Mehr Manpower gesucht
Das Klischee von Frauen in Sozialberufen hält sich beständig, das sollte geändert werden. Auch Männer haben viel zu bieten, wenn es um soziale Kompetenzen geht.

Mehr Manpower gesucht

Die Zahl weiblicher Fachkräfte in Sozialberufen ist deutlich höher als der männliche Anteil. Innerhalb des Sozialsektors zeigen Männer klare Präferenzen für Tätigkeiten. Das liegt an Karrierechancen, Gehältern und Rollenbildern.

Text: Elisabeth Werder

Im Jahr 2021 waren rund 654.500 Frauen und 53.700 Männer im Bereich der Kinderbetreuung und -bildung tätig. Immerhin hat sich der Männeranteil in Kindertagesstätten seit 2009 laut statistischem Bundesamt mehr als verdoppelt, liegt aber trotzdem nur bei gut sieben Prozent. Auch im Bildungsbereich zeichnet sich ein eindeutiges Bild: Im Schuljahr 2020/2021 waren an Gymnasien,- Haupt-, Real- und Gesamtschulen knapp zwei Drittel der Lehrkräfte weiblich. An den Grundschulen betrug ihr Anteil laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sogar 88,6 Prozent.

Per Praktika begeistert

Dabei finden auch Männer ihre berufliche Erfüllung im sozialen Sektor. Zu ihnen gehört Christopher Hautmann. Der 30-Jährige ist Bezirkssozialarbeiter im allgemeinen Sozialdienst des Stadtjugendamts Weiden in der Oberpfalz. Nach dem Besuch der Fachoberschule im Sozialzweig studierte er Soziale Arbeit an der OTH Regensburg.

„Der Umstand, dass ich mich für diesen Beruf entschieden habe, war Schulpraktika geschuldet. Vor allem die Arbeit im Jugendamt hat mir gefallen: Man lernt Menschen verschiedenster Art kennen, die mit allen möglichen Problemlagen zu einem kommen, und dann versucht man durch Beratungen und Hilfsangebote zusammen Lösungen zu erarbeiten und die Menschen zu befähigen, ihren Alltag wieder besser zu bewältigen“, sagt er. Innere Konflikte hatte er bezüglich seiner Berufswahl keine: Spätestens mit Studienbeginn kam die Erkenntnis, dass er in der Sozialarbeit seinen Traumberuf gefunden hat.

Wohl aber gab es die ein oder andere Begegnung mit Vorurteilen: „Naja, so was wirklich Ordentliches ist das ja nicht, studiere doch lieber was anderes, wo man mehr verdient“ oder „Sozialpädagogen malen/basteln/singen doch nur im Studium“ – diese Sätze hat er oft gehört. „Was die Karriere- und Verdienstmöglichen angeht, ist tatsächlich noch viel Luft nach oben. Wenn ich in meinem Freundeskreis höre, mit welchem Gehalt Maschinenbauingenieure nach Hause gehen, da schlackere ich mit den Ohren. Und es ist halt vielen meiner Geschlechtsgenossen wichtig, Karriere zu machen und viel Gehalt zu bekommen“, erklärt Hautmann. „Männliche Freunde, die nicht im Sozialbereich arbeiten, melden mir oft zurück: Ich könnte das nicht, mir den ganzen Tag die Probleme von anderen Leuten anzuhören. Da erkläre ich dann erstmal, wie mein Berufsalltag wirklich aussieht.“

Männliche Bezugsperson? Fehlanzeige!

Dass Männer in allen Bereichen der Sozialen Arbeit fehlen, kann er aus privater und beruflicher Perspektive bestätigen: „In der Kita meines Sohnes gibt es vier Gruppen und keinen männlichen Mitarbeiter. Sowohl kleine Jungs als auch kleine Mädchen wollen aber gerne auch mal mit einer männlichen Bezugsperson spielen. Als Beispiel im Grundschulalter fällt mir eine alleinerziehende Mutter ein: Der Vater ist alkoholabhängig und gewalttätig, kümmert sich nicht um die Familie. Gibt es in Kindergarten und Schule keine männlichen Bezugspersonen, verstärkt sich automatisch ein geschlechtsbewertendes Rollenbild.“

Auf der Suche nach Gründen, warum sich verhältnismäßig wenig Männer für einen sozialen Beruf entscheiden, offenbart sich eine Vielzahl von Problemen: Zu wenig Geld, kaum Aufstiegschancen, ein für Männer wenig attraktives Berufsumfeld, wenig Berufsprestige und eindimensionale Rollenerwartungen der Gesellschaft. Aber auch sekundäre Probleme, wie zum Beispiel geschlechtsspezifische Zuschreibungen in Stellenausschreibungen oder zu wenig Berührungspunkte in der Berufsfindungsphase, tragen ihren Teil dazu bei. Klar ist, dass sich diese Probleme nicht auf die Schnelle an der Oberfläche lösen lassen. Die gute Nachricht lautet: Es gibt immer mehr Initiativen, Verbände und Netzwerke, die sich für einen Wandel einsetzen. Zum Beispiel die Bundesinitiativen „Klischee-frei“, „Mehr Männer in die Kitas“ und „Chance Quereinstieg“, die schon seit Jahren aktiv gegen den Männermangel im sozialen Bereich vorgehen.

Schnapsidee Quereinstieg?

Für Tobias Buchhold (Name von der Redaktion geändert) war der Quereinstieg in die Soziale Arbeit eine grundlegende Veränderung: Nach einem Magisterabschluss in Geschichte und Politikwissenschaften arbeitete der heute 41-Jährige acht Jahre bei einem internationalen Unternehmen im Kundenservicebereich, zuletzt sogar als Manager mit einem kleinen Team. „Inhaltlich war die Arbeit abwechslungsreich und spannend. Aber es war einfach viel zu viel zu tun. Mein Team war für unsere Arbeitsbelastung viel zu klein, und ich wollte meine Gesundheit nicht aufs Spiel setzen“, begründet er seine Entscheidung für den Jobwechsel.

„Äußere Konflikte hatte ich zuhauf auszutragen: In meinem Freundes- und Bekanntenkreis durfte ich mir oft anhören, dass es eine Schnapsidee sei, bewusst in einen schlechter bezahlten Beruf zu wechseln und dass die Arbeitsbelastung doch kein Grund sein könne, so einen Job aufzugeben. Da schwang oft mit, dass man in meiner Wahl einen sozialen Abstieg sah – manchmal kam auch der Satz, dass Sozialpädagogik doch ein Beruf für Frauen wäre.“ Nach einer Auszeit als Bundesfreiwilliger und dem Studium der Sozialen Arbeit landete Tobias Buchhold 2021 in der kommunalen offenen Jugendarbeit in einem kommunalen Jugendzentrum.

Bereut hat er seine Entscheidung bis heute nicht, weshalb er gerne andere motivieren möchte, es ihm gleichzutun: „Männer, die empathisch sind und gerne mit Menschen arbeiten, sollten dies auch tun können, ohne sich durch Klischees und veraltete gesellschaftliche Strukturen verunsichern zu lassen. Mehr Männer würden diesen Arbeitsbereich auch für andere Männer sichtbarer machen, mehr ‚Normalität‘ geben. Und letztlich würde es wohl auch helfen, die Sozialen Berufe in der Gesellschaft aufzuwerten“, sagt er.

Geschlechtlich segregiert

Petra Ganß, Professorin für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen zur sozialen Konstruktion von Geschlecht und beruflicher Geschlechtersegregation. „Die Aufteilung der Berufswelt in männer- und frauendominierte Bereiche stellt bis heute ein bemerkenswert stabiles gesellschaftliches Phänomen dar“, sagt sie.

Als geschlechtlich segregiert gilt ein Beruf in der Regel dann, wenn der Anteil des jeweiligen Geschlechts der dort Tätigen unter 30 Prozent liegt. „Interessant ist, dass nicht nur die Soziale Arbeit als geschlechtlich segregiert zu bezeichnen ist, sondern dass sich auch innerhalb der Sozialen Arbeit eine unterschiedliche Verteilung von Männern und Frauen auf Tätigkeitsfelder und Hierarchieebenen abzeichnet“, erklärt Ganß.

Erklären lassen sich beide Phänomene, also die Überrepräsentanz von Frauen in der Sozialen Arbeit und die intraberufliche Geschlechtssegregation, laut Ganß mit einer historisch bedingten Prägung der Profession: „Dazu gehören unter anderem die Naturalisierung sozialer Hilfstätigkeit als genuin weibliche Aufgabe, die Einführung einer funktionalen Arbeitsteilung zwischen bürokratisch-administrativen Tätigkeiten und pädagogisch-beratenden Tätigkeiten oder die Ausbildung von Männern für Verwaltungs- und Leitungstätigkeiten. Diese seit der Entstehung der Sozialen Arbeit bestehenden Narrative und vergeschlechtlichenden Prozesse entfalten bis heute ihre Wirkung.“

Mit gläsernem Fahrstuhl nach oben

Anhand der Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe lässt sich eine deutliche Präferenz von Männern für diejenigen Tätigkeitsfelder feststellen, in denen ohnehin ein vergleichsweise hoher Männeranteil vorhanden ist. Das gilt für aufsuchende, offene, freizeit- oder bildungsbezogene Soziale Arbeit mit Jugendlichen, die jugendverbandliche und planerische Ebene sowie die Führungsebene Sozialer Arbeit. Besonders unterrepräsentiert sind Männer in Arbeitsbereichen mit Kindern, Eltern und Familien wie Erziehungsförderung in der Familie, Allgemeiner Sozialer Dienst, Erziehungs- und Familienberatung, Sozialpädagogische Familienhilfe oder Schulsozialarbeit.

Statistische Tatsache ist ebenfalls, dass Männer im Verhältnis zur allgemeinen Geschlechterverteilung überdurchschnittlich häufig Führungspositionen einnehmen. „Die Präferenz von Männern für diese Arbeitsbereiche und Funktionen können auf ‚Wege des geringeren Widerstands‘ verweisen – sei es, weil Männer, die mit Kindern oder Mädchen arbeiten, Gefahr laufen, einem pauschalen Missbrauchsverdacht ausgesetzt zu sein oder weil sie durch ihre Tätigkeit in einem frauendominierten Feld mit Abwertungen konfrontiert sind.

Oder, dass sie von der bestehenden beruflichen Geschlechterordnung im Sinne eines ‚gläsernen Fahrstuhls‘ profitieren: Im Gegensatz zum Phänomen der „gläsernen Decke“, mit der Frauen in männerdominierten Berufen konfrontiert sein können, scheint der berufliche Weg nach oben für Männer in ‚Frauenberufen‘ eine nahezu zwangsläufige Entwicklung darzustellen“, erläutert Ganß. Vielleicht lockt auch das mehr Männer in diesen Bereich: Seite 14 Jahren erhalten Studiengänge im Sozialwesen kontinuierlich mehr Zulauf an männlichen Studenten.

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