Eine große Portion Eigeninitiative
Gerade am Anfang können Mitarbeitende beim Start-up viel mitentscheiden und ausprobieren.

Eine große Portion Eigeninitiative

Start-ups bieten flache Hierarchien, junge Teams und viel Gestaltungsspielraum – aber auch wenig Sicherheit und chaotische Arbeitstage. Interessant sind sie für Generalist*innen, die viel lernen und die Welt ein bisschen besser machen wollen.

Text: Janna Degener-Storr

Wer an Start-ups denkt, hat oft junge IT-Fachkräfte vor Augen. Tatsächlich werden kleine innovative Unternehmen, die oft im Technologiebereich tätig sind und das Potenzial haben, schnell zu wachsen, so benannt. Das heißt aber natürlich nicht, dass Gründer*innen zwangsläufig Informatik oder Wirtschaftswissenschaften studiert haben müssen. Im Gegenteil: In ganz kleinen Teams muss jede*r alles machen, deshalb sind hier gerade Generalist*innen gefragt. „Es ist schon hilfreich, einen BWLer im Team zu haben. Aber besonders in der Anfangsphase, also in den ersten fünf Jahren, und wenn weniger als zwanzig Mitarbeiter*innen im Unternehmen sind, kann man mit Spezialwissen in einem Start-up wenig anfangen.

Da müssen Leute her, die geistig flexibel sind und auch mal einspringen können, wenn derjenige, der sich eigentlich um Social Media kümmert oder Veranstaltungen organisiert, plötzlich krank geworden ist oder gerade Urlaub hat“, sagt Start-up-Experte Arnas Bräutigam. Er hat selbst ein Start-up gegründet, das Informationen über Start-ups liefert: die startupdetector GmbH. Er selbst würde jede und jeden einstellen, die oder der große Begeisterung für das Thema „Start-ups“ mitbringt und da tiefer eintauchen möchte – ob er oder sie nun BWL, Germanistik oder Philosophie studiert hat.

Vor- und Nachteile

Tatsächlich sind die Teams in Start-ups oft sehr jung – auch, weil die Bezahlung nicht so gut ist wie bei etablierten Arbeitgebern. „Die meisten unserer Mitarbeiter*innen kommen frisch von der Uni, weil wir uns die teuren Gehälter nicht leisten können. So geht es vielen Start-ups“, sagt Arnas Bräutigam. Wer sich bei einem der jungen Unternehmen bewirbt und eingestellt wird, kann schon davon ausgehen, auch bezahlt zu werden. Allerdings muss man sich immer bewusst sein, dass selbst formal unbefristete Stellen möglicherweise ein Enddatum haben, weil die Finanzierung nur für einen bestimmten Zeitraum gewährleistet ist und das Start-up noch über kein funktionierendes Geschäftsmodell verfügt.

„Nach zwölf bis achtzehn Monaten ist das Geld von den Investoren in der Regel aufgebraucht. Dann geht es nur weiter, wenn man einen neuen Investor findet. Deshalb ist die Arbeitsplatzsicherheit bei Start-ups sehr gering“, betont Arnas Bräutigam. Ist das Unternehmen allerdings erfolgreich, dann haben diejenigen, die früh dabei waren, gute Chancen, Karriere zu machen.

Das Arbeiten im jungen Team mache viel Spaß, so Bräutigam. Hier würden auch viele Fehler gemacht, wodurch man sehr viel lernen könne. Nicht in allen Start-ups sind die Tischtennisplatte im Büro und das Remote-Arbeiten selbstverständlich, aber flexible Arbeitszeiten zum Beispiel sind durchaus typisch. Auch flache Hierarchien und viel Flexibilität bei den Tätigkeiten werden zu Recht mit dem Arbeiten im Start-up assoziiert. Denn anders als etwa Verwaltungen oder große Unternehmen befinden sich Start-ups noch im Entstehen, sodass es hier noch keine festen Prozesse und keine spezialisierten Arbeitsplätze gibt.

Tipps für den Einstieg
 
Wer sich für das Arbeiten in einem Start-up interessiert und anderen Bewerber*innen zuvorkommen will, kann sich regelmäßig auf Portalen wie www.businessinsider.de oder www.deutsche-startups.de darüber informieren, welche Unternehmen gerade eine Finanzierungsrunde verkündet haben – um sich dort dann initiativ zu bewerben. Denn wenn Unternehmen frisches Geld bekommen haben, suchen sie meist Leute. Hier kommt die eigene Bewerbung vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt. Auch Praktika während des Studiums bieten eine gute Einstiegsmöglichkeit, denn in Start-ups dürfen alle von Anfang an Verantwortung übernehmen und selbstständig arbeiten.

Das bedeutet, dass Mitarbeiter*innen viele unterschiedliche Arbeitsbereiche kennenlernen können, dabei viele Freiheiten haben und auch eine ordentliche Portion Eigeninitiative mitbringen können und müssen. „Im Normalfall gibt es keine festen Jobbeschreibungen für Stellen in Start-ups. Alles ist – negativ betrachtet – ziemlich durcheinander und – positiv betrachtet – ziemlich aufregend“, erklärt Arnas Bräutigam. Bei startupdetector zum Beispiel hat zwar jeder und jede einen eigenen Aufgabenbereich, aber dieser kann sich recht schnell ändern.

Dreimal pro Woche setzt sich das gesamte Team zusammen, um darüber zu sprechen, welche Entwicklung es gab, wer mit wem gesprochen hat, wohin die Reise als Nächstes gehen könnte und welche Aufgaben konkret anstehen. „Dabei sprechen wir immer über das gesamte Unternehmen – von der Buchhaltung bis zur Eventplanung, vom Tagesgeschäft bis zur Strategie“, erklärt der Gründer und Geschäftsführer.

Fokus Nachhaltigkeit

Eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahren abzeichnet: Neugründungen auch jenseits von technischen Innovationen. Sogenannte grüne Start-ups setzen hier ihren Fokus auf Umweltschutz; Education Technologies (EdTechs) beschäftigen sich mit Bildung. Beide Unternehmensgruppen eint, dass sie nicht allein das Geldverdienen im Blick haben, sondern auch den Impact, den guten Zweck also: „Wer ein solches Unternehmen gründet, wurde früher in der Start-up-Szene noch ein bisschen als ‚Weltverbesserer‘ belächelt. Inzwischen gibt es aber immer mehr Start-ups mit sozialem und ökologischem Impact, die funktionierende und attraktive Geschäftsmodelle aufbauen und von Investoren finanziert werden“, sagt Arnas Bräutigam. Neue gesetzliche Vorgaben, die Unternehmen dazu zwingen, ihre Lieferketten nachzuverfolgen, spielen solchen Neugründungen in die Karten.

Wie das Arbeiten in einem grünen Start-up mit Fokus auf Bildung aussehen kann, das zeigt das Beispiel von Prosumio. Das Start-up entwickelt eine spielerische Lernplattform, um Bildung für nachhaltige Entwicklung in den Alltag zu integrieren und Ideen von Menschen aus allen Teilen der Welt zu vernetzen. Das junge Unternehmen setzt den Fokus auf die Entwicklung einer App und bietet Workshops und Projekte für Hochschulen und Schulen an. Johannes Vollbehr hatte die Geschäftsidee.

Jetzt kümmert er sich vor allem um den Aufbau und die Leitung des Teams, hält aber auch die Kontakte zu potenziellen Kund*innen sowie Kooperationspartnern und schreibt Förderanträge. Er genießt, dass er dabei viel Raum hat, um kreativ zu sein, zu experimentieren, sich selbst zu organisieren und sich autodidaktisch neue Kompetenzen anzueignen. „Im Kontakt mit Wirtschaftsakteuren achte ich beispielsweise darauf, wo ihre Bedürfnisse liegen, welche gemeinsame Vision uns verbindet und wie wir sinnvoll zusammenarbeiten können“, erzählt er.

Als buntes Team erfolgreich

In einem Zukunftswerkstatt-Projekt mit Schüler*innen beispielsweise war ursprünglich geplant, Workshops zu Nachhaltigkeit anzubieten und Ideen als Spielkarten in die App einzubauen. Mittlerweile begleitet das Prosumio-Team die Jugendlichen dabei, im Prozess ein neues Baugebiet mit ihren Zukunftsideen mitzugestalten.

„Die Schüler*innen haben ihre Zukunftsideen inzwischen gemeinsam mit uns auf der Bauausschusssitzung vorgestellt. Und jetzt sollen sie realisiert werden! Das hätten wir uns so vorher nicht ausmalen können“, erzählt der Gründer, der auf eine ungewöhnliche Berufsausbildung zurückblicken kann: Nach seiner Ausbildung als Zimmerer arbeitete er in vielen Projekten, bevor er sich für das Studium Berufliche Bildung entschloss und in einem Seminar seine zwei Mitgründer*innen kennenlernte.

„Es hat sofort geflowt – wir haben angefangen, zusammen an der App zu arbeiten, und wir konnten seitdem einfach nicht mehr aufhören.“ Inzwischen haben die drei die Kompetenzen ihres Teams mit weiteren Personen verstärkt – Johannes‘ Bruder Lucas Vollbehr zum Beispiel ist mit seinem Bachelor-Abschluss in Biologie und Chemie auch Teil des Teams und schließt parallel noch seinen Master in „Ökologie, Evolution und Naturschutz“ ab. Als Sustainable Content Creator recherchiert er Texte und Bilder zu Ökologie- und Nachhaltigkeitsthemen, die dann für die Spielkarten von Prosumio didaktisch aufbereitet werden.

Wenn große Entscheidungen anstehen, sucht das Prosumio-Team gemeinsam nach einem Konsens oder einem Kompromiss. „Oft probieren wir einen Weg aus und halten uns die anderen Optionen offen, für den Fall, dass es nicht funktioniert“, erklärt Johannes Vollbehr. Dafür sei es wichtig, dass alle eine ordentliche Portion Teamfähigkeit mitbringen und Schwierigkeiten so früh wie möglich ansprechen. Das Team brennt für „Purpose“, den tieferen Sinn ihrer Unternehmung.

Dabei hat das Team immer „das große Ziel“ im Blick: Welchen Mehrwert, welchen Sinn bietet die Arbeit für die Welt, für die Gesellschaft? „Uns geht es nicht nur darum, Geld zu verdienen oder unseren Gewinn zu maximieren“, betont Johannes Vollbehr. „Wir definieren unseren Erfolg über ökologischen Impact und gesellschaftlichen Mehrwert. Dieser Fokus hilft uns, auch Zeiten durchzustehen, in denen wir wenig Geld und viel zu tun haben“.

Zahlen und Fakten zu Start-up-Gründungen
 
• Seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine ging die Anzahl von Start-up-Gründungen in Deutschland zurück: Zwischen April und Juni 2022 wurden 713 neue Start-ups im Handelsregister eingetragen, 93 weniger als im Vorjahreszeitraum.
• Seit der Coronapandemie ist ein großer Teil der Neugründungen im Bereich Software, Medizin und Lebensmittel angesiedelt.
• Lange Zeit war Berlin Deutschlands Gründungsmetropole, jetzt hat Bayern überholt.
• Gründer*innen sind meist männlich, aber der Anteil von Frauen liegt inzwischen immerhin bei mehr als 20 Prozent. In grünen Start-ups liegt der Gründerinnenanteil bei 21 Prozent, in nicht-grünen Start-ups bei 16 Prozent.
• Laut Green Startup Monitor (GSM) legen mehr als Dreiviertel der Start-ups in Deutschland Wert darauf, eine positive gesellschaftliche oder ökologische Wirkung zu erzielen. Knapp ein Drittel trägt bereits gezielt und aktiv zu den 17 „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen (SDGs) bei.
• 38 Prozent der grünen Start-ups nennen die Bekämpfung des Klimawandels als wichtigste Forderung an die Politik. Damit steht dieses „grüne Anliegen“ an zweiter Stelle nach dem Bürokratieabbau, der von 40 Prozent der Unternehmen genannt wurde.
• Von 2019 auf 2020 stieg der Anteil grüner Start-ups von 21 Prozent auf 30 Prozent, 2021 lag er bei 29 Prozent.
 

Weitere Informationen auf Statista: www.tinyurl.com/startup-quarterly und in der Publikation „Green Startup Monitor“: www.tinyurl.com/green-startup-monitor

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