Alleinerziehend in der Energiekrise
Viele Alleinerziehende geraten in Existenznot, wenn die Kosten für Lebensmittel und Energie weiter steigen.

Alleinerziehend in der Energiekrise

Die steigenden Preise und Energiekosten treffen Alleinerziehende besonders hart. Laut Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) braucht es hier ein gesellschaftliches und politisches Umdenken.

Text: Maike von Haas

Als alleinerziehend gilt, wer ohne eine andere erwachsene Person im Haushalt mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht. Im Jahr 2021 gab es in Deutschland gut 2,6 Mio. Alleinerziehende, die mit ihren ledigen Kindern zusammenleben. Nach wie vor handelt es sich bei den Alleinerziehenden weit überwiegend um Frauen: mit einem Anteil von knapp 83 Prozent.

Laut dem Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VMAV) haben 57 Prozent der Alleinerziehenden ein durchschnittliches Einkommen von unter 1.400 Euro. Über ein Drittel aller Einelternfamilien weisen das höchste Armutsrisiko aller Familienformen auf und leben von Sozialtransfers. Von 1,93 Millionen Minderjährigen im Hartz- IV-Bezug leben über 870.000, also fast die Hälfte, in Alleinerziehendenhaushalten.

Wer als Alleinerziehende*r weder familiäre Unterstützung erfährt, beispielsweise durch Eltern, noch auf andere finanzielle Vorteile zurückgreifen kann, hat auch schon vor der Energiekrise an der Belastungsgrenze gelebt und verfügt deshalb auch kaum über finanzielle Reserven für Ungeplantes. „In Pandemiezeiten war die Erschöpfung bei Alleinerziehenden ein viel größeres Problem als für Familien mit zwei Erwachsenen. Jetzt ist es die Inflation, die die Alleinerziehenden viel härter trifft als Paarbeziehungen mit Kindern“, erklärt Nicola Stroop.

Sie ist Mitglied des Vorstandes im Verband allein erziehender Mütter und Väter im Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V. (VAMV NRW e.V.). Die „Alleinerziehendenlobby“, wie sich der Verband selbst tituliert, versucht die Interessen Alleinerziehender stärker in den Fokus zu rücken. „Unser politisches System berücksichtigt die Familienform ‚alleinerziehend‘ nicht genug. Viele Leistungen und Hilfen sind auf Familien aus Mama, Papa und einem oder mehreren Kindern zugeschnitten. Oder Kinder werden als Privatvergnügen der Eltern betrachtet, für die die Gesellschaft nicht zuständig ist“, meint Nicola Stroop.

Hohe Kosten, wenig Gehalt

Das Statistische Bundesamt hat 2018 in einer Studie ermittelt, dass Kinder durchschnittlich rund 148.000 Euro bis zum 18. Lebensjahr kosten. Diese sechsstellige Summe hat nochmal eine ganz andere Bedeutung für Alleinerziehende, die im Gegensatz zu Zweielternhäusern nur über ein Gehalt verfügen – wenn überhaupt. Denn oft können Alleinerziehende*r keine volle Stelle ausfüllen, weil die Kinderbetreuungszeiten nicht passen.

Teilzeit hat zwar den Vorteil, dass die Alltagsorganisation leichter zu bewältigen ist und man mehr Zeit für die Kinder hat, aber der Lohn reicht dann oft nicht mehr zur Deckung des Lebensunterhalts. Das trägt am Ende seinen Teil dazu bei, dass Alleinerziehende in Altersarmut rutschen. Die Expertin kommentiert: „Es ist häufig ein großer sozialer Abstieg, nicht mehr Paarfamilie zu sein.“

Akademiker*innen verdienen in der Regel etwas mehr. „Aber auch hier ist es häufig so, dass alleinerziehende Akademiker nicht in ihrem Beruf arbeiten, weil dieser nicht in Teilzeit zu erledigen ist. Dann arbeiten sie unterqualifiziert und erhalten nicht zwangsläufig ein Akademikergehalt“, weiß Nicola Stroop. Um das zu verhindern, fordert der VAMV eine armutsverhindernde Kindergrundsicherung, finanzierbare Mieten, flexible Arbeitszeitmodelle und bedarfsgerechte Kinderbetreuung.

Unterhaltsansprüche

Jedes minderjährige Kind hat einen Unterhaltsanspruch, unabhängig davon, ob seine Eltern miteinander verheiratet sind oder nicht. Zu den Leistungen, die alle Eltern beziehen können, gehören das Kindergeld oder der Kinderfreibetrag. Letzterer kommt allerdings nur Besserverdienenden zugute, weil dieser erst ab einer gewissen Summe zu versteuerndem Einkommen greift und dann das Kindergeld ersetzt.

Alleinerziehende haben, sofern der andere Elternteil seiner Unterhaltspflicht nicht oder nur unregelmäßig nachkommt, für Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensjahr einen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Das ­Kindergeld wird allerdings auf den Unterhaltsvorschuss angerechnet, und deshalb erleben Alleinerziehende derzeit eine böse Überraschung: Die angekündigte Erhöhung des Kindergeldes um 18 Euro kommt nicht bei ihnen an, wenn sie auf Unterhaltsvorschuss (oder SGB II) angewiesen sind. Bei über 830.000 Kindern von Alleinerziehenden sinkt der Unterhaltsvorschuss um den gleichen Betrag, um den das Kindergeld steigen soll – weshalb der Verband hier auf eine Änderung dringt.

Noch mehr sparen geht oft nicht

In Zeiten von steigenden Lebenshaltungskosten und höheren Energiepreisen geraten viele Alleinerziehende in wirkliche Existenznot. Die ohnehin knappen Einkünfte reichen oft einfach nicht mehr. Zwar ist zurzeit unter anderem bei den Verbraucherzentralen und Energieversorgern nachzulesen, wie Energie gespart werden kann, wie besser geheizt werden kann und Stromkosten verringert werden können.

Doch diese Spartipps sind keine Lösung für strukturelle Mängel. Natürlich kann man prüfen, ob man seinen Verbrauch an Strom und/oder Gas verringern kann, oder Vergleiche anstellen, ob vielleicht ein anderer Anbieter einen günstigeren Tarif anbietet. Das alles ändert jedoch nichts daran, dass die Gaspreise sich nach Schätzungen der Verbraucherzentrale Brandenburg verdoppeln werden und die Lebensmittelkosten um 20 Prozent und die Stromkosten um 15 Prozent steigen werden. Kraftstoffe werden um etwa 25 Prozent höher werden. „Keiner kann sagen, weil ich weniger Geld habe, zahle ich keine Miete mehr oder kaufe kein Essen mehr. Das Sparen für das Alter bleibt da bei vielen auf der Strecke“, so Nicola Stroop.

Erste Lichtblicke

Doch inzwischen hat auch die Politik Alleinerziehende mehr im Blick. Weil sie höhere finanzielle Belastungen zu tragen haben, die sich in Krisenzeiten noch verschärfen, gibt es den steuerlichen Entlastungsbetrag, der 2021 von 1.908 Euro auf 4.008 Euro angehoben wurde. Ab dem zweiten Kind erhöht sich der Entlastungsbetrag um 240 Euro pro Kind. „Der Entlastungsbetrag wird über die Lohnsteuerklasse II, der Steuerklasse für Alleinerziehende, automatisch berücksichtigt“, heißt es dazu auf der Seite des Bundesfamilienministeriums.

Weiterhin ist während der Pandemie ein Kinderbonus als zusätzliche Einmalzahlung für Familien von 100 Euro pro Kind gezahlt worden. Und im September 2022 gab es eine einmalige Energiepreispauschale in Höhe von 300 Euro für alle einkommensteuerpflichtigen Erwerbstätigen. Allerdings haben Alleinerziehende auf diese Weise 300 Euro erhalten, während Doppelverdiener 600 Euro bekommen haben: „Das Gießkannenprinzip hilft uns hier nicht weiter“, mahnt Nicola Stroop.

Einen großen Schritt hat die Politik auch gemacht, als sie erstmals im Januar 2022 automatisch entsprechend der Mieten- und Einkommensentwicklung das Wohngeld erhöht hat. Wohngeld erhalten die, die über genügend Einkommen verfügen, um die eigenen Lebenshaltungskosten, aber nicht auch noch die Wohnkosten zu decken. Ab Juli 2022 erhielten die Wohngeld-Haushalte einen einmaligen Heizkostenzuschuss in Höhe von 270 Euro. 2023 wird sich der Wohngeldbetrag voraussichtlich um 190 Euro auf durchschnittlich 370 Euro pro Monat je Wohngeldhaushalt erhöhen, wenn das Wohngeld-Plus-Gesetz vom Parlament gebilligt wird.

Das bedeutet im Durchschnitt also eine Verdoppelung dieser Sozialleistung. Außerdem soll der Zugang zum Wohngeld vereinfacht werden, deutlich mehr Haushalte – rund 1,4 Millionen zusätzlich zu den bisher rund 600.000 – sollen einen Wohngeldanspruch bekommen. „Diese Entscheidungen begrüßen wir sehr, denn das unterstützt die, die das Geld wirklich brauchen“, sagt die Sprecherin des VAMV. Die Expertin mahnt allerdings an, dass es weitere Entlastungspakete geben muss: „In Pandemiezeiten wurden immer wieder Rettungspakete verabschiedet, und ich erwarte, dass das jetzt genauso sein wird. Denn wenn die Politik nicht reagiert, wird es im kommenden Jahr eine horrende Zahl an Privatinsolvenzen geben.“

Doch die Regierung plant eine umfassende Reform des Sozialsystems: „Die Ampel möchte eine Kindergrundsicherung einführen. Damit werden alle staatlichen Leistungen für das Kind, auch Wohngeldanteil und SGB-II-Regelsatz, zu einer Leistung gebündelt. Es wird, und das ist das Gute, eine einkommensabhängige Komponente geben, sodass das Geld dann auch besser dort ankommt, wo es gebraucht wird. Dieser komplette Systemwechsel ist für 2025 zu erwarten. Das ist noch etwas hin, aber ein echter Meilenstein“, sagt Nicola Stroop.

Vertrauen in die eigene Stärke

Dass es extrem anstrengend ist, wenn man an sieben Tagen 24 Stunden alleine für ein Kind sorgen muss und keine Phase hat, wo man alleine duschen, schlafen oder etwas anderes für sich machen kann, wird vermutlich niemand bestreiten. Aber auch wenn Alleinerziehende gestresster und erschöpfter sind als Zweielternfamilien, so ist erwiesen, dass die Kinder von Alleinerziehenden nicht zwangsläufig weniger Fürsorge erhalten.

Und nicht immer bleiben die Kinder alleine mit einem Elternteil. Drei Jahre nach der Trennung lebt fast ein Drittel der Alleinerziehenden wieder in einer neuen Partnerschaft und bildet eine Stief- und Patchworkfamilie. „Fast jede zweite Frau war irgendwann einmal alleinerziehend. Auch wenn viele diese Zeit als belastend erlebt haben, kommen sie doch gut in ihrer neuen Lebenssituation an. Nach einer gewissen Zeit stellt sich bei wieder eine Lebenszufriedenheit ein. Viele Menschen sagen rückblickend, es war die richtige Entscheidung, alleinerziehend zu werden“, so Nicola Stroop.

Auch wenn das Alleinerziehen eine große Herausforderung ist und den ganzen Einsatz fordert, so stellen Alleinerziehende auch fest, dass sie an den neuen und zum Teil unbekannten Problemen wachsen – zumeist nehmen Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und auch die Zuversicht in die eigene Stärke nach einiger Zeit zu. Das Hineingeworfen-Sein in diese neue Lebenssituation weckt nicht gekannte Kräfte und bringt mitunter persönliche Stärken zum Vorschein. Letztlich schaffen Alleinerziehende enorm viel, sie sind belastbar und oftmals echte Organisationstalente.

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