Bewertungsportale: Was sagen die Sterne?
Fakt oder Fake? Online-Bewertungen lassen sich fingieren und kaufen. Und auch hinter „echten“ Einschätzungen können persönliche Interessen stecken.

Bewertungsportale: Was sagen die Sterne?

Arbeitsatmosphäre: 2, aber Kommunikation: 5 – Einschätzungen auf Bewertungsportalen können Jobsuchenden Orientierung geben. Blind vertrauen sollte man den Urteilen aber nicht.

Text: Stefanie Schweizer

Hinterher ist man immer klüger – diese Redensart galt lange Zeit auch für den Stellenmarkt. Oftmals mussten Jobsuchende sich überraschen lassen, ob zum Beispiel die im Bewerbungsgespräch versprochene flexible Arbeitszeit oder der Anspruch auf Homeoffice nur auf dem Papier besteht oder tatsächlich genutzt werden darf.

Arbeitgeberbewertungsportale heben den Austausch von Mitarbeiter*innen bezüglich solcher Informationen auf ein neues Level. Besonders für die Gehaltsverhandlung können Bewertungsplattformen eine große Hilfe sein. Das gilt nicht nur für Berufseinsteiger*innen, sondern auch für Fachkräfte, die in eine höhere Position aufsteigen oder die Branche wechseln möchten. 

Infos fürs Jobinterview

Für Bewerberinnen und Bewerber auf Jobsuche scheinen zunächst vor allem Informationen zu Vorstellungsgesprächen interessant, die auf den Portalen zu finden sind. Lassen sich doch über die Erfahrungen vorhergehender Kandidat*innen Rückschlüsse auf die Atmosphäre, den Inhalt, die Gesprächsdauer sowie den Dresscode ziehen.

Letzterer ist heutzutage schließlich nicht mehr allzu eindeutig geregelt wie noch vor ein paar Jahren: In einigen Start-ups reicht ein lockeres Jackett, in so manchem Kleinunternehmen wird ein förmlicheres Auftreten verlangt. Darüber hinaus können Bewertungsportale bei der Jobsuche für all jene Orientierung bieten, die auf der Suche nach einer Anstellung mit spezifischen Zusatzleistungen sind.

So erhalten zum Beispiel Einelternfamilien schneller Klarheit darüber, ob regelmäßig Homeoffice erlaubt ist und sich eine Bewerbung bei Unternehmen XY lohnt. Ein Landschaftsplaner kann gegebenenfalls einsehen, ob das anvisierte Unternehmen auch Väter ermutigt, Elternzeit zu nehmen. Eine Redaktionsassistentin erhält dank der Angaben Dritter einen ersten Eindruck, ob im Verlag ihrer Wahl auch Frauen gute Aufstiegschancen haben.

Auf Kununu zählen die Chancengleichheit für Frauen beim Karriereaufstieg, das Umwelt- und Sozialbewusstsein sowie der Umgang mit Bewerber*innen im fortgeschrittenen Alter zu den Faktoren, die mitunter bewertet werden können. Das macht die Plattform besonders für Fachkräfte attraktiv, die nicht nur eine Tätigkeit mit Sinn suchen, sondern auch möchten, dass das Unternehmen, die NGO,  die Stiftung, die Verwaltung und so weiter eine nachhaltige Philosophie lebt.

Weitere Bewertungspunkte sind unter anderem: Arbeitsatmosphäre, Kommunikation, Gehalt und Work-Life-Balance. Ähnliche Faktoren stehen auf Indeed zur Bewertung offen. Die einzelnen Punkte sind dabei gewählt formuliert: „Ist Ihr Gehalt bei Firma XY in Relation zu den Lebenshaltungskosten in Ihrer Region angemessen?“, heißt es hier zum Beispiel.

Damit macht das Portal zum einen deutlich, dass es sich bei der Bewertung um eine subjektive Einschätzung handelt. Zum anderen wird der Einschätzung der bewertenden Person durch den Bezug zu regionalen Miet- und Lebensmittelpreisen ein rationaler Rahmen geboten. 

Neben den klassischen Punkten wie Gehalt, Arbeitsatmosphäre und CEO-Bewertung können sich auf Glassdoor Arbeitnehmer*innen zu den Faktoren Unternehmenskultur und Werte äußern – durch die Vergabe von Sternen, aber auch über Textbeiträge. Das kann durchaus als Orientierung dienen, ob ein Unternehmen die auf der Webseite meist angepriesenen Grundsätze auch wirklich lebt.

Die Arbeitgeber mischen mit

Allerdings sollten Bewerber*innen nicht allein auf die positiven wie negativen Einträge dieser Kategorien vertrauen. Oftmals werden Mitarbeiter*innen vom Arbeitgeber aufgefordert, die Firma auf den jeweiligen Plattformen zu bewerten. Dieser Prozess ist dann nach wie vor anonym; ein Rückschluss ist aber gerade bei engem Kontakt zwischen Mitarbeitenden und Vorgesetzten anhand der Position, Berufserfahrung, des Geschlechts und/oder Alters sowie Zeitpunkts des neuen Eintrags möglich.

Das kann dazu führen, dass die vom Arbeitgeber eingeforderten Bewertungen wesentlich positiver ausfallen. Auch negative Bewertungen gilt es mit Vorsicht zu genießen, schließlich ist es als externe Person unmöglich zu wissen, ob einer kritischen Bewertung beispielsweise ein zwischenmenschlicher Konflikt vorausgeht.

Jede*r kann bewerten

Auf Bewertungsplattformen werden die Sterne in der Regel anonym vergeben. Das hat Vor- und Nachteile. Zum einen ist es dadurch Mitarbeitenden möglich, die für das bewertete Unternehmen aktuell tätig sind, einen Eintrag zu verfassen. Wer das tut, sollte vor allem auf eine abgeänderte Sprache sowie die Rahmenangaben zu Geschlecht, Position und Arbeitserfahrung achten.

Gerade im kleinen Team sind ansonsten schnell Rückschlüsse auf Einzelpersonen möglich, und der Effekt, sich trotz eines bestehenden Arbeitsverhältnisses frei äußern zu können, geht verloren. Es ist jedoch auch diese Vertrauensbasis, die Bewertungsplattformen in Verruf geraten lässt.

Die beliebtesten Bewertungsportale:
 
Kununu zählt mit zu den größten Plattformen, um ehemalige, aktuelle und sogar potenzielle Arbeitgeber zu bewerten. Denn mittlerweile kann auch der Bewerbungsprozess in Sterne übersetzt werden. Bewertungen können sowohl von Bewerber*innen als auch von aktuellen wie ehemaligen Arbeitnehmer*innen abgegeben werden. Darüber hinaus ist es möglich, viele weitere Angaben zur eigenen Arbeitserfahrung und Karrierestufe sowie zum Arbeitsfeld und  -bereich zu machen. 
 
Um auf Glassdoor Arbeitgeber zu bewerten, nach Jobs zu suchen und Gehälter vergleichen zu können, wird ein Account benötigt. Die Abgabe einer eigenen Bewertung ist dabei Grundlage, um den vollen Umfang von Glassdoor nutzen zu können. Andernfalls blockiert ein Pop-up die weitere Nutzung mit dem Kommentar „Ihr Zugang wird wieder hergestellt, wenn Sie etwas beisteuern“. Ein Aspekt, der vor allem Berufseinsteiger*innen ohne teilbare Erfahrung vor Schwierigkeiten stellt. 
 
Indeed ist vor allem dafür bekannt, vakante Stellen zu veröffentlichen. Allerdings bietet dieses Jobportal auch einen Bereich, in dem Arbeitgeber aus Sicht der Arbeitnehmer*innen bewertet werden können. Neben den Qualitäten von Arbeitgebern können eingeloggte Personen darüber hinaus Fotos der Büroräumlichkeiten hochladen – allerdings mit der mit der Einschränkung, dass sie dafür auch rechtlich befugt sein müssen. 

Einen echten Nachweis darüber, dass Einträge von Personen stammen, die tatsächlich in Verbindung mit dem Unternehmen stehen, verlangen viele Portale im ersten Schritt nicht. Die Verantwortung liegt diesbezüglich bei den jeweiligen Firmen. 

Auf Anfrage teilt zum Beispiel Kununu mit, dass die Plattform Bewertungen zur Prüfung offline nehme, allerdings erst, wenn Arbeitgeber der Meinung seien, die entsprechende Bewertung wurde von einer Person abgegeben, die nie für sie tätig war. Mögen die Plattformen im ersten Moment wie Tools zur Umkehrung des Machtverhältnisses zwischen Arbeitnehmer*innen und Arbeitgebern wirken, gilt jedoch, sie bei der Jobsuche mit Bedacht zu nutzen.

Richtig einschätzen

Bewertungsplattformen sind ein Anfang, zeichnen aber kein vollständiges Bild eines Unternehmens. Denn intervenieren Firmen nicht aktiv, bleibt die Darstellung der Arbeitgeberqualitäten vorerst einseitig. Die meisten Plattformen bieten dafür kostenlose HR-Accounts, sodass Arbeitgeber zu den Bewertungen Stellung beziehen können – gesetzt den Fall, sie haben dafür ausreichend Kapazitäten. Besonders effektiv können Bewertungsportale vor allem dann genutzt werden, wenn Informationen und Einsichten zu Vereinen, Unternehmen und Co. sowohl von Arbeitgeberseite als auch von Beschäftigten bereitgestellt werden.

Dementsprechend sollten Jobsuchende gegebenenfalls ein Ungleichgewicht diesbezüglich berücksichtigen, wenn sie Bewertungsplattformen nutzen. Die Parameter und Richtlinien der einzelnen Portale sollen zwar für Objektivität bei der Bewertung sorgen, ganz losgelöst von individuellen Vorstellungen können Fragen nach Fairness des Gehalts, der Kommunikation oder dem Verhältnis zwischen Kolleg*innen allerdings nicht beantwortet werden. Das ist menschlich.

Unter Umständen fehlt Mitarbeiter*innen auch die Einsicht in die Handlungen der Führungsetage, die sie in Bewertungen kritisieren. So wirkt vielleicht das Streichen des bisher kostenlosen Kaffees unfair, ist aber letztlich Teil eines existenziellen Sparplans des Arbeitgebers, von dem die bewertende Person jedoch nichts weiß.

Beispielsweise wird auf Indeed mit jeder Bewertung auch die selbst gewählte Berufsbezeichnung der Verfasser*innen veröffentlicht. Das kann für Jobsuchende ein Anhaltspunkt sein, um einzuschätzen, ob die Bewertung von einer Person stammt, die aufgrund ihrer Position Einblick in übergreifende Unternehmensprozesse haben könnte.

Ein eigenes Bild machen

Bewertungsportale nehmen Einfluss auf das Bild, das Bewerberinnen und Bewerber von einem Unternehmen haben. Das kann allein schon für das Vorstellungsgespräch relevant sein.

So ist eine Nachhaltigkeitsmanagerin wegen einer negativen Bewertung gegebenenfalls voreingenommen und geht mit einer anderen Haltung ins Gespräch. Oder ein Sozialpädagoge lässt sich von vermeintlich vielen Überstunden abschrecken und bewirbt sich gar nicht erst auf eine eigentlich attraktive Stelle.

Wer Bewertungsplattformen bei der Jobsuche effektiv nutzen möchte, sollte daher zwischen harten Fakten und subjektiven Einschätzungen unterscheiden. Helfen können bei der Auswahl potenzieller Arbeitgeber Tatsachen wie Zusatzleistungen und Gehalt. Zwar können auch hier immer wieder Veränderungen auftreten, allerdings ist zum Beispiel die Möglichkeit zum Homeoffice entweder gegeben oder eben nicht. Hier gibt es keinen emotionalen Spielraum.

Erst nach einem persönlichen Gespräch mit dem Arbeitgber sollten Bewerberinnen und Bewerber einen Blick in die zwischenmenschlichen Kategorien zur Bewertung werfen, wenn sie denn möchten. Denn dann fällt es unter Umständen leichter, die Drei-Sterne-Bewertung im Punkt Unternehmenskommunikation mit dem eigenen Bauchgefühl abzugleichen.

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