Suchttherapie: Zurück ins Leben
Die Suchttherapie braucht Nachwuchsfachkräfte: Sie können unter anderem bei Verbänden, Kliniken und Co. Fuß fassen und Betroffene unterstützen.

Suchttherapie: Zurück ins Leben

Suchterkrankungen sind keine Seltenheit, und die Corona-Krise verschärft die Situation. Doch die Suchtberatung hat ein Nachwuchsproblem. Eine Chance für Fachleute aus Psychologie und Sozialwissenschaften.

Text: Stefanie Schweizer

324.874 ambulante Betreuungen und 35.485 stationäre Behandlungen führten die deutschen Suchthilfeeinrichtungen im Jahr 2019 laut der Deutschen Suchthilfestatistik durch. Zahlen wie diese zeigen deutlich, dass Sucht kein Randphänomen ist und bei suchtkranken oder suchtgefährdeten Menschen und deren Angehörigen ein hoher Bedarf an professioneller Beratung besteht – Tendenz steigend: Bereits im Zuge des ersten Lockdowns 2020 warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor, dass sich die Nachfrage nach Suchtberatungsangeboten aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie verstärken könnte.

Und tatsächlich bekommen die Suchtberatungsstellen die Auswirkungen der Pandemie gerade besonders deutlich zu spüren. Das ohnehin anspruchsvolle Berufsfeld steht daher aktuell vor neuen Herausforderungen und ist gleichzeitig aufgrund des Fachkräftebedarfs auf Nachwuchs angewiesen. Die Suchtberatung bietet Absolvent*innen der Psychologie, Sozialpädagogik, Sozialen Arbeit und vergleichbaren sozialwissenschaftlichen Fächern vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten. 

Mit offenem Ohr und gutem Rat

Einen klassischen Tätigkeitsbereich bildet die Beratung von Menschen mit problematischem Konsum, Suchterkrankung oder Abhängigkeit. Rund 20 Jahre Erfahrung bringt der Diplom-Sozialarbeiter sowie Diplom-Sozialpädagoge Werner Brose für dieses Aufgabenfeld mit und hat im Verlauf der Tätigkeit eine Reihe von berufsbegleitenden Weiterbildungen zum Beispiel zur Gesprächsführung sowie zur Konsumreduktion erworben. Heute leitet er den Fachbereich Beratung, Therapie und Familienhilfen des Verbunds für integrative soziale und therapeutische Arbeit (vista gGmbH).

Das Unternehmen hat 15 Standorte allein in Berlin und berät Menschen in psychosozialen Notlagen, unter anderem mithilfe von niederschwelligen Angeboten wie beispielsweise Anlaufstellen mit Drogenkonsumraum, Möglichkeiten für die Reduktion von Konsum sowie sozialarbeiterische Hilfen für Wohnraumerhalt oder Einkommenssicherung. „Ich ziehe meine Motivation aus dem dringenden Bedürfnis, benachteiligte Menschen dabei zu unterstützen, ihre Teilhabemöglichkeiten wiederzuerlangen beziehungsweise auszubauen“, erklärt Brose. 

Im gesamten Prozessbogen einer Beratung steht die Entwicklung der vertrauensvollen Arbeitsbeziehung mit Klient*innen im Mittelpunkt. So stehen Suchtberater*innen vor der Herausforderung, gemeinsam mit der betroffenen Person nächste Schritte zu planen und gleichzeitig behutsam auf die Annahme derselben hin zu arbeiten. Ein Spagat, der durchaus Kreativität erfordert, um Erfolge der Klient*innen für sie selbst sichtbar zu machen. Weiterhin sollten Bewerber*innen in der Suchtberatung gute Kenntnisse über die Strukturen und Möglichkeiten in Bezug auf weiterführende Hilfen mitbringen, um die hilfesuchenden Personen optimal für ihre individuelle Situation weiterverweisen zu können.

Daher zählt auch die Koordination mit externen Stellen wie beispielsweise Entwöhnungskliniken zu den täglichen Aufgaben von Suchtberater*innen. Ebenso wichtig wie die fachliche Kompetenz ist jedoch das nötige Feingefühl in der Beratung: „Eine empathische Haltung ist ebenso wichtig wie die Fähigkeit, Menschen in Entscheidungsprozessen mit ihren Ambivalenzen ernst zu nehmen“, erklärt Brose. 

Doch Suchtberater*in zu sein bedeutet nicht immer, an einem festen Ort in einem Büro zu sitzen. Es geht gleichfalls darum, für die Hilfsangebote eine Öffentlichkeit zu schaffen – bei anderen Trägerschaften und Organisationen, aber auch beispielsweise bei wohnungslosen Menschen. Denn diese sind oft in einem Kreislauf aus Sucht, Erwerbs- und Wohnungslosigkeit gefangen. Streetworker*innen sind Suchtberatende, die den Kontakt mit den Menschen auf der Straße suchen. Sie informieren über mögliche Hilfsangebote, leisten aber gleichzeitig auch Motivationsarbeit, um die betroffenen Menschen zur Wahrnehmung dieser Möglichkeiten zu bewegen.

Das erfordert eine offene, wertfreie Haltung gegenüber potenziellen Klient*innen, weshalb beispielsweise der Notdienst Berlin e.V. für eine freie Stelle in einem Streetwork-Projekt eine*n Sozialpädagog*in mit „Erfahrung in der niederschwelligen Drogenhilfe“ sucht. Wünschenswert seien darüber hinaus Sprachkenntnisse in Russisch, Polnisch sowie Bulgarisch. Ähnliche Anforderungen stellt die Tätigkeit an Suchtberater*innen, die in Justizvollzugsanstalten (JVA) männliche und weibliche Häftlinge beim Entzug begleiten und mit ihnen gemeinsam eine suchtfreie Zukunft nach der Haft planen. 

Privat, öffentlich, gemeinnützig

Über 860 Träger im Bereich Suchthilfe gab es 2019 laut dem Verein Deutsche Hauptstelle für Suchthilfe (DHS). Somit sind neben Verbänden wie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) auch kirchliche Träger wie der Deutsche Caritasverband sowie zahlreiche öffentliche und private Einrichtungen mit ambulantem Hilfsangebot potenzielle Arbeitgeber für Fachkräfte mit Interesse an der Branche. Weiterhin schreiben auch Krankenhäuser mit Entzugsstationen und Entwöhnungseinrichtungen Stellen aus – unter Umständen auch für Fachkräfte mit Kenntnissen in der Kunst- und Musiktherapie, einer Nische in Sachen Suchttherapie (siehe Interview Seite VI). Doch gerade im stationären Tätigkeitsbereich der Suchtberatung können sich Unterschiede im Gehalt eröffnen: So liegen beispielsweise Fachkliniken wie Entwöhnungseinrichtungen mit ihren Tarifen oftmals unter denen der Krankenhäuser. 

Für Bewerber*innen bietet der Personalmangel gepaart mit den Finanzierungslücken der Branche eine gewisse Mobilität auf dem Arbeitsmarkt. Neben Psycholog*innen sind dabei vor allem Fachkräfte mit sozialwissenschaftlichem Studium gefragt: Auf eine Hilfseinrichtung kamen 2019 laut DHS durchschnittlich fünf Sozialarbeiter*innen beziehungsweise Sozialpädagog*innen sowie zwei Pädgog*innen, Sozialwissenschaftler*innen und Soziolog*innen. Ob in der Beratungsstelle, im Wohnheim, der JVA oder auf der Straße: All die Möglichkeiten zur Suchtbekämpfung und Prävention müssen geplant, koordiniert und öffentlich kommuniziert werden, sodass Menschen wie Werner Brose für das deutschlandweite Hilfsangebot unerlässlich sind.

„Hinsichtlich der fachlichen Arbeit liegt meine Haupttätigkeit in der konzeptionellen und strategischen Entwicklung unserer Angebote. Dafür gilt es, sich mit unseren Einrichtungen und deren Leiter*innen abzustimmen. Stellenbesetzungsverfahren sowie die bedarfsgerechte Entwicklung von Fortbildungsangeboten gehören ebenso zu meinem Aufgabenfeld wie die Kooperation zum Beispiel mit öffentlichen und freien Trägern, komplementären Hilfesystemen und Selbstorganisationen“, fasst Brose zusammen. Für Bewerber*innen bietet die Suchtberatung als Branche somit nicht nur eine Tätigkeit mit sozialem Mehrwert, sondern gleichfalls Aufstiegschancen in Leitungspositionen, um das Versorgungsnetz bei Suchterkrankung weiter auszubauen.  

Herausforderung Corona

„Sowohl die Träger der Ambulanten Suchthilfe als auch Mitarbeitende werden meines Erachtens nach in den nächsten Jahren die Möglichkeit haben, bewährte Methoden und Strategien weiterzuentwickeln und neue Impulse zu setzen. Insofern wird das Arbeitsfeld weiterhin vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten bieten“, schätzt Brose den zukünftigen Stellenmarkt ein. Daran, dass die Coronapandemie die Arbeit von Suchtberater*innen sowohl auf der Straße als auch im Beratungsgespräch weiterhin erschweren wird, bleibt jedoch kein Zweifel: Die Kontaktbeschränkungen lassen nur kleine Gruppen zu; gleichzeitig sorgen Isolation und soziale Distanz dafür, dass die Anfragen von Menschen mit Suchterkrankung steigen.

So berichtet eine Mitarbeiterin des Caritasverbands in einem Artikel der Berliner Zeitung, dass sie statt der normalerweise fünf Gespräche täglich nun acht führe. Mitarbeiter*innen in Hilfseinrichtungen mit Gesprächs- und Einzelgruppen schildern eine veränderte Atmosphäre in den Beratungssituationen: Es wird häufig gelüftet, weshalb die Jacken anbehalten werden; die Masken sind notwendig, schaffen aber auch Distanz zwischen beratender und hilfesuchender Person. 

Die Fachkräfte der Branche stehen darüber hinaus allgemein vor der Herausforderung, mit suchtkranken Personen in Kontakt zu treten. Denn im Zuge der Pandemie verlagert sich der Konsum, wenn es die persönliche Situation zulässt, zunehmend in die eigenen vier Wände. „In den vergangenen Jahren waren unter anderem zusätzliche Herausforderungen insbesondere die Entwicklung von Angeboten für Geflüchtete“, so Brose. So zeichnet sich das Bild einer Branche, die von Verantwortung für einzelne Existenzen, aber auch von der permanenten Anpassung an gesellschaftliche Umstände und die Lebenswelten verschiedener Menschen gekennzeichnet ist.

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