„Ein Job ist keine katholische Ehe“

„Ein Job ist keine katholische Ehe“

Jobwechsel erweitern den Erfahrungsschatz und werten den Lebenslauf auf, findet Marketingexpertin Tabea Herrera. Vor Kurzem hat sie einen guten Job für eine andere Stelle verlassen – und es bisher nicht bereut.

Text: Sarah Kröger

Weiterziehen ohne Jobzusage? Statt auf Sicherheit zu setzen, zählt für Tabea Herrera im Job glücklich zu sein. Foto: privat

Social-Media-Beraterin Tabea Herrera fand Marketing in sozialen Medien schon interessant, als es noch in den Anfängen lag: „Damals, als viele bei Studivz und Myspace waren, habe ich gemerkt, dass dort auch Unternehmen aktiv sind. Das fand ich spannend.“ Schnell war ihr klar, dass sie das beruflich machen wollte.

Sie sammelte daher noch während ihres Germanistik-Studiums erste Erfahrungen: Bei der Universität Bremen arbeitete sie in der Social-Media-Redaktion, für einen Eventveranstalter machte sie mit Guerilla-Marketing auf Techno-Partys aufmerksam. Ihr Wissen eignete sie sich während der Arbeit an: „Ich hatte mir das alles selbst beigebracht, und das erschien mir irgendwie seltsam“, berichtet Herrera. „Heutzutage weiß ich, dass das früher viele so gemacht haben und ihre Informationen aus Youtube und Webinaren gezogen haben.“ 

Gegen Ende ihres Studiums – die Masterarbeit war schon fertig – beschloss sie deswegen, noch ein Praxissemester einzulegen. Sie wollte Erfahrungen in einem Unternehmen sammeln, das beim Thema Social-Media-Marketing so professionell wie möglich aufgestellt war. Bei einem großen Automobilkonzern fing sie als studentische Mitarbeiterin im Marketing an und bekam schnell viel Verantwortung: „Ich habe den ersten deutschlandweiten Snapchat-Kanal getestet, mir Formate dafür überlegt und diese auch moderiert“, sagt Herrera stolz. Dadurch war sie innerhalb des Unternehmens schon ein bekanntes Gesicht. 

Kompetenzgewinn

Eines Tages kam jemand aus einer anderen Abteilung auf sie zu und wollte sie für ein neues Projekt gewinnen, bei dem sie das PR-Team leiten sollte. Ein attraktives Angebot, mit einem kleinen Haken: Sie sollte sich dafür selbstständig machen, eine Anstellung wurde ihr nicht angeboten. Also schloss sie ihr Studium ab und begann als Freelancerin: „Ich wusste, dieses Angebot kommt so kein zweites Mal.“ Die Leitung des PR-Teams fiel ihr leicht, weil sie durch ihre unterschiedlichen Jobs während des Studiums schon jede Menge Erfahrungen gesammelt hatte.

Auch weitere neue Auftraggeber*innen konnte sie schnell gewinnen. Einige Unternehmen, für die sie schon während des Studiums gearbeitet hatte, beauftragten sie einfach weiter. Über ein Jahr lang arbeitete sie als Freie und lernte in der Zeit viel: „Ich habe zum Beispiel ein Gefühl für Preise bekommen, mein Verhandlungsgeschick geschärft und eine ganz andere unternehmerische Denke gelernt als noch als Arbeitnehmerin.

Obwohl es gut lief, beschloss sie, ihre Selbstständigkeit aufzugeben, um wieder in einem festen Team zu arbeiten. Sie fing als Verantwortliche für das Online-Marketing in einem Immobilienunternehmen an, für das sie auch schon als Freie gearbeitet hatte. Dort entwickelte sie den Social-Media-Auftritt auf Instagram und Facebook weiter, baute eine Community auf und führte Kooperationen mit Influencer*innen durch.

Doch ihre Vision, ganzheitliche Social-Media-Strategien und abteilungsübergreifende Kommunikationsformen zu etablieren, stieß im eher traditionell ausgerichteten Unternehmen immer wieder auf Unverständnis und Grenzen. So kündigte sie nach zwei Jahren, ohne eine neue Job-Zusage zu haben. „Arbeit sollte nicht immer ein Kampf sein“, meint Herrera.

Lebenszeit ist zu kostbar

Über das Digital Media Women Netzwerk, in dem sie sich ehrenamtlich engagiert, fand sie dann einen neuen Job bei einem Start-up: als Elternzeitvertretung der Geschäftsführung. Plötzlich war sie gegenüber Investoren und Gesellschaftern verantwortlich und musste mit Banken Verhandlungsgespräche führen – eine völlig neue Lernerfahrung. Die neue Rolle gefiel ihr gut. Als die Geschäftsführung aus der Elternzeit zurückkam, bot sie ihr an, als stellvertretende Geschäftsführung zu bleiben.

Doch Tabea Herrera hatte in der Zwischenzeit herausgefunden, dass sie nicht nur einfach gutes Social-Media-Marketing machen wollte, sondern sich aktiv für Werte wie Gleichberechtigung oder Antidiskriminierung einsetzen wollte. Also sagte sie ab, wieder ohne feste Jobzusage. Und trat kurz danach eine Führungsposition bei einem Verein an, der politische Online-Kampagnen organisiert. 

Den erneuten Wechsel bereut sie kein bisschen. Acht Stunden am Tag seien zu viel Lebenszeit, um nicht glücklich zu sein, findet sie. Jede Kompetenz, die sie in den vergangenen Jobs gelernt hat, würde sie als Arbeitnehmerin auf Dauer attraktiver machen. „Ganz am Anfang meines Berufslebens hat mir mal eine Mentorin gesagt: ‚Tabea, ein Job ist keine katholische Ehe. Man darf sich auch trennen.‘ Das habe ich mir zu Herzen genommen“, sagt sie und lacht.

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