Ausgezeichnete Artenkenntnisse
Das BANU-Schulungsprogramm bietet eine einheitliche Zertifizierung. Wer das Gold-Zertifikat erhalten will, muss 600 Arten kennen.

Ausgezeichnete Artenkenntnisse

Seit Jahren zeichnet sich ein schleichender Mangel von Artenkenner*innen ab. Um dem entgegenzuwirken, wurde ein bundesweites Programm der Naturschutzakademien zur Aus- und Weiterbildung gestartet.

Text: Elisabeth Werder

Artenkenntnisse sind das A und O für eine erfolgreiche und nachhaltige Naturschutzarbeit und den Erhalt der Artenvielfalt. Zehn Akademien des „Bundesweiten Arbeitskreises der staatlich getragenen Umweltbildungsstätten im Natur- und Umweltschutz“ (BANU) haben sich zu einem bundesweiten Projekt zusammengeschlossen, um dem Rückgang der Artenkenntnis entgegenzuwirken.

In Kooperation mit Hochschulen, Naturschutzverbänden und anderen Projekten im Bereich Natur- und Artenschutz wird ein deutschlandweit einheitliches Qualifizierungs- und Zertifizierungsprogramm erarbeitet. Unter dem Motto „Wissen – Qualifizieren – Zertifizieren für die Artenvielfalt“ können Teilnehmer*innen in einem dreistufigen Kurs­programm (Bronze, Silber, Gold) Kenntnisse erwerben und sich zertifizieren lassen. 

Dieter Pasch von der bayerischen Naturschutzakademie leitet das Projekt auf Bundesebene und erlebt nicht nur einen großen Andrang auf die angebotenen Kurse und Prüfungen, sondern kennt auch die Gründe dafür: „Die Ausbildung an den Hochschulen und Universitäten ist nicht mehr so freilandökologisch ausgerichtet, wie sie es vielleicht sein sollte – deshalb suchen viele, vor allem junge Leute, eine Möglichkeit, sich im Bereich Artenkenntnis zu qualifizieren und für das Berufsleben fit zu machen.

Im Berufsalltag wird vielfach Fachwissen gefordert, freilandökologische Kenntnisse sind hier sehr wichtig.“ Die BANU-Kurse richten sich aber nicht vornehmlich an Studierende, sondern explizit an alle, die sich im Bereich Artenkenntnis weiterbilden möchten; unabhängig von Vorbildung oder beruflichem Hintergrund. 

Die große Koalition hat im März 2017 den Antrag „Biodiversität schützen – Taxonomische Forschung ausbauen“ beschlossen und darin gefordert, Wege zu finden, den Sachverstand der Zivilgesellschaft besser einzubinden – Stichwort Citizen Science. Um die (Nachwuchs-)Förderung von Artenkenner*innen voranzutreiben, gibt es deshalb im gesamten Bundesgebiet verschiedene Initiativen und konkrete Angebote. Das BANU-Projekt befindet sich derzeit noch in einer Testphase, einige Bundesländer sind gerade mit der Konzeption und Organisation der Kurse zugange.

In anderen Bundesländern, wie Bayern, Schleswig-Holstein oder Hessen, haben bereits erste Kursrunden stattgefunden. Lisa Silbernagl, Biologin mit Schwerpunkt Botanik, koordiniert und leitet die Kurse in Bayern. Ihre Erfahrungen decken sich mit der Einschätzung von Dieter Pasch: „Wir sind eine staatliche Naturschutzakademie, das heißt unsere Kernklientel sind eigentlich die Mitarbeiter*innen in der Naturschutzverwaltung. Bei meinem Bronze-Kurs zum Thema Feldbotanik waren unter den Teilnehmenden auch Studierende und ehrenamtliche Kolleg*innen, zum Beispiel aus Naturschutzverbänden. Das war schon ungewöhnlich und zeigt, dass das Projekt eine breite Zielgruppe anspricht.“

Der Startschuss für das Projekt war die bei einem bundesweiten Akademie-Treffen beschlossene Entscheidung, die Ausbildung von Artenkenner*innen zentral voranzubringen. Daraufhin wurde ein Fachbüro damit beauftragt, zunächst für die Artengruppen Feldbotanik, Feldornithologie und Feldherpetologie (Amphibien und Reptilien) eine Grundlage für die Ausbildung und Zertifizierung zu erarbeiten. Die Kosten übernahm jede der teilnehmenden Akademien zu einem Zehntel. 

Seit 2021 liegt ein 114-Seiten langes Dokument mit Prüfungsanforderungen und Curricula vor, das die jeweiligen Kurs- und Prüfungsinhalte definiert. Daraus geht hervor, welcher Qualitätsanspruch den Kursen und Zertifikationen zugrunde liegt: In der Botanik zum Beispiel werden auf Bronze-Level 200 Arten, im Silberkurs 400 Arten und im Goldkurs 600 Arten abgefragt. „Um dieses Fachniveau zu erreichen, bedarf es meist einer mehrjährigen Beschäftigung mit einzelnen Artengruppen und deren Bestimmung vor allem durch Geländebegehungen und im Austausch mit anderen Interessierten“ – so steht es im Dokument des Fachbüros.

Kreative Lösungen

Das Gold-Niveau bildet die Kenntnisse und Kompetenzen ab, die in der beruflichen Praxis eine wichtige Rolle spielen. Arbeitgeber brauchen Mitarbeiter*innen, die Artenlisten verstehen und beurteilen können. Die Bronze- und Silber-Niveaus stellen erreichbare Etappenziele dar. „Anders als in der Schule, wo man mit 50 Prozent besteht, haben wir eine Schwelle von 80 Prozent. Wer mehr als 90 Prozent weiß, besteht mit Auszeichnung. Wer das Zertifikat besitzt, hat also wirklich Artenkenntnis“, sagt Lisa Silbernagl.

Zu den abgefragten Fachkenntnissen gehören in den höheren Stufen zum Beispiel auch Lebensraumtypen, Gefährdungen, das Bundesnaturschutzgesetz oder Methoden zum legalen Einfangen von Tieren. Die Kurse und Zertifizierungen werden von Expert*innen des BANU durchgeführt, meist in Kooperation mit Fachreferent*innen oder Hochschulen.

In Hessen liegt die Projektleitung bei Ulrike Steinweg, auch sie ist Diplom-Biologin und unterrichtet zum Teil selbst. Sie entschied sich für eine pandemie-konforme Umsetzung: „Wir haben vier Online-Kurse in der Feldherpetologie angeboten und diese modular aufgebaut. Eigentlich wollten wir, ergänzend zum Theorieteil, eine Frühlaicher- und eine Spätlaicher-Exkursion anbieten. Weil das pandemiebedingt aber nicht möglich war, haben wir mit einem jungen Biologen zusammengearbeitet, der Material gefilmt und online vorgeführt hat, welches wir mit den Kursteilnehmer*innen diskutiert haben.“

Die Umsetzung der Kursinhalte gestaltet jede Akademie individuell; sie richtet sich nach den Möglichkeiten und nach den Wünschen der Teilnehmer*innen. Als Anhaltspunkte dienen die Vorgaben aus den Curricula. „Ich bekomme viele Anfragen zu den Kursen, und die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Die einen möchten den Kurs am Wochenende besuchen, weil sie ehrenamtlich im Naturschutz tätig sind und beruflich stark eingebunden. 

Teilnehmen 
Weil nicht jede Akademie die Möglichkeit hat, alle unterschiedlichen Kursangebote anzubieten, kann man auch solche in anderen Bundesländern besuchen. 2022 werden auf der gemeinsamen Internetplattform (www.banu-akademien.de) alle Angebote im Themenkomplex „Artenkenner“ zu finden sein.  
Folgende Kurstermine stehen bereits jetzt fest:
  • 25.-29.4.2022 Mitwitz, Oberfranken: „Artenwissen Feldornithologie – Qualifizierung für das BANU-Zertifikat Bronze“
  • 18.-22.7.2022 Mitwitz, Oberfranken: „Artenwissen Feldbotanik – Qualifizierung für das BANU-Zertifikat Silber“

Gleichzeitig fragen zum Beispiel Planungsbüros gezielt für ihre Mitarbeiter*innen, die gerne Termine unter der Woche nutzen möchten. Wir werden versuchen, künftig unterschiedliche Modelle anzubieten und modulare Kurse über die Vegetationsperiode hinweg mit Blockkursen zu kombinieren, um möglichst vielen Bedürfnissen gerecht zu werden und allen Interessierten die Teilnahme zu ermöglichen“, sagt Ulrike Steinweg. 

Auch nur Zertifizierung möglich

Bei der Evaluation zum Ende der ersten Kursrunden in Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg war ein flächendeckend eindeutiges Ergebnis, dass fast alle Teilnehmer*innen eine Prüfung zum Ende des Kurses ablegen wollten. Die Zertifizierung der Kenntnisse ist demnach für die Teilnehmer*innen besonders reizvoll. 

„Ich bekomme viele Mails und Anrufe zu dem Projekt: Manche wollen wissen, ob sie die Prüfung zur Zertifizierung auch ohne Kursbesuch ablegen können. Das ist eine gute Möglichkeit für den Personenkreis, der schon eine gute Artenkenntnis hat, aber keine Möglichkeit hat, diese im Vorstellungsgespräch oder anderweitig nachzuweisen“, erklärt Lisa Silbernagl. Die Kurse und Prüfungen werden einzeln gebucht und können entweder nacheinander oder unabhängig voneinander besucht werden. Die Vorgaben aus dem Dokument des Fachbüros bilden den Rahmen für eine transparente, vergleichbare und aussagekräftige Zertifizierung.

Dieter Pasch sieht den Reiz des Zertifikats vor allem in der bundesweiten Einheitlichkeit sowie im Renommee der Naturschutzakademien. „Wir sind schon viele Jahre in dem Bereich tätig und als Institution im Bereich Natur- und Umweltschutz anerkannt. In den Kursen wird wertvolles Wissen von guten Leuten vermittelt. Wer die Kurse durchlaufen oder die Prüfung abgelegt hat, bekommt ein Zertifikat mit einem gewissen Wert.“ Um diese Wertigkeit zu gewährleisten, wird für die Teilnahme künftig eine Kursgebühr erhoben, welche die Finanzierung des Projekts und den hohen Qualitätsanspruch abbildet. 

Für Ulrike Steinweg liegt der Reiz des Projekts in der Wissensvermittlung und der Möglichkeit zur Zertifizierung: „Normalerweise bewegen sich die Teilnehmerzahlen bei Artenkenntnis-Kursen zwischen 16 und 20 Teilnehmer*innen – mehr wären bei einer Präsenzveranstaltung gar nicht möglich. Wir hatten bei unserem ersten Bronze-Amphibien-Kurs 93 Teilnehmer*innen online.

Im Rahmen des BANU-Artenkennerprojekts können auch akademieübergreifende Kurse entwickelt werden, an welchen eine bundesweite Teilnahme möglich ist. Die Möglichkeiten, Wissen konkret vermittelt zu bekommen und durch festgelegte Prüfungsanforderungen eine bundesweit einheitliche Zertifizierung zu erhalten, machen das Angebot so spannend und attraktiv. Es gibt auf jeden Fall ein großes Interesse an einer Steigerung der Artenkenntnis.“ 

Die Zusammenarbeit mit Hochschulen und anderen Kooperationspartnern eröffnet den Projektbeteiligten zudem weitere Möglichkeiten: „Weil wir als Akademien die Zertifizierungen gar nicht alle durchführen können, arbeiten wir diesbezüglich mit Hochschulen zusammen. In Nordrhein-Westfalen läuft derzeit zum Beispiel parallel das Projekt ­KennArt, welches sich ebenfalls mit der Sicherung von Artenkenntnis befasst. Wir haben die gemeinsam entwickelten Grundlagen weitergegeben, sodass auch dort von anderen Einrichtungen die Zertifizierung geprüft und abgenommen werden kann“, erklärt Dieter Pasch. Insgesamt leistet das Projekt so einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Biodiversität.

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