmals ‚nur‘ in der Kinder- und Jugendtherapie über die Kasse abrechenbar, und Selbstzahler sind doch eher die Ausnahme. Ich denke, dass sich der Arbeitsbedarf aufgrund der Vielzahl von sozialen Belastungen in unserer Welt steigern wird. Musiktherapie wird sicherlich weiterhin eine Nische bleiben, aber eine stabile.

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