Grüner Job in Film und Fernsehen
Green Consulting am Filmset: Fachkräfte sorgen jetzt für grüne Produktionen. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Grüner Job in Film und Fernsehen

Jobs beim Film und Fernsehen, aber anders als gedacht: Die Regisseurin und Produzentin Juliane Block ist als Green Consultant beim Film tätig – und weiß, worauf es ankommt.

Interview: Christine Sommer-Guist

WILA Arbeitsmarkt: Wie sind Sie zum Film und darüber zum Thema Nachhaltigkeit gekommen?
Juliane Block: Durch mein Hobby! Ich wollte ursprünglich etwas Technisches lernen und kam über eine Bauzeichner-Ausbildung zum Industriedesign-Studium. Dort traf ich einen Kommilitonen, der einen Zombie-Film drehte. Ich liebe Monster-Masken und bot ihm an, welche zu machen. Der Film war kein Meisterwerk, aber das Arbeiten daran hat mich begeistert. Ich gründete flugs eine Firma für Grafik und Film – mit wenig Erfolg, leider. Dafür wurde mein erster Kurzspielfilm zum erfolgreichen Einstieg in mein Berufsleben als Regisseurin. Seitdem mache ich Filme. Auch wenn es nicht leicht ist, damit den Lebensunterhalt zu finanzieren. Wenn man wie ich als Freelancerin arbeitet, investiert man das Geld, das für die Regie reinkommt, meist wieder in den Film. Als Produzent*in im Independent-Bereich verdient man nur Geld, sobald ein Film auch erfolgreich produziert wird, nicht in der Entwicklung und somit sind im Prinzip beide Jobs Hungerlohnjobs. Deshalb brauche ich zusätzliche Einnahmequellen – eine ist Green Consulting für grüne Filmproduktionen.

Was bedeutet „grüne Filmproduktion“ konkret?
Deutschland ist eines der ersten Länder, die ökologische Standards verpflichtend gemacht haben. Sobald Produktionen Gelder von Senderseite oder Fördermittel bekommen, sind sie verpflichtet, diese Standards einzuhalten. Dazu gehören aktuell 22 Muss-Vorgaben sowie diverse Soll-Vorgaben. Die meisten beziehen sich auf die Faktoren Energie, Transport und Catering. Bei fiktionalen Produktionen kommt noch der Materialeinsatz, zum Beispiel für Set-Bauten oder Kostüme dazu.

Welche Fachkräfte kümmern sich hauptverantwortlich um die Nachhaltigkeit am Set?
Aktuell sind das ausschließlich die Green Consultants. Sie stehen der Produktion beratend zur Seite. Bei vielen Produktionen achten die Abteilungen aus Kostengründen selbst auf die Einhaltung der ökologischen Standards und legen die geforderten Zahlen und Zertifikate später dem Green Consultant vor. So bin ich als Beraterin oft nicht am Set und auf die Unterlagen von der Produktion angewiesen. Anhand der Daten prüfe ich dann, ob die Standards eingehalten wurden.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Green Consultants aus?
Immer wieder anders. Es ist schon passiert, dass ich um 16 Uhr angerufen wurde, damit ich am nächsten Morgen, zum Drehbeginn mit der Produktionsleitung die Hotspots der CO2-Quellen bestimme. Das ist nicht Sinn und Zweck eines Green Consultants! Wir sind eigentlich dafür da, von Anfang an zu evaluieren, wo CO2-Einsparungen vorgenommen werden können. In der Praxis funktioniert das leider selten. Der Traum von uns Green Consultants ist es, von Anfang an integriert zu werden. Wir möchten nicht nur grüner produzieren, sondern auch der Branche helfen, kosteneffizienter zu werden. Der Alltag gestaltet sich bei vielen Produktionen aber leider anders: Oft sammele ich am Ende nur die Quittungen ein und erstelle daraus die CO2-Ist-Bilanz – fast wie eine Buchhalterin.

In welchen Bereichen besteht Ihrer Meinung nach in Sachen Nachhaltigkeit das größte Potenzial?
Beim Transport kann das meiste CO2 eingespart werden. Die Logistik, die Fahrten, Unterbringung und Verpflegung der Crew machen zwischen 50 und 80 Prozent des CO2-Fußabdrucks aus. Leider ist das Einsparen in Deutschland nicht einfach, weil die Bahn eine Katastrophe ist. Wenn 50 Leute am Set auf jemanden warten, der mit der Bahn verloren gegangen ist, ist sie als alternatives Transportmittel leider inakzeptabel. Das größte Potenzial liegt also hier im System, in der Modernisierung der Bahn. Und passend dazu im Ausbau der Elektromobilität. Diese Probleme können nur auf politischer Ebene gelöst werden, nicht innerhalb der Film- und Medienindustrie. Ein großer Schritt innerhalb der Branche wäre es, Green Consultants immer früh ins Boot zu holen. Wir können gleich zu Beginn der Produktion, bereits beim Drehbuch viel bewirken. So trägt „Green Storytelling“ dazu bei, die Geschichte so umweltfreundlich wie möglich zu erzählen und zu inszenieren.

Was macht den Arbeitsalltag der Green Consultants schwer?
Momentan haben Green Consultants keinen Einfluss auf das Drehbuch und das ist in der Branche auch nicht gewünscht. Zu groß ist die Angst, dass dadurch die Kreativität der Filmschaffenden beschnitten werden. Das halte ich für falsch! Ich bin selbst Regisseurin und Produzentin und bei jedem Film muss ich mich an den Gegebenheiten orientieren – wozu zum Beispiel immer viel zu geringe Budgets gehören, mit denen ich mich kreativ auseinandersetzen muss. Warum kann man ‚grünes Drehen‘ nicht einfach in diesen kreativen Prozess mit aufnehmen? Wenn man alles konsequent durchdenkt, gibt es dank grüner Standards viele Möglichkeiten, Kosten zu sparen und gleichzeitig umweltfreundlich zu sein.

Welche Fachkräfte spezialisieren sich in der Film- und Fernsehbranche auf Nachhaltigkeit und wie qualifizieren sie sich dafür?
Viele unterschiedliche. Ich komme aus der Regie und Produktion, andere aus der Produktionsleitung, Regieassistenz, Aufnahmeleitung oder Produktion. Auch Fachkräfte aus der Filmgeschäftsführung oder aus Kameradepartments interessieren sich für Nachhaltigkeit. Aktuell gibt es für sie nur die Weiterbildung zum Green Consultant. Sie ist von der IHK zertifiziert und kann in München und Stuttgart absolviert werden.

Sind diese Fortbildungen auch für Quereinsteiger*innen geeignet?
Meiner Meinung nach sind nur Menschen dafür geeignet, die wissen, wie ein Filmset funktioniert. Das kann jede*r über ein Praktikum lernen und dann die Green Consulting Zertifizierung draufsetzen. Um als Quereinsteiger*innen in die Film- und Fernsehbranche einzusteigen ist die ISO-Zertifizierung 20121 für nachhaltiges Eventmanagement interessant. So gibt es neben Spiel- und Dokumentarfilmproduktionen auch Shows und Multimedia-Formate, in denen Expert*innen für Nachhaltigkeit gefragt sind. Mit der Weiterbildung ‘Transformationsmanager*in Nachhaltige Kultur’ und zum Green Consultant, gibt es in meiner Branche verschiedene Möglichkeiten, tätig zu werden.

Lohnt sich das? Sind Green Consultants gefragt und gut bezahlt?
Momentan haben die meisten freien Green Consultants Probleme, Jobs zu finden. Immer mehr große Firmen und TV-Sender haben angestellte Green Consultants und kleine Produktionen sehr kleine Budgets. So verdienen Green Consultants mit Dokumentarfilmen oft nur 500 bis 1.000 Euro, obwohl sie die Produktion über Monate oder Jahre betreuen. Das lohnt sich nicht wirklich. Was sich eher rechnet sind Zusatzqualifikationen für Aufnahme- oder Produktionsleiter*innen. Wenn sie zeitgleich als Green Consultant eingesetzt werden können, sind sie für Produktionen sehr interessant, um Kosten einzusparen.

Deutschland gilt mit den Green Consultants und Green Storytelling als Vorreiter in Europa. Wäre das für Akademiker*innen, die in diesem Bereich arbeiten wollen, eine Möglichkeit, ins europäische Ausland zu gehen?
Das ist gut möglich. Frankreich ist dabei schon sehr gut aufgestellt, in Italien gibt es auch schon einige gute Standards, ebenso in Großbritannien. Österreich unterstützt grüne Film- und Fernsehproduktionen mit einem fünf Prozent Bonus, in Skandinavien werden gerade Standards entwickelt. Es passiert gerade sehr viel, wodurch Chancen entstehen, in diesem Bereich spannende Arbeit zu finden.

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