Keine spaßige Angelegenheit
Die verdeckte Journalismus Arbeit bringt viele Herausforderungen mit sich. Allerdings sammelt man durch die außergewöhnlichen Recherchen auch viele neue Erfahrungen.

Keine spaßige Angelegenheit

Er recherchiert verdeckt im Gesundheitssystem, in der Abfallwirtschaft und der Großindustrie: Um Geschichten zu erzählen, die sonst keiner erzählen kann, nimmt der Autor Benedict Wermter einiges auf sich.

Text: Stefanie Schweizer

Benedict Wermter hat Psychologie und Soziologie studiert. Heute sammelt er Infos im In- und Ausland. Foto: Paulina Hildesheim

Das erste Mal undercover im Einsatz war Benedict Wermter als Junge für einen Lokaljournalisten aus der Familie: Er klapperte Kioske und Supermärkte ab und versuchte als Minderjähriger, Alkohol zu kaufen. „In neun von zehn Fällen hat es geklappt“, erinnert er sich an das Ergebnis seiner ersten journalistischen Gehversuche. Seit fast zehn Jahren arbeitet Benedict Wertmer nun als Journalist, Reporter und Autor, verfasste viele Reportagen für Magazine und arbeitete mit Produktionsfirmen im Bereich Drehbuch zusammen.

Seit 2016/17 legt er als freier Autor in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Südostasien den Finger dahin, wo es wehtut: Er recherchiert zu Themen wie Müllökonomie, Fast Fashion, Polizeigewalt und das Gesundheitssystem. „2013 habe ich mich für mehrere Wochen als Praktikant in der Charité Berlin ausgegeben. Ich habe auch viel in Pflegeheimen recherchiert, zum Beispiel indem wir einen Kollegen als meinen Onkel ausgegeben und in ein Altenheim eingeschleust haben“, erklärt Wermter.

Wissen, wovon man spricht

Für einen erfolgreichen Undercovereinsatz ist eine gute Vorbereitung unerlässlich. Dabei rechtfertigt der Zugang zu bestimmten Informationen die Intensität, mit der verdeckt gearbeitet wird. „Es gibt Leute wie Günter Wallraff, die eine ganz neue Biografie entwerfen, diese Rolle einüben und leben. Die Grenzen sind aber fließend. Man kann auch als Journalist auftreten, ohne direkt seine Absichten mitzuteilen. Es hilft auch unter Umständen, einen verdeckten Anruf zu tätigen. Man muss ja nicht gleich den einmonatigen Undercovereinsatz planen“, sagt Wermter.

Denn Journalist*innen könnten nicht einfach nach Lust und Laune undercover herumstöbern, da dadurch unter anderem Persönlichkeits- und Hausrechte verletzt würden. „Es muss ein überwiegendes öffentliches Interesse vorliegen. Zum Beispiel, wenn man den Verdacht hat, dass dort, wo man verdeckt recherchieren will, das Gesetz gebrochen wird. Gleichzeitig muss gegeben sein, dass man die gesuchte Information nur durch verdeckte Recherche bekommen kann, zum Beispiel, wenn man sich im kriminellen Milieu bewegt“, weiß Wermter. Journalist*innen sollten von Fall zu Fall unterscheiden, ob eine Undercoverrecherche gerechtfertigt ist, ob sie sinnvoll ist. Und vor allem sollten sie sich in Bezug auf die rechtlichen Voraussetzungen beraten lassen.

Auf eine verdeckte Arbeit bereitet sich Benedict Wermter strukturiert vor: eine sogenannte Legende muss her, aus der sich ein authentisches Cover-up ableiten lässt. Dazu zähle in bestimmten Bereichen auch die Aneignung eines spezifischen Sprachgebrauchs – Lingo nennt Benedict Wermter das und meint damit Wörter und Abkürzungen, die in bestimmten Gruppen oder Bereichen gängig sind. Neugierig müssten Fachkräfte daher sein, wenn sie diesen Job machen wollen – und vor allem enormem Druck standhalten.

Deshalb ist Benedict Wermter auch immer ein wenig froh, wenn ein verdeckter Einsatz vorbei ist. Schließlich bringen diese Aktionen nicht nur Stress mit sich, sondern bergen auch ein gewisses Risiko: „Man muss topfit sein, ausgeschlafen und darf sich keinen Fehler erlauben. Man muss mit dem Gefühl leben, dass die anderen vielleicht schon Verdacht schöpfen. Das gilt vor allem, wenn man im Ausland recherchiert und die Sprache nicht richtig versteht.“

Er selbst bekommt das bei seinen Recherchen in Südostasien zu spüren, bei denen er sich auch immer wieder auf Kolleg*innen mit entsprechenden Sprachkenntnissen verlassen muss. „Sitzt man schon auf dem heißen Stuhl und die Leute ahnen was, muss man sich auch daran gewöhnen, dass man immer schaut: Wo ist der Ausgang? Was passiert im Stockwerk über oder unter mir? Da muss man beim Reingehen schon überlegen, wie man wieder rausgeht“, erklärt er und erinnert sich an einen Moment, in dem er beinahe bei einer heimlichen Dokumentation aufgeflogen wäre.

In eine andere Rolle schlüpfen

Tiefe Einblicke in Bereiche, die einem sonst verborgen bleiben – das ermöglicht der Undercover-Journalismus und begeistert Benedict Wermter an dieser Arbeit. „Man schreibt sich das Cover auf und lernt es auswendig. Man muss das üben. Auch, wenn man eine Kamera einsetzen und gute Bilder bekommen will. Das ist ja das Spannende. Denn das geht ins Theatralische, in den Bereich Drehbuch und Schauspiel. Das ist etwas anderes, als wenn man am Schreibtisch sitzt und herumtelefoniert.“ Benedict Wermters Einsatz zahlt sich aus: Er erhielt für seinen Beitrag zur Fast Fashion-Krise den Swiss Press Award und für die ARD-Fernsehdokumentation „Die Recyclinglüge“ den dritten Preis des Otto Brenner Preises.

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