Mögliche Folgen im Blick
Reicht die Rente jetzt überhaupt zum Leben? Für Frauen ist es wichtig, richtig und frühzeitig vorzusorgen und ihre Finanzen im Blick zu behalten.

Mögliche Folgen im Blick

Frauen werden schlechter bezahlt als Männer. Das ist nicht nur ein Problem während der Erwerbszeit, sondern übersetzt sich in zum Teil massive Folgen für Frauen in der Rente. Solange die Politik da keinen Riegel vorschiebt, müssen Frauen stark verhandeln – beruflich sowie privat.

Text: Stefanie Schweizer

„Da die Renten im Vergleich zu den Löhnen künftig geringer steigen werden und sich somit die spätere Lücke zwischen Rente und Erwerbseinkommen vergrößert, wird eine zusätzliche Absicherung für das Alter wichtiger.“ Dieser Satz steht im Schreiben der jährlichen Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung. Übersetzt heißt das so viel wie: Die gesetzliche Rente wird nicht reichen, um den monatlichen Bedarf zu decken. Doch gerade für Arbeitnehmerinnen bedeutet es: Die Rente wird mehr als doppelt nicht reichen.

Denn laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend lag der Gender Pension Gap 2015 – also der Unterschied im eigenen Alterssicherungseinkommen von Frauen und Männern ab 65 Jahren – im Westen Deutschlands bei mindestens 58 Prozent, im Osten bei 28 Prozent. „Das heißt nicht, dass man im Alter zwangsläufig arm ist, aber es heißt, es überträgt sich die Geschlechterungleichheit, die man im Erwerbsverlauf erfährt, in die Alterssicherung“, erklärt Dr. Laura Romeu Gordo, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen.

Doch für viele Frauen wird es im Alter finanziell trotz Jahren der Erwerbstätigkeit eng. So berichtet zum Beispiel der Deutschlandfunk 2019 in einem Beitrag von der 63-jährigen Ute und der 75-jährigen Gabi, die von rund 400 Euro im Monat leben und deshalb regelmäßig eine Tafel in Berlin aufsuchen. Die taz berichtet 2020 von einer Frau, die sich das Alter in Deutschland nicht leisten konnte und auswanderte. Sie repräsentieren als Beispiele die Situation vieler.

Selbst schuld? Quatsch!

Frauen, die in Altersarmut leben, hätten etwas falsch gemacht; sie hätten schlechter verhandelt als Männer, weniger Ambitionen und schlugen Karrierewege ein, die weniger lukrativ seien – eine Reihe von Vorwürfen, die schnell laut werden, wenn es um Altersarmut bei Frauen geht. Was dabei außenvorgelassen wird, ist die strukturelle Ungleichbehandlung von Arbeitnehmerinnen und weiblichen Fachkräften, die nach aktuellem Stand selbst bei aller Bemühung seitens der Frauen nicht zu einer Gleichstellung führen kann. Die Gründe dafür und damit für Altersarmut sind vielfältig: Ungleiche Bezahlung, die weibliche Teilzeit sowie die Inaktivität beziehungsweise der begrenzte finanzielle Spielraum – Gender Wealth Gap genannt – in Sachen privater Vorsorge vieler Frauen.

Dabei handelt es sich jedoch je nach Situation um komplexe soziale sowie wirtschaftliche Entscheidungsmomente, weshalb sich die Kulturwissenschaftlerin Irene Götz in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau dafür ausspricht, den Ausdruck „Fehler“ in diesem Zusammenhang zu vermeiden, da er eine Selbstverschuldungsrhetorik stütze.

Laut Laura Romeu Gordo fehle es vor allem an Aufklärungskampagnen, die bereits Jungen und Mädchen im Schulalter vor Augen halten, dass die Frage, ob eine erwerbstätige Frau im Alter genug Geld zum Leben hat, vor allem im Arbeitsleben entschieden wird, wenn auch primär bestimmt von einem diskriminierenden System.

Erwerbstätige Frauen sollten sich mit Blick auf die Alterssicherung die unangenehmen Fragen stellen: Wenn es so weiter geht wie jetzt, komme ich im Alter klar? Kann ich mich finanzieren, sollte sich mein Partner von mir trennen oder versterben? Welche konkreten Auswirkungen hat es auf meine Paarbeziehung, wenn ich dauerhaft weniger verdiene als mein Partner? Denn auch auf die Dynamik einer Beziehung nimmt ungleiche Bezahlung Einfluss.

„Es kann zur finanziellen Abhängigkeit kommen und das hat für die Frauen Konsequenzen. Das bedeutet, man hat weniger Freiheit Entscheidungen zu treffen und weniger Möglichkeiten, Sachen im Haushalt durchzusetzen“, erklärt Romeu Gordo. Das zeige sich zum Beispiel in der Reproduktion des konservativen Familienmodells, in dem der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau sich um die Kinder kümmert und/oder in Teilzeit tätig ist.

Ein Phänomen, das lange nahezu überwiegend vorherrschte und mit der Grund dafür ist, dass die durchschnittliche Rentenzahlung laut WSI-Institut der Hans-Böckler-Stiftung für Frauen im Jahr 2021 um 420 Euro geringer ausfiel als für Männer. Aber auch die aktuelle Generation der Arbeitnehmer*innen greift häufig auf das Hauptverdienermodell zurück, wenn es um die Familienplanung geht – zumindest lassen das die Zahlen vermuten. Denn der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen ist laut eines Beitrags im FAZ Blog am Anfang des Berufslebens gar nicht so groß, werde aber mit dem 30.

Lebensjahr deutlicher. Und in Deutschland lag der Zeitpunkt der ersten Geburt 2020 laut Statistischem Bundesamt bei 29,9 Jahren. „Früher hat man gesagt, der Arzt heiratet die Hausfrau. Heute heiratet der Arzt die Ärztin und der Arzt macht Karriere und wird Oberarzt und die Frau legt eine Bremse ein und macht die Teilzeit-Ärztin“, erklärt Romeu Gordo.

Gemeinsame Verantwortung

Ein Kind oder mehrere Kinder zu bekommen, ist für Frauen nach wie vor ein Risikofaktor, später in Altersarmut zu leben. Laut einer Publikation der Deutschen Rentenversicherung mit dem Titel Alterseinkommen von Müttern und kinderlosen Frauen im Haushaltskontext hatten im Jahr 2016 über 50-Jährige ohne Kinder 772 Euro Rente im Monat zur Verfügung, während über 50-Jährige mit zwei Kindern nur 597 Euro und mit drei Kindern oder mehr gerade mal 371 Euro im Monat zur Verfügung hatten.

„Kinder zu bekommen ist die eigene Entscheidung. Aber man sollte sie nur im Bewusstsein mit den langfristigen Konsequenzen treffen. Ein Kind und die in der Regel damit verbundene lange Unterbrechungen beziehungsweise Teilzeitbeschäftigung hemmt die Entwicklung der Karriere von Frauen in der Form, dass sie nicht soweit kommen wie ein Mann“, macht Laura Romeu Gordo deutlich. Die Wissenschaftlerin hat drei Kinder und wünscht sich von weiblichen Fachkräften, mit mehr Weitblick an die Familienplanung und die damit einhergehenden Konsequenzen für die eigene Karriere heranzutreten.

Denn es geht um weit mehr als um verlorene Rentenpunkte: In einer Arbeitswelt, in der Präsenz und Leistung als Kompetenznachweis für einen Aufstieg gelten, hat die Teilzeitbeschäftigung für Frauen auch Konsequenzen für die Karriere. Denn selbst wenn zum Beispiel der Mann der in Teilzeit arbeitenden Frau einen finanziellen Ausgleich zur Aufstockung zum vollen Rentenbeitrag zahlt, verzeichnet sie Einbußen für den Verlauf ihrer Karriere.

„Man sammelt weniger Erfahrungen, man macht weniger Weiterbildungen und man steigt langsamer auf“, so die Expertin. Geht die Beziehung dann in die Brüche und die Frau wird Alleinversorgerin für ein Kind, hat sie unter Umständen Schwierigkeiten eine Stelle zu finden, die ein entsprechendes Einkommen bietet, da sie verschiedene Prozesse des Karrierewegs einfach nicht absolviert hat.

„Frauen müssen verhandlungsstark in der Arbeitswelt und zu Hause sein“, ist Laura Romeu Gordo überzeugt. Gerade, wenn es um die Familienplanung geht, will sie Frauen ermutigen, Gleichberechtigung einzufordern: „Zum Beispiel kann man mit dem Partner ausmachen, dass in der ‚heißen Phase‘ der Familiengründung beide auf 30 Stunden reduzieren. Das hat für beide Nachteile, aber nicht in dem Ausmaß wie es eine mehrjährige Teilzeitbeschäftigung für eine Frau hätte. Es ist eine kleine Bremse, aber eben für beide.“

Was die Wissenschaftlerin damit fordert, ist ein wesentlicher Bestandteil, um Altersarmut bei Frauen zu verringern – zwar setzt dies nicht an der Wurzel des Übels an, nämlich am System, aber es ermöglicht einen positiveren Umgang damit – und sendet auch ein Signal an Männer. Setzen sich männliche Fachkräfte nicht für die gleiche Aufteilung von unbezahlter Sorgearbeit ein und machen sich nicht für Lohngerechtigkeit im Unternehmen stark, reproduzieren sie ein System, von dem mit Sicherheit eine weibliche Person in ihrem Leben stark negativ betroffen sein wird – sei es die Mutter, die Schwester, die beste Freundin oder eben vor allem später im Leben: die Partnerin.

Der Mehrverdienst als Argument in der Familienplanung muss fallen gelassen werden. Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, dass Frauen in diesem Kontext meist von einem schlechteren Standpunkt aus starten, auf den sie nur in einem gewissen Umfang reagieren können. Indem Männer diese Ungleichheit als solche nehmen, können sie Frauen dabei unterstützen, für eine gute Rente zu sorgen.

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