Abgetaucht: Forschen unter Wasser
Ob mittelalterliche Wracks, über 500 Jahre alte Bastschnüre oder Hinweise auf römischen Schiffsverkehr: Für Unterwasserarchäolog*innen gibt es viele spannende Dinge in der Tiefe zu entdecken.

Abgetaucht: Forschen unter Wasser

Esther Unterweger arbeitet seit sieben Jahren als Unterwasserarchäologin in Gewässern auf der ganzen Welt – und ist damit der Vergangenheit auf der Spur.

Text: Melissa Strifler 

Mittelmeer und Karibisches Meer gehören ebenso zu Esther Unterwegers Arbeitsplätzen wie Mond- und Attersee. Foto: Privat

„Meine Arbeit findet an tollen und oft sonst unzugänglichen Orten statt“, erzählt Esther Unterweger. Als Unterwasserarchäologin sieht sie eine Welt, die die meisten nur von Fotos und Videos kennen. Das bedeutet allerdings auch: Arbeit bei Kälte, Regen und Hitze. „Unsere Forschungsstätten sind oft an Orten mit wenig Infrastruktur. Da ist alles ein wenig aufwendig, aber dafür sehr abenteuerlich. Ich erforsche alte Kulturen, erkunde ihren Werdegang und finde neue Erkenntnisse zu unserer eigenen Geschichte.“

Die 35-Jährige hat provinzialrömische Archäologie und Kunstgeschichte an der Karl-Franzens-Universität in Graz studiert. Danach arbeitete Esther Unterweger auf Landgrabungen in der Türkei, in Italien und in Mittelamerika. In Southampton absolvierte sie den Master in Unterwasserarchäologie und war anschließend als wissenschaftliche Mitarbeiterin ­tätig. „Unterwasser-archäologie kann man nicht an vielen Orten studieren. Im Jahr 2012 war es noch weniger verbreitet als heute. Viele Archäologen haben es als eigenständige Disziplin nicht sehr ernst genommen“, sagt Unterweger.  

Learning by Doing

Ihre anschließende Ausbildung zur Forschungstaucherin in Kroatien beim European Scientific Dive Training dauerte sechs Wochen. „Es war eine sehr breitgefächerte Ausbildung. Ich empfehle eine frühe Spezialisierung, etwa auf Bio/Zooarchäologie, Palynologie, Paläoanthropologie, Business und Heritage oder Archäoinformatik. Grundsätzlich gilt bei diesem Beruf einfach der bekannte Satz: Learning by Doing. Es ist wichtig, nicht gleich zu verzagen, auch wenn sich einem Herausforderungen in den Weg stellen. Man sollte sich eine eigene Nische suchen – und vor allem mutig sein.“

Möglich sind dann ganz unterschiedliche Berufe, zum Beispiel Tauchlehrer*in, Angestellte*r im Labor in den Bereichen Archäobotanik, Archäozoologie und Dendrochronologie oder der prähistorischen Anthropologie. Außerdem kann man in der Bodendenkmalpflege oder im Tourismus anpacken. Esther Unterweger war im Anschluss an ihre Ausbildung als Unterwasserarchäologin in England tätig, fand römische Wracks, Ankersteine und Spuren römischen Schiffsverkehrs. Seit 2015 wirkt sie jedes Jahr bei zwei bis drei Projekten als Angestellte beim Kuratorium Pfahlbauten in Wien mit. Im Namen der UNESCO betreut das Kuratorium die neolithischen Pfahlbauten im Mondsee, Attersee und Keutschacher See in Österreich. 

Glück, Kontakte, Bekanntheit

Alltag gibt es bei Esther Unterweger kaum. „Jedes Projekt, jedes Team, jeder Tag ist anders. Nehmen wir zum Beispiel eine Grabung am Attersee oder auch im Mittelmeer. Dann treffen sich mein Team und ich meistens am Hafen beziehungsweise am Tauchort, checken die Ausrüstung und besprechen die täglichen Aufgaben sowie den weiteren Vorgang der Grabung“, berichtet Unterweger. Sie bereiten die Werkzeuge für die Grabung vor und starten dann mit den Tauchgängen. 

Meist gibt es zwei Durchgänge von 35 bis 120 Minuten. „Das hängt von der Tiefe der Ausgrabungsstätte ab.“ Danach legt das Team eine Pause ein, die tägliche Dokumentationsarbeit folgt. Darunter fällt unter anderem die Fotoauswahl, die Führung eines Tagebuchs sowie die Pflege von Tauchlisten und die gesamte Grabungsdokumentation. Auch die Arbeit um die Tauchgänge herum ist nicht zu unterschätzen: Nachbearbeitung, Monitoring, wissenschaftliche und technische Recherche oder das Verfassen von Blogposts, Artikel und Berichten. „Die größte Herausforderung ist es tatsächlich, genug gut bezahlte Arbeit zu finden, um davon leben zu können. Ein wenig Glück und die richtigen Kontakte sind dabei sehr wichtig. Und: Man muss sich einen Namen machen, dann folgen auch immer wieder neue Aufträge und Projekte.“

Gelingt es einem, in diesem Beruf zu bestehen, kann man am Grund von Meeren, Seen und Flüssen verborgene Relikte unserer Geschichte entdecken: „Was an Land verrottet, verrostet oder anderweitig vergeht, bleibt unter Wasser meist besser konserviert. So können teilweise ein komplettes Schiff oder eine ganze Ladung geborgen werden. Wir bekommen so Informationen, die sonst verloren gegangen wären. Bei Pfahlbauten sind das zum Beispiel erhaltener Tierkot oder auch über 5.000 Jahre altes Textil, Samen und Essensreste in Gefäßen.“

Um gut in diesem Job zu sein, sei es sehr wichtig, immer auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben. Außerdem ist Esther Unterweger überzeugt: „Der Beruf ist für niemanden geeignet, der Ruhm und Reichtum sucht, aber wem die Entwicklung wissenschaftlicher Methodik und der Schutz unserer kulturellen Hinterlassenschaften am Herzen liegt, der ist in dieser Sparte genau richtig.“

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