Das Publikum im Fokus
Feedback von Besucherinnen und Besuchern ist wichtig, um den Museumsbesuch für verschiedene Zielgruppen zu optimieren.

Das Publikum im Fokus

Museen zunehmend auf die Besucherforschung setzen, um herauszufinden, was sich ihre Besucher*innen wünschen. Ein wachsendes Feld, das kommunikative Fachkräfte braucht, die sich mit empirischen Methoden auskennen.

Text: Janna Degener-Storr 

„Mit welchen Erwartungen sind Sie heute zu uns gekommen?“ „Was hat Ihnen an unserer Ausstellung gefallen?“ „Würden Sie unser Haus weiterempfehlen?“ – Wer gelegentlich Museen besucht, hat sicherlich auch schon einmal zum Ende des Rundgangs einen Zettel mit diesen oder ähnlichen Fragen in der Hand gehalten. Solche Arten der Kundenbefragungen kennen wir aus anderen Lebensbereichen, und auch Museen nutzen sie, um ein Feedback der Besucher*innen zu erhalten. 

Die Ergebnisse solcher Evaluationen helfen den Museumsmacher*innen im Idealfall, ihre Arbeit stetig zu verbessern und mehr Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zu erreichen. Ein Beispiel: Die DASA – Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund zum Thema „Roboter“ hatte anhand von Staubsaugern, Autos und anderen Maschinen zeigen wollen, wie weit verbreitet automatisierte Technik in unserem Leben ist. Von den Besucher*innen wurde das allerdings nicht so gut bewertet wie erhofft. Eine Befragung machte dann deutlich, dass die Besucher*innen in einer Ausstellung zu diesem Thema wesentlich mehr humanoide Roboter erwartet hatten, die sprechen können. „Für uns war es wichtig, zu sehen, dass wir in der Kommunikation der Ausstellung einen Fehler gemacht haben“, sagt der Museumsleiter Gregor Isenbort, der sich auch als Vorstandsmitglied des Deutschen Museumsbundes für die Besucherforschung stark macht. 

Doch Museen entwickeln noch viele weitere Ideen, um herauszufinden, welche Menschen sie mit welcher Motivation besuchen und wie ihre Angebote ankommen. Sie nehmen nicht nur die Ausstellungen mit ihren interaktiven Stationen selbst in den Blick, sondern beispielsweise auch ihre digitalen Angebote und ihre Bildungsprogramme, die Führungen und Veranstaltungen wie Kindergeburtstage umfassen können. Sie teilen nicht nur Fragebögen aus, sondern führen auch Interviews mit ausgewählten Besucher*innen. Sie sprechen nicht nur mit den Menschen, die das Museum besuchen, sondern auch mit denen, die ihm fernbleiben. Und sie evaluieren ihre Angebote nicht erst, wenn sie fertig sind, sondern schon, wenn sie entwickelt werden.

Christiane Birkert arbeitet seit zwanzig Jahren als Besucherforscherin im Jüdischen Museum Berlin und erklärt: „Schon wenn wir die ersten Ideen für ein Ausstellungskonzept entwickeln, interessiert uns, wie die Menschen da draußen darauf reagieren. Später erstellen wir zunächst Probetexte, die wir einem Lesepublikum vorstellen. Und wir testen auch, wie unsere Zielgruppen sich unsere Objekte anschauen, ob ihre Fragen beantwortet werden und worüber sie vielleicht stolpern. Kommt bei den potenziellen Besucher*innen das an, was die Kurator*innen erwarten?“ 

Vom Ausland lernen

Christiane Birkert gehört zu den Pionier*innen der Besucherforschung an deutschen Museen. Während ihres kulturwissenschaftlichen Studiums in den 1990er Jahren gab es keine Lehrveranstaltungen zu diesem Thema. Nachdem sie in verschiedenen Studiengängen Kompetenzen in diesem Bereich erworben und bei Praktika erste Museumsluft geschnuppert hatte, schrieb sie ihre Diplomarbeit zur Besucherforschung und besucherorientierten Ausstellungsplanung. Ihre Initiativbewerbung beim Jüdischen Museum war dann erfolgreich, weil die Programmdirektoren aus Neuseeland kamen, wo die Besucherforschung an Museen – wie auch in anderen angloamerikanischen Ländern – schon damals verbreitet war. 

In den zwanzig Jahren, seitdem Christiane Birkert ihr Studium abgeschlossen hat, hat die museale Besucherforschung hierzulande deutlich zugenommen. Schon seit Jahrzehnten versuchen die deutschen Museen verstärkt, neben dem klassischen „Bildungsbürgertum“ unterschiedlichste Menschen für die eigene Arbeit zu begeistern und etwa Besucher*innen verschiedener Altersgruppen mit und ohne Studienabschluss, Migrationshintergrund und Behinderung zu gewinnen. Die Bedeutung der Abteilungen für Bildung und Vermittlung ist seitdem deutlich angestiegen; hier knüpft nun auch die Besucherinnenforschung an.

Der Deutsche Museumsbund unterstützt diese Entwicklung und stellt seit 2018 auf seiner Webseite einen Leitfaden für Museen bereit, die sich des Aufgabenfelds annehmen möchten. „In den letzten vier bis fünf Jahren hat sich die Zahl der Kolleg*innen, die am Museum selbst Besucherforschung machen, deutlich erhöht – aber von einer flächendeckenden Besucherforschungslandschaft sind wir in Deutschland noch weit entfernt“, betont Gregor Isenbort vom Deutschen Museumsbund, der selbst Geschichte und Philosophie studiert hat. „Die meisten Museen werden in Zukunft nicht darum herumkommen, eigene Mitarbeiter*innen für diesen Bereich einzustellen, so dass hier auch mehr Stellen entstehen werden.“ 

Interne und Externe  

Wenn größere Forschungen mit hohen Teilnehmerzahlen oder beispielsweise Telefoninterviews mit Nicht-Besucher*innen durchgeführt werden sollen, beauftragen einige Häuser große Meinungsforschungsinstitute oder Agenturen. Manche Museen kooperieren in diesem Arbeitsfeld auch mit Universitäten. Und gerade wenn das Budget knapp ist, werden Freelancer*innen mithilfe von Projektgeldern als externe Dienstleister*innen ins Boot geholt, um beispielsweise Fragebögen zu erstellen, auszuteilen und auszuwerten. 

Weitere Informationen

Der Sozialwissenschaftler Volker Schönert hat viele Jahre als Freiberufler Besucherforschung in unterschiedlichsten Häusern betrieben. Seit dreieinhalb Jahren geht er dieser Arbeit nun als angestellter Mitarbeiter am Museum für Naturkunde in Berlin nach und empfindet die Tätigkeit hier als besonders anspruchsvoll. In einer Sonderausstellung mit dem Titel „Artefakte“ beispielsweise wurden großformatige Kunstfotografien mit naturwissenschaftlichen Fragen zu den Auswirkungen des Menschen auf das ökologische System der Erde verbunden. 

Der Besucherforscher beobachtete zunächst mithilfe von vorab erstellen Protokollen ausgewählte Testgruppen, während sie sich die Ausstellung ansahen, und führte anschließend Interviews mit ihnen. Die Ergebnisse waren eindrucksvoll für ihn, erzählt er: „Ich erinnere mich an ein Bild, das in einem schönen Blauorange gestaltet war und wie abstrakte Kunst wirkte. Aus den Erklärungen wurde aber deutlich, dass es sich um Öl im Meerwasser handelte, also etwas sehr Zerstörerisches. Es war spannend zu sehen, wie die Besucher*innen mit dieser Verbindung von ästhetischen Eindrücken und widersprüchlichen Informationen umgegangen sind.“

Zahlen und Statistiken

Volker Schönert ist nach seinem sozialwissenschaftlichen Studium mit Auslandsaufenthalt in Großbritannien eher zufällig im Museum gelandet, weil hier eine befristete Stelle ausgeschrieben war, für die gute Deutsch- und Englischkenntnisse gefordert wurden. Viele Mitarbeiter*innen, die im Bereich der Besucherforschung aktiv sind, bringen ein pädagogisches Studium mit und waren vorher oder sind weiterhin nebenbei im Bereich Bildung und Vermittlung tätig. Andere haben ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert. Ein fachlich passender Hintergrund – etwa ein naturwissenschaftliches Studium für die Tätigkeit in einem Naturkundemuseum – ist für die Besucherforschung allerdings nicht notwendig. 

Wer in der Besucherforschung arbeiten möchte, sollte stattdessen mit Zahlen umgehen, Forschungsergebnisse interpretieren und Schlussfolgerungen daraus ziehen können sowie Statistik-Programme wie SPSS beherrschen. Kommunikative Kompetenzen und die Bereitschaft, Beratungsleistungen zu erbringen, sind darüber hinaus wichtig, betont Gregor Isenbort: „Museumsdirektor*innen und Kurator*innen stecken viel Herzblut in eine Ausstellung. Wenn Besucherforscher*innen ihnen mitteilen, was nicht gut gelaufen ist, sind sie natürlich erstmal enttäuscht. Auch wenn beide Seien einen professionellen Umgang mit Kritik pflegen, ist das nicht immer leicht.“ 

Darüber hinaus sollten Interessierte sich wirklich dafür interessieren, wie Ausstellungen konzipiert, gestaltet und entworfen werden. Hilfreich sind auch Erfahrungen in der Museumswelt, etwa durch Praktika, Nebenjobs oder Abschlussarbeiten. Gezielte Qualifizierungsangebote im Bereich der Besucherforschung gibt es in Deutschland bisher noch nicht, doch das soll sich in Zukunft ändern. Dies jedenfalls ist das Ziel des Netzwerks Besucherforschung, das sich mithilfe des Deutschen Museumsbundes derzeit gründet.

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